Michael Lingner

...WAS SIE SICH VON DER KUNST VERSPRECHEN KÖNNEN, WENN SIE SELBST MITMACHEN STATT NUR ZU SCHAUEN ?

Wie lassen sich ästhetische "Aktion" und ästhetische "Kontemplation" voneinander unterscheiden?

Praktisch gedacht:

...WAS SIE SICH VON DER KUNST VERSPRECHEN KÖNNEN, WENN SIE SELBST MITMACHEN STATT NUR ZU SCHAUEN ?

DANN KANN KUNST IHNEN DIE ERFAHRUNG VERSCHAFFEN EINEWIRKLICH WAHL UND WIRKUNG ZU HABEN !

Kunstobjekte lassen sich heute als Kommunikationsprogramme ganz besonderer Art verstehen. Sie sind gewissermaßen die Software des Systems Kunst.

Ohne besondere Voraussetzungen kann sie jeder gebrauchen. Dabei ist das Schöne:

Sie können ihr eigener Programmgestalter sein..

Natürlich machen die Objekte eine gewisse Vorgabe, um ästhetische Kommunikationsprozesse in Gang zu bringen und zu halten. Sie schaffen einen geeigneten Rahmen für Ihre Beteiligung und reduzieren die Beliebigkeit.

Vor allem sind die Objekte aber da, um speziell auf Ihre Vorstellungen einzugehen. Was letztlich geschieht, ist allein von Ihrer Wahl und Aktivität abhängig.

Dadurch erleben Sie, was es heißt, wirklich selbst bestimmen zu können.

IN DER KUNST KOMMT ES VOR ALLEM AUF SIE

UND IHRE VORLIEBEN AN -

VERSPROCHEN !

Theoretisch gedacht:

WIE LASSEN SICH ÄSTHETISCHE "AKTION" UND ÄSTHETISCHE "KONTEMPLATION" VONEINANDER UNTERSCHEIDEN ?

I)

Angesichts des herrschenden Materialfetischismus im Kunstbetrieb fällt es schwer zu glauben, das vor etwa 200 Jahren bereits Kant das Ästhetische nicht mehr als eine besondere Eigenschaft begriffen hat, die nur bestimmten Objekten zukommt oder eben fehlt. Vielmehr wird es von ihm als eine sehr spezielle Beziehungsform gedacht, die ein Subjekt zu (irgend-)einem Objekt auszubilden vermag.

Je mehr es gelingt, einen Gegenstand nicht eingeschränkt unter dem Aspekt des Sinnlich- Angenehmen, des Moralisch-Guten oder des Erkenntnismäßig-Wahren zu betrachten, umso wahrscheinlicher wird es, ihn ästhetisch-(schön) beurteilen zu können.

Von jedem eigenen Interesse absehend, das sonst seine Wahrnehmung überformt, wird der Gegenstand als Phänomen an sich sichtbar und entzieht sich damit zugleich der begrifflichen Bestimmung wie dem zweckgerichteten Gebrauch.

Trotzdem kann der Verstand -etwa aufgrund einer Faszination- den Gegenstand weiter zu begreifen suchen und wird darum das Wahrnehmungsvermögen und die Einbildungskraft zunehmend anstrengen. Kommt es so zu allen möglichen Vorstellungen aber nicht zur Erkenntnis des Gegenstandes, entsteht ein wechselseitig sich belebendes Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand. Bilden dabei diese beiden Geistesvermögen ein wohlproportioniertes Verhältnis, so teilt es sich als ein Gefühl der Lust mit, auf der das ästhetische Geschmacksurteil beruht.

Insofern entspringt die ästhetische Lust nicht sinnlichem Vergnügen, sondern erwächst aus der Urteilskraft, während diese zu dem gegebenen besonderen Phänomen einen allgemeinen Begriff sucht. Die solcherart reflektierende Suchbewegung, welche die gesamte moderne Kunstbetrachtung prototypisch geprägt hat, wird von Kant mit dem Begriff der "Kontemplation" bezeichnet.

II)

Zweifellos ist die so verstandene Kontemplation im Idealfall eine höchst aktive Weise der Kunstrezeption. Die immer offeneren, die Einbildungskraft zunehmend beanspruchenden Werkformen des 20. Jahrhunderts haben die Aktivierung des Betrachters noch weitergehend forciert.

Während der 60er Jahre sind schließlich sogar Handlungsformen in die Kunst eingeführt worden. Ebenso wie alle späteren derartigen Versuche lassen sie sich von der Kontemplation keineswegs schon dadurch grundlegend unterscheiden, daß ihnen prinzipiell ein höherer Grad an Aktivität zuzusprechen ist. Aufgrund der vermeintlichen Ununterscheidbarkeit wird oft und zumeist unwidersprochen die Kontemplation als mentales Handeln mit dem sog. realen Handeln einfach gleichgesetzt.

Die zugunsten der Tradition beschworene Gleichheit von kontemplativer Rezeption und handelnder Aktion übersieht indes jenseits des ähnlichen Aktivitätsgrades liegende gravierende Unterschiede:

Wer angesichts eines Phänomens ästhetisch, also unter relativer Vermeidung rationaler Zwecke, moralischer Normen oder sinnlicher Bedürfnisse, zu handeln beabsichtigt, wird sich mit seiner Einbildungskraft allemal die verschiedensten Möglichkeiten der Betrachtung und des Handelns vorstellen.

- Aber während bei der Kontemplation dieser Imaginationsprozess in einem Lustgefühl kulminiert und endet, wird er, wenn gehandelt werden soll, auf je eine nach dem Lustgefühl gewählte Möglichkeit reduziert und setzt sich fort.

Auch wenn sich vieles vorstellen, aber nur immer eines tun läßt, zeichnet sich Handeln dadurch aus, daß es der Imagination und der Lust völlig neue Möglichkeiten eröffnet, indem es die jeweiligen Gegebenheiten faktisch verändert.

- Während das ästhetische Handeln extrovertiert erfolgt und öffentliche Geltung gewinnen kann, bleibt das kontemplative Wechselspiel zwischen Einbildungskraft und Verstand ausschließlich introvertiert und von privater Unverbindlichkeit.

Die aus Handlungen resultierenden Veränderungen der sozialen Wirklichkeit gehören zu den Ausgangsbedingungen aller nachfolgenden Entscheidungen und Handlungen, so daß jeder Handelnde zwangläufig kommuniziert.

- Während sich die Kontemplation auf die Distanz zu den Objekten, zu sich selbst und zu den Anderen beschränkt, kann das ästhetische Handeln in sinnlicher Unmittelbarkeit, unter Einbeziehung der eigenen Leiblichkeit und mit gleichberechtigter Beteiligung geschehen.

Also: Nicht durch den höheren Grad an Aktivität unterscheidet sich die ästhetische Aktion von der ästhetischen Kontemplation, sondern durch die gesteigerte Intensität, Kommunikativität, Parität und vor allem Realität.

WARUM SOLLTE NUR DIE KUNST ÄSTHETISCH BEOBACHTET, STATT DURCH KUNST WIRKLICHKEIT ÄSTHETISCH VERÄNDERT WERDEN ?


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