Michael Lingner

Verständigung über Kunst

Zum Problem des »Ausdrucks« in Kunst und Therapie

Die Beschäftigung mit der »Bildnerei der Geisteskranken« (1), der sich um 1920 H. Prinzhorn erstmalig systematisch widmete, hat als wesentliches Motiv die Frage zum Grunde, ob diese Bildnerei zu Ergebnissen führt, die wegen bestimmter Gestaltungsmerkmale als Kunst beurteilt werden können. Der von Prinzhorn durchgeführte Vergleich zwischen der seinerzeit dominierenden Kunstrichtung des Expressionismus und vielen zumeist von ihm selbst gesammelten psychotischen Ausdrucksweisen hat zu der Folgerung geführt, daß etliche dieser Ausdrucksweisen sehr wohl als Kunst anzuerkennen sind. Diese Einschätzung hat durch den Surrealismus, wie er sich im Laufe der 20er Jahre entwickelte, eine nachdrückliche Bestätigung erfahren, weil nicht wenige der formalen Prinzipien, deren sich Surrealisten wie etwa Max Ernst bedienten, auch in den von Geisteskranken (insbesondere Schizophrenen) stammenden bildhaften Formulierungen anzutreffen sind. Prinzhorns Überzeugung von deren Kunstwert ist weiter dadurch gestützt worden, daß einige der an einer gegenständlich-naturalistischen Kunstauffassung orientierten Gestaltungsmerkmale, etwa die »pointelose, keiner Gesamtheit untergeordnete Konsequenz, mit der ein Formelement, ein Motiv oder eine Ordnungsregel durchgeführt wird« (2), inzwischen durch die moderne Kunstentwicklung jede Verbindlichkeit eingebüßt haben, so daß sie nicht mehr im Sinn von Prinzhorn als Kriterium für die nicht-künstlerische Qualität psychotischer Ausdrucksformen dienen können; infolgedessen verschwimmt heute die Grenze zwischen pathologischer und professioneller Kunst völlig: »L'art brut« umfaßt beides und ist eine Kunstrichtung wie jede andere. Schließlich ist bei dem heutigen »erweiterten«, alle interessanten bildnerischen Phänomene integrierenden Kunstbegriff die Akzeptanz der Bildnereien der Geisteskranken als Kunst ohnehin eine Selbstverständlichkeit.

Diese Selbstverständlichkeit hat nun einerseits zur Folge, daß unter dem Vorzeichen »Kunst« die Diskriminierung und Isolierung der psychisch Kranken durchbrochen wird, indem ihren Bildnereien die öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt wird, die für sie selbst freilich noch lang nicht aufgewendet wird. Andererseits birgt die selbstverständliche, also naive künstlerische Einvernahme der schizophrenen Bildnereien die Gefahr einer neuen Ignoranz, weil der Begriff »Kunst« dazu verleitet, die tatsächlichen Entstehungsbedingungen dieser Bildnereien zu mißachten. Denn während die Kunst der Moderne zwar nicht unbedingt immer mit der Intention, wohl aber immer mit dem Bewußtsein und in der Tradition von Kunst gemacht wird und insofern scheinhaft ist, als sie letztlich einer nur ihr selbst eigenen, gegenüber der Lebensrealität indes fiktiven Notwendigkeit gehorcht, entstehen die Bildnereien der Geisteskranken gänzlich unabhängig von jedem Kunstwollen und Kunstkontext als eine reale, existentielle Notwendigkeit, sich auszudrücken. Diese Disposition ist heute freilich unter der Wirkung von Psychopharmaka nur noch selten so stark, daß ihr der Kranke auch ohne therapeutische Forderung spontan unterliegt - in dieser Hinsicht gehören die Exponate der Prinzhorn-Sammlung einer vergangenen Epoche an. Wenn es jedoch gelingt, die Patienten anzuleiten und ihrem latent vorhandenen Ausdruckszwang einen Impuls zu geben, wozu professionelle Künstler aufgrund eigener Erfahrung besonders gut imstande scheinen, so bricht ein ungeahntes, in äußerster Unmittelbarkeit, Intensität und Anstrengung sich manifestierendes Ausdruckspotential auf. Dabei kommt es zu Ergebnissen, die nicht allein das eigentliche Durchhalte- und Gestaltungsvermögen der Patienten weit übersteigen, sondern sogar bestimmte anerkannte künstlerische Leistungen relativieren, weil nichts Artifizielles, sondern ganz unbedingter, zum Extrem getriebener Ausdruck sie prägt: »Das von keinem Geschmack, keinem künstlerischen Verstand gebändigte Ausdrucksbedürfnis konvergiert mit der Nacktheit rationaler Objektivität.« (3)

