Michael Lingner

Interdisziplinär- und Theoriebereich

Ungeachtet seiner momentanen Konjunktur als hochschulpolitisches Zauberwort hat die Interdisziplinarität eine große Tradition und Bedeutung an künstlerischen Ausbildungsstätten. Zwar standen die Akademien des 19. Jahrhunderts mit ihrer strikten Trennung der verschiedenen Kunstgattungen noch jedem Gedanken an eine fächer- oder gar kunstüberschreitende Unterrichtung fern. Aber bereits das 1919 zur Überwindung der alten Akademien und Kunstgewerbeschulen gegründete "Bauhaus", mit dem der neue Typus "Staatlicher Kunsthochschulen" eingeführt wurde, hat die "Synthese aller werkkünstlerischen Disziplinen" programmatisch betrieben.

Als institutionelle Voraussetzung, um dieses interdisziplinäre Programm in die Praxis umzusetzen, die auf eine neue Baukunst zielte, wurde eine "Vor-" oder "Grundlehre" am Bauhaus eingerichtet. Nach dem "Lehrschema" war sie für alle Studierenden verbindlich, bevor die Spezialisierung auf andere Lehrgebiete und vor allem auf die Entwurfspraxis in den verschiedenen Werkstätten und Malklassen erfolgen konnte. Die als künstlerische Elementarausbildung konzipierte "Grundlehre" bildete - so paradox es klingen mag - einen eigens auf das Interdisziplinäre spezialisierten Bereich. Zurecht erklärte ihn Gropius zur "Schlagader der Bauhausarbeit", weil damit etwas Vermittelndes zwischen den unterschiedlichen Arbeitsbereichen existierte, das es den Studierenden erleichterte, vielfältige Aspekte in ihre eigene Praxis zu integrieren und die Hochschule als einen Gesamtorganismus zu begreifen.

Nach 1945 hat nicht nur die Hochschule für Gestaltung in Ulm, sondern auf ihre Weise auch die Hochschule für bildende Künste in Hamburg an die Bauhaus-Tradition angeknüpft. An der Hamburger Hochschule, die zeitweise enge Kontakte nach Ulm pflegte, wurden überdurchschnittlich viele Grundklassen eingerichtet und für einige von ihnen auch ehemalige Bauhaus- und Baumeister-Schüler (1) berufen, die im Geist des "bildnerischen Denkens" arbeiteten. Durch verschiedene Umstände, die sich im wesentlichen aus den Einstellungen der Studierenden nach 1968 und aus den Anschauungen der seinerzeit herrschenden Kunstströmungen ergeben haben (2), kam es dann allerdings zu einem Bruch. Bis auf eine Ausnahme (3) sind die Grundklassen in den 70er Jahren stillschweigend aufgelöst worden und/oder in den Fachbereich Freie Kunst als normale "freie" Klassen abgewandert. Für die Erstsemester wurde stattdessen eine fachbereichsspezifische "Anfängerbetreuung" eingerichtet, die über lange Jahre mehr oder minder ein Provisorium blieb.

Zwischen dem Verschwinden der Grundklassen und der starken Erweiterung des Lehrangebots um zahlreiche theoretische Fächer, zu der es in den 70er und 80er Jahren an der Hamburger Hochschule kam, läßt sich vielleicht keine eindeutige Kausalität aber eine auffällige Parallelität behaupten. Vielleicht auch beeinflußt durch die hier entstandene Dominanz einer eher konzeptionell orientierten Kunstauffassung hielten verschiedene Wissenschaften wie die Philosophie, Psychologie, Soziologie und sogar Ethnologie Einzug in die Hamburger Hochschule, an der lange allein die Kunstgeschichte als universitäre Disziplin vertreten war. Darüberhinaus wurden direkt auf die Fachbereiche bezogene theoretische Angebote wie etwa Architektur-, Design-, Kunst- und Medientheorie etabliert. Sie alle sind schließlich neben dem Lehrangebot der fünf Fachbereiche im Vorlesungsverzeichnis gesondert als "interdisziplinäre Fächer" ausgewiesen worden.

