Michael Lingner

Chronografische Meditationen

Strategien ästhetischen Handelns IX: On Kawara

Während T.W. Adorno in der neuen Musik eine Tendenz zur «Verräumlichung» beobachtet, sieht er als wesentliches Kennzeichen der modernen Kunst ihre zunehmende «Verzeitlichung» an. Diese erstaunliche Umdimensionierung konstatiert er als Ursache des Konvergierens von Musik und bildender Kunst. Es konkretisiert sich für ihn im Phänomen der «écriture» (1), die sich als werkbestimmende Form in beiden Künsten und - extrem anonymisiert - auch bei On Kawara findet.

Die von Adorno als Entwicklungsgesetz moderner Kunst erkannte Verzeitlichung, unterscheidet sich grundsätzlich davon, wie Zeit in früherer Kunst ins Werk gesetzt worden ist. Zeit kam dort nicht als solche vor, sondern ausschließlich auf eine verräumlichte Weise: etwa in allegorischer Übersetzung, oder durch die phasenhafte Zerlegung oder auch die treffende Wiedergabe von Bewegungen im Moment ihrer höchsten Spannung. In jedem Fall blieb es bei einer bloß bildlichen Darstellung von Zeit und ihr tatsächlicher Verlauf wurde nicht ästhetisch erfahrbar; ganz im Gegenteil war generell und im wahrsten Sinne des Wortes die Zeitlosigkeit der Kunst angestrebt.

Daß für die bildende Kunst im 20. Jahrhundert Zeitlichkeit immer wichtiger geworden ist, hat sehr viel damit zu tun, wie sehr über die rein rezeptive Betrachtung hinaus, das ästhetische Handeln an Bedeutung gewonnen hat. Denn nicht nur ist die Handlung selbst zeitlich, sondern bereits der das Handeln bezeichnende Begriff impliziert Zeitlichkeit. So kommt die Zeitbestimmung in einer Aussage stets dem Verb zu, das deswegen auch «Zeitwort» genannt wird. Eine das ästhetische Handeln thematisierende Kunst erzwingt geradezu die Berücksichtigung der zeitlichen Dimension. Nach der Domestizierung des Raumes, die in der Renaissance durch die Erfindung der Perspektive gelang, stellt sich der Kunst nun das Problem, die Zeit zu domestizieren. Während das die Evolution heute anführende Wirtschaftssystem dabei das Interesse hat, die Zeitknappheit durch weitere Beschleunigung zu beherrschen, was letztlich zur Unterdrückung und Auslöschung von Zeitlichkeit führt, wäre ihre Befreiung und Kultivierung von der Kunst zu leisten.

Daß es indes überhaupt zur Thematisierung des ästhetischen Handelns in der modernen Kunst kommt, hängt wesentlich mit ihrer Konzeptionalisierung zusammen. Das bedeutet, daß «the concept», der Begriff, die Idee von Kunst und die eigentliche Hervorbringung des Werkes sich im 20. Jahrhundert immer stärker voneinander separieren. In der konzeptuellen Kunst der 60er Jahre geht diese Trennung schließlich so weit, daß das Konzept nicht mehr vom Künstler ausgeführt werden muß, oder sogar ausdrücklich vom Laien realisiert werden soll. Aus der Autorisierung des Laien zu mentalen oder materialen Hervorbringung des eigentlichen Werkes folgt, daß er zum produktiv Handelnden werden muß. Allein der tatsächliche Vollzug eines entsprechenden Handlungsprozesses ermöglicht nun ästhetische Erfahrung, so daß Zeit nicht mehr nur ein fiktiver, sondern ein ganz realer Faktor des Werkes wird.

Der aus Japan stammende amerikanische Künstler On Kawara, über den öffentlich keine anderen biografischen Daten als solche bekannt sind, daß er am 15. Dezember 1991 seit 21540 Tagen lebt, (2) gehört inzwischen zu den Klassikern der conceptual art. Er ist nicht nur der große Unbekannte, sondern hat auch insofern eine Sonderstellung innerhalb der conceptual art, als die Zeit, jenes zumeist verdeckte Strukturprinzip konzeptioneller Kunst, von ihm ganz offensichtlich, ausschließlich und äußerst vielschichtig zum Thema gemacht wird. Die eigene Lebenszeit macht den Inhalt der Kunst von On Kawara aus, die ein Dokument der Methoden ist, mit denen er sein Dasein in wenigen exakten Angaben und existentiellen Aktivitäten objektiv erfaßt. Aus der sehr strengen, in sich logischen und konsequenten Anwendung dieser vorab als Konzept entwickelten Methoden, die ohne weiteres nachvollziehbar sind, entstehen und bestehen seine Arbeiten.

