Michael Lingner

Auftakt

Vorbemerkungen zum neuen Konzept von «Kunst aktuell»

Der neue Herausgeber für die Rubrik «Kunst aktuell», Prof. Michael Lingner (HfbK Hamburg) skizziert im folgenden einige seiner Grundvorstellungen, von denen er sich bei der Betreuung von «Kunst aktuell» leiten lassen will. Sie sind für den Leser zur Einstimmung und außerdem als Hinweise für interessierte Autoren gedacht, um deren Mitarbeit ausdrücklich gebeten wird. Zugleich sollen die Überlegungen zur Diskussion des Verhältnisses von aktueller Kunst und Kunstpädagogik anregen.

Wer die aktuelle Kunstszene beobachtet, kann feststellen, daß die zeitgenössische Kunstproduktion in einer tiefen Krise steckt. Verursacht ist sie vor allem durch die Unmöglichkeit, heute noch die bisherige, ganz der Idee der Modernität verpflichtete avantgardistische Entwicklung künstlerisch fortzusetzen. Der sich darin offenbarende Zweifel am modernen Fortschrittsdenken, der vor allem von den zunehmenden ökologischen Problemen genährt wird, hat inzwischen die gesamte Gesellschaft ergriffen. Aber es zeichnet besonders bestimmte Positionen der aktuellen Kunstpraxis aus, darauf sehr viel radikaler und existentieller als alle anderen Zeiterscheinungen zu reagieren. Das risikoreiche Ausmaß, in dem sich die aktuelle Kunst gegenwärtig irritiert zeigt, spricht für ihr außerordentliches Gespür sowie ihren Hang zur Wahrhaftigkeit. Grund genug, eine intensive Beschäftigung mit ihr für unverzichtbar zu halten.

Dagegen ist die kunstpädagogische Unterrichtspraxis schon länger von einer eher ignoranten Einstellung zur Gegenwartskunst beherrscht. Die ist erst recht angesichts des Faktums, daß sich die aktuelle Kunst seit einigen Jahren eines nie dagewesenen allgemeinen Interesses erfreut, unhaltbar geworden. Steigen die Besucherzahlen der Ausstellungen und die Umsätze der Galerien, hat die Kunstpädagogik die Verantwortung, daß es im Kunstbereich nicht lediglich bei einem quantitativen Zuwachs bleibt. Je mehr die Kunst als Wirtschaftsfaktor interessant wird und sich verwerten läßt, desto wichtiger ist es, das Unterscheidungsvermögen ihr gegenüber verstärkt auszubilden. Um diese Voraussetzung für jede qualifizierte Teilhabe an den spezifischen Erfahrungsund Denkformen aktueller Kunst zu schaffen, muß diese wieder ins Zentrum der kunstpädagogischen Anstrengungen rücken; allerdings ohne daß die notwendige kritische Distanz - wie in den Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit um die «abstrakte Malerei» - durch missionarischen Eifer verlorengeht. Diesem Anspruch versucht die Zeitschrift durch die Neukonzeption von «Kunst aktuell» sowie durch deren intensivierte Interaktion mit den Rubriken «Kontexte» und «Diskussion» gerecht zu werden.

Wenn die Kunstpädagogik wieder verstärkt auf die aktuelle Kunst eingeht, könnte dies zugleich eine fachinterne Kurskorrektur einleiten, die aus heutiger Sicht dringend erforderlich erscheint. Die Gründe, die zur programmatischen Vernachlässigung der Kunst zugunsten der Beschäftigung mit allen möglichen visuellen Kommunikationsformen führten, haben sich stark relativiert: Heute noch zu hoffen, durch rationale Analysen der optischen Waren- und Erscheinungswelt deren manipulativen Einflüssen entkommen zu können, wäre naiv. Die tatsächlich gemachten Erfahrungen sowie die postmoderne Vernunftkritik des vergangenen Jahrzehnts haben das Vertrauen in die Wirksamkeit der Aufklärung praktisch und theoretisch zu sehr erschüttert.

