Christel Fricke, Steinar Mathisen

Transsubstantation des Alltäglichen?

Abstract

Die Kunst hat sich lange darum bemüht, das Alltägliche hinter sich zu lassen und eine andere, schönere und bessere Gegenwelt zu schaffen. Sie hat sich daher leicht von kirchlichen und weltlichen Mächten in Dienst stellen lassen, sei es, um ein göttliches Heilsversprechen zu verkünden oder um politische oder wirtschaftliche Macht und Überlegenheit zur Schau zu stellen. Kunstwerke waren keine alltäglichen Gebrauchsgegenstände, sondern Gegenstände anderer, eigener Art, kostbar und im Alltäglichen entbehrlich, da jeder alltäglichen Verwendung entzogen.

Die traditionelle Ästhetik hat sich darauf verlassen, dass die Schnittmenge von Kunstwerken und alltäglichen Gebrauchsgegenständen leer ist. Schönheit und Herrlichkeit waren den Kunstwerken vorbehalten. Bei der Suche nach materialen oder phänomenalen Eigenschaften, an denen sich ein Kunstwerk als solches hätte erkennen lassen, wurden die Kunsttheoretiker jedoch nicht fündig. Die Schönheit als der traditionelle ästhetische Wert ließ sich nicht naturalisieren. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Kunst ihre Orientierung an Schönheit und Herrlichkeit weitgehend aufgegeben. Die restaurativen Bemühungen des Ästhetizismus konnten diese Entwicklung nicht aufhalten.

Die Krise der Kunst wurde in den Ready-mades von Marcel Duchamp zum zentralen Thema. In der Folge gaben die Kunsttheoretiker den Versuch auf, die Kunst ontologisch zu verstehen. Stattdessen versuchten sie, den Unterschied zwischen Kunstwerken und alltäglichen Gegenständen auf einen Unterschied der jeweiligen Einstellung zu reduzieren. Einen und denselben Gegenstand konnte man ästhetisch betrachten, oder aber ihn bloß erkennen oder zu einem alltäglichen Zweck verwenden.

Arthur Danto hat das, was in der ästhetischen Einstellung zu einem Gegenstand geschieht, mit dem alten, biblischen Begriff der Transfiguration beschrieben. Aber kommt es in der ästhetischen Einstellung zu einem Gegenstand tatsächlich zu einer illusionistischen Veränderung, zu einer „Verklärung" von dessen Erscheinung? Wir wollen in unserem Beitrag der Frage nachgehen, ob nicht der theologische, wenn auch nicht biblische Begriff der Tanssubstantiation besser geeignet ist, den Unterscheid zwischen der alltäglichen und der ästhetischen Erfahrung eines Gegenstandes verständlich zu machen. Aber laufen wir dabei Gefahr, wieder einer ontologischen Theorie der Kunst den Weg zu bereiten?



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