Romanticism Revisited #1 Ausstellungskonzept

aus Michael Lingners nachträglich redigierten Unterlagen für die Runge-Stiftung, die Kunsthausleitung und die KünstlerInnen

(1) Anlass

Im Jahr 2010 jährt sich der Todestag des in Hamburg 1810 verstorbenen Philipp Otto Runges zum 200. Mal. Zweifellos ist Runge einer der wenigen epochenbestimmenden, d. h. Weltkünstler, der mit Hamburg eng verbunden ist. Runge hat nicht nur mit seiner Familie hier gelebt und war in vielfältiger Weise kulturell eingebunden, sondern an diesem Ort sind überdies seine romantischen Hauptwerke mit wesentlicher Unterstützung des auch in Hamburg ansässigen Bruders Daniel entstanden. Darüber hinaus ist Runge um 1900 durch Alfred Lichtwark, den damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle, überhaupt erst (wieder)entdeckt worden. Seitdem ist Runges Werk – nicht zuletzt durch die große Ausstellung zu seinem 200. Geburtstag 1977 in der Hamburger Kunsthalle – so wie sonst nirgends gesammelt, gepflegt und gezeigt worden.

Obwohl Runges Bedeutung als einer der Gründungsväter der Moderne seit dem damaligen Ausstellungszyklus von Werner Hofmann zur Kunst des 19. Jahrhunderts unumstritten ist, hat die Kenntnis und Beachtung seines für die Romantik prototypischen Werkes und Gedankengutes in den vergangenen 30 Jahren nachgelassen. Andererseits erwacht aber gerade wieder ein generelles Interesse am Romantischen in der Kunst, wie es etliche Ausstellungen und Publikationen aus der jüngeren Vergangenheit zeigen (z. B.: „Wunschwelten. Neue Romantik in der Kunst der Gegenwart“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2005 /“Romantischer Konzeptualismus“, Kunsthalle Nürnberg 2007).

(2) Ausstellung

Umso mehr soll Runges 200. Todestag als Anlass genommen werden, um das seinem Kunstentwurf innewohnende große Potenzial wieder zu vergegenwärtigen und zu verbreiten. In Ergänzung zu der historisch angelegten, in der Kunsthalle stattfindenden Schau soll das Ausstellungsprojekt Runge Heute: Konstruierte Empfindung – Beobachtbare Zeit (Romanticism Revisited. Time and Emotion under Construction) in erster Linie eine aktualisierende und regional fokussierte Auseinandersetzung mit Runge leisten, wobei ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet wird, romantisch inspiriertes zeitgenössisches Kunstschaffen auch an die jüngere Generation zu vermitteln.

Für die Auswahl der Exponate dieses Ausstellungsprojektes werden wesentlich zwei Aspekte bestimmend sein, die sich zusammenfassend als ideengeschichtliche und als ikonografische Sichtweise kennzeichnen lassen. In beiden Fällen wird es um Zeitlichkeit in Material-, Handlungs-, Denk- und Verbildlichungsprozessen gehen. Dabei sollen insbesondere Formen der inneren und äußeren Naturerfahrung als Werden und Vergehen (wie etwa in den Tages- oder Jahreszeiten) sowie auch generell Schöpfungsprozesse und ihre Initiierung sowie Modellierung („Erste Figur der Schöpfung“) den Mittelpunkt bilden und untersucht werden.

Dieser Themen- und Fragenkomplex soll einerseits mehr durch a) skulpturale und installative Exponate real erfahrbar gemacht und andererseits b) durch verschiedene visuelle Medien eher bildlich dargestellt werden. Dabei ist davon auszugehen, dass die bildlichen Arbeiten in der Regel aus einem vorhandenen Fundus ausgewählt werden, während die skulpturalen und installativen Objekte für die Ausstellung eigens erstellt werden. Es ist geplant, dass der Ausstellungsteil a) schwerpunktmäßig von M. L. kuratiert wird und auch im Kunsthaus stattfindet. Für die von M. L. im Spätherbst 2009 anzusprechenden KünstlerInnen wird eine intensive vorbereitende Betreuung angeboten. Zur gezielten Auseinandersetzung mit der Romantik und mit Runge werden umfängliche und wesentliche seiner Texte den KünstlerInnen als Materialien zur Verfügung gestellt, sodass sie spezifische und neue Impulse für ihr Schaffen erhalten.

