Michael Lingner

Formen der Wirklichkeitskonstitution und ihre Gegenstände

Referent: Bazon Brock

Koreferent: Franz Erhard Walther

Hamburg, 18.Juni 1973


INHALTSVERZEICHNIS

Wirklichkeitskonstitution als Imagebildung S. 1

Wirklichkeitskonstitution als Produktion

entfremdeter Wirklichkeit S.6

Wirklichkeitsproduktion als Arbeit S.28

Literaturverzeichnis S.51


WIRKLICHKEITSKONSTITUTION ALS IMAGEBILDUNG

Aus eigener Anschauung, vielleicht besonders aus dem Umgang mit älteren Menschen, weiß jeder, daß es Gegenstände gibt, die für den Einzelnen mit einer ganz besonderen Bedeutung behaftet sind. Anstelle der sichtbar materialisierten Eigenschaften, deren gebräuchliche (!) Entfaltung den Gegenstand zum Gebrauchsgegenstand und damit zum Bestandteil einer allen gemeinsamen Alltagswirklichkeit (1) erklärt, existiert dann für die betreffende Person eine durch die Materialität des Gegenstandes nicht ausgewiesene subjektive Wirklichkeit, die oft erst dann bemerkt werden kann, wenn sie verletzt wird. (A) So ist zum Beispiel eine übertrieben heftige Abwehrreaktion auf den Vorschlag des Schwiegersohnes, die alte Tapete doch einmal durch eine neue zu ersetzen, nicht mehr aus den tatsächlichen, materialen Eigenschaften der alten Tapete zu verstehen, sondern nur noch durch die Annahme von ungegenständlichen Eigenschaften zu erklären, und es offenbart sich uns die Existenz des Gegenstandes auch im Zustand subjektiver Wirklichkeit, die gewöhnlich hinter der Selbstverständlichkeit der Alltagswirklichkeit verborgen bleibt und in ihrer Bedeutung für das Verhalten unterschätzt wird. Die oftmals tragischen Folgen einer besonders bedrohlich empfundenen Verletzung oder bewußten Mißachtung (B) dieser subjektiven Wirklichkeit weisen jedoch nachdrücklich darauf hin, daß die subjektive Wirklichkeit nicht irgendeine, sondern die Wirklichkeit ist, weil sich an ihr das Verhalten orientiert, daß jenseits der durch Habitualisierungen bestimmten Alltagswirklichkeit orientierungsbedürftig bleibt.

Diese subjektive Wirklichkeit, dieses Bild der objektiven, bewußtseinsunabhängigen Wirklichkeit bezeichnet die amerikanische Wissenssoziologie mit einem Begriff, der wissenschaftlich zuerst von der Marktpsychologie in Anspruch genommen wurde, als Image :"Die Wirklichkeit die der Mensch erlebt, wird offenbar vermittelt durch ein Bild, das sich zwischen ihn und die Außenwelt schiebt, und das durchaus anderen Gesetzen folgt als jene. ...Was zunächst die Bildhaftigkeit des Bildes ausmacht, ist seine fehlende Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, die es darstellen und erfassen will. Denn es repräsentiert die Wirklichkeit immer nur in einer Auswahl und Akzentuierung, die ihr offenbar nicht zukommt, sondern eine Zutat (Hervorhbg. d. Verf.) dessen ist, der das Bild hat". (2) Bestimmte Momente der Persönlichkeitsstruktur des Wahrnehmenden mischen sich mit bestimmten Momenten der materialen Eigenschaften eines Gegenstandes zu einem subjektiven Bild von ihm.