Wie die künstlerischen Lehrangebote, die zumeist "alle Bereiche der Formung und Gestaltung" (4) umfassen sollen, so ist auch jedes dieser wissenschaftlichen Lehrangebote in sich bereits höchst komplex und zudem aufgrund seines jeweiligen Kunstbezuges allemal interdisziplinär orientiert. Doch gerade weil jedes Fach in seiner Interdisziplinarität letztlich einen Kosmos für sich bildet, vermag keines eine im eigentlichen Sinn interdisziplinäre Funktion zu entfalten. Nirgendwo bietet sich ein Forum für einen allen gemeinsamen Erfahrungsprozeß, der sämtliche Disziplinen und Fachbereiche beträfe und zwischen diesen etwa im Hinblick auf bestimmte persönliche Arbeitsprojekte produktive Bezüge wahrscheinlicher machte. Statt sich integrativ auszuwirken, hat die wünschenswerte Ausweitung des wissenschaftlichen Lehrangebots, so künstlerisch inspiriert es auch sein mag, zu einer weiteren Polarisierung an der Hochschule geführt. Ohnehin besteht zwischen den "Freien" und den "Angewandten" ein gleichsam natürlicher Gegensatz, der sich aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt aber auch infolgedessen unproduktiv verschärft hat, daß es in beiden Bereichen zur Entfremdung vom "Bildnerischen" als ihrer einstigen gemeinsamen Grundlage gekommen ist. Damit nicht genug, ist es durch die Verwissenschaftlichung, die an keiner anderen Kunsthochschule ein vergleichbares Ausmaß hat, zusätzlich zu einem antipodischen Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis gekommen, durch das die desintegrativen Tendenzen in dieser Institution noch verstärkt bzw. die integrativen Anforderungen an die hier Studierenden drastisch erhöht worden sind.

Es hat verschiedene hochschulöffentlich erkennbare Reaktionen gegeben, die sich als Versuche interpretieren lassen, diese nach 1989 durch etliche andere Umstände sich nicht gerade verringernden Probleme zu bewältigen, ohne dabei auf die einfachste und schlechteste Lösung zu verfallen, durch Reduzierung der "theoretischen" und "angewandten" Fächer tendenziell eine Restaurierung des alten Kunst-Akademie-Modells anzustreben:

- So hat es etwa den Vorschlag gegeben, für die Theoriefächer mitsamt dem Fachbereich Kunstpädagogik ein eigenes Institut "Kunstbezogene Theorie" zu schaffen. Daß damit eine noch höhere "Theorielastigkeit" und größere Verselbständigung der wissenschaftlichen Disziplinen einhergehen würde, waren indes die Bedenken, an denen dieses Vorhaben bald gescheitert ist. Daraufhin wurden alle Theorieangebote wieder den einzelnen Fachbereichen zugeordnet und waren ab WS 93/94 im Vorlesungsverzeichnis nicht mehr unter der Rubrik "Interdisziplinäre Fächer" verzeichnet.

- Sehr ambitioniert aber auch recht desillusionierend war die 1990 mit "Vereinigungsgeldern" ermöglichte Veranstaltung eines bundesweit angekündigten und besuchten Symposions unter dem Thema "Grundlehre-Grundlagen-Grundfragen. Zur Lehre an den Kunsthochschulen" (5). Damit war keineswegs beabsichtigt, das im Mittelpunkt des Symposions stehende Thema der künstlerischen Lehre auf die am Bauhaus entwickelte Form der "Grundlehre einzuengen, diese rein historisierend zu betrachten oder gar ihre Inhalte und Methoden wiederzubeleben. Vielmehr sollten die Möglichkeiten der Wiedergewinnung einer integrativen Interdisziplinarität anhand der jahrzehntelangen tabuisierten Frage diskutiert werden, ob und wie heute künstlerisch-gestalterische Grundlagenstudien praktiziert und reflektiert werden."

- Wieviel Ratlosigkeit diese Bestandsaufnahme bundesrepublikanischer Kunsthochschulwirklichkeit auch hinterließ, so war sie doch hilfreich für die Fortsetzung der hochschulinternen Diskussionen des Grundlagenthemas, zu der es vor allem in der interdisziplinär besetzten "Grundlagenkommission" kam, die auf Veranlassung der Präsidentin Ende 1989 der Hochschulsenat eingesetzt hatte. In dem eben dort nach intensiver Arbeit Anfang 1992 vorgelegten Abschlußbericht formulierte die Kommission ihre einvernehmliche Auffassung (6), daß die Grundlagenstudien keine fachspezifische Propädeutik, sondern "ein interdisziplinäres Arbeitsfeld sein müssen" und "an unserer Hochschule einer wesentlichen Neubestimmung, Erweiterung und Vertiefung bedürfen." Ferner wurde empfohlen, "einen Grundlagenbereich ... mit einem breiten Lehrangebot einzurichten", indem "prinzipiell alle Lehrenden jeweils einen entsprechenden Teil ihrer Kapazität ausdrücklich für die Grundlagenstudien zur Verfügung stellen."

