Michael Lingner

Ist Kunst im öffentlichen Raum möglich?

Um besser ermessen zu können, was Kunst im öffentlichen Raum in der Gegenwart sein kann, ist es wichtig, sich in aller Kürze einige historische Umstände zu vergegenwärtigen. Das, was wir heute Kunst nennen, ist aus dem Geist der Religion geboren und ohne diesen Gesamtzusammenhang gar nicht denkbar. Die christliche Kunst, die sich freilich in unserem Sinn überhaupt nicht als Kunst verstand, war von ihrer Idee und Funktion her der Öffentlichkeit verpflichtet. Über Jahrhunderte der privaten Verfügung gänzlich entzogen, gab es sie nur an öffentlichen Orten wie etwa Kirchen, oder besser: wo immer es sie gab, wurden die Orte zu öffentlichen.

Aber auch als die Künste säkularisiert, also verweltlicht, und dabei, ökonomisch gesehen, privatisiert wurden, indem sich ihrer bedient wurde, um aus jedem fürstlichen Hof eine Art Gesamtkunstwerk zu machen, änderte sich zunächst der öffentliche Charakter der Kunst nicht grundsätzlich. Denn der Hof beanspruchte Öffentlichkeit par excellence zu sein und tatsächlich fand dort Wesentliches von dem statt, was auch in unserem Sinn zu den Funktionen der Öffentlichkeit gehört, obwohl die Allgemeinheit ausgeschlossen war. Erst durch die spätere Verbürgerlichung der Kunst und den Einzug der Tafelbilder in die Museen und Salons verlor die Kunst ihren öffentlichen Anspruch. Obwohl ihre öffentliche Zugänglichkeit nun größer denn je war, isolierte sie sich um ihrer ästhetischen Autonomie willen zunehmend von der Öffentlichkeit. Die Kunst verschwand aus der Öffentlichkeit aber nicht so sehr im räumlichen Sinn - schließlich waren die Museen ja auch ein Teil der Öffentlichkeit -, sondern vor allem im funktionalen Sinn. Immer ausdrücklicher hat sie sich öffentlichen Funktionen und Zwecken verweigert, um sich auf die Steigerung ihrer ästhetischen Qualitäten zu konzentrieren Kunst existiert nun nicht mehr zugleich auch als Altarbild oder Herrscherportrait, sondern ganz als Kunst, oder als gar nichts mehr. Mit dieser Entwicklung geht eine Subjektivierung der Kunst auf seiten des Künstlers, aber auch auf seiten des Betrachters einher. Kunst ist weder bei der Produktion, noch bei der Rezeption mehr in öffentliche Vollzüge eingebettet. Der einsame Akt des Schaffens erzwingt die Einsamkeit des Betrachters vor dem Geschaffenen. Das Ästhetische entsteht nur in extremer Vereinzelung.

Im Hinblick auf die immer radikalere Autonomisierung in den vergangenen zweihundert Jahren muß konstatiert werden, daß jeder öffentliche Anspruch an die Kunst dieser Entwicklung absolut zuwiderläuft. Spätestens seitdem die Kunst nicht nur ihre Repräsentations- und Dekorationsfunktionen aufgegeben hat, sondern auch noch ihre abstrakten Bildwelten als eigenständige Wirklichkeit behauptet, die gleich- oder sogar höherwertig als die allen gemeinsame Lebenwelt ist, kann öffentliche Kunst eigentlich nur noch unzeitgemäß und eine Zumutung für die Kunst, aber auch für die Öffentlichkeit sein.

Trotzdem gibt es natürlich wirtschafts- und kulturpolitische Interessen, die sich über die autonome Entwicklung der Kunst hinwegsetzen, um sie für ihre Zwecke in den Dienst zu nehmen. Doch auch wenn diese Versuche zweifellos häufig gelingen, erklären sie nur die hohe Quantität der in den letzten Jahren durchgeführten Projekte zur Kunst im öffentlichen Raum. Daß dabei aber viele der qualitativ besten und interessantesten künstlerischen Hervorbringungen der Gegenwart entstanden sind, dafür muß es andere Ursachen geben.