Die subjektiven Bilder, die Images der Gegenstände können danach unterschieden werden, in welchem Maß die Persönlichkeitsstruktur des Wahrnehmenden die Imagebildung beeinflußt hat: "Images befinden sich gewissermaßen auf zwei verschiedenen Kontinua: auf einem Kontinuum zwischen Ich—Nähe (ego-involvement) und Ich-Ferne (ego-detachment) und auf einem anderen Kontinuum zwischen subjektiver Beliebigkeit und gesellschaftlicher Institutionalisierung". (3) Dabei werden einerseits ich-nahe und andererseits gesellschaftlich institutionalisierte Images, also Images, in die Elemente der Persönlichkeitsstruktur als affektive Verwicklung und rigide Nonnenverbundenheit besonders ausgeprägt eingegangen sind, ausschließlichere subjektive Geltung, d.h. höhere Stabilität aufweisen: "Je stärker ein Image institutionalisiert oder je größer seine Ich-Nähe ist, desto stärker ... wird seine verhaltens-determinierende Kraft sein". (4) Die Ich-Nähe ist dabei umso größer, je stärker Lust- oder Angstgefühle vom Gegenstand ausgelöst werden, und der Grad der gesellschaftlichen Institutionalisierung wird umso höher sein, je mehr sich der Wahrnehmende in gruppenspezifischen Normen (=Erwartungserwartungen/LUHMANN) hinsichtlich des Gegenstandes verpflichtet fühlt. Die Wissenssoziologie beschreibt mit dem Imagebegriff also nicht nur jene Wirklichkeitskonstitution, die durch eine mehr oder weniger intensive persönliche Bindung an den Gegenstand beeinflußt wird, sondern sie kann mit Hilfe des Klassifizierungsschemas Ich-Nähe/ Ich-Ferne und subjektive Beliebigkeit/ gesellschaftliche Institutionalisierung Wahrnehmung von Welt überhaupt als Imagebildung deuten.

Für unser Tapetenbeispiel können wir sicherlich ein hohes Maß an Stabilität und eine starke persönliche Färbung des Images annehmen, weil sowohl große Ich-Nähe als auch eine hohe soziale Verbindlichkeit im Umgang mit dem Gegenstand bestehen: Die Tapete hat den Wahrnehmenden eine lange Zeit seines Lebens begleitet, und das Erleben vieler Ereignisse wird mit der Farbe und dem Muster der Tapete auf unauflösliche Weise verwoben sein. Eine neue Tapete würde die gewohnte Gestimmtheit des Erlebens verändern und den Erinnerungen ihren vertrauten Hintergrund rauben, sie haltlos machen. Freunde und Bekannte würden den Tapetenwechsel mißbilligen und vielleicht sogar ihrem Unmut über das ' neumodische Zeug ' lautstark Ausdruck geben.

Unbeantwortet ist damit freilich geblieben, wie bestimmte Momente der Persönlichkeitsstruktur des Wahrnehmenden mit bestimmten Momenten der materialen Eigenschaften des Gegenstandes verschmelzen. Ein Hinweis bietet DREITZEL'S folgender Satz: "Gewisse Elemente der Persönlichkeitsstruktur werden in die Umwelt projiziert, so daß das entstehende Umwelt-Bild ohne die dazugehörige Persönlichkeitsstruktur nicht mehr erklärt werden kann".(5) Persönlichkeitsstruktur und Gegenstand werden also durch Projektion d.h. Überlagerung des Gegenstandes von Elementen der Persönlichkeitsstruktur vermittelt, wobei die Persönlichkeitsstruktur - in den bisherigen Beispielen klang dies bereits an - von den im Verlauf der Individualgeschichte erworbenen subjektiven Erfahrungen repräsentiert wird. In der Bezogenheit auf den der Wahrnehmung gegenwärtigen Gegenstand werden diese Erfahrungen zu Erinnerungen und als solche projiziert. (C) Für die Projektion der Erinnerungen wirkt der in der Wahrnehmung gegebene Gegenstand als Reiz und trifft aus dem subjektiven Erfahrungsbestand die Auswahl der Erfahrungen, die, als Erinnerungen projiziert, konstituierend für die Beschaffenheit der subjektiven Wirklichkeit des jeweiligen Gegenstandes sind. Die Entscheidung über die das Image bildenden Elemente und folglich auch die Entscheidung über das Image selber trifft also der Gegenstand - wenn sich nicht der Wahrnehmende die Verfügung über seine Erfahrungen, d.h. über seine Erinnerungstätigkeit verschafft.

Nun ist mit dem Wort "Projektion" die Gefahr gegeben, daß sich hinsichtlich der Vermittlung von Gegenstand und Wahrnehmendem zu einem Image, eine zwar anschauliche, aber falsche Vorstellung einschleicht, wenn nämlich etwa der Gegenstand als weiße Leinwand gedacht wird, auf den die Persönlichkeitsstruktur als buntes Bild geworfen oder der Gegenstand als Bild aufgefaßt wird, auf das noch ein Bild, die Persönlichkeitsstruktur projiziert wird. Die treffendste anschauliche Vorstellung dessen was hier mit 'Projektion' gemeint ist wäre noch die, daß eine Blende ein sehr komplexes Bild - hier also den Gegenstand - bis auf einen in bestimmter Weise geformten Ausschnitt abschattet, daß die Persönlichkeitsstruktur mithin als Leerform, als Schablone gedacht wird, die sich über den Gegenstand legt. Durch die Blende erst reduziert sich das Bild, das wegen seiner übergroßen Komplexität die verschiedensten Möglichkeiten zur Gestaltbildung anbietet, die, weil sich aber einander aufhebend, unwirklich bleiben mußten. Durch diese Reduktion erst kann das Bild nun als eine bestimmte Gestalt Wirklichkeitscharakter annehmen.

