Michael Lingner, F. E. Walther

Zwischen Kern und Mantel (Inhaltsverzeichnis und Vorbermerkungen)

Franz Erhard Walther und Michael Lingner im Gespräch über Kunst

Inhalt

Vorbemerkungen

Michael Lingner 7

Kunst < - > Sprache 13

Kunst < - > Gesellschaft 62

Kunst < - > Vermittlung 101

Kunst < - > Geschichte 142

Kunst < - > Werk 178

Kunstreflexion als Medium

künstlerischer Verantwortung

Rainer Walther 201

Biographien, Bibliographien 209

Vorbemerkungen

Zum Verständnis der Entstehung und Absicht des Buches

Je mehr Zeit dem gegenseitigen Zuhören und eigenen Nachdenken gegönnt wird, umso eher kann sich ein Gespräch zum Dialog entfalten. Der Charakter des Gesprochenen ist dem Dialogischen derart eigen, daß es wortwörtlich aufgeschrieben nicht nur die wesentlichen Qualitäten, sondern teilweise sogar den Sinn einbüßt - "Eine Rede ist keine Schreibe und eine Schreibe keine Rede" (1). Indes sind gerade die im Dialog entwickelten Gedanken nicht selten von größerer Klarheit, Eindringlichkeit und Dichte als die beim Schreiben formulierten. Entsteht wegen dieser Qualitäten der Wunsch, das Gesprochene schriftlich festzuhalten, so ist dafür eine entsprechende Form zu finden.

Entstanden ist dieses Buch aus sieben mehrstündigen, insgesamt ca. zwanzig Stunden dauernden Dialogen, die F. E. Walther und ich zwischen Mitte Februar und Ende Mai 1984 geführt haben. Zugrunde lag ihnen ein von mir vorgeschlagenes thematisches Konzept, dessen Grundstruktur als Kapitelunterteilung und -reihenfolge beibehalten worden ist. Da wir uns innerhalb dieses Rahmens jedoch oftmals der spontanen Eigenbewegung des Gesprächsverlaufes überlassen und mehr auf die Inhalte als auf die Form konzentriert haben, waren unsere nächtlichen Dialoge keineswegs druckreif formuliert und gegliedert. Die von den Tonbandmitschnitten angefertigte Abschrift von mehr als dreihundert Seiten mußte umfassend bearbeitet werden, damit sie sich im einzelnen besser lesen und verstehen ließ und auch im ganzen einen sinnvollen und folgerichtigen Zusammenhang bildete.

Die neben grammatikalischen Korrekturen und Ergänzungen von mir vorgenommenen Eingriffe haben zunächst hauptsächlich darin bestanden, die im Dialog geäußerten Gedanken inhaltlich zu gliedern und ihrer Bedeutung entsprechend zu akzentuieren und zu präzisieren. Darüber hinaus hat es sich als erforderlich erwiesen, vor allem durch Umstellung der Fragen immer wieder in den ursprünglichen Gesprächsverlauf ändernd einzugreifen. Nur so war innerhalb der einzelnen Gedankengänge wie auch bei ihrer Verknüpfung zu ganzen Passagen und Kapiteln die größtmögliche Klarheit der Argumentation zu erreichen. Deshalb ist der als Ergebnis dieser Bearbeitung entstandene Lesetext trotz des Bemühens, den Charakter des Gesprochenen weitestgehend zu erhalten, notwendigerweise ein Konstrukt des Gesprächstextes.

Die Absicht dieses Buches besteht darin, den Waltherschen Kunstentwurf mitsamt seiner tiefgreifenden Problematik durch biografische, zeit- und werkgeschichtliche sowie kunsttheoretische Überlegungen jedem Kunstinteressierten zu vermitteln. Zu diesem Zweck haben wir den meines Wissens erstmaligen Versuch unternommen, in direkter Kooperation von Künstler und Theoretiker eine Künstlertheorie zu formulieren, die nicht mehr nur dem künstlerischen Anliegen gerecht wird, sondern auch theoretischen Ansprüchen genügt. Denn Künstler neigen naturgemäß eher dazu, das Besondere, Einmalige, ja Einzigartige ihres Kunstentwurfes und ihrer persönlichen Leistung hervorzuheben, als sich auf eine theoretische Form der Auseinandersetzung einzulassen, die das ihrem Werk zugrundeliegende Allgemeine, z. B. ihren Kunstbegriff zum Gegenstand hat. Deshalb bleiben die herkömmlichen Künstlertheorien, auch wenn ihre Verfasser ihnen durch weltanschauliche, lebensphilosophische, ideologische oder auch wissenschaftliche Rückversicherungen den Anschein der Objektivität zu verleihen suchen, inhaltlich und in der Form weitgehend dem Subjektivismus unterworfen.

Dieser subjektivistische, bekenntnishafte Charakter künstlertheoretischer Äußerungen ist ein Hauptgrund dafür, daß gegen sie verschiedene Vorbehalte bestehen. Das Spektrum reicht vom landläufigen Verdacht, sie dienten den Künstlern ausschließlich zur Propagierung des eigenen Werkes, bis hin zu dem wissenschaftlichen Zweifel, ob sie nicht als ein vom Werk völlig unabhängiges, eigenständiges Parallelphänomen anzusehen seien. Das Resultat solcher Skepsis ist in jedem Fall eine gegenüber den Selbsterklärungen der Künstler verbreitete Ignoranz. Für die daraus folgende Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Reflektierens über Kunst, die von Rainer Walther im Anhang dieses Buches eingehend untersucht wird, ist es bezeichnend, daß selbst der von ihrer Tradition her zur Durchdringung künstlerischer Phänomene besonders befähigten philosophischen Ästhetik es "bisher nicht gelungen (ist), auf der Höhe des philosophischen Bewußtseins der Zeit und dennoch nicht im Widerspruch zum Selbstbewußtsein ihrer Künstler zu sein". (2)

