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Philipp Otto Runge

An Daniel Runge in Hamburg


Dresd 2,086 # 6. Oktober 1801

An Daniel Runge in Hamburg


Mein lieber Daniel Dein Brief vom 19. hat mich
unaussprechlich gerührt, aber eine Ruhe in meine Seele gebracht, wie ich sie noch nie genossen. Wie finde
ich das, was ich, obgleich nur schwankend und noch ungewiß, für das Beste und Sicherste hielt, und wovon
auch nicht du, und keiner mich hätte abbringen können, mir mit einemmal aus deiner Seele
entgegengerufenl Wie viel sicherer kann ich euch nun das sagen, und wie viel mehr bin ich jetzt überzeugt,
daß ihr mich ganz verstehen werdet, wenn ich euch die Resultate meiner Erfahrungen vorlege und den Plan,
den ich mir, er mochte nun mehr oder weniger ausführbar seyn, vorgesteckt hattet Dein zweyter Brief vom
23. hat keine Aenderung darin hervorgebracht, denn deine Aufforderung, dir rein zu sagen, was ich wünsche
und was ich will, hatte schon dein voriger enthalten, und ich hätte dir schon geantwortet, hätte ich nicht
diesen erst abwarten wollen. Laß mich immer etwas vom Ey anfangen und dir die Wünsche, die ich vom
Anfange an gehegt, vortragen, so wirst du finden, daß es noch immer dieselben sind.

Daß ich d i r zugehöre, weiß ich seit der Zeit, da ich bey dir in Hamburg kam. Daß du es einst erkennen
möchtest, war mein einziger Wunsch. Ich bin nie neidisch gewesen, wenn du mit den andern mehr lebtest,
wie mit mir, ich wußte, daß ich dich mehr liebte, und wenn du zuweilen daran zu zweifeln schienst, nur das
hat mich bis in die Seele gekränkt. Mein höchster Wunsch war und ist und bleibt es, irgend einmal jemand zu
haben, der mit voller Seele an mir bangen könnte; dieser brachte den andern mit sich, ohne den der erstere
nicht bestehen kann: eine solche Liebe zu verdienen. Ich habe mir es manchmal in einsamen Augenblicken
geträumt, daß ich ein Künstler werden möchte; ich hatte eine Ahnung von dem, was jetzt alles geworden ist
und noch werden muß; daß als Kaufmann mein Leben verloren war, hat mich oft zur Verzweiflung gebracht .
Als ich zur Kunst kam, dachte ich, ich hätte mir ein hohes Ziel gesteckt, und wenn ich es jetzt besehe, so ist
es eines, wonach ich nicht strebe (das ist natürlich). Daß ich mir jetzt noch kein Ziel setze, wie weit ich es in
Ausübung der Kunst bringen will, ist eben so natürlich; daß ich mir aber eines gesetzt habe in Hinsicht d e s
W e g e s, ist gewiß. Speckter’s Angst, mich durch meine Liebe für die Kunst eingeschränkt zu sehen, kommt
mir nicht an's Herz. Ich weiß, was ich will, und weiß, daß sie mich, wenn ich glücklich darin bin, auf immer
von einem Wege abführen wird, auf dem ich allein auf Abwege kommen und meinen Zweck verfehlen
könnte.

Es kommt in dieser Zeit mehr wie seit Jahrhunderten zur Sprache, daß die wahre Kunst das einzige sey, was
gesucht werden sollte, und das, was am wenigsten gesucht wird. Ich habe zu ergründen gesucht, was die
wahre Kunst [gesp] sey, -was das e r s t e sey, das ein Künstler zu erlangen suchen muß, welches der erste
Anfang eines Kunstwerkes sey. -Wie viele große Männer haben das gesucht, und sind bey den Mitteln zur
Kunst stehen geblieben, haben sich einen großen Ruhm erworben und haben der Kunst dadurdi unendlich
geschadet ! Sollte es nun nicht ein würdiges Bestreben seyn, nicht allein für sich zu erlangen, sicher zu
ergründen, was die erste unerläßliche Bedingung sey, von welcher ein Kunstwerk ausgehen müsse, sondern
es auch der Mitwelt, nicht bloß durch Raisonnement, sondern auch durch die That selbst klar und deutlich
vor Augen legen zu können? Es kann keine Frage seyn, ob dieser Plan (der keine Gränzen hat) groß und
würdig genug wäre. Wie er auszuführen, wie ich glaube, daß es erreichbar wäre, der jetzigen verkehrt
laufenden Fluth sich wie ein Damm entgegen zu setzen, ohne zu unterliegen, das hört jetzt: Ich kenne
wenige von den Männern, die in unserm Jahrhundert die Kunst zu reinigen gesucht haben, und die sie durch
verkehrte Mittel nur mehr verunreinigt haben. Zwey sind mir besonders aufgefallen. Der erste ist Mengs;
doch kenne ich ihn zu wenig, um sagen zu können, ob er durch das Gute, was er gewürkt, nicht den
Schaden wieder gutgemacht hätte. Geschadet hat er auf jeden Fall; ich will nur bey einem einzigen Stücke,
bey dem besten, das er gemacht haben soll, stehen bleiben, bey der Himmelfahrt in der hiesigen
Katholischen Kirche; es läßt uns kalt, und dies liegt nicht an der Aufgabe, sondern an der strengen
Ausführung der Regeln, die er in diesem Stücke angewandt hat. Alle Künstler bewundern die Cornposition,
und vorzüglich wie Hände, Füße und Köpfe, wie die Figuren selbst so stehen und liegen, daß es sich gut
macht.