Zusammenfassend kann die Wirklichkeitskonstitution als Imagebildung nun folgendermaßen dargestellt werden: Ein in der Wahrnehmung gegebener Gegenstand fungiert als Reiz für die Projektion von Erinnerungen auf eben diesen Gegenstand. Diese Erinnerungen sind eine Auswahl aus den individualgeschichtlich erworbenen Erfahrungen des Wahrnehmenden, repräsentieren also seine Persönlichkeitsstruktur und bestimmen weitgehend die subjektive Wirklichkeit eines Gegenstandes. Dabei hängt das Ausmaß dieses Einflusses der Persönlichkeitsstruktur davon ab, wie stark der Gegenstand mit Angst- oder Lustgefühlen besetzt ist -in Freud'scher Terminologie: von seiner 'libidinösen Besetzung'—und davon, wie stark gruppenspezifische Normen als erwartete Erwartungen das einen Gegenstand betreffende Erinnerungsfeld im vorhinein beschränken. Außerdem beeinflußt der Kontext, als raum-zeitlicher Zusammenhang, in dem sich der Gegenstand befindet, wie als Befindlichkeit, in der der Wahrnehmende auf den Gegenstand trifft, die Auswahl der Erfahrungen, welche als Erinnerungen projiziert, das Image, die subjektive Wirklichkeit des Gegenstandes entstehen lassen.

Fassen wir den durch sinnliche Daten der Wahrnehmung gegebenen Gegenstand als Information auf, so ist die informationstheoretische Erörterung der Bedeutung einer Information vergleichbar mit unserer wissenssoziologischen Darstellung der subjektiven Wirklichkeit eines Gegenstandes. Vielleicht kann sie diese weiter verdeutlichen: "Wie kann man aber diese Bedeutung und den übrigen Teil einer Information trennend definieren? - (Aus dem oben Gesagten) ergibt sich, daß diese Bedeutungen den Informationen eigentlich nicht anhaften, sondern daß sie gewissermaßen die Begleitumstände sind, unter denen die Informationen empfangen werden. Diese Begleitumstände sind nicht exakt abzugrenzen, sie sind nicht für alle Empfänger gleich. Jeder Mensch hat einen anderen Informationsrahmen gespeichert. Daraus erfolgt, daß die Bedeutung einer Information je nach dem Empfänger anders ist. Die Bedeutung haftet der Information weder als Faßbares noch als konstantes Faktum an". (6)

WIRKLICHKEITSKONSTITUTION ALS PRODUKTION ENTFREMDETER WIRKLICHKEIT

Ebenso wie der Information nicht ihre Bedeutung anhaftet, so haftet auch dem Gegenstand nicht seine Wirklichkeit an. Vielmehr befindet sich ein Gegenstand, solange er an kein Bewußtsein gebunden ist, also nur bei sich existiert, im Zustand der Objektivität und ist als bedeutungs- bzw. wirklichkeitsloser, noch für alle Möglichkeiten seiner Wirklichkeit außer sich frei. (D) Diese Freiheit verliert der Gegenstand, wenn er zum Objekt der Wahrnehmung wird und durch die bewußtseinsabhängige Abbildung in einem Image fortan außer sich, d.h. im Zustand subjektiver Wirklichkeit existiert. Das Image und die mit dem Image gegebene subjektive Wirklichkeit des Gegenstandes entsteht so durch eine Synthese aus Bestimmungen des Gegenstandes und aus Bestimmungen des Wahrnehmenden, in die der Gegenstand durch Affizierung der Sinne den Inhalt, und das Wahrnehmende Subjekt durch die Projektion seiner Erfahrungen als Erinnerungen die Form einbringt. Bei der vorangegangenen Darstellung der Wirklichkeitskonstitution als Imagebildung blieb unentscheidbar, ob die Bestimmungen des Gegenstandes oder die des Wahrnehmenden in dieser Synthese überwiegen, ob die Form also den Inhalt einfaßt, oder ob der Inhalt die Form ausgrenzt. Die gewählte Formulierung "ein in der Wahrnehmung gegebener Gegenstand fungiert als Reiz für die Projektion von Erinnerungen auf eben diesen Gegenstand" mußte die Antwort darauf, ob der Wahrnehmende die subjektive Wirklichkeit eines Gegenstandes vor allem aus sich erzeugt (weil ich traurig bin, regnet es), oder ob die subjektive Wirklichkeit eines Gegenstandes nicht vielmehr dem Wahrnehmenden vom Gegenstand zugefügt wird (weil es regnet, bin ich traurig),deshalb aufschieben, weil erst das Wissen um den Grad der Verfügbarkeit der Erfahrungen, d. h. der Verfügung über die Erinnerungstätigkeit, also das Wissen um die Wählbarkeit der Form durch den Wahrnehmenden die Entscheidung darüber ermöglicht hätte. Um also Antwort auf die Frage zu finden, ob der Wahrnehmende die Wirklichkeit der Gegenstände tätig erzeugt oder bewirkt erleidet, müssen wir die Verfügbarkeit des Wahrnehmenden über seine Erfahrungen untersuchen.

