Michael Lingner

Die Theorie zum Kunstentwurf von F. E. Walther

Nach Niklas Luhmann hat sich das System Kunst dahin entwickelt, daß es in erster Linie aus Kommunikationen und Argumentationen, nicht mehr aus Werken besteht. Diese haben lediglich noch die Funktion, als Bezugsobjekte für die Kommunikation zu dienen, sie zu initiieren und zu organisieren. Werke werden letztlich sogar einzig dafür gemacht, Kommunikation zu provozieren, oder entstehen sogar erst - wie bei Franz Erhard Walther - in einem kommunikativen Akt. Durch die Qualität bestimmter materialer Eigenschaften der Werke wird das, was nun das Künstlerische ausmacht, nicht mehr verbürgt, sondern es ist weitgehend abhängig von der Qualität der Kommunikationen über Objekte. Diese können "ohne Diskussion", so die These von Joseph Kosuth, keine Kunst, sondern bestenfalls "rein und einfach Erfahrung" sein.

Wenn sich das Künstlerische kommunikativ konstituiert, darf sich selbst private Kommunikation nicht nur im Sinnieren und Plaudern über Preise, Gesinnungen oder Neurosen eines Künstlers erschöpfen, soll das Werk nicht auf ein bloß ökonomisches, politisches oder psychologisches Phänomen reduziert werden. Wo aber sogar in der publizistischen Erörterung nur allgemeines Gerede und von jedermann ohnehin selber Gesehenes oder Gewußtes als Form öffentlicher Kommunikation über Kunst vorherrscht, geht jede künstlerische Substanz bald völlig verloren. Mit ihr verschwinden faktisch die einzigartigen Denk- und Erfahrungsformen der Kunst, obwohl sie als soziales System perfekt weiter funktionieren mag.

Insofern heute von einer "Positivierung" der Kunst, also von ihrer gesellschaftlichen, nicht zuletzt auch kommunikativen 'Machbarkeit' auszugehen ist, haben nicht mehr allein die Künstler eine künstlerische Verantwortung zu tragen. Sie liegt bei allen, die sich an solchen dem System Kunst zuzurechnenden Kommunikationsprozessen beteiligen.

Damit zumindest kunstwissenschaftliche Kommunikation dieser Verantwortung gerecht wird, muß sie selbst gleichsam künstlerisch werden, indem von ihr - wie Martin Warnke es formuliert hat - "künstlernahe oder künstleranaloge Aufgaben" wahrgenommen werden. Derart ins Zentrum gerückt, bekommt die Art und Weise der Kommunikation in der modernen Kunst eine ganz wesentliche Bedeutung. Erforderlich ist nicht mehr und nicht weniger als daß dort, wo es um Kunst gehen soll, auch tatsächlich Kunstfragen thematisiert werden - die einen zwar subjektiven, aber rationalen und über Begründungen laufenden Diskurs ermöglichen.

Favorisiert man jedoch jede als bloßes Faszinosum funktionierende Kunst, kehrt sich die Notwendigkeit gedanklicher Durchdringung schlicht in ihr Gegenteil und wird zu einem Kriterium für Unkünstlerisches schlechthin. Das vorliegende, der Kunstreflexion sich widmende Theoriebuch, das um den Werkentwurf von F.E. Walther kreist, läuft diesem, seine Vernunftfeindlichkeit zelebrierenden Trend - der sprachlose Bewunderung und grundlose Wertschätzung hervorzurufen weiß - ganz und gar zuwider. Alle in diesem Band enthaltenen Texte leisten trotz mancher Unterschiedlichkeit ihres methodischen Ansatzes einen Beitrag zur Erkenntnis der Rationalität des Ästhetischen.

Bisher hat sich radikale Vernunftkritik, wie sie während des letzten Jahrzehnts zur Mode geworden ist, bemerkenswerterweise nicht nur gegen die technische Rationalität gerichtet, von der die Vernichtung unserer Existenz ständig als Restrisiko einkalkuliert wird. Voraussetzungslos ist auch die als geistige Grundlage der Moderne geltende Rationalität uneingeschränkt kritisiert worden, also auch die rein reflexive Rationalität, obgleich es ohne sie nicht einmal die bis heute erreichte Freiheit gäbe. Diese Desorientierung der Vernunftkritik mag auf einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Technologie beruhen, da allein sie die von ihr verursachten Katastrophen zu überleben verspricht.