Auch das andere Ziel der kunstpädagogischen Richtung, die heute noch dem Konzept der «Visuellen Kommunikation» anhängt: Die Sensibilisierung der Wahrnehmung sowie die Kompetenz des Urteilens im Hinblick auf die Gegenstände der alltäglichen Erfahrungswelt zu steigern und dadurch längerfristig auf deren ästhetische Kultivierung hinzuwirken, hat sich tendenziell überholt. Abgesehen von den vor allem im öffentlich finanzierten Bereich zunehmenden deutlichen Defiziten, haben sich die Standards der Gestaltung und des Geschmacks nicht zuletzt aufgrund des verbreiteten Hanges zum Luxuriösen inzwischen erheblich erhöht - die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche vollzieht sich heute in reizvollen Formen ihrer Ästhetisierung. Je mehr diese allerdings dazu dienen, das Bewußtsein gegen die katastrophalen ökologischen Konsequenzen unseres Wirtschaftens zu anästhesieren, umso fragwürdiger werden sowohl die bloß funktionalen Gestaltungskriterien, welche das Fach auch als «Visuelle Kommunikation» vorwiegend noch im Blick hat, und erst recht alle rein formalästhetischen Gesichtspunkte. Es sollte stattdessen heute eher die «Diätetik», die Lehre von der Lebenskunst, als eine das Ästhetische erweiternde Perspektive einbezogen werden.

I.

Bereits in der Romantik hat Friedrich Schlegel (1972, S. 97/98) ein wesentliches Merkmal von Modernität darin gesehen, daß «das lenkende Prinzip der ästhetischen Bildung ... nicht mehr der (Natur-)Trieb, sondern gewisse dirigierende Begriffe» sind. Erst recht sind die erstaunlichen künstlerischen Formfindungen der Gegenwart an einen bestimmten Kunstbegriff, an ein eigenes Konzept von Kunst gebunden. Die «Reflexion (gehört) unmittelbar in den Prozess der Bildentstehung hinein» und «der Begriff ... sitzt im Nerv der malerischen Konzeption», weshalb Arnold Gehlen (1960) bereits beim Kubismus von einer «peinture conceptuelle» spricht, die er generell für «kommentierungsbedürftig» hält. Keineswegs gilt diese Charakterisierung nur für die im engeren Sinn konzeptionellen (besser: konzeptuellen) künstlerischen Ausprägungen, wie etwa die konstruktivistischen Strömungen oder die Spielarten der Conceptual-Art; auch wo der Expressionismus den spontanen, unmittelbaren Selbstausdruck favorisiert, folgt er einem bestimmten Konzept von Kunst (Lingner 1988).

In ihrem weiteren historischen Verlauf bezieht sich die moderne Kunst immer weniger auf Lebenswelten, sondern bildet statt dessen eine Selbstbezüglichkeit aus. Die Möglichkeiten, sie unmittelbar ästhetisch erfahren zu können, werden geringer, je mehr sich aufgrund dieser Selbstreflektiertheit ihr konzeptioneller Charakter verstärkt. Infolgedessen muß die Rezeption die einem Kunstwerk innewohnende künstlerische Konzeption mitumfassen. Diese erkennen und rational verstehen zu können, ist zum integralen Bestandteil sowie zur Voraussetzung des 'Kunsterlebnisses' geworden. Auch intellektuelle Lust gehört unabdingbar zur ästhetischen Erfahrung, seit Kunst aufgrund ihrer konzeptionellen Struktur weniger nach einem Geschmacks-, als vielmehr nach einem Erkenntnisurteil verlangt. Die für jedermann zumindest graduell zu erlangende Fähigkeit ihrer rationalen Erfaßbarkeit löst das kongeniale Einfühlungsvermögen als ehedem 'privilegierte' Voraussetzung der Kunstrezeption ab. Daß bei der auf dem jeweiligen Höhepunkt der «Konzeptionalisierung» (Lingner 1990) stehenden aktuellen Kunst die Möglichkeit ihrer rationalen Vermittel- und Verstehbarkeit am größten ist, macht sie im Prinzip zu einem prädestinierten, aber keinesfalls ausschließlichen Lernbereich für die Kunstpädagogik. Wie die Erziehung zum «Bildnerischen Denken» im Sinne Paul Klees, ist für das Kunstverständnis heute die Ausbildung des konzeptionellen Denkens gleichermaßen elementar.