Zunächst wollen wir am Beispiel der Wirklichkeitskonstitution von Gegenständen, die die Werbeindustrie produziert, Aufschluß über die Verfügbarkeit der wirklichkeitskonstituierenden Erfahrungen erhalten, um dann aus dieser Einsicht Vorstellungen über wünschenswertere Konstitutionsweisen von Wirklichkeit als Kunstpraxis zu entwickeln. Von der Werbeindustrie produzierte Gegenstände sind für diese grundlegende Betrachtung besonders geeignet, weil sie in einer ganz bestimmten und weitgehenden Weise die Erkenntnis vergegenständlichen, daß ein Gegenstand für einen Wahrnehmenden nur durch die subjektive Reduktion der Möglichkeiten seiner Wirklichkeit in einem Prozeß, den wir Imagebildung genannt haben, überhaupt als wirklicher existent werden kann. Befragen wir die Gegenstände, die von der Werbeindustrie produziert werden, so wird sich die Richtigkeit dieser Behauptung erweisen.

Wie die Autoindustrie als materiale, gegenständliche Ergebnisse ihrer Produktion Autos hervorbringt, so produziert auch die Werbeindustrie mit Anzeigen, Plakaten, Verpackungen usw. Gegenstände. Während jedoch das Auto als Gebrauchs- und Tauschwert seinen Zweck selber verkörpert, so vergegenständlicht die Werbeanzeige, die weder einen Gebrauchs- noch einen Tauschwert hat, einen außer ihr selbst liegenden Zweck, Ihre materialen Eigenschaften stehen nicht in ihrem eigenen Dienst, sondern dienen dazu, für ein anderes, das angezeigte Produkt ein den Kauf beförderndes Gebrauchswertbedürfnis zu erwecken, das hilft, den Tauschwert des Produktes schneller zu realisieren. (E) Ein durch Anzeigenwerbung betreutes Produkt ist also der Notwendigkeit enthoben, ein Gebrauchswertbedürfnis durch seine eigenen, materialen Eigenschaften zu bewirken und seinen Gebrauchswert durch seine eigenen, materialen Eigenschaften zu beweisen, weil die Anzeige das Produkt mit ihren Eigenschaften vorstellt, ohne daß das Produkt selber der vergleichenden Wahrnehmung gegenwärtig wäre. (F) Dabei meint 'vorstellen' zweierlei: 1. daß ein Produkt in Anzeigen erscheint bevor es selber auf dem Markt erhältlich ist (product-timing) und 2. daß die Anzeige sich vor das Produkt stellt, es verstellt, also eine Vorstellung von seinen tatsächlichen, gegenständlichen Eigenschaften hervorruft: "Die Leute sind ihrer Zigarettenmarke ungeheuer treu, und können sie bei Tests trotzdem nicht von anderen Marken unterscheiden. Sie rauchen allesamt eine Vorstellung" (7) Aus dieser Äußerung des Marktforschungsdirektors einer Werbeagentur ergibt sich die Frage nach der doch offensichtlichen Beständigkeit dieser Vorstellung von einem Produkt, und die Frage nach der Übertragung der 'produktlos' produzierten Vorstellung auf den Gegenstand selber. Der Transfer der Vorstellung auf den Gegenstand selber, d.h. das Wirken der Vorstellung über den Moment des Kaufes hinaus, wo die Vorstellung ihrem Gegenstand erstmals als materialem begegnet, ist deshalb notwendig, weil sonst der von der Werbung verbreitete schöne Schein, wenn nicht schon beim Anblick, so aber bestimmt beim Gebrauch des Produktes zerbräche und aus dieser Enttäuschung eine allgemeine Kaufunlust entstände (keine Produkt-'Treue' - starke Fluktuation der Käufer - Unkalkulierbarkeit des Marktes - Unrentabilität der Produktion).

