Planung und Verlauf des Symposiums „Romanticism Revisited“

basierend auf Auszügen aus dem von Christiane Wehr in Stichworten verfassten Protokoll des Symposiums

(1) Planung

Auszüge aus Schreiben von Michael Lingner an die KünstlerInnen und ExpertInnen

Betr.: Einladung zu einem Symposium an der HfbK Hamburg im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Kunsthaus Hamburg zum 200. Todestag von P. O. Runge (innerhalb der HfbK-Veranstaltungsreihe „querdurch“) am Fr., 07.05.2010, ab 14 Uhr bis Sa., 08.05.2010, ca. 18 Uhr.

In der seit Herbst 2009 laufenden Vorbereitungs- und Konzeptphase der Ausstellung sind für die von mir eingeladenen KünstlerInnen verschiedene Materialien zu Runge verfügbar gemacht und monatliche Besprechungen durchgeführt worden. Mit den zusätzlich von jeder/jedem selbst recherchierten Materialien und im Rahmen der Projektbeschreibung sowie den räumlichen Gegebenheiten hat eine von Runges romantischen Ideen und seinem Kunstbegriff (weniger von seinen Bildern) und vor allem eine vom je eigenen Arbeitsansatz ausgehende künstlerische Auseinandersetzung stattgefunden, die in einen utopischen und/oder realisierbaren Projektvorschlag für die Ausstellung mündet.

Bei dem geplanten Symposium kommt es darauf an, dass eine intensive und offene Auseinandersetzung mit den von den KünstlerInnen dort vorgestellten Konzepten stattfindet. In erster Linie soll die Diskussion zwischen den KünstlerInnen und den Experten in einem noch zu bestimmenden Setting stattfinden, aber andere TeilnehmerInnen können sich auch einbringen. Ziel soll es sein, dass die KünstlerInnen ohne Auswahldruck ein qualifiziertes Feedback bekommen, auf das sie bei der Weiterarbeit an ihrem Projekt reagieren können. Es handelt sich also um ein kollegiales, wenn auch öffentliches Arbeits- und ganz und gar nicht um ein Auswahltreffen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt in der 2. Jahreshälfte 2010 wird auf der Basis der dann fertiggestellten Konzepte, Modelle usw. sowie der persönlichen Situationen über die Realisierung der Vorschläge für die Ausstellung entschieden.

Beim letzten jour fixe am Fr., 09.04.2010, hatte es im kleinen Kreis eine kurze Generalprobe für die Symposiumsveranstaltung gegeben. Aufgrund der dabei gewonnenen Erfahrungen werde ich für die Präsentation und Besprechung der Arbeiten auf der Tagung eine Struktur vorbereiten und vorschlagen, die aber selbstverständlich bei Bedarf modifiziert werden kann. Außerdem hat sich herausgestellt, dass eine Moderation bestimmt nicht schaden kann. Diese Aufgabe wird meine euch noch unbekannte Tutorin [...] übernehmen, die auch durch ihre Erfahrungen im Bereich der Kunstvermittlung darauf gut vorbereitet ist. Außerdem bin ich froh, dass seit dem 01.04.2010 für die Betreuung der „querdurch“-Veranstaltungsreihe, in dessen Rahmen ja unsere Tagungs-/Symposiums- Vorhaben stattfindet, als Mitarbeiterin die Doktorandin [...] zur Verfügung steht, die auch die Publikation mitbetreuen wird.

Was schließlich das Wichtigste, nämlich eure Beiträge auf der Tagung betrifft, so möge sich jeder überlegen, auf welche Weise die eigenen Ideen sich am besten so präsentieren lassen, dass sie gut nachvollziehbar und diskutierbar werden, damit man selbst und die (Weiter-)Arbeit möglichst viel von der Besprechung profitieren können. Dazu ist es beim jetzigen Arbeitsstand eher empfehlenswert, noch keine ultimativen Werke, sondern eher Vorschläge, Ideen, Konzepte, Modelle zu präsentieren, die eine gewisse Offenheit aufweisen und möglicherweise auch verschiedene Fragen aufwerfen. Welche zusätzlichen Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis eurer Entwürfe erforderlich erscheinen und welche Präsentationsform geeignet ist, muss jeder für sich entscheiden. Dabei ist zu beachten, dass für Präsentation und Diskussion jedes Beitrages nicht mehr als ca. 1 Std. zur Verfügung stehen kann.

