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Philipp Otto Runge

An seinen Vater (am 27. Januar 1802 bey Einsendung einer Skizze in Kreide)


HS 1,219 : [Daniel:]

An seinen Vater (am 27. Januar 1802 bey Einsendung einer Skizze in Kreide)


"Von aller Zeichnung, Schönheit und Richtigkeit hierin müssen Sie freylich abstrahiren, weil in der großen
Ausführung alles mehr, sogar geometrisch, ausgemessen ist, die Verhältnisse der Zwischenräume
bestimmter und die Zeichnung sowohl als Ausdruck erst richtig und passend gemacht worden. Sie können
hier bloß den aligemeinen Gedanken sehen, der natürlich vorangehen muß, ehe die Wörter oder schönen
Buchstaben kommen, womit er geschrieben wird, und diese sollen bey unser einem die schönen Figuren
seyn. Ich muß Ihnen nun zwar den Gedanken noch etwas weiter erklären und Sie sind so gut und nehmen es
nicht so genau, wenn ich das durch beyliegendes Blatt nicht so ganz in Prosa thun konnte. Die ganze
Composition ist keine Prosa, und so entstand während dem ersten Entwurf diese poetische Skizze meiner
Gedanken ebenfalls. Es ist so notwendig daziii eine Sache ganz aus einem Stücke zu machen, daß man sich
auf alle Fälle bis auf den lezten Pinselstrich die poetische Wuth der ersten Begeisterung lebendig erhalte,
und thut man dieses nicht schriftlich, so kommt man hernach leicht auf andre Gedanken, und jene, welche
dem Werke doch eigentlich zum Grunde liegen sollen, gehen verloren. --Dieses Bild könnte heißen: Der
Triumph des Amor's, oder eigentlich der Liebe. Amor spielt auf der Leyer (des menschlichen Herzens) und
wird auf der Muschel (dieses deutet auf die Venus aus dem Meer entsprungen, und es ist also der alte Amor,
der erste aller Götter, die älteste ursprüngliche allgemeine Liebe, mit darin verstanden) von den Horen (den
geflügelten Stunden) davon getragen.


Diese Gruppe bewegt sich in einem Kreise, der sich um sie bildet, und worin die Liebe auf verschiedene
Weise würkt; dieses ist der Kreis des menschlichen Lebens. -

Es ist mir immer besonders wunderbar aufgefallen, das Wort : der und der erblicke das Licht der Welt; es ist
etwas so schönes darin, daß einem ordentlich dünkt, man hätte noch eine Ahnung davon, so allenfalls, als
wenn die Sonne vor'm Sinken noch einmal aufblitzt, und nun die dunkle Nacht eintritt, und wir sind dann so
lange in Nacht, bis wir wieder das Würken der Welt einsehen, bis wir aus der Kindheit aufwachen, dann wird
es heller lichter Tag; freylich machen wir uns an einem schönen Morgen öfters auf einen weit bessern Tag
gefaßt, als der würklich kommt, aber das gehört nicht hierher; also nun zu der poetischen Beschreibung:
Ewige Sonne ! Noch einmal blitzt dein flammender Blick über das Thal und du versinkst. -Durchglüht vom
lezten Strahl zittern die Wolken dir nach. Dieser goldene Saum, dieses feurige Meer erregen in mir die
unaufhaltsame Begierde nach dem ewigen Lande der Liebe. Warum erhielt nur der Adler Flügel, sich in diese
Seligkeit zu stürzen? -

Ungeduldige Seele, harre noch ein wenig. Siehe, der sternedurchwebte Schleyer der Nacht ruht über dir;
selige Ahnung stillet die tobende Brust. Diese ruhige Stille löset jeden Wunsch, ich fühle die lebendige
Gegenwart, sie schreitet still und duftend mir vorüber. -

Süße Kindheit ! Nur ruhige Sterne blinken dich an, über dir ruht noch die dunkle unsichtbare Zukunft und du
siehest mit großen Augen in die flammende Schrift deines Geschickes; Glück und Unglück, es blitzet das
eine so freundlich wie das andere dir zu.

Aber heller wird es vor meinem Blicke. Die Sterne verschwinden, mit ihnen die Aussicht in das zukünftige
Schicksal. Ich erkenne neben mir mich selbst in Andern. Bin ich nicht allein? ist außer mir auch noch eine
Welt ?-Mit unnennbarer Wehmuth faßt es meine ganze Seele. Nicht verschlossen ist mir der Blick in dein
Auge, in deine Seele, auch du stürzest mir freudig entgegen. -Liebe ! dich suchte ich, du warst der
flammende Strahl, der meine ersten Stunden erhellte. Finde ich so dich wieder? Warst du es, die in der
Nacht aus dem schönen, großen ruhigen Sterne mir Freud' und Liebe in die Seele goß? Löset sich so
herrlich das Aäthsel meines Lebens? An deinem Herzen, in deinen Augen, in deinen Armen finde ich mich?

Welch ein elektrischer Schlag durchschaudert mich bey deiner Berührung? Es ist der erste leuchtende Blitz,
der in die Nacht meiner Jugend fällt, ja mit ihm ist mir das Räthsel des menschlichen Lebens
aufgeschlossen. Amor berühret die lieblichsten Saiten des menschlichen Herzens, und im harmonischen
Einklange tragen Alle im Herzen den Gott. Auch uns berühre dein lieblicher Finger, und mit Freuden giebt
jedes die Blume dahin, stürzet mit dir zum schwebenden Tanz.
-Näher rücket die Stunde der Liebe, und du verbirgst mir in den Busen dein glühend Gesicht, drückest mich
heftig an's Herz. -Geliebte, auch ich fühle die Fülle der Liebe und gedenke des Gottes in deiner
Umarmung, wende zu ihm mein Gesicht, da du mir das deine verbirgst. -Uns berauschet die üppige Fülle
der Gegenwart, und irn süßen unendlichen Taumel schwindet rund um. uns die Welt.


-Amor läßt uns allein; in uns selbst finden wir ihn wieder. Spielend reicht uns das Kind die Blumen und
Erinnerungen unsrer eignen Kindheit; fröhlich laben wir uns an dem süßen Dufte. Deine Hand, sie weicht
nicht von mir, leitet getrost mich den stillen Pfad durch das stürmende Leben. -Endlich nahet das Alter
heran. Noch einmal wenden wir uns zurück in das Leben. Stürmend hat der Mann die Zukunft ereilt, und
siehet nun mit Thränen und Sehnsucht in die Vergangenheit; du nur findest in ihm dich ganz und ewig
befriedigt.' [Anm.: In einer andern Abschrift: Aber in der Brust des Mannes gedeiht nicht die stille Ruhe,
die du in dir verschließest; ungenügsam, da er die Zukunft ereilt hat, greift er in die Vergangenheit, wendet
zurück mit Thränen und Sehnsucht den Blick; du nur u.s.w. Daniel R.]


"Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit.
Macht dich doch, sagte der Gott, nur das Vergängliche schön !
Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend vernahmen's.
Alle gingen sie weg, weinend von Jupiter's Thron.
Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe.
Schnittest du, Parze, doch nur beiden die Fäden zugleich ! " (Goethe).




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