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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 2,076 # 7. August 1801

An Daniel


Lieber Daniel Ich habe euch sehr viel zu sagen und zu
erzählen; wenn ich nur erst es alles herausgebracht hätte, denn dafür bin ich am meisten bange! Ach wäre
ich doch (so morgen, da ist es Sonntag) auf einen Tag bey euch, um so vieles zu sagen, am meisten aber,
um mich mit euch noch einmal zu freuen. Es ist mir heut so seltsam aufgefallen: ich habe nichts zu klagen,
auch -keinen Rath von euch zu begehren, ich sehne mich sehr nach euch; ich kann bisweilen Stundenlang
im Dunkeln sitzen und ihr spaziert dann alle, wie ihr leibt und lebt, bey mir herum, oder ich bey euch, auch die
daheim nicht vergessend (ich dachte eben an das kleine Stinchen Hellwig, die ihre Puppe dem Storch für ein
Kind unterschieben wollte, das er ihr dann bringen sollte). Ich habe mich diese Zeit über in anderem so rein
rund gedacht, daß ich nur durch das Andenken an euch wieder zu etwas konime)a kann;,doch habe ich auch
etwas producirt, oder bin mit einigen Gedanken, die produeirt werden sollen, und die sich gewaschen haben,
auf's Reine gekommen; nun werde ich nachgerade anfangen, etwas zu liefern, d. h. ich werde wo möglich
noch etwas nach Weimar zu der Preisaufgabe senden. Ich habe den Achill im Kampf init dem Skamandros
gezeichnet, und die Composition, soviel ich die Grundursachen davon entwickeln konnte, nach meiner
Ansicht ins Reine. -Hartmann kennt ihr von der ersten Aufgabe in den Propyläen her; dieser ist nun so mein
Führer, ja ich kann es wohl sagen, mehr als je einer gewesen ist. Es ist sonderbar; wenn ich sonst mit einem
Menschen, von dem ich vorher vieles erwartet, bekannt wurde, war es mir inuner so feyerlich, als müsse nun
eine ganz neue Epoche bey mir eintreten; dieser aber hat mich in mich selbst und auf eine besondre Art zum
eignen Nachdenken über mich zurückgeführt, so daß ich die Epoche, indem sie vielleicht eben eingetreten,
vergessen habe.

Du kannst denken, daß es mich nicht wenig freute, als ich in seinem Tod des Rhesus fast ganz meine
Gedanken wiederfand. Jetzt versuchte ich mich an dieser Composition vom Achill und wählte meinem Gefühl
nach die, bloß im historischen Sinn genommen, richtigste und am meisten alles in einem Moment
zusammendrängende Stelle, wo Achill über den Baum hinschreitet. Die erste Idee war schwankend und, als
ich sie zur Ausführung bringen wollte, nicht gewaltsam genug. Der Flußgott sollte sich wie aus einem Nebel
entwickeln und durch sein Gebot die Fluthen auf den Helden losstürzen; doch schien mir es auch nicht
passend, daß Achill von hinten zu sehen kam. Ich brachte darauf eine sehr imponirende Stellung des Achill's
zuwege, worin ich alsdann das andre einpaßte; Skamandros griff ihn gradezu mit dem Ruder an, allein der
Achill trotzte ihm bloß durch seine Eil, ohne sich mit Waffen zu vertheidigen. Ich war noch immer zu nichts
Deutlichem gekommen, zeigte Demiani die Skizze und hatte selbst schon einzuwenden, daß der Xanthes
sich wohl zu sehr körperlich bemühe, da er doch eigentlich schon an sich die Uebermacht habe. Daniel gab
mir hierin Recht, bemerkte aber auch, daß man eigentlich nicht sehen könne, daß Achill über den Baum
gehen wolle, da er nur eben von vorn herauskomme. Ich nahm also die erste Idee mit einigen Aenderungen
wieder auf; allein bey alle dem, daß ich nicht recht weiter kommen konnte, schien mir auch darin etwas zu
fehlen, das mir nicht deutlich werden wollte. Gern hätte ich es Hartrnann gezeigt, allein ich wußte, daß er
auch dabey war, und fragte mich, ob ihm dieses wohl auch gelegen seyn könnte? Endlich ging ich doch hin.
Er hatte es auch dargestellt und zwar in einem ganz andern Sinn und viel besser. Er sagte: "Goethe hat hier,
wie mich dünkt, einen Fehler gemacht, indem er es dem Künstler überläßt, welchen Moment er wählen will,
und ihm deshalb räth, den ganzen 21. Gesang zu lesen.
Es giebt hier eigentlich keinen Moment darzustellen, sondern die ganze Composition ist symbolisch, und wir
können sie nur rein einsehen, wenn wir die Sache auf die platte Prosa zurückführen und dann diese Prosa
ganz verlassen. Die Stelle ist der höchste Punct der Ilias, wo Achill selbst den Göttern widersteht." Er hatte,
das ungefähr so wie Flaxmann genommen: Der Held war zwischen den beiden Flüssen, Xanthos hatte ihn
umfaßt und Simois wälzte Leichen auf ihn; hinten die Nymphen, die den Fluß noch mehr anfüllten, und in den
Wolken Here, die den Hephästos zu seiner Hülfe abschickt. "Sie haben nun," sagt er, "die Sache bloß
historisch genommen und haben dadurch eine imponirende Situation erlangt; suchen Sie diese etwas
poetischer zumachen, ich kann Ihnen nicht Recht geben, allein ich rathe Ihnen deswegen doch nicht ab, Ihre
eignen Ideen zu verfolgen. Nur sehen Sie zu, daß Sie den Achill wo möglich von vorn kriegen, denn er soll
bey dem Ganzen zuerst in´s Auge fallen. Dann geben Sie dem Fluß statt des Ruders die Urne. - "