In der Praxis jedoch ist weiter die Auffassung verbreitet, daß es die alleinige Aufgabe der Kunstpädagogik sei, komplexe Erfahrungen beim bildnerischen Gestalten und differenzierte Betrachtungen und Deutungen visueller Phänomene zu ermöglichen. Wenn damit im Zusammenhang stehende theoretische Sachverhalte als Lehrstoff angeboten werden, ist das oft eher ein Zugeständnis im Sinne der schulischen Gleichwertigkeit des Faches. Daß es bei der gerade nicht auf die ästhetische Praxis der Schüler zielenden Beschäftigung mit aktueller Kunst sogar primär darauf ankommen soll, diese zu verstehen, d. h. intellektuell zu erfassen, widerspricht dem herrschenden kunstpädagogischen Selbstverständnis und den gesellschaftlichen Erwartungen. Das Fach wird weiterhin als kritische und/oder kompensatorische Alternative zur allgemeinen Verwissenschaftlichung begriffen, der es dann ebenfalls unterworfen zu werden droht. Einem solchen Vorbehalt seinerseits erneut rational begegnen zu wollen, etwa durch den Nachweis, daß die Notwendigkeit rationaler Rezeption nur die logische Konsequenz aus der modernen Kunstentwicklung sei, würde allenfalls seine weitere Verstärkung bewirken. Eine Auflösung dieses Dilemmas ist allein in der konkreten Auseinandersetzung mit aktueller Kunst möglich, wenn die Kunstpädagogik das, was gegen ihre Intentionen zu stehen scheint, als ihre Aufgabe begreift und im Umgang mit den Werken exemplarisch eine spezifisch ästhetische Rationalität «jenseits reiner Vernunft» (Lingner 1990) entwickelt (vgl. u. a. auch Otto 1987, Rech 1990, Seel 1985).

II.

Die Konzeption ist ein umfassendes, dem Künstler teils bewußtes, teils unbewußtes Gedankengebäude, das als solches am Werk selbst nicht unmittelbar ablesbar ist, aber rekonstruiert werden kann. Als Konstrukt wird die Konzeption zwar immer unvollständig, hypothetisch, zeitabhängig und allemal subjektiv sein; aber sie hat einen gleichsam 'harten' Kern, für dessen Verständnis es einen Schlüssel gibt: die dem einzelnen Werk oder OEuvre zugrundeliegende, spezifisch künstlerische Problemstellung. Aus diesem Grund sollen die Beiträge für «Kunst aktuell» jeweils um eine ganz bestimmte, möglichst genau umrissene künstlerische Problematik kreisen. Als deren Formulierung oder auch 'Lösungsvorschlag' werden dann die entsprechenden Werke der Künstler vorgestellt.

Die wichtigste Quelle zur Erschließung der jeweiligen künstlerischen Problematik sind natürlich die material-, vor allem aber auch die wortsprachlichen Äußerungen der Künstler. Besonders ist das Augenmerk auf darin enthaltene Aussagen und Hinweise zu richten, aus denen sich schließen läßt, ob und wie ihre Werke künstlerische Fragestellungen der Vergangenheit beantwortet oder ihrerseits zukünftige aufgeworfen haben. Die historischen und aktuellen Bezüge eines Werkes sind besonders aufschlußreich für das Verständnis seiner Konzeption, da ein Problem sich als solches generell erst in einem Problemzusammenhang erweisen kann. Je vielfältiger und plausibler sich Verknüpfungen herstellen lassen, um so eher wird rational entscheidbar, ob ein Werk im Sinne der Forschungslogik als Beitrag zur Fortsetzbarkeit der Kunst einzuschätzen ist.

Diese nicht beweisbare, aber begründbare und darum nur hypothetische Entscheidung betrifft nicht mehr und nicht weniger als die systematische Zuordnung eines Werkes zur Kunst; es wird verstehbar, warum es sich aufgrund seiner Konzeption als Kunst behaupten läßt. «Das Konzeptionelle meint die Logik des Produziertseins der Werke ... (und) enthält eine These zum kulturellen Daseinssinn der Kunst» (Paetzold 1990, S. 149). Keineswegs ist mit solcher Zurechnung zwangsläufig ein ästhetisches Qualitätsurteil verbunden, welches ja nicht nur aufgrund der historischen Beziehbarkeit und immanenten Stimmigkeit der Konzeption zu fällen wäre. Dabei käme es vielmehr auf die Übereinstimmung zwischen Konzeption und Ausformung an, die aber intellektuell kaum feststellbar ist. Insofern darf die rationale Analyse der ästhetischen Konzeption ebensowenig wie andere, etwa stilistisch, ikonographisch, soziologisch oder psychologisch orientierte Analysen, so verstanden werden, als sei dadurch die Qualität ästhetischer Erfahrung begrifflich vermittel- oder gar ersetzbar. Wissen ist Bestandteil, aber nur notwendige und nicht hinreichende Voraussetzung ästhetischer Erfahrung.