Es ist wichtig, sich stets zu vergegenwärtigen, dass auf dem Symposium keine künstlerischen Arbeiten verhandelt werden, sondern eure Ideen, Vorstellungen, Modelle, d. h. Konzepte von künstlerischen Arbeiten. Und zwischen Konzepten und darauf basierenden Arbeiten können erhebliche Differenzen bestehen – positive wie negative. Konzepte lassen sich lohnender und leichter besprechen als die Arbeiten selbst.

- Lohnender, da Konzepte noch unfertig, veränderbar, verbesserbar, präzisierbar … sind

- Leichter, da Konzepte weitgehend sprachlich/begrifflich formuliert sind und der Material-, d. h. schwerer verbalisierbare Anmutungsaspekt eher unberücksichtigt bleiben kann. Außerdem ist die persönliche Identifikation der KünstlerInnen mit ihren Konzepten wahrscheinlich geringer als bei den fertigen Arbeiten, sodass eine größere Distanz besteht, die mehr Offenheit ermöglicht.

Grundsätzlich sollte nicht vergessen werden, dass eure Vorschläge durch Runge und die Romantik zwar inspiriert sein sollten, aber dadurch der Eigenwert und die immanente Stimmigkeit jedes Arbeitsvorhabens nicht unwichtiger werden.

Für jede künstlerische Präsentation ist folgender Ablauf geplant:

1. Vor jeder Präsentation werden aus den anwesenden KünstlerInnen und Experten je zwei ermittelt, die bei der Besprechung die Rolle eines Pro- bzw. Contra-Anwalts innehaben, d. h. positiv für oder negativ gegen die vorgestellte Konzeption zu argumentieren versuchen. Dazu wird jeder anwesenden Person eine unterschiedliche Spielkarte aus einem von Runge gezeichneten und dann in Holz gestochenen Kartenspiel #1 zugeordnet. Aus allen vergebenen Karten werden zu Beginn jeder Besprechungsrunde je 2 von den KünstlerInnen und Experten für die Pro- und Contra- Rollen blind gezogen.Auch die Reihenfolge der Präsentation wird derart bestimmt.

2. Präsentation des künstlerischen Konzepts (30 Min.)

3. Pro-Experte plädiert

4. Contra-KünstlerIn plädiert (zusammen 5 Min.)

5. Pro-KünstlerIn plädiert

6. Contra-Experte plädiert (zusammen 5 Min.)

7. 2 Experten können Pro oder Contra argumentieren; 2 KünstlerInnen können Pro oder Contra argumentieren (zusammen 10 Min.) (Vorrangige Berücksichtigung der zuvor noch nicht zu Wort gekommenen Experten/KünstlerInnen)

8. Interessierte aus dem Publikum können pro oder contra argumentieren (10 Min.)

9. Autor des präsentierten Konzepts antwortet (5 Min.)

Folgende positive Auswirkungen soll das vorgeschlagene Setting haben. Es soll zur Objektivierung des gesamten Verfahrens beitragen:

- Vergleichbarkeit der zeitlichen Bedingungen

- Vergleichbarkeit des formalen Vorgehens

- Versachlichung der persönlichen Beurteilung

- Versachlichung der inhaltlichen Argumentation

- Angestrebt wird die Eskalation und Explikation von Differenzen, aber nicht im Sinne einer destruktiven Polarisierung, sondern um gegen die Kartelle falscher Konsense produktive Klärungen, Präzisierungen, Auseinandersetzungen zu forcieren, um mit dieser anderen Symposiumsform zu handlungsrelevanten Entscheidungsfindungen beizutragen. Schließlich wird im Kunstbereich oft auf eine unverantwortliche Weise rumgequatscht…

(2) Verlauf

Als KünstlerInnen haben teilgenommen:

Lang, Volker

Lingner, Michael (ab 08.05. mittags)

Rehlich, Sabine

Rost, Günther

Striebel, Bernhard

Temper, Sven

Timme, Jan Tobiassen, Maria

Als ExpertInnen haben teilgenommen:

Bertsch, Markus (Kunsthalle Hamburg, Kurator Runge-Gedenkausstellung) Schenker, Christoph (Theoretiker, Hochschule der Künste Zürich)

Lingner, Michael (Künstler-Theoretiker, HfbK Hamburg) ab 08.05. mittags Mewes, Claus (Leiter Kunsthaus Hamburg)

Als ExpertInnen waren auch eingeladen:

Diercks, Goesta (Kurator, Kunsthaus Hamburg)

Heiser, Jörg (Kurator u. a. „Romantischer Konzeptualismus“)

Rottmann, André (Ltd. Redakteur „Texte zur Kunst“)

Martin Köttering wünscht vor Beginn der Veranstaltung viel Erfolg.

