Franz Erhard Walther und Michael Lingner im Gespräch über Kunst

M. L.

Du vertrittst damit die klassische Position der Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts, nach der die zeitgenössische Bedeutung avantgardistischer Kunst mehr oder minder aus der rein künstlerischen Wertschätzung und Übereinkunft eines kleinen Kreises von gleichermaßen Interessierten wie Informierten besteht und ihre gesellschaftliche Wirksamkeit sich erst später entfaltet. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, daß diejenige Kunst, die am meisten ihrer eigengesetzlichen Entwicklung gefolgt ist und insofern künstlerisch die ,richtige' ist, auch gesellschaftlich gesehen die fortschrittlichste und 'richtigste' ist.

F. E. W.

Ja, das meine ich und denke, daß alle Kunst so sein müßte und eigentlich auch so ist. Ich kenne jedenfalls kaum Beispiele, wo das, was wir historische Richtigkeit genannt haben, mit unmittelbar aktueller Wirkung einhergeht. Sicher, es gibt Daumier oder Barlach und Käthe Kollwitz sowie Heartfield, die Dadaisten und die Mexikaner Orozco, Siqueiros, Rivera. Aber es ist fraglich, ob das, was sie möglicherweise an unmittelbarer politischer Wirkung erzielt haben, sich wirklich dem Einsatz künstlerischer Mittel verdankt ...

M. L.

... Und ob die Verwendung dieser Mittel antiquiert oder aber auf der Höhe des künstlerischen Entwicklungsstandes war. Daß etwa wie bei Heartfield die radikale politische Auseinandersetzung auch mit den radikalsten künstlerischen Mitteln geführt wurde, bleibt die Ausnahme und ein ausgesprochener Glücksfall. Und selbst bei ihm wie bei den Dadaisten überhaupt ist die Tragik, daß sie - nüchtern und realpolitisch betrachtet - den Untergang der Weimarer Republik nicht nur nicht verhindert, sonder eher gefördert haben. Die reale, sozusagen tagespolitische Wirkung von Kunst ist bis heute äußerst heikel und oft fatal. Das soll aber keineswegs prinzipiell gegen die gesellschaftliche Orientierung der Kunst sprechen. Vielmehr stellt sich gerade angesichts der zeitgenössischen Kunst die Frage, ob das, was historisch bisher sicher zutraf, nämlich die Identität von künstlerischer und gesellschaftlicher ,Richtigkeit', auch weiterhin Gültigkeit haben kann. Oder ob nicht vielmehr die immer mehr auf ihre autonome Eigenentwicklung bezogene Avantgardekunst sich zuwenig gesellschaftlich orientiert, so daß sie nicht mehr den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Gesellschaft voraus-, sondern an den gesellschaftlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten überhaupt vorbei-geht?

F. E. W.

Darin liegt eine Gefahr. Aber es ist ein Irrtum, nun anzunehmen, daß künstlerische Probleme heute überflüssig sind und keiner Bearbeitung mehr bedürfen. Wenn ich beispielsweise ,Proportionen' nicht als rein formales Mittel benutze, sondern in meiner Arbeit Proportionalität als eine Grunderfahrung des Menschen thematisiere, dann kann ich nicht glauben, daß das generell uninteressant sein soll. Ich meine vielmehr, daß sie als elementare Voraussetzung jeglichen Wahrnehmens und Handelns zur Natur des Menschen gehört. Der Mensch, wie wir ihn kennen, oder besser eingeschränkt: der Mensch der westlichen Kultur müßte sich grundsätzlich verändert haben, bevor so etwas wie das Problem der Proportion nicht mehr existiert.

M. L.

Obwohl es die meisten tatsächlich immer gleichgültiger läßt, kommt der Künstler und sagt, wenn ihr ,wahre' Menschen seid, müssen euch solche Probleme etwas angehen. Besonders seitdem sich Künstler nicht mehr auf die natürliche Autorität der Kunst und die selbstverständliche Anerkennung ihres humanistischen Auftrages verlassen können, bekommen sie - so wie du die Funktion der Künstler verstehst - ganz zwangsläufig die Rolle der Besserwisser und der Bewahrer von Werten.

F. E. W.

Unbedingt! Der Künstler ist ein Mahner, einer, der viele Dinge wirklich besser weiß, und ein Bewahrer, der aber zugleich auch zukunftsorientiert ist. Denn natürlich sind das nicht die Proportionen der Renaissance oder irgendeiner anderen Epoche, von denen ich in meiner Arbeit ausgehe. Die Begriffe, sei es der Proportions- oder etwa der Zeitbegriff, müssen selbstverständlich produktiv weiterentwickelt werden. Bewahren heißt keinesfalls, etwas einmal als richtig Befundenes einfach immer weiterzutragen, sondern bedeutet, fundamentale künstlerische Erfahrungen, die sich als wertvoll erwiesen haben, immer wieder neu zu ermöglichen und anders zu begreifen.

M. L.

Diese Haltung, auch unter sich verändernden Bedingungen an bestimmten Werten festzuhalten und sie in ihrer Substanz retten zu wollen, kann man als ,wertkonservativ' oder mit einem neutraleren Ausdruck aus der Systemtheorie als Streben nach „funktionaler Äquivalenz" charakterisieren. Da die Erfahrungen, die für dich einen Wert beinhalten und deren Fortexistenz dir am Herzen liegt, ausschließlich in der Kunst authentisch gemacht werden können, ist die Kunstgeschichte das eigentliche Erfahrungsfeld des Künstlers und somit die ursprünglichste Quelle und der wichtigste Bezugspunkt seiner Praxis. Welche Bedeutung kommt da noch dem heute vielzitierten ,Zeitgeist' zu?

F. E. W.

Mit dem Zeitgeist argumentiert meines Erachtens eine Kunst, die sehr kurzfristig denkt, sehr spezialisiert ist und eigentlich eher journalistisch funktioniert. Sie bezieht sich kaum auf den historischen Gesamtzusammenhang und unternimmt es nicht, aus der Vergangenheit die Zukunft zu entwerfen, sondern bleibt fixiert auf die Gegenwart und reagiert lediglich. Wenn nun heute gerade ein ,Hunger nach Bildern' zu bestehen scheint, so wird er eben gestillt, indem einfach auf die tradierte Form der Tafelmalerei zurückgegriffen wird, ohne zu reflektieren, daß diese Form eine Geschichte hat, die man zitiert, wenn man sich ihrer bedient. Genau diese Haltung verhindert aber jeden projektiven, zukunftsweisenden Kunstentwurf.


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