Michael Lingner

EINLEITUNG IN DAS TRANSZENDENTALE SYSTEM DES ÄSTHETISCHEN KONZEPTUALISMUS

Durch paradigmatische künstlerische Hervorbringungen der 60-er Jahre sowie durch zeitlich damit korrespondierende rezeptionsästhetische Theorien ist dem wahrnehmenden Subjekt in Kunst und Kunsttheorie eine neue, wesentlichere Funktion zuerkannt worden. Um es in dem bekannten Schlagwort der 60-er Jahre zu wiederholen: "Der Rezipient ist (als) Produzent" entdeckt worden. Wichtig und ernst zu nehmen ist diese These dann, wenn sie in dem Sinne verstanden wird, daß der Rezipient in der Wahrnehmung ästhetischer Gegenstände eine konstitutive Bedeutung für deren Werkhaftigkeit erlangt. Zwar kann er nicht wie der Künstler material Produzent sein; unzweifelhaft ist er aber bei der mentalen Konstitution des Werkes produktiv.

Paul Klee hat die rezeptive Mitschöpfung des Betrachters schon in den 20-er Jahren mit seinen "Rezeptivbildern" untersucht (s.Bildnerisches Denken, S.357 ff) und ist zu dem Schluß gekommen: "Das Kunstwerk ist in erster Linie Genesis, niemals wird es rein als Produkt erlebt". Wenn diese Einsicht Klees für Tafelbilder zutrifft, um wieviel gültiger ist sie dann erst für solche künstlerischen Hervorbringungen, die in ihrer weitgehenden Entmaterialisierung zur Erscheinung bringen, daß sie nicht mehr selber Kunstwerke sein wollen, sondern als Instrumente zur Initiierung ästhetischer Prozesse zu begreifen sind.

Um den Kunstbegriff nicht um den Preis der Beliebigkeit grenzenlos zu erweitern, insistiere ich darauf, daß auch diese mentalen ästhetischen Prozesse sich beim Rezipienten vorstellungsmäßig gestalthaft verdichten d.h. WERK werden müssen. Der entscheidende Unterschied zur Tradition besteht allerdings darin, daß der Rezipient nicht mehr nur das im Bild des Künstlers material fundierte Werk konkretisiert, sondern in der Entfaltung der Funktion der künstlerischen Instrumente es allererst mental konstituiert. Für dieses vom Rezipienten mental zu konstituierende Werk habe ich 1976 den Begriff "immaterielles WERK" in dem Aufsatz "Selbstreflexion als Konstituens immaterieller WERKE" (Ästhetik-Kongress Darmstadt 1976) theoretisch eingeführt. In Opposition zu der amerikanischen "concept-art", die auf der sprachanalytischen Philosophie basiert und für die dementsprechend das Kunstwerk primär begrifflich existiert, halte ich für meinen Begriff des immateriellen WERKES an der fundamentalen Unterscheidung Kants fest, daß die Vorstellung des Kunstwerkes nicht begrifflich sondern ästhetisch zu denken ist, d.h. nicht im Verstand sondern im Gefühl bewußt wird. Während die Analyse der syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln der Sprache die Existenzmöglichkeit des mentalen, konzeptionellen Werkes der "concept-art" begründen, sind die Bedingungen der Möglichkeit des sich nicht im Begrifflichen erschöpfenden immateriellen WERKES meines Wissens bisher nicht eigens thematisiert worden; obwohl solch ein Werkbegriff wichtigen künstlerischen Hervorbringungen der Vergangenheit und Gegenwart unausgesprochen zugrundeliegt. Meine Arbeit, das Zusammenspiel der subjektivmentalen und der objektiv-materialen Bedingungen der WERK-Konstitution als Genese des immateriellen WERKES zu modellieren, betrachte ich insofern als Grundlagenforschung für die Kunst.

Da die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des immateriellen WERKES eine transzendentalphilosophische Fragestellung ist, über die allein das sich (in phänomenologischer Epoche) reflektierende Bewußtsein selber Aufschluß zu geben vermag und das prädestinierte Medium solcher Reflexionen philosophisch-ästhetische Theorie ist, haben sich meine Untersuchungen zur Genese des immateriellen WERKES zunächst theoretisch formuliert. In der Gewissheit aber, daß diese ohnehin schon aus anschaulichem Denken entwickelte Theorie über Kunst nur als Kunst auch wahr werden könne, habe ich sie zu transformieren gesucht. In einem langwierigen Verfahren der wechselseitigen Modifikation von begrifflich-theoretischem Text und ästhetisch-anschaulicher Zeichnung hat sich der Konstitutionsprozess des immateriellen WERKES in der Konstruktion einer Doppelspirale ausgeformt. Diese aus der Synthetisierung von Begriff und Anschauung entstandene modellhafte Konstruktion der Genese des immateriellen WERKES ist die Grundfigur des ÄSTHETISCHEN KONZEPTUALISMUS und bildet mit dem Kanon der dazugehörigen praktischen Arbeiten und theoretischen Texte das Transzendentale System des ästhetischen Konzeptualismus.

Modellhaft ist diese Grundfigur einerseits insofern, als sie -wie ein wissenschaftliches Modell- anhand der Text-Legende die anschauliche Rekonstruktion der ihr zugrundeliegenden Theorie erlaubt. Andererseits habe ich aus der Grundfigur solche materialen Organisationsformen entwickelt, die es dem Rezipienten ermöglichen, meine Modellierung der Genese des immateriellen WERKES selber als ein immaterielles WERK mental zu konstitutieren : Indem der Rezipient über die Begrifflichkeit hinaus das Modell auch ästhetisch als WERK vollziehen kann, erfüllt sich dessen künstlerische Funktion.


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