Michael Lingner

Geleitwort

zur Neuauflage 2003

Das nachfolgende, unverändert gelassene Gespräch über die Grundlehre ist 1990 anlässlich des von den Autoren vorbereiteten und durchgeführten ersten gesamtdeutschen Symposions "Zur Lehre an den Kunsthochschulen" entstanden. Die vorab in der Broschüre "Con-Texte" erschienene Textfassung war für die eingeladenen ReferentInnen und das interessierte Publikum der seinerzeit durch die Hamburger Wissenschaftsbehörde finanzierten Veranstaltung, als Hintergrundmaterial und Impulsgeber gedacht. Aber auch darüber hinaus hat dieser Dialog und die lange verdrängte Grundlagenthematik durchaus Beachtung gefunden, da die Broschüre als eine der meist gefragten HfbK-Publikationen selbst nach der 1994 erfolgten Zweitauflage bald erneut vergriffen war.

Auch wenn die Bemühungen also durchaus Wirkung gezeigt haben und durch etliche Folgeveranstaltungen und Publikationen die Diskussion um die Kunstlehre belebt worden ist, haben sich die eigentlichen Hoffnungen nicht erfüllt. Denn den Autoren lag nie daran, einen theoretischen Diskurs um seiner selbst willen zu führen, sondern ihnen waren und sind alle Überlegungen vor allem im Hinblick auf deren praktische Konsequenzen wichtig. Aber zu nennenswerten, über die bloße Diskussion hinausgehenden produktiven und zukunftsweisenden Folgen für die Lehr- und Studienpraxis ist es bisher an keiner Kunsthochschule und auch an der HfbK - trotz mancher, u.a. mehrjähriger Bemühungen des Senats-Ausschusses für "Lehre und Studium"- nicht gekommen. Statt dessen waren alle, unter den bestehenden (hochschul)politischen Rahmenbedingungen nicht geringen Anstrengungen auf die mühselige Erhaltung des status quo gerichtet.

Wenn nun aber über die bloß rhetorische, organisatorische und bürokratische Mängelbewältigung hinaus, an der HfbK endlich eine tiefgreifende, weitgehend selbstbestimmte und auf die Besonderheiten des künstlerischen Studiums zielende Strukturreform eingeleitet worden ist, freuen sich die Autoren umso mehr über die Initiative des Kollegen Hans Andree, ihrem Gespräch "über die Grundlehre" wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht kann im Zeichen des Aufbruchs unsere Aufarbeitung der historischen Entwicklung und die Problematisierung der inhaltlichen Programmatik jener vom Bauhaus ausgehenden "Grundlehre", ja doch noch Wirkung entfalten und zur Fundierung der aktuellen Diskussionen und Entscheidungen beitragen. Um auch im Grundlagenbereich einen Neuanfang zu ermöglichen, ist freilich ein kurzer, gleichsam der Vergangenheitsbewältigung dienender Rückblick unerlässlich:

Bisher hatten wir es mit einer Situation zu tun, die nicht zuletzt dadurch bestimmt war, dass jeglichen Thematisierungs- oder gar Problematisierungsversuchen der bestehenden Form der "Anfängerbetreuung" regelmässig und im wesentlichen mit zwei immer gleichen Vorbehalten begegnet worden ist:

1.) Man tat so, als würde die einzige mögliche Alternative zum herrschenden Usus der „Anfängerbetreuung" in einer Wiederbelebung der Bauhaus-"Grundlehre" gesehen oder bestehen und meinte, es solle angestrebt werden, ausgehend von einer "hierarchischen Ordnung der künstlerischen Kenntnisse und Fertigkeiten...die Grundlagen der künstlerischen Arbeit (wie noch in der Grundlehre) durch das Unterrichten in ganz bestimmten handwerklichen Fertigkeiten und durch das Lehren von scheinbar allgemein gültigen ästhetischen Kategorien"(1), also "in Form eines kanonisierten Katalogs von Pflichtveranstaltungen"(2) zu vermitteln. Dabei wird vergessen, dass es weder in den vor 1968 noch bestehenden Grundklassen der HfbK und nicht einmal an der orthodoxeren Ulmer Hochschule je eine solch rigide Praxis gab.

2.) Auf alternative Vorschläge reagierten vor allem viele der für die Erstsemester unmittelbar Verantwortlichen so, als werde die "Anfängerbetreuung" abgewertet und nicht nur generell abgelehnt, sondern solle sogar völlig abgeschafft und durch ein einziges anderes Modell - eben das der alten "Grundlehre" - ersetzt werden.