Wie aus einem internen Papier der Lintas-Werbeagentur hervorgeht, wird die Stabilität der Vorstellung und ihre Übertragung auf ihr Produkt durch Konditionierung gesichert. (G) Eine der Theorien der Konditionierung, die den in diesem Zusammenhang wichtigen Aspekt erläutern hilft, soll kurz referiert werden: 1935 hat der amerikanische Lernpsychologe E.R. Guthrie die Theorie von der Konditionierung durch Kontiguität, d.h. durch die Synchronität von Reiz und Reaktion formuliert: "Eine in Gegenwart einer Reizkombination auftretende Reaktion wird diejenige sein, welche diese Reizkombination bei ihrem nächsten Auftreten erneut begleitet"(9). Während Guthrie's Behaviorismus jedoch als Reaktion nur Bewegungen anerkennt ("eine Kombination von Reizen, die mit einer Bewegung einhergeht, pflegt beim erneuten Auftreten diese Bewegung nach sich zu ziehen" (10)), weitet sein Schüler F. D. Sheffield 1961 dieses Prinzip der Konditionierung durch Kontiguität auf perzeptorische, sensorische Reaktionen aus und bestreitet damit, daß die Reaktionen eine motorische Komponente besitzen müssen, um durch Synchronität mit ihren Reizen konditioniert zu werden. Für uns ist nun besonders wichtig, daß den sensorischen Reaktionen sowohl Reiz- als auch Reaktions-Eigenschaften zukommen: "Weil sensorische Reaktionen sowohl Reiz- als auch Reaktionseigenschaften besitzen, werden die verschiedenen mit einem Objekt verbundenen Reaktionen miteinander 'über Kreuz' konditioniert (verflochten), so daß das gesamte diesem Objekt entsprechende Muster der perzeptorischen Reaktionen aufgerufen werden kann, sobald das Objekt auch nur eine dieser perzeptorischen Reaktionen auslöst". ' Also würde ein von der Werbeanzeige dargebotenes visuelles Signal am Gegenstand bereits als Reiz genügen, um die gesamte durch Kontiguität konditionierte Vorstellung wieder real werden zu lassen. Dieses von der Anzeige repräsentierte visuelle Signal stellt die Verpackung des Produktes aus und realisiert dadurch eine doppelt wirksame Verbindung zwischen Vorstellung und Gegenstand: Einmal vollzieht sich die Kaufentscheidung unter dem direkten Einfluß der durch den Anblick der Verpackung im gegenwärtigen Erleben und nicht nur in der Erinnerung gegebenen Vorstellung vom Produkt. Und außerdem begleitet - über die Kaufentscheidung hinaus - die Vorstellung durch die Verpackung das Produkt nicht nur bis zu seinem Gebrauch, sondern sie ist auch noch präsent, während dieses Gebrauchs, der durch das Auspacken eingeleitet wird. (I) So wird der schöne Schein auch im Angesicht des 'nackten' Gegenstandes bewahrt und schon eine von der Anzeige her bekannte tatsächliche Eigenschaft des Gegenstandes (Form, Farbe, Geruch), deren es oft nicht einmal bedürfte, rettet, indem sie das gesamte dieser Eigenschaft entsprechende Muster der perzeptorischen Reaktionen aufruft, diesen Schein auch durch den Gebrauch hindurch (J): "Starken Rauchern wurde ihre persönliche Zigarettenmarke angeboten, ohne daß diese an der Verpackung oder dem Papier kenntlich war. Nahezu alle behaupteten, diese Zigarette schmecke ihnen nicht, während sie die anschließend aus der Originalpackung angebotenen gleichen Zigaretten mit der Bemerkung genossen, wie gut doch diese im Vergleich zu den im Versuch vorher angebotenen Zigaretten seien". (12) Das Beispiel verdeutlicht die physische Wirkung, die eine von der Werbung produzierte Vorstellung erzielen kann; diese regiert über die Geschmacksnerven selbst den Geschmack, in dessen Gewand die Wirklichkeit eines Gegenstandes dem Wahrnehmenden hier erscheint. (K) Die Werbeindustrie produziert also nicht nur Anzeigen, Plakate, Verpackungen usw., sondern sie produziert ebenso real auch die Gegenstände, für die sie wirbt. Denn die durch Anzeigen vergegenständlichten Vorstellungen von den im Arbeitsprozeß material hergestellten Gegenständen, konstituieren im Wahrnehmungsprozeß zwar als immaterielle, aber durchaus real existierende beim Wahrnehmenden die Wirklichkeit der angezeigten Gegenstände.