Es ist kein Verhältniß in dem Stück von dem Interesse, das es gewährt, zu dem Aufwande in den Figuren,
womit es gegeben wird. Oefters schon habe ich es in Vergleichung setzen hören mit der Verklärung von
Rafael, und diese muß einem des Ganzen wegen auch dabey einfallen, -und in welchem unendlich hohen
Grade ist diese interessanter ! -Es ist schon zuviel Aufwand, daß in einem so ungeheuern Bilde die ganze
untere Gruppe nichts in uns bewürkt, als mit den Figuren hinauf zu sehen; alles andere Interesse, was noch
sonst in ihnen liegt, ist zu wenig, sie ziehen uns ganz hinauf und wir können nicht bey ihnen verweilen, denn
wer wird das für ein Interesse anerkennen, daß sie alle schön gestellt sind? Auch macht uns die Menge der
Figuren verwirrt, und wir suchen nur wieder das allgemeine Interesse, nämlich wir sehen mit ihnen hinauf.
Dagegen Rafael seines: -das menschlichste Interesse liegt grade in der untersten Gruppe, er führt uns in
dieselbe hinein durch die Verwirrung, worin die Bitte der Eltern des Besessenen die Jünger versetzt, wir
kommen selbst mit in Verlegenheit und wissen mit ihnen keine andre Hülfe als über uns, ihn an Gott selbst in
verweisen. Wie ganz an(anders ist dieser Weg, der uns zu der oberen Herrlichkeit führt! Ueberdies
verspüren wir über diesem weit höheren Interesse nicht die künstliche Zusammensetzung der Figuren, die
doch weit kunstreicher wie in Mengs seiner ist. Nach allem diesen finde ich nun, daß in dem Bilde von
Mengs ein großer schöner Gedanke liegt, auf den alle Figuren im ganzen Bilde hindeuteten; allein in dem von
Rafael sind tausend schöne Handlungen, die durch die Cornposition der Figuren in einen Gedanken
verbunden werden, und das ist, nach meinem Glauben, das, was erreicht zu werden verdient. Mündlich
könnte ich noch vieles sagen, allein hier würde es zu weitläuftig, und ich bin überzeugt, daß ihr mir so weit
Recht gebt.
Nun aber zu dem Schaden, der aus dem hiesigen Bilde für die Kunst entsprungen ist, und zu dem Mann, der
ihn bewürkt hat, das ist nämlich der zweyte: Casanova. Dieser blieb so an einem Gedanken, der durch ein
Bild allenfalls ausgedrückt würde, hangen, und glaubte vornämlich, das Beste liegt darin, wie die Glieder der
Figuren lägen, kurz, wie es sich mache. Wie ich diese Beschuldigung ihm beweise? -Seht einmal alle seine
Schüler an, ob er nicht in allen ihr Talent und in den Besten sogar ein großes Genie ermordet hat? Denn das
weiß ich aus ihrem eignen Munde, daß sie alle damit haben anfangen müssen, daß sie componirt haben; das
heißt bey ihnen, sie haben verschiedne Figuren recht hübsch zusammensetzen müssen, so daß aus dieser
Zusarnmensetzung am Ende eine bekannte Begebenheit kenntlich geworden ist; besonders aber sich in den
verschiedensten Stellungen bey einer Composition üben müssen; dadurch sind sie am Ende dahin
gekommen, dieser Art von Zusammensetzung eine' große Rundung zu geben und sie zulezt für das Große
der Kunst (wie Gareis noch dieser Tage sich gegen mich ausdrückte) zu halten. Fragt mal bey Hardorf selbst
nach, ob ihm diese Behandlung nicht den -Tod gethan hat? Casanova selbst habe ich nicht gekannt, aber
aus dem Blick, den alle seine Schüler haben, womit sie gleich von vorn herein auf diese äußere Composition
(wie ich sie nennen möchte) sehen, muß ich schlechterdings schließen, daß es dieses und seine schöne
Zeichnung bloß war, was ihm so viel Ruf gebracht hat, und was er eigentlich von Mengs nur begriffen hat.
Nun weiter: -Seine Schüler, die würklich Verstand gehabt haben, (worunter Hardorf) haben m e h r gesucht,
und weil sie, bey Anlegung eines Kunstwerks, nicht die Gedanken erst und dann die Composition, sondern
umgekehrt angefangen, so sind sie jedesmal gescheitert, und haben darauf resignirt, sind Copisten
geworden u.s.w.