Das brachte mich nun auf ganz andre Gedanken. Xanthos stürzt die ganze Urne gegen ihn um, allein Achill
erhält sich dennoch; der Fluß wendet die äußersten Kräfte an, um ihn zu vertilgen, und Achill verläßt sich auf
den Beystand höherer Mächte; so mußte natürlich auf der Seite des Gottes die äußerste Anstrengung, und
auf der des Helden der höchste Trotz seyn, also grade umgekehrt, wie ich es zuerst dachte. Durch den eben
umgestürzten Baum wird das Ufer auseinander gerissen, ein Erschlagener stürzt dadurch mit hinunter, die
Leichname und der Schaum werden über den Baum hingeschleudert, und so ist die Composition. Der Achill
weicht hier allerdings dem Flusse aus, doch, was er dadurch verliert, gewinnt er wieder, da das ganze
Troische Heer auf der andern Seite vor ihm fnieht; in den Wolken schüttelt Pallas die Aegis und Juno schickt
den VuIcan ab. Es kommt also jetzt noch bloß darauf an, daß ich es ausführe, und dazu wird die Zeit
entsetzlich kurz werden. - Zwar noch habe ich nur immer den Helden von hinten, und obgleich ich ihn da eben so sehr kann
hervorragen lassen, soll das noch herumgedreht werden; allein ich denke, zwey Zeichnungen davon zu
machen, und nach meinem Vermögen wird die von hinten die deutlichste werden. Stelle dir aus allem diesem
Wortschwall nur nicht vor, daß ich glaubte, ich wäre nun der wahre Kerl. Ich sehe es im Grunde recht gut ein,
daß Hartmann´s Composition viel besser ist, allein ich habe bey dieser Gelegenheit die Erfahrung gewonnen,
daß einem ein guther Rath oder ein besseres Beyspiel, wenn man sie auch einsieht [gesp] , nicht helfen
können, wenn man sie nicht auch übersieht [gesp.]. Ich bin, möchte ich sagen, so glücklich, diesesmal etwas
von meinem Gedanken eingenommen zu seyn, und am Ende vielleicht bloß dadurch im Stande, ihn
möglichst auszuführen; hernach wird sich das alles schon von selbst bestrafen, nur möchte ich bis dahin
noch nicht gern zu der Einsicht kommen, daß alle diese Gedanken vielleicht nicht meine eignen sind.

Grüße Herterich doch von mir und Schäfer (dem jungen Architekten), der ihm böse ist, da er ihm nicht ein
einzigmal schreibt. -Ich habe hier schon ziemlich viele Bekanntschaften für alle meine Launen gemacht:
habe ich die dumme, wo ich eben nichts denken mag und es mir bequem machen will, so gehe ich zu * der
einen gewaltigen Schnack vor'n Tag bringt; habe ich die lachende, zu *, und wir setzen uns auf die Brücke;
will ich mich etwas ausführlich über die Theile des menschlichen Körpers unterrichten, zum Prof. Schubert;
will ich über die Antiken einigen Aufschluß haben, zum Prof. Becker; und will ich mich über mich selbst
wieder sammeln, zu euch -o wenn du einmal herkommen könntest ! -Eben kommt mir die Neigung, recht
schöne Musik zu hören, drum gehe ich, da es heute Sonntag ist, zur Katholischen Kirche --


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