Romanticism Revisited #1 Kuratorisches Konzept und seine Umsetzung

aus Michael Lingners nachträglich redigierten Unterlagen für die KünstlerInnen

(1) Kuratorisches Konzept

M.L. erläutert, dass beim Runge-Projekt auch ein anderes Kuratorenverständnis praktiziert werden soll, das durch die besonderen Umstände in zeitlicher, personeller und finanzieller Hinsicht generell möglich ist. Er weist daraufhin, dass es für alle Beteiligten anders als sonst bei Ausstellungsprojekten sein wird und der gesamte Entstehungsprozess (sowohl der einzelnen Arbeiten als auch der gesamten Ausstellung) integraler Bestandteil des Projektes ist. In einem ersten Schritt werden zunächst Konzepte für mögliche Beiträge erarbeitet. Die fertig gestellten Konzepte werden auf einer öfentlichen Konferenz präsentiert und die TeilnehmerInnen entscheiden für sich und möglichst gemeinsam im Konsens welche Konzepte für die Ausstellung realisiert werden sollen.

Diese Konzeptphase soll im Bd. 1 der geplanten Publikationen Ausdruck finden. Alle Beteiligten mögen darum bereits während ihrer Arbeit daran denken, diese für Bd. 1 der Publikation zu dokumentieren. Im Anschluss an das 1. Symposium besteht Gelegenheit zur Überarbeitung und ggf. für die weitere Ausarbeitung des Konzepts im Hinblick auf dessen praktische Realisierbarkeit. Danach beginnt der Eintritt in die Realisierungsphase. Auch in dieser Phase bestehen für die KünstlerInnen und den Kurator noch keinerlei Verpflichtungen hinsichtlich der Ausstellungsteilnahme. Insofern soll es nicht die übliche Fixierung auf die Ausstellung als Zielpunkt geben, sondern für die Qualität des Projekts wird auch der Selbstwert aller Arbeitsprozesse als entscheidend angesehen. Das Motiv der KünstlerInnen für die Teilnahme am Projekt sollte die Lust an der individuellen und gemeinsamen Auseinandersetzung mit Runge unter den gegebenen und von allen mit zu bestimmenden Bedingungen sein und nicht primär die Beteiligung an einer Ausstellung.

Das Projekt soll weitestmöglich kooperativ durchgeführt werden, wozu ein Höchstmaß an Transparenz und Parität zwischen allen Beteiligten angestrebt wird. Dass mit der Einladung zur Teilnahme an dem Projekt beidseitig keine feste Zusage für die Ausstellungsbeteiligung verbunden ist, bedeutet keinerlei Misstrauen gegenüber der von den Beteiligten zu erwartenden künstlerischen Qualität, sondern ist der Offenheit künstlerischer und kuratorischer Prozesse sowie ggf. den Unwägbarkeiten von persönlichen Lebensumständen geschuldet.

(2) Umsetzung des kuratorischen Konzepts

Den teilnehmenden Künstlern wird eine intensive kuratorische Begleitung und Betreuung angeboten, so dass sie durch eine gezielte Auseinandersetzung mit Runge und der Romantik spezifische und neue Impulse für ihr Schaffen erhalten können:

- Ab Oktober 2009 sind die Nachgelassenen Schriften von und über P. O. Runge über das ArchivSystemKunst verfügbar.

Es kann im gesamten Runge-online-Archiv nach interessierenden Begriffen, nach Spezialthemen (wie Farbe oder Musik) oder nach Aussagen zu verschiedenen Werken Runges (unter deren Titel) über die -> TEXTSUCHE gezielt recherchiert werden.

- Einzel- oder Gruppengespräche zwischen Kurator und KünstlerInnen sind ab NOV. 2009 ebenso vorgesehen wie die zum Kennenlernen besonders geeignete nähere Beschäftigung mit Runges Person u.a. durch den Text von Michael Lingner: Ist P. O. Runges romantisches Künstlerethos zu idealistisch

- Im Sinne der angekündigten intensiven kuratorischen Betreuung bin ich telefonisch oder per mail ansprechbar. Darüber hinaus gibt es die Anregung, einen monatlichen jour fix als gemeinsamen Besprechungstermin zu vereinbaren, der je nach Bedarf/Möglichkeit von den Einzelnen wahrgenommen wird.