Diese möchte ich mit Schiffern vergleichen, denen ihr eigentlicher Wind nach dem Orte ihrer Bestimmung
mangelt, und die nun auf ewig vor Anker liegen. Die andern aber, (worunter Gareis das Haupt) vergleiche ich
mit Windmüllern, denen es einerley ist, aus welchem Loche der Wind pfeift; sie mahlen auch nur das, was
die Schiffer aus fernen Ländern bringen. Zu diesen gehört auch der hiesige Director Grassi. -Nach meiner
Idee nun soll man nicht allein beym Entwurf eines Kunstwerks den schicklichen Gegenstand wählen und
dann die Haupt -Idee vor Augen haben, sondern, ehe der erste Entwurf weitergeführt wird, die Haupt -Idee
durch interessante Neben -Ideen, die durch die Zusammensetzung der übrigen Figuren hervorgebracht
werden müssen [gesp] , zu erhöhen und zu bereichern suchen in Gedanken [gesp], ehe man es würklich auf
-zeichnet; denn der Gedanke ist das, was dem Beschauer Interesse giebt, und zwar der Gedanke, der nicht
von Ungefähr, sondern schon mit dem Hauptgedanken verbunden darin liegt. -Mein Wille ist es, wo möglich
zu bewürken, daß man lieber Fehler in der Ausführung übersieht, als in dem Gedanken. Die größten Männer,
die im Anfange der Kunst lebten, sind diesen Weg gegangen. Rafael lernte erst den Gedanken fassen, ehe
er ausführen lernte, er lebte aber auch in dem glücklichsten Zeitpunct. -Wie könnte ich die Hoffnung
aufgeben, es zu etwas Rechtem selbst in der Ausführung zu bringen, aber wie weit schwerer wird so ein
Plan, wenn man sich durch die Kunst selbst ernähren soll !

Du hast Recht: es kann hier keine Frage seyn, ob man ein abhängiges oder ein unabhängiges Leben
vorziehen möchte; und lebe ich insofern außer der Kunst, so kann ich desto ungestörter darin würken. Denn
wie viele Menschen giebt es nicht, die den edelsten gradesten Weg gehen müssen, aber nicht können, weil
sie, wollen sie das Gute bewürken, doch von Charlatanerie leben müssen und auf solche Weise mehr
zerstören müssen, wie bauen ! So z. B. ein braver Architekt. Er siehet und kennet das Schöne in der
Baukunst, allein nun kömmt jemand, dem soll er da ein Haus nach dessen eigenem Plan bauen. Es ist keine
Frage, er muß es wohl annehmen, es giebt ihm Brod; nun aber hat er vorher über die Architektur
geschrieben, da kommt nun so ein Recensent und läßt drucken, was er doch für Zeug baue, er ist aber
übrigens durch diesen Bau in Nahrung und Connexionen gekommen; soll er nun wieder gegen den
Recensenten drucken lassen, daß er es aus Noth thun müssen und die Dummheit seines Bauherrn an den
Tag legen? das kann er nicht, er muß also schweigen, und so geht es in allen Künsten. Es sind Leute genug
da, die das Beste und Gute schätzen, die es aber aus solchen Umständen nicht laut können werden lassen.
Iebe ich nun aber außer der Kunst, habe ich nicht nöthig, darauf zu sehen, daß dasjenige, was ich
hervorbringe, auch sogleich viele Liebhaber findet, so brauche ich auch kein Blatt vor's Maul zu nehmen,
wenn das Kunstwerk mit Gründen an den Tag gelegt werden kann.

