Michael Lingner

Selbstreflexion als Konstituens immaterieller Werke

Durch die Entwicklung der dem traditionellen Werk-Begriff diametral entgegengesetzten Konzeption des "immateriellen WERKES" ist die ohnehin beklagte "Krise des Werkbegriffs" (Bubner) von jenen künstlerischen Aktivitäten weiter verschärft worden, die seit Beginn der 60-er Jahre dieses Jahrhunderts unter der Maxime "Kunst = Leben" im Sinne einer Aufhebung der "ästhetischen Grenze" zwischen der "Welt der Kunst" und der "Lebenswelt" gewirkt haben.

Über das Eindringen der Reflexion ins Werk, durch dessen Verweis auf unsinnliche Formen der Anschauung (wie: Erwartungen, Vorstellungen, Erinnerungen), hat die Verwirklichung der Idee des "immateriellen WERKES" eine Entzweiung der - kraft künstlerischer Formen ins Werk gesetzten - materialen Einheit von Dinglichem und Ästhetischem des klassischen Werkes erzwungen. Nicht länger ist der vom Künstler hervorgebrachte ästhetische Gegenstand als materialer Träger zu begreifen, als "physisches Seinsfundament", auf dem die in einer Komposition materialer Eigenschaften unauflöslich gestiftete Verbindung des Dinglichen mit dem Ästhetischen die dem Rezipienten sinnlich gegebene Einheit des Kunstwerkes begründet. Vielmehr beansprucht ein aus der Idee der "Immaterialität des Werkes" hervorgebrachter ästhetischer Gegenstand nicht mehr selbst Werkhaftigkeit, sondern will als Instrument, als WERK-ZEUG fungieren, das mittels seiner materialen Organisation dem Rezipienten eine gedankliche Konstitution des "Ästhetischen" als WERK ermöglicht, ohne jedoch jemals selber dinglicher Bestandteil dieses WERKES sein zu können: das WERK-ZEUG verzehrt sich im Werden des WERKES.

Ein derart nicht kraft künstlerischer Formung gegebenes, stattdessen dem Rezipienten zur ideellen Konstitution aufgegebenes, also notwendig immaterielles WERK existiert freilich nicht gegenständlich - material als Gebilde, sondern es entwickelt sich - initiiert durch einen als WERK-ZEUG fungierenden ästhetischen Gegenstand - in einem mentalen Prozeß der aus einer Haltung der Introspektion entspringenden Reflexion subjektiver Empfindungen und Gedanken; einer Reflexion, die in ihrem realzeitlichen Verlauf immer weniger auf ihren ursprünglichen Stoff (die Empfindungen und Gedanken), dagegen immer mehr auf ihren eigenen Vollzug reflektiert und sich dadurch zu potentiell unendlicher Selbstreflexion steigert. Aber obgleich dieser vom Rezipienten zu vollziehende Prozeß der WERK-konstitution als ein Prozeß der Selbstreflexion, ja die Reflexion der Reflexion, die Form der Form gegenüber dem bloßen Empfinden und Denken ist, vermag er dennoch nicht Ausformung, also WERK, sondern nur Stoff für das WERK zu sein: Wäre die endgültige Existenzform des WERKES jener mental-immaterielle und selbstreflexiv-progressive Prozeß, so bliebe dem WERK nicht nur jede intersubjektive Korrespondenz, Beurteilung und damit Geltung versagt, sondern es müßte auch einer für den jeweiligen Rezipienten subjektiv wirklichen wie beständigen gestalthaften Einheit, mithin jeder Werkhaftigkeit im klassischen Sinne entbehren.

Wie gleichwohl auch das immaterielle WERK den traditionellen und ideal typischen Kriterien der Werkhaftigkeit zu genügen vermag, indem die im affirmativ-potenzierenden Prozeß der Selbstreflexion erarbeitete Gedanken- und Empfindungskomplexität vermöge einer selbstreflexiven, zur "Selbstnegation fähigen Negation" (Luhmann) weder vernichtet noch vermindert, sondern zu einer WERK-Vorstellung verdichtet und über deren Objektivation subjektiv und intersubjektiv rekonstruierbar wird, versucht der Beitrag aus einem Exkurs zum "Kritik-Begriff" der frühromantischen deutschen Kunsttheorie anhand der von F.E. Walther in seiner "WERK-Theorie" und seinen 'Objekten' paradigmatisch formulierten Problematik des immateriellen WERKES, zu zeigen. (Bibliographie zu Walther s. Katalog "documenta 5". Kassel 1972. S. 16/137)


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