Was On Kawara obsessiv betreibt, ist im eigentlichen Sinn des Wortes eine Kunst der Autobiographie, indem er «bios» (das Leben) durch «graphein» (das Schreiben) festzuhalten sucht. Auf verschiedene Weise setzt er «Zeichen für Leben. Für (s)ein Leben an diesem Tag.» (3) Im Rahmen mehrerer Langzeitprojekte verschickt On Kawara von seinem jeweiligen Aufenthaltsort beispielweise Telegramme, mit denen er dem Adressaten verkündet: «I am still alive» und Postkarten, auf die er «I got up» und die jeweilige Zeitangabe seines Aufstehens stempelt. Darüberhinaus gibt es regelmäßige Aufzeichnungen über seine tägliche Zeitungslektüre und die von ihm an jedem Tag zurückgelegten Wege und getroffenen Leute unter den Titeln «I read», «I went» und «I met».

Doch den auch in quantitativer Hinsicht eigentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit, mit der On Kawara seine Lebenszeit gleichsam bannt, bildet die von ihm am 4.1.1966 begonnene und bis heute andauernde Serie der «date paintings». Die Bilder zeigen lediglich das Datum ihrer Entstehung, welches so abgekürzt wird, wie es im jeweiligen Entstehungsland üblich ist. Die machmal von Bild zu Bild in der Schrifttype minimale Unterschiedlichkeit der Buchstaben, Ziffern und Interpunktionszeichen des Datums werden in gut lesbarer Größe mit weißer Farbe mittig auf einen monochromen dunklen Untergrund gemalt. Dieser hat in den meisten Fällen ein einheitliches handliches Format, dessen Ausmaße sich jedoch in Abhängigkeit von den Platzverhältnissen am jeweiligen Aufenthaltsort des Künstlers ändern können.

Die Anfertigung der inzwischen über 1900 Bilder erfolgt auf das Sorgfältigste. Die Untergründe und Datumsangaben werden in bis zu sieben Farbschichten so aufgetragen, daß auf der matten Oberfläche keine Pinselspuren sichtbar werden. Die Farbtöne der Bildgründe unterscheiden sich nur leicht voneinander und bleiben, abgesehen von einigen azurblauen und roten Ausführungen am Anfang, zumeist im dunklen Graubereich, ohne je zum satten Schwarz zu werden. Der zwischen Datum und Grund entstehende starke Hell-Dunkel-Kontrast hat hier eine Wirkung wie der Wechsel von Tag und Nacht. Damit jenes das Bild ganz und gar definierende Datum absolut authentisch ist, hält sich On Kawara strikt an eine sich selbst auferlegte Regel: Jedes der Bilder, die in eigens angefertigten Kartons aufbewahrt werden und deren Boden mit einem Ausschnitt von der Lokalzeitung des jeweiligen Tages beklebt ist, muß genau an dem Tag, dessen Datum es trägt, auch fertig werden. Ist die Arbeit vor 24 Uhr nicht beendet, wird sie vernichtet, was die unterschiedliche Jahresproduktion erklärt, die zwischen 63 und 241 Arbeiten schwanken soll.

Diese Regel, die ja im Hinblick auf die höchste Objektivität der Zeitaufzeichnung erdacht ist, macht aber auch deren subjektive Seite und deren Grenzen erkennbar. Durch Anwendung der Regel wird die Möglichkeit der Bildproduktion von den sehr persönlichen zeitlichen Umständen abhängig. Etwas von dem tatsächlichen und einmaligen, eben nicht mit der Zeitaufzeichnung verbrachten Leben On Kawaras wird nun bedeutsam, aber nur um sich sogleich als künstlerisch nicht objektivierbar zu erweisen: Es kommt zu keinem Bild, es kann keine allgemeinen Zeichen für ein individuelles, sich nicht in der Zeichenproduktion erschöpfendes Leben geben. Daß es mit dem Anspruch auf Authentizität der Zeichen für den, der sich ihrer Produktion verschrieben hat, kein davon unabhängiges, «wirkliches» Leben geben kann, mag On Kawara meinen, wenn er über sich sagt: «I am not existing». Die mit On Kawaras Arbeiten vom ästhetisch Handelnden zu praktizierende «Methode zur Verfestigung eines bestimmten Verhaltens-, Lebens- und Bewußtseinszustandes» (4), worin sich das Selbst in Entsprechung zu den Zeichen und in Einklang mit der Zeit befindet, ist der fernöstlichen Tradition als Meditation bekannt.

Anmerkungen

Die Ausstellung von On Kawara «Date paintings in 89 cities» ist vom 12.3.1992 bis zum 10.5.92 in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen.

(1) Vgl. Adorno, T.W.: Über einige Relationen zwischen Musik und Malerei. In Katalog: Hommage a Schönberg. Nationalgalerie Berlin 1974

(2) Originalangabe im Katalog: Biography of On Kawara (Dec. 15.1991) 21,540 days

(3) Faust, W.M.: Sich schneidende Parallelen ... In Ausstellungskatalog On Kawara. daad-Galerie Berlin 1987, S.26

(4) Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hg. J. Ritter. Darmstadt 1980, Bd.5, S.967


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