Wenn es Noth ist, so muß der Recensent mir wieder Gründe entgegensetzen; -und noch eins, wäre es
denn nicht möglich, auf irgend eine Weise der S p r e c h e r (mehr noch durch die That als durch Warte) der
wahren Kunst zu seyn? Ich kenne schon Viele, die im Grunde dasselbige meynen. Ich werde schweigen und
sammeln, ich werde mich, ohne daß sie diesen Plan wissen, in Verbindung mit ihnen setzen können, und
hernach, wenn ich auftreten kann, auftreten. Sieh', lieber Daniel, daß ich für mich allein bloß eine Höhe in der
Kunst zu erreichen suche, damit ist wenig gethan. Hätten die Alten nicht auch zugleich alles gründlich
dargethan, wie hätten alle mit einander fortschreiten können ! Wie schwer dieses seyn wird, durch alle den
Schein, der einen so leicht verführen kann, das Gute hindurch zu sehen, und selbst zu dem -Guten den
Glanz und den Schimmer hinzuzufügen, ist mir begreiflich; allein ich verliere den Muth n nicht. Deine Liebe,
das Zutrauen, das ihr und das so viele gute Menschen zu mir haben, hebt meinen Muth unendlich. Sollte ich das Höchste der Ausführung nicht erreichen, gut; das will ich missen, aber das Schönste, das Höchste will
ich erreichen, darum werde ich kämpfen, so lange ich lebe, und dieses würde ich ai4ch erstreben, wenn sich
mir auch alles widersetzte. Aber unser Vater wird sich da nicht widersetzen; ob er sie gleich nicht kennt, die
Kunst, so ist er doch auch in seinem Leben den graden Weg gegangen, und den gehen wir alle ihm nach;
das verbindet uns zusammen. Daß meine Liebe mich hierin nicht abhalten, vielmehr fördern wird, weiß ich.
Was so die Menschen, unter denen man leben muß, sind, wißt ihr recht gut; sie haben meist keinen Begriff
davon, was es heißt, ein Mädchen von ganzer Seele lieben. Ich bin jung, und wenn man frey ist, wenn man
diese schönere Liebe nicht kennt, was soll mich schützen?

Daß ich in meinem Leben Fehltritte hierin begangen, verhehle ich euch nicht, verdammt mich deswegen in
Gottes Namen; thue ich es doch auch. Ich weiß es, was das Laster ist, ich weiß so ziemlich, was für Freuden
darin stattfinden können. Immer habe ich zum Guten gestrebt, und wenn ich noch einmal den Weg gehen
sollte, den ich gegangen bin, ich würde ihn nicht besser machen. Ich habe mich nicht von Gott entfernt, und
hätte ich die Unschuld meines Gemüths verscherzt, so hätte ich keine Hoffnung, je ein Künstler zu werden.
Ihr werdet mich gewiß nicht abhalten, eine Liebe zu suchen, die mir theurer wäre wie alles, wodurch ich
verführt werden könnte, und mich dadurch vor jeder Versuchung bewahrte. Ich weiß es, daß ein Künstler
ohne die Liebe nichts ist, daß er ohne sie nichts leisten kann; auf welchem Wege nun soll ich diese Liebe
suchen, wenn nicht auf diesem hier, wo sie mir so rein und ohne unübersehliche Schwierigkeiten
entgegenkommt? Noch kenne ich s i e nicht, allein so viel ich von ihr und der Familie wissen kann, ist auch
nicht das Kleinste noch vorgekommen, das nicht gut und löblich wäre, selbst in ihrer Erziehung. Daß ich mich
so zu benehmen suchen werde, um noch immer zurücktreten zu können, das erfordert die Pflicht, die ich
gegen dich habe, und von der ich nicht abweichen werde. Speckter's Vorschlag, einen freyen Umgang doch
zu führen, ist mein eigner und eigentlich das, warum ich bat, mir dazu behülflich zu seyn. Dem Vater des
Mädchens etwas zu sagen, war ja eben der du dumme Streich, den ich vermeiden wollte . ----

