Michael Lingner

Lebensweltliche Kontextuierung und Ästhetisches Handeln

In seiner "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" kann Kant zeigen, daß das Ästhetisch Schöne eine ganz eigene Qualität hat und sich vom Sinnlich-Angenehmen, Erkenntnismäßig-Wahren und Moralisch-Guten systematisch unterscheiden läßt. Das Ästhetische wird als Erfahrung eines sich wechselseitig belebenden Spiels von Einbildungskraft und Verstand charakterisiert, bei dem zwischen diesen beiden Vermögen unseres Geistes ein wohlproportioniertes Verhältnis entsteht.

In Radikalisierung der Kantischen Theorie läßt sich das Ästhetische, statt als eine ausgezeichnete Daseinsform der Materie, heute als ein spezifischer Selektionsmodus des Geistes / Bewußtseins begreifen. Erst wenn Handeln und Denken nicht länger primär vom Sinnlich-Angenehmen, dem Erkenntnismässig-Wahren oder dem Moralisch-Guten regiert werden, kann sich aus der Negation dieser für uns sonst dominanten Selektionskriterien des Ästhetischen konstituieren. Insofern sind sowohl die ästhetische Produktion als auch die ästhetische Rezeption rein formal als ein höchst unwahrscheinlicher Verhaltensmodus zu bestimmen, der durchaus risikoreich ist.

Diesem Deutungsmodell entsprechend läßt sich an allen Erscheinungsformen und Strategien der modernen Kunst, eine gemeinsame Intention erkennen: Bestimmte Unwahrscheinlichkeiten material und/oder mental wahrscheinlicher werden zu lassen. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Idee einer immer größeren Öffnung des Kunstwerkes, was nicht nur höchst überraschende künstlerische Formfindungen ermöglicht, sondern auch die Reaktionen der Rezipienten aufgrund von gewollten Vieldeutigkeiten unvorhersehbar macht. Künstlerische Praxis nimmt mehr und mehr die Form konzeptionellen, in einem abstrakten Plan oder Instrumentarium sich vergegenständlichenden Handelns an, das formale Regeln entwirft, nach denen es wahrscheinlicher werden soll, daß bestimmte Unwahrscheinlichkeiten geschehen.

Die künstlerischen Anstrengungen zur Ermöglichung des Unwahrscheinlichen gewinnen eine neue Qualität durch die ab Mitte der 60er Jahre unternommenen Versuche einer direkteren und aktiven Einbeziehung des Publikums. Statt die Laien weiter auf die bloße Betrachtung der Kunstobjekte zu reduzieren, werden sie von den Künstlern zum ästhetischen Handeln autorisiert. Wenn das Publikum mit den Objekten selbst tätig wird, haben die Künstler nicht länger die exklusive Rolle als ausschließliche Urheber spezifischer Unwahrscheinlichkeiten. Vielmehr kann jeder Beteiligte mit seinen prinzipiell unerschöpflichen Handlungsmöglichkeiten gleichsam als ein ständiger Unwahrscheinlichkeits-Generator fungieren. Daß sich die Potentiale von Künstlern und Laien potenzieren können und die Verwirklichung des Unwahrscheinlichen wahrscheinlicher wird, ist freilich zuallererst davon abhängig, daß die Laien auch wirklich handeln.

Rückblickend ist allerdings zu konstatieren, daß es nicht zur Überbrückung der Kluft zwischen Künstlern und Publikum kam. Die künstlerischen Handlungskonzeptionen der 60er Jahre sind weitgehend bloß Idee geblieben und bis heute kaum praktiziert worden. Gleichwohl gibt es seit Ende der 80er Jahre eine Reihe von Arbeiten, die, wie das Projekt "Kunst veredelt" von Bernhard Cella, an jene, selbst von den meisten der damaligen Protagonisten längst als utopisch abgetanen Konzeptionen wieder anknüpfen. Daß heute mit neuen Strategien abermals Anstrengungen unternommen werden eine tatsächliche Beteiligung des Publikums zu erreichen, mag auch damit zusammenhängen, daß inzwischen die Möglichkeiten, allein aus der künstlerischen Autonomie heraus unwahrscheinliche Formerfindungen zu machen, allemal erschöpft erscheinen.

