Michael Lingner

Transzendentales System des ästhetischen Konzeptualismus

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Michael Lingner

Exposé zur Begründung und Erläuterung eines TRANSZENDENTALEN SYSTEMS DES ÄSTHETISCHEN KONZEPTUALISMUS zur Fundierung einer Kunst als Wissenschaft vom WERK.

1.Transzendentales System:

Der Begriff "transzendental" bedeutet nach Kant im Unterschied zum Begriff "transzendent" nicht, daß die Möglichkeiten menschlicher Erfahrung überstiegen werden, sondern vielmehr, daß die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung (hier: ästhetischer Erfahrung) thematisiert werden. Die Frage nach den der Kunstwesenhaften Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung stellt sich dann neu, wenn die Anschauung des Kunst-Werkes als die traditionelle Grundvoraussetzung der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung in ihrer konstitutiven Bedeutung problematisch wird. Erlangt die Imagination des Rezipienten - wie bereits in der Kunst der Romantik (1) - ein "Übergewicht... über die hervorbringende Kraft des Künstlers" (2) und wird in der weiteren Entwicklung für die Kunst des 20. Jahrhunderts zunehmend Reflexion zur adäquaten Rezeptionsweise, so wird die als klassisches ideal ehedem erstrebte Unmittelbarkeit der Anschauung gebrochen, welche die Kongruenz bzw. hochgradige Korrespondenz von materialem Vor- und mentalem Nachbild als Einheit des Werkes durch die Rezeption hindurchzuretten imstande war.Mit der daraus resultierenden Aufhebung aber und dem Zerfall der klassischen Werk-Einheit in einen vom Künstler hervorgebrachten dinglichen Teil, der Instrumentalcharakter hat, und in einen davon abgelösten, allererst vom Rezipienten zu konstituierenden mentalen Teil, dem Werk - Charakter eignet, hebt sich auch jene Grundvoraussetzung der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung auf. Die bei Kant noch um den Begriff der "Schönheit" kreisende transzendentalphilosophische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung zielt heute also auf die Problematik des mentalen, "immateriellen WERKES" (3) und kann allein durch eine phänomenologische Untersuchung des Prozesses seiner Konstitution (= Genese) beantwortbar werden. Solange indes eine solche Untersuchung sich in rein philosophisch begrifflicher Reflexion erschöpft, bleibt unbestimmt, ob die theoretisch formulierten Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung auch als sich konkret vollziehbare Bedingungen der Wirklichkeit ästhetischer Erfahrung im Gelingen des immateriellen WERKES erfüllen Die begrifflich entfaltete Genese des immateriellen WERKES kann sich erst dann auch als wahr offenbaren, wenn sie dergestalt transformiert worden ist, daß das immaterielle WERK auch ästhetisch generierbar wird. Dazu "muß die Kunst die (philosophisch-begriffliche) Reflexion sich einverleiben und so weit treiben, daß sie nicht länger als ein ihr Äußerliches, Fremdes über ihr schwebt, das heißt heute Ästhetik" (4) Der Systemgedanke ist mit der transzendentalphilosophisch - begrifflichen Erörterung von Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung ohnehin unauflösbar verbunden, weil dabei die Mannigfaltigkeit der Erkenntnisse einer Idee - nämlich der des immateriellen WERKES - untergeordnet wird zur Bildung des Begriffs vom immateriellen WERK. Aber auch die ästhetische Konstitution der Genese des immateriellen WERKES als eine nicht unbedingt hinreichende aber unabdingbar notwendige Voraussetzung der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung muß

systematischen Charakter haben. Denn wenn der Rezipient das Kunstwerk nicht mehr in kongenialer Unmittelbarkeit anschaulich als Einheit zu erfassen vermag, es vielmehr als immaterielles WERK allererst reflexiv konstituiert, dann müssen die einzelnen Momente im Prozeß der subjektiv - mentalen Konstitution des WERKES ebenso systematisch aufeinander bezogen sein, wie die vom Künstler hervorzubringenden dinglichen Instrumente ( SCHEMA, WERK - ZEUG, FORMULAR / s Text - Legende ), in deren Handhabung der Konstitutionsprozeß des WERKES objektiv fundiert ist, funktional systematisiert sein müssen, wenn dem Rezipienten nicht mehr kraft künstlerischer Formung das Werk als materiale Einheit gegeben ist Bezugspunkt, auf den hin die verschiedenen Instrumente als Teile ihre Funktion zu erfüllen haben, ist die Konstituierung des immateriellen WERKES als Vollendung des systematischen Zusammenspiels von subjektiv - mentaler und objektiv materialer Systematik