Wie immer es zu solchen Befürchtungen und Verdächtigungen subjektiv auch gekommen sein mag, so finden sich doch dafür in der gesamten Grundlagendiskussion und bei allen vorgeschlagenen Alternativen keinerlei sachliche Anhaltspunkte. Denn ganz abgesehen davon, ob die oben zitierte, gleichsam als Indiz angeführte negative Charakterisierung der "Grundlehre" überhaupt deren historische Ausprägung trifft oder lediglich eine postmoderne Stereotypisierung darstellt, gibt es keinen Zweifel: Die gesamte Gegenwartskunst und -philosophie, alle zeitgenössischen künstlerischen Strategien und theoretischen Kunstkonzepte können und wollen jenen das Bauhaus einst ebenso beseelenden wie tragenden Glauben an die Möglichkeit reiner absoluter Formen und Wahrheiten nicht mehr teilen. Insofern also tatsächlich ein breiter Konsens darüber besteht, dass für die Praktizierung der klassischen, mehr oder minder am Bauhaus orientierten "Grundlehre" und Kunst heute die geistige Basis völlig fehlt, bekämpft jede weiterhin gegen deren Comeback gerichtete Argumentation nichts als ein Phantom.

Dass sich in der Vergangenheit die Grundlagendiskussion also weitgehend in Scheingefechten erschöpft hat, ist nicht ohne fatale Folgen geblieben: Der notorische "Bauhaus"-Verdacht hat gegen alle Versuche, ergänzende Angebote zur "Anfängerbetreuung" einzuführen, ausgesprochen immunisierend gewirkt. Zugleich pflegt mit diesem Generalvorbehalt, der sich gerade auch an dem durch das Bauhaus erweckten dogmatischen Eindruck festmacht, oft der Trugschluss einher zu gehen, man sei mit der "Anfängerbetreuung" gegenüber anderen und eigenen Dogmatisierungen, wie sie sich in der Praxis und durch den Zeitgeist ohnehin einschleichen, generell gefeit.(3) Dabei sind gerade die latenten Dogmatisierungen, wie etwa auch die beinahe zwanghafte Ignorierung der Lehren des Bauhauses, besonders tückisch, weil durch die dann fehlende Auseinandersetzung der Blick auf die Vergangenheit leicht ebenso verzerrt wie die Zukunftsperspektive verengt zu werden droht.

Sowohl die demnächst erfolgte Konstituierung des Lehr- und Forschungsbereichs "Grundlagen" als auch die behördlich vorgesehene drastische Reduzierung der StudienanfängerInnen bietet die gute Gelegenheit zur Verbesserung der Vielfalt, Einbindung und Nachhaltigkeit des Grundstudienangebotes. Umso mehr kommt es darauf an, die fast schon traditionelle Tabuisierung und immunisierende Instrumentalisierung der Bauhausgrundlehre endlich zu überwinden, damit eine offene Diskussion über, wie das freie Experimentieren mit Alternativen zur "Anfängerbetreuung" möglich wird. Dabei sollte die zweifellos zu den primären künftigen Forschungsaufgaben des "Grundlagen"- Bereichs gehörende Entwicklung von Reformkonzepten auf einer gemeinsamen vertrauensvollen und aufrichtigen Analyse der gegenwärtigen Situation basieren. Ohne dem vorgreifen zu wollen, seien als erster Schritt und zur Anregung einige der offensichtlichsten konzeptionellen Schwächen (4) und praktischen Probleme des status quo benannt:

Zunehmend läßt sich bei BewerberInnen im Kunstbereich (im Unterschied zu Musik- oder Computerinteressierten) nur noch in extremen Ausnahmefällen von einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Metier und einer intensiven künstlerischen Vorbildung sowie Prägung ausgehen. Infolgedessen erlauben hier die eingereichten Unterlagen oft keine ausreichende Prognose über die Studienbefähigung für einen angestrebten Studiengang.

-Wie lassen sich in den Grundsemestern solche Studienbedingungen schaffen, die eine verantwortliche Auswahl und am besten eine Selbstauswahl (5) der Studierenden ermöglichen, so dass die Entscheidung für einen bestimmten Studiengang oder für den Studienabbruch begründet getroffen bzw. empfohlen werden kann?

