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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 2,094 # 27. Oktober 1801

An Daniel


- Mein Schreiben aus Leipzig wirst du erhalten haben.
Berger und ich sind glücklich wieder hier. Der Weg ist schlecht, aber die Gegenden sind außerordentlich
schön, besonders die Mulde, was wir auch nur davon gesehen haben. Ich freute mich recht wieder hieher zu
kommen -und was mußte das erste seyn, das wir zu hören bekamen? Naumann, der Capellmeister, ist todt;
mein Musikus, der bloß seinetwegen hergekommen ist, und der jetzt in Leipzig gehört hatte, daß N. ihn
gerühmt, und nun die beste Aufnahme von ihm erwartete, war mit einmal wie vom Donner gerührt, N, ist im
großen Garten vom Schlage getroffen worden und hat dort die ganze Nacht auf dem Gesicht gelegen; wie
man ihn am Morgen findet, hatte er ein großes Loch mit den Füßen in die Erde gearbeitet. Er hat noch bis zur
folgenden Mitternacht gelebt. Ich habe ihn nicht gekannt, aber sein Tod hat mich sehr betrübt. Die ganze
Stadt beklagt ihn.

Dein Brief, lieber Daniel, befriedigt mich ganz; ich habe es so von dir erwartet. Ihr habt mir immer recht viel
Gutes zugetraut, mehr wie ich würklich werth war, und allein dadurch habt ihr mich zu etwas Bessern
gemacht, wie ich war. Wir sind jetzt näher zusammen wie jemals, die Scheidewand, die uns noch vor
einander verbarg, ist gefallen, und der Raum trennt uns nicht. Was mir meine Gefühle deutlicher und klarer
gemacht hat, kann ich dir sagen: es ist das Bestreben, mit mir selbst in Harmonie zu kommen. So lange ich
mit mir selbst nicht einig war, konnte ich mich über nichts erklären; so lange ich nicht wußte, was in mir
kämpfte, konnte ich die Einheit eines Kunstwerkes nicht empfinden. Gott bewahre mich vor dein Gedanken,
daß ich glauben sollte, ich wäre nun fertig; ich habe nur den Weg gefunden, meinen Weg muß ich nun g e h
e n.

Ueber meinen Text, daß die wahre Kunst [gesp.] das einzige sey, was gesucht werden sollte, habt ihr mich
nicht ganz verstanden, oder ich habe mich nicht ganz richtig ausgedrückt; ich meynte das, nur in Beziehung
auf die sogenannten Künstler [gesp.] und in ihrer Kunst. Obgleich mir es oft als das Höchste überhaupt
erscheint, so ahne ich doch noch etwas Unsterbliches, etwas Bleibenderes und Gewisseres: dies ist die
Ewige Liebe in uns; ich habe keinen Namen dafür, ich will sie durch kein Grübeln von der Kunst scheiden, sie
soll mich ruhig mit ihr verbinden, und sie allein kann den Gedanken des Schönen ewig lebendig in uns
erhalten. -Ich wollte, ich könnte dich einmal vor die Madonna von Rafael, und zugleich vor den Jupiterskopf
der Alten stellen, ich wollte dir deutlich zeigen, wie die Liebe und das Leben allein durch Christum [gesp.] in
die Welt gekommen ist --


-In den Quasi -Geschäften mit der Familie meiner Geliebten bin ich im Schwunge. Nun aber sehe ich wohl,
daß icli auf die Weise ganz freundlich werde behandelt werden; aber, wie ich merke, in den Umgang
eingeführt zu werden, würde schwer halten, weil dort gar niemand Umgang hat, sie leben so bloß für sich,
und diese Speculation möchte sich etwas in die Länge ziehen. Und dann ist mir bange, grade herausgeragt,
-die andern Schwestern sind so verheirathet worden: wenn nun eine Partie den Eltern convenirte, das übrige
findet sich dann auch, wenn just kein Widerwille im Wege ist; also das quält mich, wenn ich es bloß von der
verliebten Seite betrachte, Ist dir das aber nicht genug, so habe ich auf der vernünftigen Seite eine Angst,
wenn ich mich nun so als einen Andern ansehe: Ich plumpe nämlich immer tiefer hinein -es ist mir ein
fürchterlicher Gedanke -und wenn ich dann später zurückgehen müßte, würde es da nicht mit mir, je länger
es währte, je ärger? Es kommt mir bisweilen unmöglich vor -aber es würde dann doch zu Ende seyn. Ein
bestimmtes Unglück verwirrt nicht so und hält nicht so auf, als eine peinliche Furcht. Kannst du mir da nicht
einen Rat geben, der etwas graderzu führte? Es sieht um unsre Aussichten schlecht aus, wenn die Krone fort
ist; gut und vernünftig und edel kann ich nachher noch immer seyn, aber das Lebendige ist doch dahin.
Nimm mir das nicht übel, daß ich hier noch nicht selbst einen Entschluß fasse, ich möchte gerne deine
Meynung hören, und sehen, ob dann hernach das, was ich will, noch taugt -.


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