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Philipp Otto Runge

An Besser


Hambg 2,115 # im 02.Mon 1802

An Besser


Mein liebster Besser, ich hatte Sonnabend, und
schon vorher, ein Schreiben angefangen, um dir für deine unbeschreiblich schöne Nachricht zu danken,
mußte es aber liegen lassen, da ich mit Dingen hinein kam, die sich so geschwinde nicht sagen lassen
wollen, die mich aber jetzt so beschäftigen, daß ich weder Tag noch Nacht Ruhe davor haben kann, bis ich
sie zu Stande gebracht haben und damit auf's Reine gekommen seyn werde. Diese betreffen nicht allein die
Kunst, wiewohl sie die Hauptsache dabey ist, als vielmehr: mir selbst und euch deutlich und deutlicher zu
sagen, was ich bin, was ich meyne, und was ich will. Ich hoffe damit an's Ende zu kommen, und so bald als
möglich sollt ihr es dann haben.

Du aber sey mir gesegnet, und du, liebe Lotte! Ich drücke euch aus ganzer Seele an mein Herz; genießet
euer Glück und sucht euch in dem innersten lebendigsten Punct eures Lebens immer mehr zu vereinigen,
dem Besten in euch, das bestehen wird, wenn Himmel und Erde vergehen. Haltet eins das andre und verliert
nie den Glauben an euch selbst, und wenn euch der Gedanke an das Vergängliche, Kranke und Matte des
Lebens um euch befällt, so holet euch Freude und Muth aus eurer eignen lebendigen Würklichkeit.

Mir ist seit einigen Tagen alles gewesen, als wenn ich es noch nie so empfunden hätte, so im
Zusammenhang, als wenn ich den Odem der Welt hörte: — ich bin in einem furchtbaren Zustande gewesen,
jetzt legt es sich aber, ich fühle alles bestimmter, ich muß mich aussprechen, eher komme ich nicht zur
Ruhe. Es ist auch eine ordentliche Epidemie; Tieck war es die vorige Woche, und in der vorher auch so, er
kam zu mir, und wir kamen auf die Weimarische Ausstellung zu sprechen, und so weiter auf die Kunst. Er
meynte, daß es doch nicht der rechte Weg sey, was sie da wollten, wenigstens nicht was und wie sie es
trieben; ich meynte das auch. Ich bat ihn um eine Erklärung, was er im Ernste von meinem (Amors-) Bilde
denke? Ich mußte ihm nochmals entwickeln, was ich damit wolle. Er meynte nun: so werde es wohl selten
jemand ganz verstehen; wer aber Sinn dafür hätte, würde, da doch eine innere Consequenz darin und nichts
überflüssig wäre, durch dasselbe immer einen Leitfaden zu schönen Träumen, die er sich selbst
herausdächte, daran haben, und das sey am Ende die Kunst, die jetzt entstände und entstehen müsse. Es
sey wohl ein vergeblicher Wunsch, die alte Kunst, die Historie, wieder hervorzurufen; denn ob das wohl je
wiedergekommen, was einmal gewesen ist? Dies waren so einzelne Töne, die uns immer weiter leiteten, die
abgebrochen nur vorkamen, und wobey jeder es sich weiter dachte. Wir standen noch lange bis im Dunkeln,
und die einzelnen Worte tönten wie Accorde in dem Andern wieder; — er hat mich recht lieb, weiß ich wohl,

— ich bedaure ihn, er ist bisweilen recht betrübt, er ist krank, und bey dem trüben Gedanken auf das
Vergängliche verläßt ihn die süße Lust des Lebens. —
Vielleicht geht es mir am Ende auch noch so, und wann dieses Ende da ist, weiß ich nicht. Es ist sehr
unbequem, merke ich, sein Streben mit festem Sinn auf einen Gegenstand zu richten und ihn durch das
ganze Leben mit unverwandtem Blick zu verfolgen; darum geschieht es auch so selten, — doch hat Gott in
unsre Hände gegeben Gutes und Böses, Leben und Tod, wir können greifen, wornach wir wollen, und wollen
denn auch uns nicht zu lange besinnen und zagen und uns martern, sondern frisch das Leben einsetzen, um
es zu gewinnen. — Grüße Perthes und Karoline. Gieb einliegendes Blatt an Daniel, und quält euch
meinethalben nicht, es kann ja doch eben nicht anders gehen und ich werd's ja auch aushalten; es ist genug,
daß sich jeder für sich ängste, was wollt ihr es auch noch? Schreibe mir doch bald. Dein Otto.


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