-Warum absolvieren nicht alle StudienanfängerInnen um der besseren Vergleichbarkeit und der späteren Wahlfreiheit willen eine allgemeine künstlerische Grundausbildung, die durch studiengangsspezifische Vertiefungsangebote ergänzt werden kann? (6)

Dass in der "Anfängerbetreuung" von den "individuellen Interessen der Studierenden"(7) ausgegangen werden sollte, ist ebenso richtig wie aber auch trivial. Denn dieses Credo beinhaltet eben nicht bereits die Lösung, sondern vielmehr einen Teil des Problems der Studienpraxis im Grundstudium. Da ausgeprägte individuelle und zudem künstlerisch transformier- und in einem entsprechenden Studium bearbeitbare Interessen ja aber gar nicht unbedingt vorhanden oder erkennbar sein müssen, können sie schwerlich zur Voraussetzung für die konkrete Studienarbeit gemacht werden. Deswegen besteht und verbirgt sich die Problematik (und die "Kunst") des Grundstudiums gerade erst in der Ausbildung personen- und fachspezifischer Studieninteressen.

-Warum werden die StudienanfängerInnen auf eine weitgehend zufällige und den Betroffenen jedenfalls beliebig erscheinende Weise den Lehrenden und den Klassen zugeteilt, ohne dass sie die Möglichkeit haben, nach ihrem eigenen (wenn auch vorläufigen) persönlichen und/oder sachlichen Interesse wählen zu können?

-Wie ist gerade das auch zur generellen Einübung in das Studieren gedachte Grundstudium von Beginn an so zu strukturieren und zu organisieren, dass es eine bessere Entsprechung zur und Vorbereitung auf die später weitgehend Selbstbestimmung und Selbstinitiative erfordernde Studienwirklichkeit bietet?

Oder handelt es sich bei der Vorstellung einer kontinuierlichen zuallererst auf dem eigenen Willen und der eigenen Erfahrung beruhenden schöpferischen Praxis um ein Ideal, das angesichts des inzwischen auch an der Hochschule durchaus verbreiteten primär punktuell Anlass- und Auftragsbezogenen künstlerischen Produzierens als überkommen erscheinen mag? Und wie wäre dann noch eine künstlerische Grundlegung möglich?

(1) A. Hoops in: Zusammenstellung der Lehrtätigkeiten und Forschungsgegenstände von Lehrenden und WerkstattleiterInnen der Hochschule für bildende Künste. Hamburg 2002. S.69

(2) E. Gabriel, A. Hoops, I. Thorsdottir, A. Tippel im Papier: Lehr- und Forschungsbereich Anfängerbetreuung. Hamburg 2002

(3) Wie sehr dies ein Irrtum ist, zeigt der neue Entwurf zur Studienordnung "Kunst", wo eine "Pflichtveranstaltung Zeichnen als unabdingbare Grundlage jeder künstlerischen Tätigkeit" eingeführt werden soll. (s.S.3)

(4) Gewisse konzeptionelle Schwächen können glücklicherweise oft durch die tatsächliche Praxis relativiert, aber eben nur selten wirklich kompensiert werden. Umgekehrt verbürgen die besten Konzepte noch lange keine gelingende Praxis, aber können diese wahrscheinlicher machen, wenn sie als "regulative Ideen" ernst genommen werden.

(5) Vielleicht lässt sich die als Zugangsbedingung für das künstlerische Studium geforderte "Begabung" noch am ehesten an der Fähigkeit zur Selbstauswahl erkennen. Wie kann der Einzelne Kriterien entwickeln und formulieren, nach denen er sich selbst künstlerisch beurteilt (sehen möchte)? In diesem Sinn wäre es auch eine wesentliche Funktion vor allem des ersten Grund- also Vorsemesters möglichst gute Voraussetzungen für die gelingende Selbstauswahl zu schaffen.

(6) Gibt es Gründe, warum ausschliesslich für Studierende der Freien Kunst und (gerade) der Kunstpädagogik ein gemeinsames künstlerisches Grundstudium angeboten wird, das zudem als "Probesemester" gilt, während die anderen sich als endgültig aufgenommen betrachten können?

(7) E. Gabriel, A. Hoops, I. Thorsdottir, A. Tippel im Papier: Lehr- und Forschungsbereich Anfängerbetreuung. Hamburg 2002

Für die tatkräftige Unterstützung sei auch Beate Mohr und Christiane Wehr herzlich gedankt.


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