Dabei hätten die mit der Kunst befaßten Wissenschaften allen Grund, das Selbstverständnis der Künstler ernst zu nehmen, seit sich in der Kunst des 20. Jahrhunderts das Avantgardeprinzip durchgesetzt hat. Denn nun wird bei jedem weiteren Schritt in der künstlerischen Entwicklung nicht mehr nur der überkommene Kunststil, sondern auch der herrschende Kunstbegriff abgelöst und durch einen neuen ersetzt, über den allein die Äußerungen der Künstler hinreichenden Aufschluß zu geben vermögen. An den Werken als solchen läßt sich nämlich der jeweilige Kunstbegriff keineswegs ablesen, vielmehr wird erst aufgrund von dessen Kenntnis eine angemessene Rezeption der Werke möglich. Um weder gegen die Intentionen der Künstler noch hinter ihnen herbeurteilen und -theoretisieren zu müssen, ist daher der Wissenschaftler, wie jeder andere Kunstinteressierte auch, darauf angewiesen, daß die Künstler ihren Kunstbegriff grundlegend vermitteln. Doch kann dies nur unter der Voraussetzung gelingen, daß ihre Äußerungen gewissen theoretischen Ansprüchen genügen.

Während der Arbeit an diesem Buch hat es sich ergeben, daß der Kunstwissenschaftler als Partner und gleichsam als wissenschaftliches Organ des Künstlers fungierte (3) und die Verantwortung für die Erfordernisse der Theorie - soweit nötig und möglich - übernommen hat. Der Umfang des theoretisch Erforderlichen wurde indes nicht nach einem in diesem Zusammenhang eher fragwürdigen wissenschaftlichen Theorieideal bemessen, sondern nach der Funktion, die der Künstlertheorie als der wichtigsten Quelle zur Erschließung des Kunstbegriffs zukommt. Für die Erfüllung dieser Funktion ist nicht mehr und nicht weniger an Theorie gefordert, als daß die Künstleräußerungen durchgängig systematisiert werden.

Die Systematisierung hat sich hier freilich nicht nur in der Bearbeitungsmethode, d. h. in der bereits erwähnten systematischen Gliederung, Gewichtung und Verknüpfung der Gesprächs auf Zeichnungen erschöpft, sondern auch der Gesprächsführung selbst sind systematische Gesichtspunkte zugrunde gelegt worden. Für die Auswahl der Themenbereiche und des Fragenspektrums war es daher entscheidend, daß durch sie eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit allen wesentlichen Aspekten des Waltherschen Kunstentwurfs sowie mit zentralen Kunstfragen unserer Zeit ermöglicht worden ist. Die Formulierung der einzelnen Themen und Fragen sollte dabei einerseits inhaltlich spezifisch genug ausfallen, um die Eigenheiten der Ideenwelt Walthers zu erschließen, und andererseits begrifflich so allgemein gewählt sein, daß über sie auch der Zusammenhang mit ganz anderen künstlerischen oder kunsttheoretischen Überlegungen herstellbar wird.

Um nicht für die Überwindung des Subjektivismus der herkömmlichen Künstlertheorien einen zu hohen Preis zahlen zu müssen, ging alles systematische Bemühen mit der Absicht einher, die Authentizität der Waltherschen Äußerungen unbedingt zu wahren. Sie sind, auch wo sie vieldeutig, mißverständlich oder widersprüchlich erscheinen könnten, soweit möglich dem Wortlaut, immer aber dem Sinn nach übernommen worden. Der so ausgearbeitete Text ist dann von Walther noch zusätzlich auf die genaueste Übereinstimmung mit seinen Auffassungen und seinem Sprachstil abschnittweise gegengelesen worden, und in Erwägung der von ihm vorgeschlagenen Änderungen haben wir uns gemeinsam auf die vorliegende Fassung verständigt. Darüber hinaus war es um der Authentizität willen - und nicht etwa aus Mangel an unterschiedlichen Auffassungen - notwendig, darauf zu verzichten, die Dialoge in der Form von Streitgesprächen zu führen. Denn im Verlauf jeder kontroversen Diskussion wird statt des sachlichen Argumentierens zunehmend das rhetorische Reagieren begünstigt, so daß die Aussagen allzu leicht in ihrer Substanz verfälscht werden. Es ist zu hoffen, daß durch diese Einschränkung des dialogischen Prinzips sich umso mehr das Bedürfnis des Lesers vergrößert, selbst den Part des Advocatus Diaboli zu übernehmen und den Dialog fortzuführen.

Ich danke Rainer Walther für seine geschätzte Mitarbeit, und Franz Erhard Walther für sein Vertrauen, ohne das es dieses Buch nicht gäbe.

Michael Lingner

Anmerkungen:

(1) A. Hauser: Im Gespräch mit Georg Lukacs. München 1978, S. 9.

(2) Dieter Henrich: Kunst und Kunstphilosophie der Gegenwart. Überlegungen mit Rücksicht auf Hegel. In: W. Iser (Hrsg.): Immanente Ästhetik - Ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma. München 1966, S. 524.

(3) Vgl. "Der Kunsthistoriker soll Partner, zum historischen Organ des Künstlers werden; der Künstler soll gleichsam sein Auftraggeber werden. Es fehlt an diesem Konzept (von H. Belting: Das Ende der Kunstgeschichte. München 1983) nur ein kleiner Schritt zu dem Schluß, daß der Kunsthistoriker selbst Künstler wird oder wenigstens Teilfunktionen des Künstlers übernimmt". Aus: Martin Warnke: Ästhetik. Eine Kolumne. In: Merkur Heft 5/1984, S. 566.


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