Ein entscheidender Unterschied gegenüber den früheren Versuchen der Aktivierung des Publikums besteht darin, daß die heutigen Arbeiten einen konkreten Handlungsrahmen anbieten, der in die allgemeine Lebenswirklichkeit integriert ist und nicht ausschließlich der Welt der Kunst zugehört. Insofern sieht sich nicht mehr jedes Handeln von vornherein dem universalen, Unsicherheit erzeugenden und zumeist blockierenden Anspruch ausgesetzt, "Kunst" sein oder schaffen zu müssen. Das sich dazu meistens weder genügend begabt noch motiviert fühlende Publikum braucht stattdessen nun lediglich auf bestimmte, ihm wohlvertraute lebensweltliche Zusammenhänge zu reagieren. So gehört das "Kunst veredelt"-Projekt von Bernhard Cella dem Bereich der Repräsentation an und ist für solche Situationen wie Konsulats- bzw. Botschaftsempfänge und deren üblicherweise geladene Gäste konzipiert. Indes ist es nicht nur ganz generell auf derartige Orte, Leute und Anlässe zugeschnitten, sondern bezieht darüber hinaus auch die je besonderen personalen, lokalen und nationalen Gegebenheiten mit ein und thematisiert diese.

Sämtliche Materialien und sozialen Aspekte des gewählten Kontextes, der ausdrücklich nicht zur zweckfreien Sphäre der Kunst gehört, finden Berücksichtigung.

Die bewußte Anknüpfung an lebensweltliche Zwecke und Interessen, die von der "reinen", "freien" Kunst weiterhin tabuisiert werden, motiviert nicht nur zum Handeln schlechthin, sondern gibt diesem zugleich auch einen Einstieg und eine gewisse Ausrichtung. Vor allen Dingen aber lassen derartige Situationen und ihre Bewältigung begleitenden eigenen und fremden Erwartungen gar nichts anderes zu, als Entscheidungen zu treffen und zum Handelnden zu werden selbst wenn man versuchte, sich gar nicht zu verhalten. Ganz zwangsläufig ergibt sich aus der riskanten künstlerischen Strategie, den Kunstkontext zu verlassen und sich auf lebensweltliche Situationen mit ihren spezifischen Bedingungen einzulassen, die Notwendigkeit zu handeln. Damit ist zwar eine Grundvoraussetzung für die generelle Möglichkeit erfüllt, daß das Unwahrscheinliche künstlerunabhängig überhaupt geschehen kann. Aber daß es sich dann tatsächlich auch ereignet, erfordert mehr als das bloße Handeln.

Es macht die besondere Qualität der Installation aus, die den Kern des Projektes von Bernhard Cella bildet, daß von ihr eine diskrete Irritation ausgeht, die den Beteiligten eine Variation ihres gewöhnlichen Verhaltens nahelegt. Denn das in einem offiziellen Akt übergebene Geschenk, das aufgrund der ihm dabei verliehenen Bedeutsamkeit nur schwerlich zu ignorieren ist, läßt sich keinem der Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Werbung, Kunst oder Dekor eindeutig zuordnen. Damit fordert es einerseits die Beteiligten heraus und entzieht andererseits ihrem Erleben und Handeln die Orientierung an den es üblicherweise leitenden rationalen Zwecke, moralischen Normen oder sinnlichen Bedürfnissen. Diese Entscheidungskriterien werden uneindeutig und können ihre Selbstverständlichkeit sowie Verbindlichkeit verlieren und sogar irrelevant werden.

Um in diesem undefinierten Freiraum dennoch dem Handlungsbedarf gerecht werden zu können, kommen alle Beteiligten letztlich in die Lage, andere Selektionskriterien für ihre Entscheidungen zu generieren. Wenn sich indes alle sonstigen Bestimmungsmomente als kontingent und unzureichend erweisen, sieht sich jedermann letztlich auf die Entdeckung und Ausbildung seiner Vorlieben, also auf solche Entscheidungskriterien verwiesen, die auf Geschmacksurteilen basieren und somit ästhetischer Natur sind. Je weitgehender dieser ästhetische Charakter bewußt reflektiert und ausgebildet wird, so daß es zu einer Kultivierung der eigenen Präferenzen kommt, umso eher wird ihm ein durchaus ähnlicher Qualitätsgrad zukommen, wie er bislang allein Künstlern bei ihrem Schaffen vorbehalten war.

Im Unterschied zum bloßen Erleben wird durch jedes Handeln der einer Situation eigene Zustand faktisch verändert. Diese Veränderungen gehören zu den Ausgangsbedingungen der nachfolgenden Entscheidungen und Handlungen, so daß jeder der handelt, zwangsläufig kommuniziert. Aufgrund solcher Selbstbezüglichkeit erreichen offene Situationen schnell eine hohe Komplexität und die sie ausmachenden kommunikativen Handlungen unterliegen einem andauernden Prozess der Selbstorganisation. Infolge dieser Eigendynamik sind die sich selbst organisierenden Handlungen ohnehin schon strukturell vorhersehbar. Vollzieht sich darüber hinaus das Handeln als ästhetisches und ist insofern seinerseits bereits von hoher Unwahrscheinlichkeit, erfährt diese eine weitere Steigerung. Die Kunst erweist sich darin, für die Ermöglichung des Unwahrscheinlichen einen Kontext und eine Form zu erfinden.


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