Die Auswahl der in «Kunst aktuell» behandelten Künstler und Werke wird weder in erster Linie nach Gesichtspunkten der Stilzugehörigkeit, der momentanen Novität und schon gar nicht der persönlichen Vorliebe erfolgen. Auch die bei aktueller Kunst besonders schwer beurteilbare künstlerische Qualität kann nicht das alleinige Kriterium sein. Vielmehr ist angestrebt, jeweils eine Reihe von Beiträgen um einen thematischen Aspekt, um eine einzige künstlerische Problemstellung zu zentrieren, die jeweils eigens dargestellt wird. An den konkreten Werkbeispielen sollen dann die unterschiedlichen Formulierungen und Lösungen dieser gemeinsamen Problematik deutlich werden und somit insgesamt den Grundstock einer Typologie bilden.

Allerdings ist es wahrscheinlich, daß sich aus terminlichen und anderen redaktionellen Gründen die Notwendigkeit, hoffentlich aber auch anläßlich interessanter aktueller Anlässe hin und wieder die Möglichkeit ergibt, das jeweilige Thema der Reihe vorübergehend mit einem Exkurs zu verlassen. Bei aller Konzentration auf die immanent künstlerischen Fragestellungen der Gegenwart dürfte darüber hinaus nicht die methodische Reflexion aus dem Blick geraten: Wie läßt sich im konkreten Fall der Zugang zum Werk und seiner Konzeption gewinnen und ein Transfer der ihr eigenen künstlerischen Problematik in den Kontext der Lebenswelten leisten?

III.

Die Reihe «Kunst aktuell» will dazu dienen, sich in der zeitgenössischen Kunstlandschaft nicht trendabhängig, sondern problembezogen zu orientieren. Doch trotz durchaus systematischer Anstrengungen wird es nicht gelingen, für die Kunst ein rational verbürgtes, festgefügtes Ordnungssystem zu schaffen. Die Kunsttheorie kann keine topographische Wissenschaft sein, da sich die Werke nicht ein für alle Mal kartographieren und danach immer wieder lokalisieren lassen. Auch mittels der künstlerischen Problemstellungen ist die unübersichtliche Kunstwelt nicht nach scharf abgegrenzten Gebieten aufzugliedern, in denen bestimmte Werke angesiedelt sind; ein und dasselbe Werk kann durchaus unterschiedlichen Problemfeldern zugeordnet werden. Vielmehr ist, im geographischen Bild verbleibend, die Beschreibung zutreffend, daß sich die Gestalt der Kunstwelt unter einem jeweils anderen Problemaspekt völlig neu formiert. Dies veranschaulicht in analoger Weise der Künstler Ingo Günther (*1957) mit seinem Arbeitskomplex «world processor», wenn er den Globus aus der Sicht militärischer, ökonomischer, ökologischer u. a. Probleme darstellt. Noch zutreffender ist es, sich einen bestimmten Problemaspekt gleichsam als eine Schwungkraft vorzustellen, durch die der Globus sich zu drehen beginnt. Je nach seiner Rotationsgeschwindigkeit werden aus den immergleichen Ländern, Kontinenten und Meeren sich ganz andere Konfigurationen ergeben. Durch die Konzeptionalisierung hat die Kunstwelt eine Beschleunigung erfahren, in der ihre bisherigen Konturen verwischen.

Anmerkungen

Gehlen, Arnold: Zeitbilder. Bonn 1965

Lingner, Michael: Expressionismus ist nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems. In: Poiesis 4/1988

Lingner, Michael: Kunst als Projekt der Aufklärung jenseits reiner Vernunft. In: M. Lingner (Hrsg.): Das Haus in dem ich wohne. Die Theorie zum Werkentwurf von F. E. Walher. Klagenfurt 1990

Otto, Gunter / Otto, Maria: Auslegen. Velber 1987

Paetzold, Heinz: The Cultural dynamics of philosophical Aesthetics. In: Proceedings of the XIth International Congress in Aesthetics. Nottingham 1990

Rech, Peter: Ästhetische Rationalität. In: Ethik und Sozialwissenschaft. Opladen 1990

Schlegel, Friedrich: Über das Studium der griechischen Poesie. In: F. Schlegel, Schriften zur Literatur. Hrsg.: W. Rasch. München 1972

Seel, Martin: Die Kunst der Entzweiung. Zum Begriff der ästhetischen Rationalität. Frankfurt 1987


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