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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 2,083 # 12. September 1801

An Daniel


Liebster Daniel Wenn ich nicht hoffte, daß du, oder
sonst jemand, daran arbeitete, wenn auch nur in Gedanken, mir recht viel von euch wissen zu lassen, so
würde ich betrübt werden, daß ihr so lange nicht etwas gesagt. Wie sehr, wie sehr wünschte ich, nur einen
halben Tag bey dir seyn zu können, denn ich brauche dich nun würklich! Es ist diese Zeit her so vieles bey
mir vorgegangen, daß es mich fast erdrückt. Ueber die Revolutionen und Erwartungen in der Kunst will ich
schweigen; da ist nichts ohne Kampf möglich und die Zeit muß den Kräften zu Hülfe kommen. Was dem
Sinn im Augenblicke klar wie der Tag vorliegt, muß ihm, wenn die Sonne einmal auf die andreseite
herumgegangen, dunkel, ewig dunkel vorkommen; aber sie kommt doch auch auf dieser Seite wieder, und in
der Dunkelheit hat auch der Thau sein Gutes gethan, es blitzt dann desto schöner im Grase und an den
Blüthen. -So ganz dumm bin ich während dieser Zeit aber auch nicht gewesen, ich habe indeß etwas zu
Tage gebracht, was euch gewiß Freude machen wird; es soll zu gleicher Zeit ein Hochzeitsgedicht für Jacob
seyn, ist aber zunächst eine Zeichnung (Triumph des Amor's als Thürstück), bey der freylich noch eine
Beschreibung ist, die erst zugestutzt zu werden verlangt, wenn sie gelten soll, ich schicke sie dir hierin: sie ist
nur durch eine Zeichnung entstanden, oder beide zugleich. Wie gern schickte ich dir auch leztere ! doch, ob
ich zwar an der Composition nichts mehr ändern werde, nur einiges an den Figuren verbessern, kann ich sie
doch nicht missen. Ich habe mir fest vorgenommen, auf ein paar Tage zur Messe nach Leipzig zu gehen,
dann gebe ich sie Besser'n (er wird doch kommen?) mit. Ich wollte nicht, er wüste es, daß er mich träfe;
inzwischen steht es doch bey dir, ob du es ihm sagen willst.
-- Aber so ruhig ich nun auch seyn könnte über den Ausgang, den die ganze Balgerey mit der Muse am Ende
gewänne, wenn ich sicher auf die Zeit rechnen könnte, -so sehe ich zu meinem Leidwesen und zu meiner
Verzweiflung, daß mir die Ressourcen ausgehen werden, ich meyne die Laune, und dadurch der gute Muth,
und woran liegt das? -Ach das weiß ich recht gut und will es dir sagen, weil ich zu dir allein das Vertrauen
habe, du wirst mich nicht auslachen; das kann ich selbst genug und quäle mich oft genug damit.

Sieh', ich bin verliebt, sehr verliebt; mich dünkt, ich habe alles das gefunden, zusammen, was mich sonst
wohl einzeln entzückt hat. -Mache aber nur kein zu ernsthaftes Gesicht, denn wenn ich auch völlig im Ernst
bin, so will ich doch eben nicht gleich heirathen.-

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Ich habe mir sonst wohl etwas Schönes ohne alle Regeln
träumen können; aber ich finde das hier mit der süßesten Würklichkeit verbunden. So wie man einen guten
Gedanken haben en e an en a en kann, und doch von sich selbst überrascht wird, wenn man ihn nun
würklich schwarz auf weiß vor sich sieht, -aber hier dies ist nicht aus mir, es ist mehr, es hat noch sein
eignes Leben für sich --. Es wäre mir nun bey dieser Gelegenheit gar nicht auf einen dummen Streich
angekommen, allein den konnte ich nicht über's Herz bringen, ich habe mich damit begnügt, sie zu sehen,
und es hat mich sehr gelabt; versprochen ist sie nicht, das weiß ich, aber was soll ich thun? Soll ich warten?
und worauf wohl? --Sage mir nur, lieber Daniel, was soll aus mir werden? Ihr habt, weiß ich, noch immer
einen gewissen Plan mit mir im Kopfe, -der zwar nur unbestimmt ist; seyd aber doch so gut und sprecht ihn
einmal aus, er wird vielleicht bestimmter und besser dadurch. -Denke nicht, lieber Daniel, daß ich nun nur
so mit eineminal verliebt geworden bin, und nun denkt der junge Herr, du sollst dir von A -Andern sagen und
helfen lassen und du sitzest dann so mit einmal darin. -