Wie durch das 'Image' ist also auch durch die 'Vorstellung' dem Wahrnehmenden die Wirklichkeit eines Gegenstandes gegeben. Die Begriffe 'Vorstellung' und 'Image' scheinen demnach synonym verwendbar zu sein. Vergleichen wir jedoch den Entstehungsprozeß des 1. Images und den der 2. Vorstellung, so erweist sich die Vorstellung als ein Image ganz besonderer Art: Bei der Imagebildung - so hatten wir bisher gesagt -werden die allgemeinen Wirklichkeitsmöglichkeiten eines Gegenstandes durch die Projektion von Erinnerungen auf eine bestimmte Wirklichkeit beim Wahrnehmenden reduziert. Zunächst wollen wir die Entstehungsgeschichte eines Images unter dem bisher nur angedeuteten Aspekt von Form und Inhalt verfolgen.

Zu 1 (Image): Die Form d.h. die Verbindung in der ein Gegenstand im Zustand der Objektivität existiert verliert er dann, wenn er vom Augenblick der Wahrnehmung durch ein Subjekt fortan auch außer sich, in den gereizten Sinnesorganen zu existieren beginnt. (L) Durch diese Affizierung der Sinne ist der Gegenstand dem Wahrnehmenden in Empfindungen gegeben, die "nach dem Prinzip der bedingt-reflektorischen Nerventätigkeit" (13) nur einzelne Eigenschaften des Gegenstandes, die unmittelbar auf die Sinnesorgane wirken, abbilden. Als Sinnenstoff ist der Gegenstand für den Wahrnehmenden zu einem Inhalt geworden, der nicht in der Verbindung des objektiven Gegenstandes erscheint, sondern subjektiv ist, weil die ihn ausmachenden bedingten Reflexe erst im Verlauf des Individuallebens erworben worden sind, und weil er außerdem vom Zustand des jeweiligen Organismus (Sinnesorgane, Nervensystem) mitbestimmt wird. Dieser Inhalt, entstanden aus den einzelnen subjektiven Empfindungen, besteht nun auf dieser sog. Wahrnehmungsstufe der Perzeption formlos, nämlich ohne eine Verbindung zwischen seinen Elementen, den vereinzelten Empfindungen. Soll der Inhalt dem Wahrnehmenden nun aber nicht nur als bloßes Ergebnis der Affizierung der Sinne Sinneninhalt bleiben, sondern zu einem Bewußtseinsinhalt werden, derart daß bestimmte Elemente des Sinneninhaltes über die Schwelle des Bewußtseins gehoben werden, so bedarf er nun, auf der sog. Wahrnehmungsstufe der Apperzeption, einer Form. Im Bewußtsein, das seine Erlebnisse als Erfahrungen bewahrt - und nicht wie z.B. ein Sinnesorgan das eine 'Erlebnis' (Reizung) durch das andere 'Erlebnis' wieder auslöschen lassen muß, weil sich beide als einander ausschließende physiologische Zustände niederschlagen (M) -, ist der Inhalt in einen Erfahrungszusammenhang gestellt, in dem er sich nur zusammenhängend d.h. als Verbindung seiner bewußt gewordenen Empfindungselemente als bestimmter behaupten kann. Durch die Ausbildung einer Beziehung auf den im Bewußtsein vorhandenen Erfahrungsbestand wird diese Verbindung gestiftet.(N) Indem das Bewußtsein eine Beziehung des Inhaltes zu sich ausbildet, verbindet es den Inhalt selber, d.h. es synthetisiert die auch als bewußt noch vereinzelten Empfindungen und konstituiert dadurch eine neue Einheit jenes Gegenstandes, der als Gegenstand 'bei sich' durch die Wahrnehmung erst zerstört werden mußte, um als subjektive Einheit, als Einheit von Subjekt und Objekt, 'außer sich' entstehen zu können.

