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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresden 1,005 # im 02. Monat 1802

An Daniel


Die Kunstausstellung in Weimar und das ganze Verfahren dort nimmt nachgerade einen ganz falschen Weg, auf welchem es unmöglich ist, irgend etwas Gutes zu bewürken. Die Aufgabe des Achill's auf Skyros, wie sie sie da gaben, ist etwas unerreichbares, die Motive, die so verwickelt sind, alle anschaulich zu machen, in einem Moment, ist etwas, das bey der Römischen Schule wohl bisweilen erreicht worden, aber wo das Sujet nicht ein aufgegebenes war, Hoffmanns Composition ist ein Schwall von Figuren und verliert sich ungeheuer in Nebensachen, wodurch das Ganze nur mehr verwirrt wird; die Herren sind durch die Ausführung vielleicht bestochen worden. Das Zersprengen der Perlenschnur ist nichts charakteristisches von dem Achill, und nur eine Rarität in der Composition. -Der Achill und Skamander, sammt den Sachen, wie das nach und nach zur Vollendung gebracht werden soll, ist doch am Ende ein vergeblicher Wunsch; wir sind keine Griechen mehr, können das Ganze schon nicht mehr so fühlen,wenn wir ihre vollendeten Kunstwerke sehen, viel weniger selbst solche hervorbringen, und warum uns bemühen, etwas mittelmäßiges zu liefern? -Die neue Aufgabe "läßt viel Empfindung und Symbolisches zu;" nun können wir sitzen gehen und empfinden, das heißt uns: beym verkehrten Ende anfangen. -Der Tiresias ist "eine neue Entdeckung in der Composition," -ja die Leute jagen nach Sujets, als wenn die Kunst darin stäcke, oder als wenn sie nichts Lebendiges in sich hätten. Muß denn so etwas von außen kommen? haben nicht alle Künstler, die noch ein schönes Kunstwerk hervorbrachten, erst ein Gefühl gehabt? haben sie sich zu dem Gefühl nicht das passende Sujet gewählt?

Wir sehen in den Kunstwerken aller Zeiten es am deutlichsten, wie das Menschengeschlecht sich verändert hat, wie niemals dieselbe Zeit wiedergekommen ist, die einmal da war; wie können wir denn auf, den unseligen Einfall kommen, die alte Kunst wieder zurückrufen zu wollen? In der Aegyptischen Kunst sehen wir das Harte, Eiserne und Rohe des Menschengeschlechts. Die Griechen empfanden ihre Religion und sie
lösete sich in Kunstwerke auf. Michelangelo war der höchste Punct in der Composition, das jüngste Gericht ist der Gränzstein der historischen Composition, schon Rafael hat sehr vieles nicht rein historisch Componirtes geliefert, die Madonna in Dresden ist offenbar nur eine Empfindung, die er durch die so wohl bekannten Gestalten ausgedrückt hat, nach ihm ist eigentlich nichts Historisches mehr entstanden, alle schönen Compositionen neigen sich zur Landschaft hin, -die Aurora von Guido; es hat noch keinen Landschafter gegeben, der eigentliche Bedeutung in seinen Landschaften hätte, der Allegorien und deutliche schöne Gedanken in eine Landschaft gebracht hätte. Wer sieht nicht Geister auf den Wolken beym Untergang der Sonne? Wem schweben nicht die deutlichsten Gedanken vor die Seele? Entsteht nicht ein Kunstwerk nur in dem Moment, wann ich deutlich einen Zusammenhang mit dem Universum vernehme?

Kann ich den fliehenden Mond nicht eben so festhalten, wie eine fliehende Gestalt, die einen Gedanken bey mir erweckt, und wird jenes nicht eben so ein Kunstwerk? Und welcher Künstler, der dieses in sich fühlt, den die Natur, die wir nur noch in uns selbst, in unsrer Liebe, und an dem Himmel, rein sehen, erweckt, wird nicht nach dem rechten Gegenstande greifen, um diese Empfindung an den Tag zu legen? wie könnte ihm da der
Gegenstand mangeln?

Solch ein Gefühl muß also dem Gegenstande noch vorausgehen; wie ungereimt also eine Aufgabe? -Wie können wir nur denken, die alte Kunst wieder zu erlangen? Die Griechen haben die Schönheit der Formen und Gestalten auf's höchste gebracht in der Zeit, da ihre Götter zu Grunde gingen; die neuern Römer brachten die historische Darstellung am weitesten, als die Katholische Religion zu Grunde ging -bey uns geht wieder etwas zu Grunde, wir stehen am Rande aller Religionen, die aus der Katholischen entsprangen,
die Abstractionen gehen zu Grunde, alles ist luftiger und leichter, als das bisherige, es drängt sich alles zur Landschaft, sucht etwas bestimmtes in dieser Unbestimmtheit und weiß nicht, wie es anzufangen? sie greifen falsch wieder zur Historie und verwirren sich. Ist denn in dieser neuen Kunst -der Landschafterey, wenn man so will, -nicht auch ein höchster Punct zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Leben in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten; wir erleben die schöne Zeit dieser
Kunst wohl nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen; kein gemeiner Gedanke soll in unsre Seele kommen; wer das Schöne und das Gute mit inniger Liebe in sich festhält, der erlangt immer doch einen schönen Punct. Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen.






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