Alle Anstrengungen dienen einer lebendigen Tradierung des Runge’schen Kunstentwurfs auf der Produzenten- und der Rezipientenseite. So soll eine Untersuchung und Bestandsaufnahme zur Aktualität des Runge’schen Werks für künstlerische Strategien der Gegenwartskunst seit den siebziger Jahren als dem Zeitpunkt des letzten Runge-Jubiläums erreicht werden. Insofern beabsichtigt M. L. eine auf diesen Zeitraum bezogene, alle Generationen umfassende Aufforderung an etwa 10 KünstlerInnen zur Teilnahme zu richten, von denen die meisten in Hamburg leben und arbeiten oder durch Studium und/oder Lehrtätigkeit an der hiesigen Hochschule für bildende Künste weiterhin Hamburg eng verbunden sind. Dabei wird auch besonderer Wert auf das Bestehen von Lehrer-Schüler-Verhältnissen (wie bei Abildgaard – Runge/Friedrich) gelegt. Für den ikonografisch orientierten Ausstellungsteil wird von der Kunsthausleitung zu gegebener Zeit eine KünstlerInnen-Auswahl vorgeschlagen, sodass die gesamte Spannbreite heutiger Bezugsmöglichkeiten auf Runge und die Romantik in der Ausstellung vertreten sein wird.

(3) Veranstaltungen / Publikationen

a) Im Frühjahr 2010 stellen die für den ideengeschichtlichen Teil a) der Kunsthaus-Ausstellung vorgesehenen KünstlerInnen die Konzepte ihrer dafür geplanten Arbeit(en) bei einer öffentlichen Veranstaltung im Rahmen der HfbK-Veranstaltungsreihe „querdurch“ in Bild und Text vor und diskutieren darüber untereinander sowie mit einem ausgewählten Kreis von eingeladenden Romantik-Experten.

b) Die Dokumentation dieser KünstlerInnen-Konferenz mitsamt der ihnen vorab verfügbar gemachten Informationen und den von den KünstlerInnen entwickelten Konzepten sowie ggfs. anderen relevant erscheinenden Materialien bilden den Bd. 1 der im Winter 2010/2011 zur Ausstellungseröffnung im Kunsthaus erscheinenden Publikation.

c) Während der bis in den Frühsommer laufenden Ausstellung wird neben anderen hoffentlich realisierbaren Events eine überwiegend Abbildungen enthaltende Dokumentation der Arbeiten aller in der Ausstellung vertretenen KünstlerInnen präsentiert und bildet den Bd. 2 der vorgesehenen Publikationen.

d) Nach der Ausstellung zum Ende des SoSe 2011 (terminlich möglichst abgestimmt mit dem zweiten Teil eines Symposiums an der Kunsthalle) findet in einer öffentlichen Konferenz an der HfbK die Veranstaltungsreihe ihren Abschluss mit dem an einer Kunsthochschule wie für Runge gleichermaßen wichtigen und anderswo weitgehend unbehandelten Thema: Künstlertheorien als Grundlegung künstlerischer Forschung? Dazu sollen KunstwissenschaftlerInnen und (auch an der Kunsthaus-Ausstellung beteiligte) KünstlerInnen möglichst paritätisch Beiträge leisten. Ein Basistext und darauf in vielfältiger Weise reagierende Beiträge bilden den Inhalt des 3. Bandes der Publikationen.

e) Vermittlung: Im Rahmen der Ausstellung sind neben dem unter „querdurch“ stattfindenden Veranstaltungsprogramm auch Vorträge, Führungen, Exkursionen (z. B. Galerie für Landschaftskunst, Kunstverein Springhornhof) und Workshops geplant. Zudem soll ein spezielles Vermittlungsprogramm, besonders für Kinder („Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen“ P. O Runge) angeboten werden. Ein bereits in Grundzügen entwickeltes Vermittlungsprogramm kann von Studierenden der HfBK unter Leitung von M. L. und Betreuung der Kuratoren umgesetzt werden.


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