Michael Lingner

Grundfragen zur Kunst der Konservierung

Der Begriff Konservierung bedeutet im Kunstbereich die weitestmöliche Bewahrung und Wiederherstellung der materialen Integrität eines für wertvoll gehaltenen Werkes. Mit der Konservierung der dinglichen, materiellen Seite wird beabsichtigt, auch die ästhetische Qualität eines Werkes zu erhalten. Glauben Sie, das Ästhetische sei eine bestimmte, Objekten anhaftende Eigenschaft?

Restaurierung des Werkbegriffs?

Der klassische Werkbegriff geht - wie es Heidegger formuliert - davon aus, daß eine unauflösliche Einheit von "dinglichem Unterbau und ästhetischem Oberbau" besteht. Insofern machen Konservierungsversuche, die um des Ästhetischen willen unternommen werden, durchaus Sinn. Aber wenn Sie das Thema "Konservierung" und damit die dingliche Fundierung des Ästhetischen heute derart in den Mittelpunkt einer Kunstausstellung rücken, besteht dann nicht die Gefahr, daß Sie damit einen überkommenen Werkbegriff restaurieren?

Entmaterialisierung des Ästhetischen?

Durch Kandinsky auf den Begriff der "Vergeistigung" gebracht, läßt sich in der modernen Kunstentwicklung eine Tendenz zunehmender Entmaterialisierung beobachten. Gleichwohl werden - in welcher Form auch immer - nach wie vor Kunstobjekte geschaffen, die keineswegs weniger dinglich als frühere sind. Was anderes also sollte mit "Entmaterialisierung" gemeint sein, als daß das Ästhetische immaterieller, geistiger und von der dinglichen Seite der Werke unabhängiger wird?

Entzweiung der Werkeinheit?

Je mehr sich das Ästhetische von der Dinglichkeit der Objekte löst, umso weniger ist es noch materiell realisiert und sinnlich erfaßbar. Die klassische Werkeinheit als Identität von Dinglichem und Ästhetischem beginnt sich aufzulösen und zerfällt schließlich in einen dinglichen und in einen davon gesonderten ästhetischen Teil. Wenn von dieser Entzweiung der Werkeinheit auszugehen ist, läßt sich dann das vom Künstler hervorgebrachte Ding noch mit Recht als Werk ergreifen?

Rettung des Ästhetischen?

Wenn Sie nicht meinen, auch das Geistige und Immaterielle wohne letztlich doch den Kunstobjekten als ihnen eigene Qualität inne, dann muß das Ästhetische woanders als dort zu lokalisieren sein. Nach meiner Vorstellung entsteht es in einem spezifischen Entscheidungsprozeß des Rezipienten und besteht nicht aus den Attributen eines vom Künstler geschaffenen Gebildes. Wie könnte es nun noch möglich sein, das Ästhetische durch Restaurierung zu retten?

Kunstwerke als Werk-Zeuge?

Hat das Ästhetische, das ehedem Werk genannt wurde, einen immateriellen Charakter, können die vom Künstler geschaffenen Objekte keine Werke mehr sein. Das, was der Künstler hervorbringt, hat vielmehr den Status eines Werk-Zeuges, eines Instruments. Dieses ist dann dem Kunstbereich zuzurechnen, wenn es sich für den Rezipienten als notwendig und geeignet erweist, um ästhetische Entscheidungen zu prozessieren. Konnten die klassischen Werke die Erfahrung des Ästhetischen erzwingen oder auch 'nur' ermöglichen?

Motivationsabhängigkeit der Kunst?

Insofern das Ästhetische dem Rezipierenden nicht mehr als Gegenstand vorgegeben, sondern als Prozeß aufgegeben ist, kann er es nicht mehr erleben, sondern muß es erhandeln. Das Dasein des Ästhetischen ist nicht durch die vom Künstler geschaffenen Objekte garantiert, sondern es geschieht allein durch das Handeln des Rezipienten. Auch wenn es Kunst im Sinn der andauernden künstlerischen Produktion von Instrumenten weiter geben mag, ist die Fortexistenz des Ästhetischen von der jeweils neuerlichen Motivation abhängig, ästhetisch zu handeln. Müßte es dann nicht heute darum gehen, gleichsam die Motivationen zu restaurieren, um dieselbe Funktion zu erfüllen, die früher der Restaurierung zukam? Wie wäre das vorstellbar?

Kunstobjekte als Attraktoren?

Zwischen rein ästhetischen und anderen existentiellen Bedürfnissen gibt es keinen prinzipiellen Unterschied mehr. Sie werden inzwischen alle gleichermaßen künstlich geschaffen und befriedigt. Daß die Kunst sich weiterhin darin gefiele, alle lebensweltlichen Bedürfnisse bloß zu negieren oder zu provozieren, zu ironisieren oder bestenfalls zu ignorieren, wäre somit grundlos. Die Kunstobjekte könnten stattdessen Attraktoren aufweisen, die auch andere und nicht nur ästhetische Bedürfnisse ansprechen oder sogar eine direkte Zweckdienlichkeit versprechen. Was sollte uns heute an der zweckfreien, reinen Kunst noch interessieren, außer ihrer historischen Idee?

Selbstbestimmung oder Normierung?

Im Unterschied zum bloßen Erleben werden durch jedes Handeln Gegebenheiten in einer Weise verändert, von der auch andere betroffen sind. Wer handelt, der kommuniziert - nicht nur sprachlich über die, sondern auch direkt mittels der Objekte. Anders als die passive einsame Kontemplation erfordert das aktive Kommunizieren Entscheidungen: Eine Wahl ist zu treffen. Die künstlerische Wahl zeichnet sich durch ihre Unwahrscheinlichkeit aus und als eine solche, für die ästhetische Kriterien bestimmend sind. Der mit instrumentalen Kunstobjekten handelnde Rezipient kann die ästhetischen Kriterien und Handlungen selbstbestimmt generieren, indem er unter den jeweiligen Bedingungen Unterscheidungen nach seinen eigenen Präferenzen vornimmt. Ist dagegen nicht das klassische Werk für das heutige Bewußtsein eine bloße Konserve, welche lediglich die ästhetischen Handlungen und für den Rezipienten konsumierbar, bestenfalls interpretierbar oder nachvollziehbar macht? Bedeutet nicht die Konservierung der künstlerischen Selbstbestimmung im Werk faktisch die fremdbestimmte Normierung des Rezipienten?

"Ausstellung" als Konservierungsform?

Die herrschende Ausstellungspraxis geht davon aus, daß der Künstler es vermag, Gebilde zu schaffen, in denen das Ästhetische raum-, zeit- und personenunabhängig seine konkrete Daseinsform hat. Wo immer sich solche Gebilde zeigen lassen, werden Kunst und das Ästhetische für präsent gehalten. Insofern ist die Ausstellung als eine objektfixierte Maschinerie zu verstehen, durch welche die andernorts produzierte Kunst per Werkpräsentation lediglich reproduziert wird. Wenn sich diese Reproduktion unabhängig vom Handeln des Rezipienten und den sonstigen sozialen Bedingungen vollzieht, ist dann nicht die Ausstellung selbst eine Konservierungsform - anstatt ein Ort, wo Kunst authentisch sich ereignet?


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