Demzufolge wollen wir mit dem Begriff der 'Imagebildung' entgegen dem üblichen Begriffsgebrauch (O) eben jenen verbindungsstiftenden Prozeß fassen, in dem der Inhalt durch Bezug auf den im Bewußtsein vorhandenen Erfahrungsbestand geformt wird. Das Resultat dieser Ausformung, die Einheit aus subjektiv entstandener Form und subjektiv gefaßtem Inhalt wollen wir als Image bezeichnen, als Zustand subjektiver Wirklichkeit, in der ein Gegenstand 'außer sich' d.h. bei einem Wahrnehmenden existiert. Prägnant ist in folgendem Zitat die Entstehungsgeschichte eines Images zusammengefaßt: "Die formgebende Tätigkeit verzehrt den Gegenstand und verzehrt sich selbst, aber sie verzehrt nur die gegebene Form des Gegenstandes, um ihn in neuer gegenständlicher Form zu setzen, und sie verzehrt sich selbst nur in ihrer subjektiven Form als Tätigkeit. ...Das Verzehren ist nicht einfaches Verzehren des Stofflichen, sondern Verzehren des Verzehrens selbst; im Aufheben des Stofflichen Aufheben dieses Aufhebens und daher Setzen desselben". (14) (P) Das Image als die Setzung des Gegenstandes in neuer gegenständlicher Form (Image = ideeller Gegenstand) unterscheidet sich von dem 'unverzehrten Gegenstand', insofern als es ihn immateriell und außerdem vom Bewußtsein mit Subjektivität geformt in einer für den jeweiligen Wahrnehmenden brauchbaren Form abbildet. Die Brauchbarkeit der Formung d.h. Aneignung, die sich leider nur beim Essen so deutlich offenbart, entscheidet dabei auch über die Brauchbarkeit des Inhaltes. (Q)

Zu 2 (Vorstellung): Vorstellungen, so hatten wir am Beispiel der Werbung gezeigt, werden durch Anzeigen vergegenständlicht. Die Vorstellung existiert also nicht - wie das Image - nur immateriell beim Wahrnehmenden, sondern außerdem auch materiell als Anzeige. Der Gebrauch desselben Begriffes sowohl für die materielle wie die immaterielle Existenzweise d.h. Modalität der Vorstellung, setzt die Gleichheit ihrer inhaltlichen Bestimmungen in den verschiedenen Modalitäten voraus. Diese Gleichheit des Vorstellungsinhaltes - sei er ein immaterieller beim Wahrnehmenden, sei er ein materieller in der Anzeige -, ist aber nur dann denkbar, wenn die Vorstellung nicht wie das Image durch die Ausformung einer für die Aneignung notwendigen Differenz entsteht, sondern durch eine immaterielle, sonst aber entsprechende Widerspiegelung des von der Anzeige materiell vorgegebenen Inhalts" wiedergegeben wird und damit der von der Werbeindustrie vergegenständlichten Absicht entspricht. Folglich kann sich die Vorstellung nicht auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption bilden, auf der das Bewußtsein die Nichtidentität und dadurch die Einheit des immateriellen Gegenstandes subjektiv erzeugt, sondern muß sich auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption abbilden, auf der sich die gegenständlichen Reize der Anzeige in Reflexen als Vorstellung bzw. Empfindungen ( Empfindungskomplex ) verwirklichen. Durch die unaufhebbare Verquickung mit ihren Reflexen gewährleisten diese Reize die Entsprechung von beabsichtigter materieller und immateriell bewirkter Vorstellung; Zwischen Reiz und Reflex ist für formendes, veränderndes Bewußtsein kein Platz. (R) Die gegenständlichen Reize der materiellen Vorstellung -der Anzeige- bewirken also als Reflexe ihnen entsprechende immaterielle Empfindungen und determinieren damit nicht nur die Wirklichkeit der wahrgenommenen Anzeige sondern - durch Konditionierung, wie wir gesehen haben - auch die Wirklichkeit des angezeigten Produktes: das Objekt der Wahrnehmung regiert über seine Wirklichkeit im Subjekt.