- Als erster konkreter Schritt wurde eine Stelle ausgeschrieben, auf der "die Theoriebildung aus der künstlerischen Praxis heraus " (7) erfolgen und ausdrücklich die Entwicklung der Grundlagenstudien durch Initiierung und Koordinierung entsprechender Lehrveranstaltungen gefördert werden sollte, um "als Kristallisationspunkt für den Grundlagenbereich zu fungieren." (8) Nach Besetzung der Stelle (9) hat erstmalig im WS 95/96 ein "Interdisziplinäres Grundlagen-Seminar" stattgefunden, in dem je eine Lehrperson aus jedem Fachbereich sich der "Diskussion künstlerischer Grundpositionen" mit Studierenden aus allen Fachbereichen gestellt hat. Seitdem findet das Seminar auch in Kooperation mit Lehrenden aus anderen Institutionen (z.B. Musikhochschule, Universität) turnusmäßig im Sommersemester statt und bietet ein Forum für Themen wie: "Wert-, Qualitäts- und Kriterienfragen in den ästhetischen Praxisbereichen" (SS 96) oder "Zum Theorie-Praxis-Verhältnis" (SS 97).

- Nicht zuletzt aus den Kontakten, Gesprächen und Erfahrungen bei dieser Seminarreihe hat sich im WS 95/96 auf informelle Weise eine offene Arbeitsgruppe gebildet, an der sich Lehrende und Studierende aus allen Fachbereichen beteiligen. Unter den sich dramatisch verändernden Rahmenbedingungen, die der Kunsthochschule erst recht die Ermöglichung eines produktiven Projekt-Studiums abverlangen, hat sich die Diskussion auf die Situation der Studienanfänger konzentriert und zu dem Ergebnis geführt, daß es "für sinnvoll und notwendig gehalten (wird), unverzüglich zu überlegen, wie das Grund- und Orientierungsstudium als ein gemeinsamer "Pool" aller Studienanfänger/innen aus allen Fachbereichen gebildet und durchgeführt werden könnte." Dieser Vorschlag, für dessen Weiterentwicklung Hochschulkonzil und -senat am Ende des SS 96 (10) votiert haben, zielt ausdrücklich nicht auf eine Neudefinition der Studieninhalte, sondern auf die Schaffung einer interdisziplinären Grundstruktur, die gegenüber der zunehmenden Ausdifferenzierung aller Fächer ein integratives Moment bildet, ohne das sich auch Studium und Leben vollends entzweien.

Die Wahrscheinlichkeit, daß der Hochschule für bildende Künste tatsächliche Schritte zur Konkretisierung dieses Denkansatzes gelingen, würde durch eine Überzeugung wachsen, wie sie G. C. Lichtenberg formuliert hat:

"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll."

Anmerkungen:

(1) Kurt Kranz, Hans Thiemann, Fritz Seitz

(2) Eine genauere Diskussion der Gründe findet sich in: Fritz Seitz: Kunstvermittlung -Weltverwicklung. Schnittstellen ästhetischer Erziehung. Hg. Michael Lingner. Seelze 1994. S.11 ff

(3) Fritz Seitz hat seine Grundklasse bis zu seiner Emeritierung 1993 fortgeführt.

(4) So die Angaben im Vorlesungsverzeichnis von F. E. Walther, die dem Sinn nach denen von KP Brehmer, S. Brouwn, J. Hiltmann und anderen entsprechen.

(5) Die Initiatoren und Organisatoren des Symposions waren Fritz Seitz und der Autor. Siehe dazu: Con-Texte. Materialien / Beiträge zur Lehre an den Kunsthochschulen. Hg. von Michael Lingner und Fritz Seitz. Hamburg 1990 / 94. Pressestelle der HfbK.

(6) Siehe: Anlage zum Protokoll der Sitzung des Hochschulsenats vom 15. 2.1992

(7) Siehe: Stellenausschreibung in der ZEIT vom 7.2.1992

(8) Siehe Anmerkung (6)

(9) Stelleninhaber ist seit dem WS 93/94 der Autor, der seit WS 95/96 mit der Seminarreihe »Zwischen der Freiheit "angewandter" und der Anwendung "freier" Kunst« versucht, gemeinsame Projekte zwischen den Studierenden beider Bereiche zu fördern.

(10) Siehe: Anlage zum Protokoll der Hochschulkonzils- und Senatssitzung vom 4.7.1996


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