Die anti-aufklärerische, den Namen 'Kritik' kaum verdienende, postmoderne Rhetorik hat mit ihren Schwärmereien etwa von einer "Theorie der Nichttheorie" oder vom "Anderen der Vernunft" besonders die Kunst beeinflußt. Ohne die in allen sonstigen Lebensreichen immer übermächtigere Zweckrationalität damit etwa kompensieren zu können, hat sich in der Kunst - auf die Phase der Selbstreflektiertheit während der sechziger Jahre folgend - das Bedürfnis nach einer "neuen", wenngleich rückwärtsgewandten, irrational-mythischen Unmittelbarkeit durchgesetzt. Erhaben und genialisch sich gebärdend, hat sie Ausdruck in einem national-expressionistischen, pseudo-primitivistischen oder edel-futuristischen Stil der Malerei gefunden, von dem momentan die Spitzenpositionen im Kunstbetrieb besetzt werden.

Die Kunst der Moderne ist jedoch durch eine ihr innewohnende Ästhetisierung des Denkens und Intellektualisierung des Ästhetischen prädestiniert, den "vernunftkritischen Gegendiskurs" (Habermas) selbst zu führen. An ihr ist das Modell einer nicht subjektzentrierten sondern verständigungsorientierten und vernunftbestimmten Kommunikation über Wertfragen zu entwickeln: "Kunst als Projekt der Aufklärung".

Die Absicht, durch grundlegende Erörterung der Kernbegriffe im Kontext aktueller Fragestellungen sich mit der Kunstkonzeption von F.E. Wather systematisch auseinanderzusetzen, dürfte auf diesem Hintergrund einleuchtend erscheinen. Nicht zuletzt geht Walther selbst davon aus, daß seine Arbeit "zuallererst von den künstlerischen Ideen her zu verstehen ist". Aber abgesehen davon, daß seine als 'schwierig' angesehene Arbeit sich ohne umfassende Reflexion des Kunstbegriffs überhaupt nicht erschließt, kommt auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand der Kunst dem Versuch ihrer theoretischen Vermittlung, wie er hier unternommen wird, höchste Notwendigkeit zu.

"Das Haus in dem ich wohne" will, als Pendant zu dem "Zwischen Kern und Mantel" (Ritter Verlag, Klagenfurt 1985) geführten künstlertheoretischen Dialog, den kunstwissenschaftlichen Diskurs über die Aspekte: Geschichte, Handlung, Instrumentalität, Sprache, Material-Begriff, Architektonik, Zeichnung, Rezeption im Werk von F.E. Walther eröffnen. Darüberhinaus vereint das Buch durch Walthers Gestaltung auf gelungene Weise Begriffliches und Anschauliches in sich und bietet so auch eine Übersicht seiner wichtigsten Arbeiten aus allen Werkkomplexen.

Außer dem Herausgeber Michael Lingner, der den Einführungsaufsatz "Kunst als Projekt der Aufklärung jenseits reiner Vernunft" geschrieben hat, haben folgende, vor allem jüngere Kunstwissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die o.g. Themen bearbeitet: Thomas Braun, Rudolf Bumiller, Ernst A. Busche, Hans Dickel, Helmut Draxler, Jean Pierre Dubost, Bernd Growe, Dietrich Helms, Wolfgang Kasprzik, Ina Klein, Joseph Kosuth, Achim Kubinski, Rudolf zur Lippe, Robert C. Morgan, Christoph Schenker, Stephan Schmidt-Wulffen, Eckhard Schneider, Dieter Schwarz, Jürgen Schweinebraden, Gerhard Storck, Uwe Wieczorek, Wolfgang Winkler.

Franz Erhard Walther. Das Haus in dem ich wohne. Die Theorie. Hrsg. von Michael Lingner, Ritter Verlag, Klagenfurt 1990


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