Michael Lingner

Ästhetische Bildung der Differenz

Kunst und Pädagogik im technischen Zeitalter

Der wachsenden kulturellen Wichtigkeit, die dem Ästhetischen in unserer modernen "Erlebnisgesellschaft" zukommt, und den tiefen Umbrüchen, welche die neuen Technologien und künstlerischen Strategien für unsere Welterfahrung bedeuten, kann das Unterrichtsfach "Kunst", wie es heute konzipiert ist, immer weniger gerecht werden. Denn Kunst umfaßt inzwischen solche unterschiedlichen, hoch ausdifferenzierten und getrennten Aspekte wie etwa den fabrikativen des Machens, den ästhetischen des Erfahrens, den rationalen des Erkennens, den historischen des Wissens, den physio-psychologischen des Wahrnehmens, den hermeneutischen des Deutens, den gesellschaftlichen des Kommunizierens ... und bezieht zudem über den eigentlichen Kunstbereich hinaus die gesamte Lebenswelt mit ein. Die Verschulung dieser hohen Komplexität, die eine wesentliche Qualität von Kunst ausmacht, in einem einzigen, zumeist zweistündigen Fach ist genauso aussichtslos, als wenn das breite Spektrum physischer, chemischer und biologischer Phänomene in einem Großfach "Naturwissenschaft" vermittelt werden sollte. Je verzweifelter sich die Schulwirklichkeit darstellt, desto mehr neigt die bildungstheoretische und -politische Diskussion zu universalen Scheinlösungen. Fachdidaktische Vorschläge, sich in der Kunstpädagogik primär etwa auf die Ausbildung von Leib- und Sinnlichkeit zu spezialisieren, entziehen sich der eigentlichen Problematik kaum weniger als kultusbürokratische Kalküle, das Fach schlicht abzuschaffen.

Nachdem jüngst die einzige noch bestehende Fachzeitschrift, die überhaupt für Kunst und Unterricht zuständig ist, zugunsten der Veröffentlichung schulstufenspezifischer Unterrichtsbeispiele und -hilfen sich als zukunftsorientiertes, theoretisches Diskussionsforum mehr oder weniger verabschiedet hat, ist der vorliegende Versuch von Pierangelo Maset zu umfassenden Fundierung und Neufassung Ästhetischer Bildung um so bemerkenswerter. Dabei werden sowohl die Bedingungen unserer technologisch ausgerichteten Gesellschaft als auch die Veränderungen in der modernen und zeitgenössischen Kunstproduktion miteinbezogen. Vor allem aber zeichnet es dieses Gesamtkonzept Ästhetischer Bildung aus, daß auch empirisches Material zum zeitgenössischen Subjektverständnis der Jugendlichen selbst gesichtet und auf den Begriff des "dividuellen Subjekts" - im Unterschied zum verbreiteten Individualitätsverständnis - gebracht wird. Daß Objekte die Subjekte spalten können, wird nicht nur als Identitätsverlust, sondern z.B. bei der Wahrnehmung eines Bildes auch als Bildungsgewinn denkbar: "Ich sehe ein Bild und werde ein anderer. Beim nächsten Betrachten desselben Bildes (in einer anderen Zeit) sehe ich dieses Bild als ein anderes, weil ich mich verändert habe. Und dann bin ich wieder ein anderer und sehe das Bild verändert. Und ich sehe mich im Bild und sehe das Andere als und durch das Bild. Und damit vervollständige ich mich. Und das ist die Initiation von Bildung mit und durch die Differenz."

In seiner gesamten Argumentation geht es dem Autor nicht darum, durch abstrakte Allgemeinbegriffe die Komplexität des Ästhetischen theoretisch zu vereinheitlichen, sondern gerade um die Entfaltung dessen ganzer vielgestaltiger Differenziertheit. Dazu bedient er sich ohne akademische Skrupel gleichsam spielerisch aus den unterschiedlichsten philosophischen und pädagogischen Theoriebeständen und kreiert so einen ungewohnten wissenschaftlichen Texttypus, der sich nicht nur der komplexen Struktur seines Gegenstandsbereichs mimetisch annähert, sondern auch den Leser zur Teilnahme an einem kombinatorischen Denkspiel anregt, dessen Verlauf immer offen bleibt. Die Lektüre selbst wird zu einem Moment ästhetischer Bildung, als deren Aufgabe es der Autor ansieht, zur "Ausübung und zur Wahrnehmung des unendlich Differenten, das in jedem Subjekt durch seine Spezifität ... realiter gegeben ist", zu befähigen. Insofern liefert das Buch keine theoretischen Anleitungen, wie Ästhetische Bildung in der Praxis besser zu bewerkstelligen sei -, die Unterrichtsbeispiele überzeugen am wenigsten - sondern zeigt exemplarisch, daß die Vermittlung ästhetischer Bildung allein durch ästhetisch gebildete Vermittlungsformen gelingen kann.

Pierangelo Maset, Ästhetische Bildung der Differenz. Kunst und Pädagogik im technischen Zeitalter. 300 Seiten, brosch., DM/SFr. 58,-/öS 452


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