23. August 1801 An Goethe Lieber Herr von Goethe ! Sie glauben gar nicht, wieviel ich Ihnen schon schuldig bin, und nun werde ich es noch weit mehr werden. Ich hätte es mir nicht getraut, Ihnen diese Zeichnung zu schicken, wenn Herr Hartmann mir nicht zugeredet hätte. Sie müssen freilich mit dem guten Willen fürliebnehmen, und auch den kriegen Sie nicht, denn ich wollte was ganz anders machen, dünkt mich nun. Wie sehr wünsche ich, bei dieser Gelegenheit von Ihnen und Ihren Freunden über mich und was mir am meisten fehlt belehrt zu werden. - Sie wünschten in dem letzten Stück der »Propyläen«, daß man Ihnen einiges von seinem Leben und Studien sagte. Ich hoffe, Sie werden mir, wenn ich das tue, auch bei der Zurücksendung sagen, ob ich's recht mache und wie's besser gemacht werden könnte. Und wenn ich's einsehe, so können Sie sich gewiß darauf verlassen, daß ich Ihren Rat befolgen werde.- Meine Vaterstadt ist Wolgast in Schwedisch-Pommern, mein Vater ist Kaufmann, der vorzüglich viel Schiffe baut. Dadurch, daß ich fast sieben Jahre nacheinander krank war (von mein elftes bis in mein achtzehntes), wurde ich von der Schule abgehalten und hatte unterdes lauter schöne Sachen gemacht, vorzüglich im Papierausschnitzen, zu drechseln und am Ende gar in Holz zu schneiden. Weil ich aber keinen Begriff von etwas Bessers hatte, als was ich selbst machen konnte, so reizte mich die Sache so sehr nicht, daß ich nicht bei meinem Bruder in Hamburg aufs Comptoir hätte gehen solln. Hier kriegte ich aber mit einmal eine Sammlung von schönen Gemälden, die auf dem Börsensaal verauktioniert werden sollten, zu sehen, und nun wachten alle meine alten Sachen wieder auf. Ich hatte keine Zeit, um Zeichenstunde zu nehmen, und legte mich in den freien Augenblicken wieder aufs Papierschnitzen, worin ich es zuletzt zu einer großen Vollkommenheit brachte, so daß ich keck meinen Meister suche. Ich versuchte sogar, die bekannten und auffallenden Leute an der Börse zu Hause darzustellen, die mir zuletzt auch so glückten, daß sie sich selbst zum Ä Am meisten trieb ich aber die Landschaft. — Fünf Jahr war ich bei der Handlung, da stellte mein Bruder mir vor, ob es nicht weit besser wäre, ich ginge davon ab. Ich hätte eigentlich den Mut nicht gehabt, so was gradezu zu wollen; er hatte ihn aber für mich, und auf die gehörigen Vorstellungen hatte mein Vater auch nichts dagegen. Ich fing darauf bei Herrn Hardorff, einem sehr würdigen Schüler von Casanova, an zu zeichnen, und da ich alles schon in der Schere hatte, so wurde es mir leicht, das in der Kreide überzutragen. Da mein Bruder sowohl wie seine Kompagnons und unsre übrigen Freunde große Liebhaber der Kunst waren, so hatte ich schon vorher immer für mich das anzuhören gewußt, was auf mich paßte. Um diese Zeit kam auch das erste Stück von den »Propyläen« heraus, und ich suchte immer so viel wie möglich zu wissen, was ich tat, und kam dadurch in einem Jahr so weit als meine Mitschüler, die schon drei Jahre vorher gezeichnet hatten. Es tut mir zwar recht sehr leid, daß ich so vieles Praktische, was ich früher hätte lernen können, nun erst tun muß, indes gereut es mich gar nicht, ein Kaufmann gewesen zu sein. Ich sollte nun eine Akademie besuchen, und man fiel, weil man sich nicht einig werden konnte, auf Kopenhagen am Ende; das war vor zwei Jahren. Der Professor Abildgaard daselbst ist ein sehr geschickter Mann, der aber jetzt sehr hypochondrisch ist, da er alle seine Arbeiten mit dem Brande des Schlosses hat zugrunde gehen sehen. Er ist indes sehr für die Dänen importiert, und es war mir nicht möglich, bei ihm zu malen. Professor Juel war so gut, bei ihm auf seinem Zimmer mich und einen andern malen zu lassen. Dieser hat zwar selbst eine sehr große Praktik, allein er kann sich nicht darüber äußern. Den Antikensaal konnte man, so wenig wie auch dort ist, sehr gut benutzen. Aber es fehlte schlechterdings an alle Aufsicht So habe ich mich dort einundeinhalb Jahre hingequält, bis die Engländer mich am Ende vertrieben. Wenn ich dort Fortschritte gemacht habe, so habe ich sie allein einigen Freunden zu verdanken, die sich dort mit mir verbanden.Wir gaben uns selbst alle vierzehn Tage ein Sujet auf, worauf ein kleiner Preis gesetzt wurde, wer es am faßlichsten und deutlichsten darstellen konnte; auf die Zeichnung wurde eben nicht gesehn. Ich hörte die Anatomie von einem sehr geschickten Chirurgus, der sie sehr deutlich las. Auf der Akademie wurde sie zwar auch gelesen, aber nur sehr mittelmäßig. Im Malen habe ich eben gar keine praktischen Fortschritte machen können, weil ich erst nichts zum Kopieren von der dasigen Sammlung kriegen konnte und dann weil Professor Juel uns gar keine Anleitung gab, als was wir vom Sehen uns abnehmen konnten. Er hat indes itzt eine Manier, die Bilder herauszubringen, die, wie ich glaube, nicht zu rekommandieren ist: er retuschiert sie fast von vorne an und bringt sie zum Teil heraus, man weiß selbst nicht wie, und man muß sich wundern, wie schön es doch zuletzt wird. Ich bin nun vor zwei Monat hier[her]gekommen und habe bis dahin nur noch nach den antiken Abgüssen, die auf der Akademie stehen, sowie nach der Antiken- und nach der Mengsischen Sammlung mich geübt; auch die Köpfe, so von Casanova noch nach Raffael auf der Akademie sind, habe ich fleißig gezeichnet. Herr Hartmann ist so gut, mir dann und wann seine Meinung über die Weise zu sagen, wie ich die Sachen anwende. Ich werde nun anfangen, nach Gips erst zu malen und einige Kompositionen, die ich als Zimmerverzierungen für einen meiner Brüder machen wollte, erst in schwarz und weißer Kreide zu zeichnen und dann auszumalen. — Auch diese Zeichnung würde ich, wenn ich sie wieder machen sollte, so zeichnen, da diese Manier eine schon festere Wissenschaft erfordert.- Ich werde mich einige Jahre hier aufhalten, und da mein Vater mich solange noch ganz unterhält, so werde ich auch ebendiese Zeit soviel wie möglich benutzen. Für meinen Lebensunterhalt ist mir [am] Ende gar nicht bange: am Ende bin ich doch immer noch ein Kaufmann und weiß mich zu schicken. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen mit vielem Schnack aufgehalten habe, der nicht zur Sache gehört. Sie müssen so gut sein und sich das heraussuchen, was dazu gehört. Wenn ich diesmal zu wenig geliefert habe, so werde ich sehn, es künftig immer besser zu machen.- Seien Sie so gütig, die Zeichnung an den Buchhändler C. F. E. Richter in Leipzig zu retournieren. Mit der vollkommensten Hochachtung - Ihr gehorsamster Ph. Otto Runge