Wie wäre es jeweils mit dem 1. Samstag im Monat ab 16 Uhr in der HfbK ?

- Als allgemeine Thematik sollte möglichst bald auch über die Eigenheiten des Rungeschen Kunstbegriffes und seine Zukunftsträchtigkeit genauer zu sprechen sein, nachdem nun der organisatorische Rahmen weitgehend geklärt ist.

- Unten folgen noch Angaben zu 3 weiteren Texten von Michael Lingner, die als Grundorientierung zu Runge und zu der Ausrichtung des Projektes und seines Konzeptes besonders geeignet sind. Sie können eine gemeinsame Basis für unsere inhaltliche Diskussion von Runges Kunstbegriff bilden:

Der Ursprung des Gesamtkunstwerkes aus der Unmöglichkeit «Absoluter Kunst»

Die Musikalisierung der Malerei bei Ph. O. Runge

Ergänzt um eine Parallelen aufweisende Zitatensammlung aus W. Kandinskys Buch 'Über das Geistige in der Kunst' -> siehe Schlussteil von: Die Konvergenz der Künste

- Zusätzlich stellt der Kurator eine für Runge, die Romantik und die Ausstellungsthematik typische Textauswahl aus den Schriften Runges zusammen:

Die folgenden Links zu einer Auswahl wichtiger Runge-Briefe sind chronologisch geordnet und erschließen sich auch in dieser Reihenfolge bei der Lektüre am besten. Die bibliografischen Angaben bezihen sich auf die entsprechende Ausgabe der „Hinterlassenen Schriften“

Es handelt sich um 12 Briefe aus der Zeit von 1801-1803, in der Runge sich vom klassizistisch orientierten Künstler, der durch die Teilnahme an Goethes „Weimarer Preisaufgabe“ nach Anerkennung strebt, zum Prototyp des romantischen Künstlers entwickelt. Während dieser sog. romantischen Wende formuliert Runge programmatisch seinen romantischen Kunstbegriff in nachfolgenden Briefen auf eine weitergehende Weise theoretisch als ihm zunächst die praktische Realisierung gelingt.

Über die in jedem Brief auszumachende theoretische Substanz hinaus enthalten die Texte natürlich auch viel Persönliches und möglicherweise redundant Erscheinendes. Aber dieser sozusagen literarische Kontext kann ein Gefühl für die Person und die Zeit vermitteln, was -ganz im romantischen Sinn- die Erweiterung des buchstäblichen Verständnisses ermöglicht…

1801

Philipp Otto Runge: An Johann Michael Speckter in Hamburg

Philipp Otto Runge: An Conrad Christian Böhndel in Kopenhagen

Philipp Otto Runge: An Daniel Runge in Hamburg

1802

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Böhndel nach Dresden

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Ludwig Tieck

1803

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Daniel

Philipp Otto Runge: An Quistorp in Greifswald

(3) Kuratieren als Prozess der Selbstbestimmung

Aufgrund meiner kontinuierlichen Beschäftigung mit Fragen der Autonomie und Selbstbestimmung #1, d.h. konkret mit der Problematik von Auswahlprozessen im Kunstsystem kam es mir darauf an, das Runge-Projekt auch als ein Experiment durchzuführen: Wie kann erreicht werden, dass nach einer anfänglichen Vorauswahl durch den Kurator dann im Projektverlauf keine weiteren Auswahlentscheidungen über Ausstellungsbeteiligungen von KünstlerInnen mehr getroffen werden müssen?

Diese Frage stellt sich insbesondere bei sog. thematischen Ausstellungen, für welche die Arbeiten erst produziert werden sollen. Unter dem Gesichtspunkt der Parität wäre es problematisch, wenn Kuratoren hier die Künstler gleichsam „blind buchen“ würden, während sich die Künstler auch aus künstlerischen Gründen ihre Lieferung offen lassen (müssen).

Wie im gesamten Kunstsystem (Galerien, Kunstvereine, Museen) so stellt sich die Selektionsproblematik in modifizierter, aber besonders gravierender Weise natürlich auch an den Kunsthochschulen – vor allem bei den Entscheidungen in den Aufnahmeprüfungen und bei den Probesemestern. Meine jahrelange Beteiligung an solchen Selektionsprozessen hat zu der Überzeugung geführt, dass der einzig menschlich akzeptable, fachlich adäquate, überhaupt verantwortbare und letztlich wohl auch verlässlichste Selektionsmodus die Selbstauswahl darstellt.