Lieber! Lieber! ich arbeite ja auch ! Sieh', wenn ich wüßte, daß ich eininal gewiß bey euch leben könnte, so
daß ich nur die Hälfte oder das Viertheil meiner Zeit ganz auf die Kunst verwenden könnte, sieh', so arbeitete
ich jetzt bloß, um vorwärts im Theoretischen und Practischen, d. i. ganz vorzurücken in der Kunst; soll ich
mich aber durch die Kunst ernähren, nun ja, so muß ich mich allermeist darauf legen, copiren zu können,
und da bleib' ich hier. -Und nun, ist es auf irgend eine Weise möglich, laß mich bald etwas hören; ich zähle
jede Minute, bis ich Nachricht erhalte. Sollte es auf keine Weise möglich seyn, gradezu zum Vater zu gehen,
um mir nur den Umgang dort zu erbitten? -Denke nicht, ich soll das unterdrücken; wann die Zeit einmal da
wäre, fände ich wohl auch eine Frau. Das findet sich so nicht, denn -was hülfe mir die Kunst, und was das
Leben, ohne die Liebe ! Wenn s i e mich liebte, ich wollte ganz andre Dinge zu Stande bringen. -Was kann
man thun, wenn man über die Kunst und über sich selbst bisweilen in Verzweiflung kommt ? man sucht
umsonst nach einem Trost. Wie unendlich hat mich schon jetzt ihre Gestalt nur aufgerichtet, nur ihr Wesen
zu sehen -!


"Wer kann grollen, wenn der Freund Wie die liebe Sonne scheint ? Arbeit brennt die Stirne
feucht, Freundschaft macht die Bürde leicht. Mit dem Freunde Hand in Hand Zög' ich in ein wüstes
Land."


Dies hat unsre liebe Mutter Lotten Perthes in ihr Stammbuch geschrieben und sie muß es doch
wohn wissen. Uebrigens gebe ich dir mein Wort: Lerne ich sie kennen und sie ist nicht so, wie sie seyn muß
-ich vertraue hier meinem Gefühl, -nicht so, daß ich sie euch, und Vater und Mutter wie unser eines
vorstellen kann, so breche ich ab. -Und noch eins: soll ich Vatern davon etwas schreiben? Wenn du es
meynst, ja ! -
Ich adressire diesen Brief an dich eigenhändig; ob und -wie weit und mit wem du darüber sprechen willst,
das überlaß' ich dir. O wärst du hier, nur einige Tage ! -Da ist wieder ein neuer Freund gekommen, aus
Frankfurt an der Oder, ein Musikus, bloß Componist und Clavierspieler, der führt mich zu der Musik in die
Katholische Kirche; du kannst es denken, es kommt vieles hier zusammen, um mich fast zu erdrücken.

-Lieber Daniel, ich kann einen großen Schmerz in mir verbeißen, aber dies kann ich nicht; es hat mich schon
vieles gekostet. Du bist mir gut, lieber Daniel, aber du weißt nicht, wie lieb ich dich habe; ich will es dir einmal
ganz sagen: Wenn du meiner bedürftest, sieh', es ist nicht viel, für jemand zu sterben; für dich wollte ich
leben. Ich will dir folgen, lieber Daniel, aber denke auch an mich. -Siehe, es ist natürlicli, daß ein Künstler
ausschweifend wird, und doch wird's ihnen übel genommen. Wer sich den Tag über so völlig ausgearbeitet
hat, wer sein ganzes Seyn den Menschen an die Seele legt, wie soll er sich wieder sammeln? Durch einen
steifen Umgang wird er nicht wieder voll, er geht gradezu an die Natur und kommt an die unrechte; und auch
darum, Lieber! es ist mir oft so angst, daß ich eure Achtung verlieren könnte. Man vergißt sich bisweilen und
denkt einen Augenblick, daß die Liebe nur eben ein solches Hirngespinst sey, wie viel anderes; wenn einem
nichts Lebendiges entgegen kommt, wie soll man den Gedanken daran immer lebendig erhalten? -Hier
noch eine flüchtige Skizze von der Zeichnung zur besonderen Erklärung. Schreibe bald. Ewig dein. -Grüße
an Alle tausendmal.


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