Michael Lingner

Kunst am Ende bloßer Selbstbezogenheit?

Unter dem Titel "Zwischen der Anwendung 'freier' und der Freiheit 'angewandter' Kunst" hat im WS 95/96 an der Hamburger Hochschule für bildende Künste ein spezielles, Theorie und Praxis integrierendes Seminar-Projekt begonnen. Dabei ist es um den Versuch gegangen, aus der Diskussion bestimmter theoretischer Thesen und in Zusammenarbeit zwischen jetzt und ehemals Studierenden akzeptable Alternativen zu den bisher vorherrschenden Formen künstlerischer Praxis zu entwickeln. Den Ausgangspunkt der Projektarbeit, von der hier erstmals einige Ergebnisse sichtbar werden, haben folgende Überlegungen gebildet:

- Die herkömmlichen Vorstellungen von "autonomer" Kunst haben sich relativiert, so daß die idealistische Idee einer reinen, zweckfreien Kunst fragwürdig geworden ist.

- Es scheint künstlerisch möglich und gesellschaftlich notwendig, andere Arbeitsfelder für die Kunst zu erschließen und sich auf deren spezifische Bedingungen mit ästhetischen Wertvorstellungen umfassend einzulassen.

- Die Orientierung an zunächst außerkünstlerischen Zwecken, Bedürfnissen oder Motiven kann zu einer unabhängigen Finanzierung künstlerischer Produktion führen, ohne die unter den herrschenden ökonomischen Verhältnissen eine Fortsetzbarkeit von Kunst unwahrscheinlich ist.

- Wenn Kunst kommunikativ sein soll, im Sinn der Ermöglichung qualitativ anderer menschlicher Kommunikationsformen, muß die Produktion selber auch schon kommunikativ sein. Überdies sind die für Kunstproduktion erforderlichen Begabungen, Kenntnisse, Fertigkeiten und Techniken inzwischen so vielfältig ausdifferenziert, daß sie von einer einzelnen Person umso weniger zu leisten sind, je höher die eigenen qualitativen Ansprüche und Erwartungen an die Arbeit sind.

- Erleben und Handeln sind zwei zusammengehörige Aneignungsweisen von Wirklichkeit. In der Kunstrezeption überwiegt bisher das Erleben als einsame, passive Kontemplation vor einem Werk. Um ausschließlich konsumptive Haltungen zu überwinden, kommt es darauf an, soziales, aktives Handeln als ästhetischen Prozess endlich zu verwirklichen.

Die praktische Projektarbeit hat darin bestanden, Konsequenzen aus der theoretischen Argumentation zu ziehen und in kooperativer Weise kommunikative und kontextspezifische Formen der Kunstproduktion zu entwickeln. Dabei sind u.a. die auf den folgenden Seiten vorgestellten 8 Arbeiten im Rahmen eines Aktionsprogramms speziell für das Alten- und Pflegeheim "Holstenhof" entstanden. Jede von ihnen bezieht sich in besonderer Weise auf dessen Gegebenheiten und wirft eine Fülle verschiedener Fragen auf. Mit allen Arbeiten wird die Auseinandersetzung produktiver, wenn jeder seine grundsätzlichen Einstellungen zur Kunst beispielsweise anhand folgender Fragen mitbedenkt:

- Ist der vom Künstler geschaffene Gegenstand oder erst das, was mit ihm geschieht, ein "Werk" ?

Können wir überhaupt noch wissen, was das "Werk" ist ?

- Inwiefern läßt sich noch zwischen lebenspraktischen und rein ästhetischen Bedürfnissen unterscheiden ? Werden sie inzwischen nicht gleichermaßen künstlich geschaffen und befriedigt ?

- Warum sollte es weniger wert oder legitim sein, ästhetische Erfahrungen an Gebrauchsgegenständen zu machen als an solchen Objekten, die entweder ausschließlich Kunst oder aber gar nichts wert sind ? Was spricht dagegen, daß sich aus einem zunächst lebenspraktisch motivierten, ein ästhetisch interessiertes Handeln entwickeln kann ?

- Was sollte uns an der reinen Kunst, die ihre Zwecke nur verbirgt oder auch bloß benutzt wird, noch interessieren, außer ihrer historischen Idee? Müssen ästhetisches Gefallen oder existentielles Interesse weiter unvereinbar mit der Erfahrung von Kunst bleiben ?


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