Diese ethische Forderung verliert ihren vermeintlich weltfremden Idealismus, wenn ihre Umsetzung an bestimmte Voraussetzungen geknüpft wird. Es wäre weder lediglich eine verwaltungstechnische, noch nur hochschul- oder bildungspolitische, sondern auch eine originär künstlerische Aufgabe, solche Studienbedingungen zu schaffen, die eine gelingende Selbstauswahl und Selbstbeurteilung der Studierenden mit Unterstützung der Lehrenden möglichst wahrscheinlich machen. Ein entscheidender Aspekt ist dabei die Selbstverpflichtung aller Beteiligten auf bestimmte Ansprüche und deren glaubwürdige Aufrechterhaltung. Vielleicht lässt sich sogar so weit gehen, dass die als Zugangsbedingung für das künstlerische Studium geforderte "Begabung" noch am ehesten an der Fähigkeit zur Selbstauswahl zu erkennen ist. Künstlerische Lehre bestünde dann darin, den einzelnen dabei zu unterstützen, Kriterien zu entwickeln und zu formulieren, nach denen er sich selbst künstlerisch beurteilt (sehen möchte) und diese in Relation zu anerkannten Standards zu diskutieren. Darin könnte eine gute Studienreform bestehen.

In diesem Sinn hat der gesamte aufwendige Kuratierungsprozess in seiner pogrammatischen Offenheit mit seinen unzähligen Kontakten und Diskussionen beim Runge-Projekt vor allem dazu gedient, möglichst gute Voraussetzungen für die gelingende Selbstauswahl der KünstlerInnen zu schaffen. Was für die einzelnen KünstlerInnen allemal bedauerlich sein mag und den Kurator jedes Mal geschmerzt hat, wenn sich die Selbstauswahl negativ realisiert hat, ist für das romantisch inspirierte kuratorische Experiment und für den Glauben an das Selbstbestimmungsvermögen von Menschen eine positive Bestätigung.

Ohne Eingriffe des Kurators haben folgende KünstlerInnen (alle per mail) ihre Beteiligung an dem Projekt aufgegeben. Um davon einen klimatischen Eindruck zu vermitteln, aber die Anonymität der Betroffenen zu wahren, folgen auf die chronologisch geordneten Absagen daraus kurze Auszüge in zufälliger Reihenfolge.

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Albrecht Hausotter

Gesendet: Freitag, 5. März 2010 20:30

An: Michael Lingner

Betreff: Re: Runge-Projekt / jour fix

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: andreas oldörp

Gesendet: Montag, 17. Mai 2010 12:50

An: Michael Lingner

Betreff: runge

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Sabine Rehlich

Gesendet: Samstag, 10. Juli 2010 14:36

An: Michael Lingner

Betreff: Re: WG: Treffen am 10.7. => Publikation/ etc.

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Bernhard C. Striebel

Gesendet: Mittwoch, 25. August 2010 10:38

An: Michael Lingner

Betreff: Treffen

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Guenther Rost

Gesendet: Donnerstag, 7. Oktober 2010 11:02

An: Michael Lingner

Betreff: Absage

„Ihr Lieben!

Eigentlich wollte ich mich heute bei euch persönlich verabschieden…“

„Lieber Michael,

kam heute von dem mehrtägigen Besuch bei meiner Mutter zurück und bin ausgepowert... …lassen mich zu dem Schluss kommen, dass es wohl besser sein wird, …meinen Beitrag, so wie er ist, im konzeptuellen Bereich zu belassen….“

„Hallo Michael,

nach langem hin und her, möchte ich bei der Runge Ausstellung im Kunsthaus nicht mehr mit machen. Mir ist das einfach alles zu viel und zu kompliziert geworden,…“

„lieber michael,

…ich wäre also ganz einverstanden, und bitte darum, mein mitwirken gänzlich aus dem zusammenhang dieses projektes zu entfernen…“

„Hallo Herr Lingner,

werde zum morgigen Treffen nicht kommen können.

Und teile hiermit darüber hinaus meinen Ausstieg aus dem Runge-Projekt mit…“

Anmerkungen

1 Vgl. Lingner, Michael: Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute


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