Begrüßung der Teilnehmenden durch Julia Ziegenbein; Darlegung der besonderen Situation aufgrund der Abwesenheit von Michael Lingner wg.Krankenhausaufenthalts; Danksagungen an alle Beteiligten. J. Z. verliest als Einführung Textausschnitte zum Ausstellungskonzept und zum Anlass und Ziel des Symposiums. Sie erklärt die von M. L. vorgeschlagene Diskussionsstruktur mit ihren „strengen Regeln“ und verliest die Begründungen von M. L. für das vorgeschlagene Setting (allgemeines Schmunzeln). Erläuterung, wie es zur Rollenauswahl kommt; Spielkarten von P. O. Runge werden kurz gezeigt. Allgemeine Vorstellungsrunde; u. a. berichten teilnehmende KünstlerInnen kurz, was bisher gelaufen ist.

Beginn:
TeilnehmerInnen ziehen Karten, die von der Tutorin Cornelia Schatte herumgereicht werden.

1. Runde Künstler: Bernhard Striebel

Pro-Experte: Schenker, C./Contra-Experte: Mewes, C.

Pro-Künstlerin: Rehlich, S./Contra-Künstler: Rost, G.Bernhard

S. erklärt, was an der Wand zu sehen ist; es geht um die Atmosphäre im Ausstellungsraum; Einbeziehung der Blendwand vor der Fensterfront zur Lichtveränderung; zwei Typen des Lichts: natürliches Licht von draußen und künstliches Licht im Galerieraum; seine drei Vorschläge beziehen sich unabhängig voneinander auf diese Lichtsituation:

1. Präsentation der als Modell nachgebauten Fensterfront von außen und innen; den Raum hinter der Blendwand thematisieren und begehbar machen; hierzu Fenster freilegen, transparente und bewegliche Vorhänge installieren, die eine Filterfunktion haben; Blendwand davor komplett versilbern, wobei die Versilberung um die Ecke nach vorne gezogen wird; Spiegelung der Betrachter und des Lichts als Attraktionspunkt, um Betrachter hinter die Wand zu locken.

2. Vorschlag reagiert auf die Deckenbeleuchtung; Veränderung des statischen Lichts in der Galerie durch Dynamisierung, Rhythmisierung; 20 zusätzliche dimmbare Lampen; programmierbare Auf- und Abblendung der Lampen wie Sonnenauf- und Untergang, Abblendung der Lampen. Statisches Licht dynamisieren im Rhythmus, Licht modifizieren.

3. Vorschlag verbindet die beiden ersten; gräuliche Wandbemalung, um Situation für sich sprechen zu lassen; in der Galerie wird das Licht abgesenkt; Exponate müssen separat ausgeleuchtet werden. Eingehen auf Atmosphäre des Ausstellungsraums hat viel mit Romantik und Runge zu tun; der Begriff beschreibt etwas sehr Vages; wichtig: Atmosphäre ist etwas, in dem man sich befindet, und nicht, was einem gegenübersteht.

Anschließende Diskussion des Vorschlags von Bernhard S., wobei S. Rehlich als Künstlerin sowie M. Bertsch und C. Schenker als Experten Bedenken gegen das Rollenspiel äußern.

2. Runde: Künstler: Volker Lang

Pro-Experte: Mewes, C./Contra-Experte: Bertsch, M.

Pro-Künstler: Timme, J./Contra-Künstlerin: Tobiassen, M.

Beitrag: siehe S. 79/Diskussion: siehe S. 41

3. Runde: Künstler: Günther Rost

Pro-Experte: Bertsch, M./Contra-Experte: Schenker, C.

Pro-Künstler: Timme, J./Contra-Künstler: Temper, S.

Platz der Arbeit steht noch nicht fest; vielleicht Wandmalerei im Eingangsbereich; große Sprachbilder, bemalte Glasscheiben, plastische Elemente in den Wandbildern anbringen; gesucht wird eine leichte Lösung, die baulich und künstlerisch möglichst offen bleibt; bei Verwendung von Glas im Kunsthaus stellt sich die Frage der Sicherheit; anhand von Katalogen werden Arbeitsbeispiele gezeigt…

Beim Morgen von Runge ist das Licht zu kompliziert; es stellt sich die Machbarkeitsfrage; bei Runge immer Licht und Sonne auf den Bildern, kein Regen; – im Norden düsterer? Hoffnung auf besseres Wetter? Verweis auf Zeichnungen von Runge; das Zeichnen ist handwerklich exakt, abersehr spontan und naiv im Vergleich zu den eigenen exakten Bildern; Zitat Rost: „Sind wir nicht alle ein bisschen Runge?“ Alle sind schon längst beeinflusst durch Runge; z. B. Lichtarchitektur in der Hafencity: Glasbauwerke, Glaszeitalter, Elbphilharmonie; Verhältnisse zwischen Künstlern und Großprojekten. Anschließende Diskussion des Vorschlags von Günther Rost.