Wer an dem vom Kubismus und von der »absoluten Malerei« (4) am Anfang des 20. Jahrhunderts überholten Kunstbegriff festhält, demzufolge der Inhalt der Kunst »die Gefühle des Künstlers (sind), die er malerisch ausdrückt« (5), der wird in den »Kleinmeistern des Irrsinns« (J. Cocteau) die Großmeister des Ausdrucks finden, an die kein professioneller Künstler heranreichen kann. Denn gerade dieser Zustand, von einem Gefühl oder einer Vorstellung beherrscht zu sein und beispielsweise »einfach« malerisch zu wüten, ist dem durch Tradition und Bewußtsein kultivierten Künstler verwehrt, der stattdessen versuchen müßte, Wut mit dem Mittel der Malerei zum Ausdruck zu bringen. Da »Ausdruck kaum anders sich vorstellen (läßt) als der von Leiden - Freude hat gegen allen Ausdruck sich spröde gezeigt ... und Seligkeit wäre ausdruckslos« (6) -, herrscht wirklicher Ausdruckszwang allein bei Menschen, die vom lebensgeschichtlich erlittenen oder selbstzugefügten Leid überwältigt worden sind. Nur wo dies der Fall ist, findet sich wahrer Ausdruck und hat die Verabsolutierung des Ausdrucks alleiniges Recht - dies aber als Therapie und nicht als Kunst; es sei denn, man mag in Kunst ohnehin nichts anderes mehr sehen, als eine spezifische Form der Therapie von individuellen oder gesellschaftlichen Leiden, so daß Kunst und Therapie ein und dasselbe sind. Andernfalls aber darf man sich durch die augenscheinliche Ähnlichkeit so mancher psychotischer Ausdrucksweisen mit den Bildern bestimmter historischer Kunstrichtungen nicht täuschen lassen, daß, von einigen Grenzfällen abgesehen, wo ein Künstler wie van Gogh (7) den Weg des Leidens bewußt und in aller Konsequenz auf sich genommen hat oder umgekehrt ein Schizophrener wie Adolf Wölfli in die künstlerische Tradition und Bewußtheit hineingewachsen ist, sich Kunst und Ausdruckszwang tendenziell ausschließen. Gewinnt die Kunst ihren Ernst aus der Ernsthaftigkeit des Spielens und leidet der Künstler oft daran, daß er die Grenze des spielerischen »Als ob«, die Scheinhaftigkeit seines Tuns nicht überschreiten kann, so wird der Ausdruckszwang des Geisteskranken dagegen vom unentrinnbaren Ernst und Leid des Lebens beherrscht: »Ausdruck und Schein sind primär in Antithese.« (8) Selbst der Expressionismus bestand nicht in einem Sich-unmittelbar-Ausdrücken, war nicht reiner Ausdruck des momentanen So-Seins der Person, sondern blieb der künstlerische Versuch einer Verabsolutierung des Ausdrucks, weil in ihm bestenfalls die Absicht zum Ausdruck kam, unmittelbar sich auszudrücken, aber eben nicht der Ausdruck selbst Verwirklichung fand. Dieses Ungenügen zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sehr die überaus expressiven, gerade nicht expressionistischen Ausdrucksweisen der Geisteskranken von Künstlern geschätzt werden. Und auch daran, wie penetrant und vollkommen ungerührt vom Vorwurf des Eklektizismus oder Anachronismus, Künstler bis in unsere Tage hinein immer wieder versucht haben, als künstlich wild gewordene »Idioten« in immer neuen Auflagen expressionistischer Stile existentielle Ausdruckskraft zu erlangen, ohne den Preis hierfür zahlen zu wollen bzw. zu können.

Die Unterscheidung zwischen den Entstehungsbedingungen künstlerischer und psychotischer Ausdrucksformen dient hier nicht dazu, deren Ergebnisse qualitativ zu bewerten, sondern will sowohl die Kunst davor warnen, in der Verabsolutierung des Ausdrucks einem falschen, ihrer Bestimmung zuwiderlaufenden Ideal zu folgen, als vor allem auch die psychiatrischen Patienten davor bewahren, daß ihre Bildnereien weiterhin hauptsächlich unter einer Perspektive betrachtet werden, die ganz und gar nicht die ihre sein kann: Ihr Interesse hat der Ausdruck weder als mögliche Kunst noch als Therapie, sondern es besteht allein in der Möglichkeit sich auszudrücken, was freilich faktisch eine therapeutische Funktion für sie bedeutet. Die Besonderheit der Therapie besteht darin, daß sie als solche dem Patienten nie bewußt werden darf, um überhaupt gelingen zu können. Diese diffizile Aufgabe wird eher als von jedem anderen hierfür in Frage kommenden Personenkreis von professionellen Künstlern zu bewältigen sein, weil diese durch das Bewußtsein der eigenen psychischen Gefährdung auf quasi natürliche Weise gegen die typische Therapeutenrolle gefeit sind und darüber hinaus besonders glaubwürdig den therapeutischen Prozeß als künstlerischen gleichsam »tarnen« können, ohne den Patienten dabei zu täuschen. Denn wenn sein Ausdruckszwang Form und sogar Gestalt annimmt, so ist dies zweifellos ein kreativer Prozeß, der sich von dem eigentlichen Hervorbringungsakt mancher Künstler nicht prinzipiell unterscheidet. Genau so wenig wie den Künstlern ist deswegen aber auch den Geisteskranken nicht schon die künstlerische Qualität des Ergebnisses garantiert. (9) Denn »Kreativität und Banalität schließen einander nicht aus.« (10)

