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Philipp Otto Runge

An Böhndel nach Kopenhagen


Dresd 2,096 1,223 # 7. November 1801

An Böhndel nach Kopenhagen


Mein guter Böhndel, wie
vieles habe ich dir immer schreiben wollen, wie vieles habe ich dir zu sagen, und wie wenig kann daraus
werden ! Könnten wir nur einen Tag zusammen seyn, -ja, -und wären es Wochen, ich würde nicht leer
werden von alle dem, was ich erfahren, und von allem, was mir die Seele bewegt. Ich habe viele neue
Entdeckungen in mir gemacht, ich habe mir eine schöne Fackel für meinen künftigen Weg angezündet, ich
bin in der Kunst jetzt ganz frey, -ich habe die Hoffnung in mir, die reinste Poesie kennen zu lernen, deutlich
und bestimmt, wie ich einem guten Freunde die Seele in den Augen lese. -Du wirst stutzen über meinen
Ernst und meine Schwärmerey; so will ich dir denn nur sagen, woher alle diese Feyerlichkeit und das Licht,
das in mir auf gegangen, gekommen ist, -ich bin verliebt, und habe bis dahin noch die schönsten
Hoffnungen. --Ich habe mich ganz bestimmt für das Reinste, was im Menschen ist, erklärt, ich suche es,
und werde es finden -. Ich habe mich mit meinem Bruder in Hamburg auf Leben und Tod verbunden, wir
werden einmal zusammen uns etabliren, denn die Kunst soll doch den Künstler nicht ernähren, sondern der
Künstler die Kunst. Das reinste der Kunst ist schlechterdings nicht anders zu erlangen und zu begreifen ---.

Es ist die Gruppe, die ich so oft schon dort entworfen, ich habe aber jetzt durch ihn (Amor) selbst, ich meyne
durch meine Liebe, erst den Aufschluß darüber erhalten. Es ist jetzt wie ein Basrelief bearbeitet und das
Format 5 Fuß lang und 2 Fuß hoch. Die mittlere Gruppe ist so, wie sie in Kopenhagen war, allein mehr
geoidnet und gerändet. Um diese bewegt sich nun das ganze menschliche Leben: 1. Das Kind liegt im
Hintergrunde einsam und sieht dem Zuge verwundert zu. 2. Der Jüngling fliegt der Jungf rau entgegen. 5.
Beide umschlingen sich und reichen der kommenden Liebe ihre Blumen entgegen. 4. Die Stunde der Liebe
im Vordergrunde und zunächst der mittleren Gruppe; allen diesen 3 Gruppen, die sich rechts befinden, zieht
die mittlere entgegen. 5. Ein Kind ist nun da und spielt mit den Blumen, die die Al t e n haben fallen lassen;
diese freuen sich daran. 6. Nun sehen die Eltern mit Sehnsucht dem Zuge der lieblichen Jugend nach; das
Leben ist dahin. Diese Gruppe ist wieder im Hintergrunde und schließt sich an das erste Kind in dem Kreise.
Ich will dir eine mehr poetische Beschreibung hersetzen, die ich davon gemacht. Alles ist nur durch Kinder
dargestellt und das Ganze muß euch schon ohne die Erklärung ein liebliches Gewühl von Kindern vor das
Auge bringen. -

Von einem Stücke, welches ich dieser Tage entworfen, findest du hierin eine kleine Skizze. Der Gedanke ist eine Nachtigal, die ihre Jungen singen lehrt, nach Klopstock. Es ist nicht allein die Nachtigal, es ist, siehst du, Psyche, Amor seine Frau, die noch so einen kleinen hat; was müssen das nicht für Jungen seyn!" (1,223)

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