2. Ästhetischer Konzeptualismus:

Die amerikanische "concept-art" ist in der sprachanalytischen Philosophie begründet (5). Das Werk der "concept-art', das nicht als materiales Gebilde, sondern als ein mentaler Prozeß vorgestellt wird, konstituiert sich in begrifflichen Operationen und existiert durch Begriffe. - In der "Kritik der ästhetischen Urteilskraft' hat Kant die fundamentale Unterscheidung getroffen, daß die Vorstellung des Kunst - Werkes nicht begrifflich sondern ästhetisch zu denken ist, d.h. nicht im Verstande, sondern im Gefühl bewußt wird. Jede Kunst, die ebenso wie die "concept-art" das Werk als mentalen Prozeß verwirklichen will, aber in Opposition zu ihr an dieser Kantischen Unterscheidung festhält, so daß nicht schon die Analyse der syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln der Sprache die Existenzmöglichkeit des mentalen Werkes begründen -, hat die transzendental philosophische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit eines solchen mentalen, immateriellen WERKES, das sich eben nicht im Begrifflichen erschöpft zur Voraussetzung. Im Unterschied zur begrifflich restringierten "concept-art" bezeichne ich meine bisherigen Versuche der transzendentalphilosophisch angelegten Begründung des Geistigen in der Kunst als ästhetischen Konzeptualismus.

Der Begriff Konzeptualismus kennzeichnet in der scholastischen Philosophie des Mittelalters eine Spielart der nominalistischen Entscheidung des Universalienproblems, das sich in der Frage konzentriert hat, ob dem Allgemeinen und insbesondere den Allgemeinbegriffen äußere Realität, d. h. ein "in irgendeinem Sinne allgemeines reales Korrelat" (6) in der Wirklichkeit zukommt. Zu dieser im Mittelalter nicht zuletzt wegen ihrer theologischen Implikationen heftig diskutierten Frage lassen sich in der Kunst heute Parallelen entdecken, wenn das Werk als nicht begrifflich, sondern ästhetisch bewußtes Allgemeines gegenüber der Mannigfaltigkeit von möglichen Objekten ästhetischer Erfahrung begriffen wird. Denn dann ist das Problem äußerst interessant, ob dem Werk irgendein reales Objekt überhaupt entsprechen kann. Ebenso wie der begriffliche, so behauptet auch der ästhetische Konzeptualismus, daß das Werk als Allgemeines nicht außerhalb unseres Geistes in re existiert. Es ist primär mentaler Natur, wobei es allerdings in einer Ähnlichkeitsbeziehung zur extramentalen Realität schlechthin (aber nicht zu einem bestimmten Objekt) stehen kann. In dieser Hinsicht ist der Konzeptualismus eine gemilderte Form des Nominalismus, für den das Allgemeine als nur abstrakter Name vollkommen realitäts- und bedeutungslos ist.

M. Lingner

Anmerkungen

(1) Siehe dazu M. Lingner: "Die Musikalisierung der Malerei bei P. O. Runge. Zur Vorgeschichte der Vergeistigung von Kunst", in Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft Bd. 24 / 1 1979.

(2) Ricarda Huch: "Die Romantik", Leipzig 1920 Bd. I/ S. 345

(3) Den Begriff "immaterielles WERK" habe ich theoretisch eingeführt in "Selbstreflexion als Konstituens immaterieller WERKE", Internationaler Kongreß für Ästhetik, Darmstadt 1976.

(4) T. W. Adorno: "Ästhetische Theorie", Frankfurt 1970 S. 507.

(5) Siehe dazu bes. J. Kosuth: "Art after Philosophy", Köln 1974 S. 136 ff. Das vorliegende Exposé ist Teil einer Vorstudie zu einer durchgängigeren Auseinandersetzung mit Kosuth.

(6) Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von J. Ritter Bd. IV/ S 1086.

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