Jörg Sternagel

Kennen wir uns nicht? Filmschauspieler als ständige Begleiter

Abstract

Der amerikanische Filmwissenschaftler James Naremore stellte vor einigen Jahren in einem Interview für die Campuszeitschrift seiner Arbeitsstätte, der University of Indiana in Bloomington, den Film als die für ihn wirkungsmächtigste ästhetische Erfahrung heraus, die ihn seit seiner Kindheit im privaten und beruflichen Alltag nachhaltig prägt. In der Tat gehört der Film zu einer Alltagserfahrung, die regelmäßig in unserer Lebenswelt auftritt und als ästhetische Erfahrung wirkungsmächtig erscheint. Ästhetisch bemerkenswert ist an dieser Erfahrung auch der Filmschauspieler, der als ständiger Begleiter in unserer Lebenswelt wie selbstverständlich auftritt, sodaß wir bei jedem Aufeinandertreffen ebenso selbstverständlich versucht sind, dem Filmschauspieler die Frage zu stellen: Kennen wir uns nicht? Um diese Frage zu beantworten, werden Grundzüge einer Phänomenologie des Filmschauspielers vorgestellt, die den Körper des Schauspielers als eine körperliche Intelligenz (an-) erkennen und die Rückschlüsse für den Zuschauer auf sein eigenes körperliches Verständnis erlauben. In dem Vortrag soll die Fähigkeit des Kinos, das Bewußtsein des Zuschauers über die eigene Physiognomie und die eigenen Sinne anzuregen, innerhalb des Entwurfs einer Phänomenologie des Filmschauspielers vorgestellt und die Alltäglichkeit der Erfahrung herausgestellt werden: Es existiert eine alltägliche Nähe zur menschlichen Figur im Film und zum Körper des Films selbst. Der Filmschauspieler als ständiger Begleiter schafft es, den von ihm vorgestellten Körper zu refigurieren und erreicht gleichzeitig und regelmäßig die Resensibilisierung vom Körper des Zuschauers: Wir, als Zuschauer, sehen, nehmen wahr und tauchen unter Eindruck und Einsatz unseres eigenen körperlichen Wissens in das Geschehen ein und partizipieren durch den Filmschauspieler an einer direkten, unmittelbaren und ästhetisch wirkungsmächtigen Erfahrung, einer Erfahrung, die uns alltäglich erlaubt, Schauspielkunst als etwas uns verkörperndes wahrzunehmen.



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