Michael Lingner

Die Problematik des Philosophischen Zugangs zur zeitgenössischen bildenen Kunst

Der Text thematisiert die problematischen Bedingungen auf Seiten der Philosophie und auf Seiten der Kunst, unter denen philosophische Zugansweisen zur Kunst heute generell stehen. Sie bestehen seitens der Philosophie darin, dass in der Geschichte philosophischer Ästhetik von Anbeginn die Philosophie über die Kunst dominiert: Die Entstehung der philosophischen Ästhetik bei Baumgarten und ihre Weiterentwicklung zu den grossen, klassischen Ästhetiken Kants, Schellings und Hegels vollzieht sich unter dem Vorzeichen philosophie-immanenter Überlegungen und wird nicht von solchen Fragen vorangetrieben, die sich der Philosophie von der Kunst herstellen.

Auch die beiden wohl bedeutendsten und produktivsten Richtungen ästhetischer Theoriebildung der Gegenwart im deutschen Sprachraum, die nach dem Ende der grossen spekulativen Ästhetiken ausdrücklich an deren Tradition anzuknüpfen suchen, bleiben dieser Tradition treu, insofern sie die Kunst nicht als solche, sondern unter philosophischer Perspektive in den Blick nehmen: Trotz ansonsten gravierender Gegensätzlichkeiten überformen die phänomenolog.-hermeneut.Ästhetik(z.B. Gadamer) und die neomarxistische Ästhetik (z.B. Adorno) ihren Zugang zur Kunst mit ein-und-derselben philosophischen Problematik, nämlich ihrem Misstrauen gegen die Wahrheitskraft der Reflexion. Die Kunst in ihrer Anschaulichkeit gewinnt für sie deshalb Bedeutung "als ins Werk gesetzte Wahrheit" (Heidegger), als Organon, durch das eine nicht durch Reflexion gewonnene Wahrheit zugänglich wird.

Philosophische Ästhetik ist infolgedessen darauf angewiesen, die konkreten Kunstwerke als Orte solch anschaulicher Wahrheit aufzusuchen. Doch dieser Absicht entziehen sich wesentliche künstlerische Hervorbringungen der modernen Kunst, indem sie durch die gezielte Integration von Unbestimmtheitsstellen (z.B. im Impressionismus) und von Leerstellen (z.B. Cezanne) subjektive Projektionen des Rezipienten provozieren und dadurch die Anschaulichkeit und Einheit der Werke infragestellen.-Bei der monochromen Malerei (z.B. Y. Klein) werden die Leerstellen gleichsam zum Programm erhoben, so dass die Projektionen des Rezipienten ihn ständig auf sich selbst zurückverweisen. Dadurch geht seine Projektionstätigkeit über in Reflexion, die ja im Unterschied zur Unmittelbarkeit der Anschauung eine Nicht-Identität zwischen dem künstlerisch produzierten und dem rezipierten Werk geradezu erzwingt und so dessen klass. Einheit auflöst. -Schliesslich führt die in den 60-er Jahren eingeführte Benutzbarkeit und Instrumetalisierung der Kunstobjekte (z.B.F.E.Walther) zur vollkommenen Entzweiung der klassischen Werkeinheit in einen materialen, dinglichen und in einen mentalen ästhetischen Teil. Kunst und Philosophie befinden sich also in einer absolut konträren Gegenbewegung, indem die Kunst in die Sphäre der Reflexion eindringt und Philosophie das Reich der Anschauung ersehnt. Dies beinhaltet aber auch Annäherungsmöglichkeiten.


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