Michael Lingner

Die Jahreszeiten, die Zeiten, Stundenbuch

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Michael Lingner

1950 in Dessau geb. lebt in Hamburg

1968 - 73 Studium der Kunst und Philosophie an der Akademie Hamburg bei F. E. Walther und B. Brock; 1969 erstes Buch »Reproduktionen der Reproduktion«/Xerox; 1972 erste »Zeitbücher«; 1973 - 75 Assistent an der Akademie, Hamburg, theoretische Texte und praktische Modelle zur Ästhetik, 1977 Buchzyklus »Die Zeitkreise«

1 Die Jahreszeiten I

1973, vier zweiteilige Buchblöcke, je 28,0 x 21,0 x 4,4 cm, Papier in Wachs gebunden, der Umfang der Bände erweitert sich mit jeder Jahreszeit um ein Viertel. (Abb)

Der Frühling (21 x 28 x 1,1 : 3,3cm)

79 : 286 = 365 Seiten/Tage

Der Sommer (21 x 28 x 2,1 : 2,3cm)

172 : 193 = 365 Seiten/Tage

Der Herbst (21 x 28 x 3,1 : 1,3cm)

266 : 99 = 365 Seiten/Tage

Der Winter (21 x 28 x 4,3 : 0,1cm)

356 : 9 = 365 Seiten/Tage

Handlung: Die Jahreszeiten er-wägen (am Frühlings-Sommer-Herbst-Winteranfang)

2 Die Zeiten I

1973; vier gelumbeckte Bücher, 33,6 x 24,0 x 1,5cm bzw. 39,2 x 24,0 x 1,6 cm, je zwei Papierseiten durch Wachs bzw. Wasser und Wachs verbunden.

Der Tag (24 x 33,6 x 1,5 cm) 24 Seiten mit einer 24er Einteilung à 1,4 cm entsprechen: 24 mal 1 Stunde

Die Woche (24 x 39,2 x 1,6 cm) 28 Seiten mit einer 28er Einteilung à 1,4 cm entsprechen: 7 Tagen mal 4 Tageszeiten

Der Monat (24 x 39,2 x 1,6 cm) 28 Seiten mit einer 28er Einteilung à 1,4 cm entsprechen: 4 Wochen mal 7 Tagen

Das Jahr (24 x 33,6 x 1,5 cm) 12 Seiten mit einer 12er Einteilung à 2,8 cm entsprechen: 12 mal 1 Monat

Handlung: Die Vergangenheit von der Zukunft trennen (stündlich-tageszeitlich-täglich-monatlich)

3 Stundenbuch I

1973; gelumbecktes Buch, 24 x 30 x 3 cm, zwischen Graupappe eingeklebtes saugfähiges Papier mit Leinöl getränkt - Geruch. 24 Seiten mit einer 24er Einteilung à 1cm entsprechen 24 Stunden.

Handlung als Exerzitium; Aus der gegebenen Geruchsempfindung ihre synästhetische Erweiterung stündlich ersinnen

Werkkonstitution als Sinnkonstitution ist sowohl im Erleben als auch durch Handeln möglich. Das Werk als die in einer sinnhaften Einheit zur Anschauung gebrachte Wirklichkeit ist erlebbar, wenn Wirklichkeit kraft der Ausformung durch den Künstler sinnhaft vorgegeben in einer materialen Einheit erscheint. Ist stattdessen die sinnhafte Einheit der Wirklichkeit dem Rezipienten zur mentalen Konstitution aufgegeben, dann ist das Werk nicht erlebbar, sondern zu erhandeln und sein Sinn nicht rezeptiv zu ver-, vielmehr produktiv zu erarbeiten.

Anders als das erlebbare, materiale Werk erschließt sich das zu erhandelnde immaterielle Werk nicht vermittels der äußeren, räumlichen Sinne, sondern konstituiert sich über den »inneren Sinn«, der die Wirkung der äußeren Sinne auf das Subjekt reflektiert. Die Form des inneren, reflektierenden Sinns aber ist die Zeit (Kant).

Zeit wird durch meine Bücher nicht symbolisch dargestellt, sondern quantitativ erfaßbar, indem zeitliche Einteilungen durch räumliche Einteilungen derart repräsentiert werden, daß die dem jeweiligen Buch zugrundeliegende Zeit-Einheit in der Anzahl und ggf. in der Unterteilung seiner Seiten widergespiegelt wird. Beiden Büchern, denen z.B. die Stunde als Zeit-Einheit zugrundeliegt, soll der Rezipient - integriert in den normalen Tageslauf- mit der ersten Stunde seines Tages und der ersten Stunde des Buches beginnend, stündlich eine Seite umblättern und eine durch die jeweilige Seite materialorganisierte Handlung vollziehen. In dieser Handlung wird die visuell wahrnehmbare Proportion zwischen den vergangenen und den zukünftigen Stunden eines Tages zu jeder und für jede seiner Stunden auch haptisch meiner sinnlich - aus dem Zusammenwirken dreier Sinne modulierten - aber auch zeitlich »dreidimensionalen Empfindung« (W.Wundt) erfahrbar.

Michael Lingner


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