Indes setzt die Einsicht in die heuristische Funktion der Kunst für wohlverstandene therapeutische Prozesse voraus, daß die professionellen Künstler, die in der Psychiatrie arbeiten, nicht ihrer Bewunderung vor dem Ausdruckspotential der Patienten erliegen und den therapeutischen Prozeß samt seinen Ergebnissen als ihre eigene und eigentliche künstlerische Praxis auffassen und damit die Patienten von Objekten psychiatrischer Dienstleistung zum bloßen künstlerischen Material degradieren; und daß sie auch nicht versuchen, die Patienten zu Künstlern zu stilisieren und ihnen damit einen ebenso falschen wie sozial fragwürdigen Status zu verleihen. Nur wenn der Künstler den Patienten als psychiatrischen Patienten und sich selbst als professionellen Künstler begreift, kann aus solcher Differenz heraus durch die Gemeinsamkeit des kreativen Prozesses zwischen beiden jene Symbiose entstehen, die den Namen Heilkunst verdient und an die Möglichkeit menschlicher Medizin, d.h. des Menschen als Medizin erinnert, welche hier als einzige heilen und nicht »nur« helfen kann. Alle psychiatrischen Patienten müßten so behandelt werden, als wären sie Künstler. Aber niemand sollte sie zu solchen machen wollen.

Michael Lingner, geb. 1950 in Dessau, lebt und arbeitet als Künstler und Kunstwissenschaftler in Hamburg. Seit 1982 ist er Dozent für Kunsttheorie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Anmerkungen

Dank an Herrn R. Walther, Hamburg, für die Hilfe beim Redigieren des Textes.

(1) H. Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung. Berlin 1922. Der Begriff »Bildnerei« hat den Vorzug, daß er alle Gattungen der bildenden Kunst umfaßt und keine Vorentscheidungen über den Kunstwert des so bezeichneten Tuns trifft. Man sollte sich deswegen über den möglicherweise leicht abwertend wirkenden Klang der Wortbildung (vgl. »Bastelei«) hinwegsetzen. Der Begriff »Geisteskranke« maßt sich ebenso wie alle anderen hier verwendeten und mir ebensowenig geeignet erscheinenden Begriffe für die Patienten der Psychiatrie keinerlei medizinisches oder moralisches Urteil an.

(2) Prinzhorn, a.a.O., S.338.

(3) T. W.Adorno, Ästhetische Theorie. Frankfurt 1970, S.175.

(4) Zur Entstehung und Problematik der gegenstandslosen, absoluten Malerei, die sich am Vorbild der reinen, absoluten Instrumentalmusik orientiert hat, siehe: M. Lingner: Der Ursprung des Gesamtkunstwerks aus der Unmöglichkeit absoluter Kunst. Katalog: Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Zürich 1983.

(5) W. Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst. Bern 1952, S. 6.

Max Liebermann hat diesen Sachverhalt noch prägnanter so ausgedrückt: »Der Inhalt der Kunst ist also die Persönlichkeit des Künstlers, das sogenannte Genie.« In M. Liebermann: Die Phantasie in der Malerei. Berlin 1916, S. 15.

(6) Adorno, a.a.O., S. 169.

(7) Zu van Gogh siehe das in diesem Zusammenhang wichtige Kapitel »Vincent Van Gogh. Die Wand«, in: H.-J. Lenger / J. Hiltmann: Unterwegs in Zwischenräumen. Über Readymades. Kunst und Alltag. Hamburg 1983.

(8) Adorno, a.a.O., S.168.

(9) Daß kreative Akte überhaupt und selbst bildnerisch kreative Akte nur unter bestimmten Voraussetzungen spezifisch künstlerischer Natur sind, dazu siehe: M. Lingner / R. Walther: Paradoxien künstlerischer Praxis. Die Aufhebung der Autonomie des Ästhetischen durch die Finalisierung der Kunst. In: Kunstforum International, Bd. 76/1984.

(10) L. Navratil: Krankheitsverlauf und Zeichnung (im Hinblick auf die Kreativität). In: Confin. psychiat. 12/1969.

Desweiteren:

P. Gorsen: Kunst, Literatur und Psychopathologie heute. In: H.-G. Gadamer / P.Vogler: Neue Anthropologie, Bd. 4, Stuttgart 1973.

J. Dewey: Kunst als Erfahrung. Frankfurt 1980, Kap. IV, V.


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