Jetzt will ich deine Fragen so bestimmt ich kann beantworten. Erstlich, was ich will? Das wirst du aus dem
Bisherigen schon in Vielem gemerkt haben. Es ist: das Gute, welches Goethe durch seine Propyläen zu
verbreiten sucht, auszuüben, meine Gedanken soviel nur immer möglich zu reinigen, keinem andern, als
dem reinsten Theil der Kunst nachzugehen, mich im Stillen so weit herauszubilden, daß ich durch Thaten
und Worte gegen die Unarten in der Kunst auftreten könne, mich frey und rein zu erhalten suchen von aller
Manier und aller individuellen Meynung, und nichts zu thun, als was mit der Liebe Gottes und der Liebe zu
euch allen bestehen kann. Zweytens, was ich mir wünsche ? Erstlich -bey euch und mit dir zu leben.
Gerne will ich arbeiten, kann ich dadurch dich und die Unabhängigkeit in der Kunst erhalten. Kann ich mit dir
leben, du wirst nicht allein für mich, ich werde auch für dich arbeiten. Dann, daß Pauline mein wird; doch
nicht eher, als bis ich zu euch komme. Drittens, wie ich es mir wünsche ? Hier wenigstens noch ein Jahr
zu bleiben; ich werde mich diesen Winter im Mahlen üben können, da ich durch den Inspector Pechwell
Verschiedenes zum Copiren erhalten kann, werde mich mit aller Macht auf's Zeichnen legen und die
Menschen hier soviel wie möglich kennen zu lernen suchen. Dann möchte ich wohl ein Jahr in Wien seyn,
weil die Akademie dort die besten und zweckmäßigsten Sachen enthält; es würde mir möglich werden, von
hier aus an Füger empfohlen zu werden. Ferner glaube ich, würde es zu meinen Absichten in der Zukunft
sehr zuträglich seyn, diesen Winter radiren zu lernen, um alle Compositionen, die ich von gewissen
Gedanken machte, vervielfältigen zu können, um sie auch einst der Welt vor Augen zu legen, besser als
durch bloße Beschreibung. -Dann ein herzlicher Wunsch, in Frankreich und Italien viel von Rafael zu sehen
-und zu euch zurückzukehren.

Ich glaube nicht, daß es nöthig ist, grade an einem Ort wie Dresden, Wien, Paris zu leben; hierüber will ich
nichts Bestimmtes sagen; in vielen Fällen hat es, um sich Raths erholen zu können, sein Gutes; würken läßt
sich aber gewiß leichter an einem Orth, wo noch eigentlich keine Kunstmeynungen herrschen. Was auch
übrigens Schwieriges darin noch seyn könnte, läßt sich leichter tragen, wie manches andre. Wenn ich
bloß ein Copist, oder ein Mensch hätte werden wollen, der das Höchste in einer schönen Zusammensetzung
von verschiedenen Figuren, oder in Ausführung mit Farben u.s.w. gesucht hätte, so wäre ich besser davon
geblieben, oder ginge noch zu einem bürgerlichen Leben zurück. Da ich es aber fühle, daß der Geist mit der
Composition den Werth dessen ausmachen muß, was ich zu erreichen suche, daß alles andre nur in Mitteln
besteht, deren Erinnerung beständig überwunden werden muß, die aber ohne den Geist nichts gewähren als
ein künstliches Handwerk, so sehe ich als Ziel eine Ausbildung meines Geistes und eine Verbindung mit den
edelsten Geistern vor mir, die mir leicht die größeren Bequemlichkeiten des Lebens vergüten. Wie könnte ich
eure Achtung und eure Liebe zu erhalten hoffen, wenn ich je, nachdem ich dieses im Geiste vor mir erblickt,
mich zu einem geringeren Bestreben herabstimmen ließe? und falle mein Schicksal wie es will, ich muß
diesen Weg gehen, von dem mich auch meine Liebe nicht abhalten wird.

Deine Worte, daß du von deiner Seite zu meiner Ausübung der Kunst den Erwerb hinzufügen wolltest, setzen
mich, ich gestehe es, etwas mit mir selbst in Streit. Doch bin ich dir nicht weit mehr schuldig? und nur
dadurch, daß ich es noch mehr werde, allein kann ich einst an Erstattung denken; auf jeden Fall wähle ich,
mit dir zu leben. -Dir, Perthes und Speckter danke ich von ganzem Herzen. Schreibt mir auch, und was
ihr an mir nicht gut findet, laßt es mich gradezu wissen; kann ich eure Meynung in irgend etwas nicht theilen,
so kann ich doch meine schwache Seite verbessern. Schonung verlange ich in keiner Weise von euch, und
bitte [gesp] euch, daß ihr mich n i c h t schont. Kann ich irgend Zeit gewinnen, so fange ich diesen Winter
hier noch mit dem Musikus Italiänisch an; mich dünkt, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden. Sind euch
meine Vorsätze noch nicht bestimmt genug, so laßt euch das nicht wundern; es ist mir so vieles über dem
Schreiben entgangen, und was ihr noch nicht für rein genug haltet, laßt mich wissen, so werde ich es euch
einzeln beantworten. -


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