Warum es heute offenbar gute künstlerische Gründe gibt, sich mit Arbeiten auf den öffentlichen Raum einzulassen, wird vor dem Hintergrund meiner These verständlicher, die das notwendige Ende des bisherigen Autonomisierungsprozesses der Kunst behauptet. Autonom kann die Kunst heute nur noch gegenüber der von ihr bislang verfolgten Idee der Autonomisierung werden, wie es sich am Beispiel der als postmodern geltenden Kunst zeigt. Mit ihrer durch den unbekümmerten Rückgriff auf alle Stile beabsichtigten Befreiung von dem der Autonomieidee innewohnenden Zwang, sich gegenüber den künstlerischen Formen der Vergangenheit autonom verhalten zu müssen, hat sie das Prinzip der Autonomie negiert. Danach kann es keinen weiteren Schritt einer substantiellen Autonomisierung mehr geben, weil er nur die Negation der Negation, also die Aufhebung dieses Prinzips bedeuten könnte.

Ist die Kunst im Prozess ihrer Autonomisierung, d. h. ihrer Abstrahierung, Subjektivierung, Hermetisierung, Entmaterialisierung, ... an ein definitives Ende gekommen, kann sie nicht mehr in der eigengesetzlichen Entwicklung ihren eigentlichen Zweck sehen. Vielmehr bedarf sie dann außerhalb ihrer selbst liegender Zwecke und Funktionen, um sich weiterzuentwickeln und die Möglichkeit ästhetischer Erfahrung zu erhalten. Sie steht vor einer völligen Umorientierung, weil sie nun außerkünstlerische Zwecke und Funktionen nicht länger einfach abweisen kann, sondern diese ganz im Gegenteil erfinden und sich aneignen muß, jedenfalls sofern ihnen auf künstlerische Weise nachzukommen ist.

Aus dieser Sicht ist die von Künstlern verstärkt betriebene Auseinandersetzung mit den Ansprüchen des öffentlichen Raumes, die infolge des bereits 1950 aufgelegten 'Kunst am Bau'-Programms jahrzehntelang diskreditiert war, als künstlerisch motiviert zu begreifen. Nachdem Ende der 70er Jahre erstmals in Bremen das alte 'Kunst am Bau'-Programm zur Kunst im öffentlichen Raum erweitert worden war, kann dieser heute von Künstlern als Experimentierfeld genutzt werden, weil er Möglichkeiten und Impulse bietet, jenseits der bisherigen Grenzen ästhetischer Autonomie künstlerisch zu erfüllende Zwecke und Funktionen zu ersinnen. Der Versuch, sich in diesem Sinne für außerkünstlerische Formen und Inhalte zu öffnen und an allgemeingesellschaftliche Vollzüge anzuknüpfen, weil auch und gerade eine gegen bestimmte Mechanismen der Gesellschaft gerichtete Kunst nur in der Gesellschaft wirken kann, ist allen Arbeiten dieses Kataloges eigen. Sie sind darum nicht primär auf den architektonischen Umraum bezogen und haben nicht die Absicht, das öffentliche Erscheinungsbild in irgendeiner Weise ästhetisch zu dominieren, so daß es nicht zu den typischen Integrationsproblemen zwischen Kunst und Architektur kommt. Wohl wissend, daß sie weder der Reizflut der Waren-, noch der Trostlosigkeit der Bauwelt optisch widerstehen könnten, machen sie sich so unscheinbar, daß sie der vollen Aufmerksamkeit bedürfen. Nur dann erschließen sich die Arbeiten als Kristallisationspunkte vielfältig spekulativer Bezüge zwischen ihnen und ihrem Ort, ihrem Inhalt und ihrem Betrachter. Die dabei entstehende Komplexität von Vorstellungen kann sich beim Betrachter, wenn er sie auf den Kunstkontext bezieht, zur ästhetischen Selbst-Erfahrung verdichten.

Passagen aus dem Mittschnitt des Vortrages von Prof. Michael Lingner anläßlich der Eimsbütteler Kulturtage 1989, ausgewählt von Eva Krüger und redigiert vom Autor.


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