Samstag, 08.05.2010

Zu Beginn Begrüßung und die Frage, ob das Setting beibehalten werden soll; Diskussion und Abstimmung, ob weiterhin das Procedere mit den Karten erfolgen soll; Ergebnis: 7 dafür, 4 dagegen. Die Struktur wird dann aber ab der 5. Runde doch nicht beibehalten, da nur zwei Experten anwesend sind.

4. Runde Künstlerin: Maria Tobiassen

Pro-Experte: Bertsch, M./Contra-Experte: Schenker, C.

Pro-Künstler: Striebel, B./Contra-Künstlerin: Rehlich, S.

Beitrag: siehe S.131/Diskussion: siehe S. 69

5. Runde Künstlerin: Sabine Rehlich

Überblick über die eigenen Arbeiten; Raumbezug als wichtiger Aspekt – Beispiele aus verschiedenen früheren Ausstellungen in Celle, Frankfurt, Hamburg; Schwerpunkt liegt auf Farbe und Sprache, Schrift, Zeichnung, Chiffre, Ornament. Vorschlag Runge-Ausstellung: Erster Aspekt: Kunsthausfassade, acht abgeklebte Fenster; bestehende Situation der Fensterfas-sade und Blendwand aufbrechen; Übergang vom Innen- in den Außenraum durch die Wahrneh-mung des Betrachters; vor dem Kunsthaus stehend soll schon ein Signal sichtbar werden; drinnen schaut man mit den Gedanken, die man sich schon draußen gemacht hat; insofern gedankliche Durch-dringung von Innen und Außen; Entgrenzung, das Schlegel’sche Schweben und Aufbruch.Zweiter Aspekt: Licht und Farben, Transparenz, Überlagerung, Schichtung.Dritter Aspekt: Zeit und Licht, Tageszeiten, Werden und Vergehen, Anfang, Erinnern, alles Stichworte der Romantik, Zukunft erwarten, Fernweh, Heimweh nach der Vergangenheit, Uranfang, Vordringen in den Orient, Mythos, tiefere emotionale Eindringungen in die Geschichte; reale Freilegung der Oberlichter verändert den verschlossenen Charakter des Raums; der Tagesablauf wird innen sichtbar; die Leuchtstoffröhren werden ebenfalls von außen sichtbar; Papierklebungen in den Scheiben der Fenster mit floralen Motiven in Laser- oder Tintenstrahldruck (Beispielblätter werden gezeigt); digitale Ausdrucke mit Pixeln und Tropfen verweisen auf die Runge nachfolgenden Impressionisten; Übertragung der Motive auf Außenfenster als Silhouette; da die Ausstellung im Winter eröffnet wird, Assoziation zu Eisblumen und Scherenschnitten; wie die Entwürfe letztlich aussehen, wird auch von der Korrespondenz zu den anderen Künstlern abhängen.

Begrüßung von Michael L. durch J. Z. Sie erläutert ihm, wie das geplante Procedere der Verhandlung modifiziert wurde. Zwar hatte die Anwendung der strengen Regeln bestimmte Vorteile: Größere Distanz, man hat eher Argumente gesucht und hat sich nicht so eingeschossen, Spielerisches sich nicht so angegriffen fühlen … war aber aufgrund zu weniger Experten nicht mehr praktikabel.

6. Runde Künstler: Sven Temper

Beitrag: siehe S. 105/Diskussion: siehe S. 54

7. Runde Künstler: Jan Timme

Beitrag: siehe S. 119/Diskussion: siehe S. 61

8. Runde Künstler: Michael Lingner

Beitrag: siehe S. 89/Diskussion: siehe S. 48.


Anmerkungen

1 Über das Kartenspiel urteilt der Runge-Spezialist Jörg Treger: „Doppelköpfige Spielkarten waren noch im 18. Jahrhundert auch in Frankreich durchaus selten, und in Mitteleuropa scheinen Runges Karten überhaupt alleine in ihrer Zeit da zu stehen.“ Und der romantische. Dichter Clemens Brentano bemerkt dazu: „Ich finde diese Buben so galant, so verschwärmt und so keck… die Damen so verzu- und veranmuthet…“


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