Die Determiniertheit dieser Wirklichkeit ist total, obwohl die Empfindungen doch eigentlich nur einzelne Eigenschaften eines Gegenstandes widerspiegeln können und aus dieser Ergänzungsbedürftigkeit die Möglichkeit ihrer Formung, ihrer Verbindung erwachsen könnte und damit auch die Möglichkeit, das formlose Empfindungschaos von seiner Determiniertheit, d.h. die Objekt-bedingte zur Subjekt-bedingten Wirklichkeit hin zu befreien. Aber Anzeigen werden 'als Reizsysteme organisiert' (15) als materiale Erscheinungen, die ausschließlich solche Reize ausstellen, auf die sich Reflexe als Reaktionen einstellen. Eine Vielzahl solcher Reize, die inhaltlich und formal "in optimaler Redundanz" (16) (S) dargeboten werden (d.h. auch große Ich-Nähe und Normenkonformität der verwendeten Inhalte), bewirken ein 'appeal', das einen letzten, womöglich noch reizlos gebliebenen Rest der Anzeige überspielt, und eine anstrengungslose Komplexität, die einen gestalthaften Zusammenhang der einzelnen Empfindungen vortäuscht und sie als ergänzungsunbedürftig erscheinen läßt. Die Anzeige wird restlos von bedingten Reflexen widergespiegelt, weil sie restlos aus reflexbedingenden Reizen besteht. Sie "zeichnet jede Reaktion vor" (17) und präfabriziert so die Wirklichkeit, die der Wahrnehmende erlebt. Ihr gegenüber zählt der Wahrnehmende nicht als Subjekt mit seinen subjektiven Fähigkeiten und Erfahrungen, sondern lediglich als 'Individuum', das mit bestimmten physiologischen Voraussetzungen und mit bestimmten im Verlauf der Sozialisation erworbenen Normen und Werten ausgestattet, die von der Anzeige dargebotenen Reize automatisch, 'vorschriftsmäßig' mit den beabsichtigten Reflexen beantwortet. Weil sich nun aber die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft, solange sie noch jeweils auf eine persönliche Geschichte zurückblicken können, noch nicht so ähnlich sind, daß sie alle auf die gleichen Reize mit Reflexen, noch dazu mit den gleichen bedingten Reflexen reagieren, werden sie von der Werbeindustrie in Zielgruppen zusammengefaßt - notwendige Voraussetzung für die Konditionierung, die allein die Wirkung der Anzeigen optimal zur Geltung bringen kann. (T)

Zielgruppen umfassen Menschen mit gleichen oder sehr ähnlichen Wünschen, Hoffnungen, Ängsten und Bedürfnissen als den Erscheinungsformen des jeweiligen individuellen Normen- und Wertgefüges und demnach auch mit gleichen oder sehr ähnlichen Mustern, nach denen bestimmte Reize mit bestimmten Reflexen verknüpft sind. "Menschen einer Gruppe oder eines Status gleichen sich viel stärker als es die tägliche Erfahrung für möglich hält. ...Dann nämlich, wenn sie alle von einer Situation, einem Gegenstand der Meinungsbildung, dergestalt getroffen werden, daß ein ihnen gemeinsames Bedürfnis, eine von ihnen geteilte Meinung und Wertung oder sonst ein Moment, in dem sie sich gleichen, davon angesprochen wird." (18)

Die von E. Dichter und L. Cheskin in den 30er Jahren in den U.S.A. entwickelte, aber in den 50er Jahren erst systematisch angewandte Motivforschung ermittelt mit statistischen Methoden, die den Angehörigen der jeweiligen Zielgruppe gemeinsamen 'Angriffspunkte', auf die die Anzeige mit ihren gegenständlichen Reizen zielen muß, um auf der Basis der vorhandenen bedingten Reflexe die beabsichtigten Vorstellungen bei einer optimalen Zahl von Zielgruppenangehörigen auszulösen. Die Funktionsweise des Gedächtnisses begünstigt ein solches Vorgehen: "Das Prinzip, nach dem Erinnerungsgehalte im biologischen Gedächtnis verknüpft werden, ist nicht das streng logisch aufgebaute Adressenprinzip der Computer, sondern eines, bei dem man eher an Resonanzphänomene auf einer statistischen Basis denken kann". (19) Dabei können die latent vorhandenen "Verknüpfungsmuster von strategischen Punkten aus reaktiviert" (WIESER) werden, und zwar umso leichter, je tiefer die nervösen Bahnen eines " Verknüpfungsmusters eingeschliffen" sind. Die Werbeindustrie "kalkuliert (also) das subjektive Wirkungsmoment" ihrer Produkte, d.h. ihrer Anzeigen und der von ihnen angezeigten Waren, "nach statistischem Durchschnittswert " (20) und determiniert so deren Wirklichkeit für den Wahrnehmenden. (U)

Im Verlauf dieser Schilderung der Wirklichkeitskonstitution bei Werbegegenständen ist die eingangs gestellte Frage, ob der Wahrnehmende die subjektive Wirklichkeit der von der Werbeindustrie produzierten Gegenstände tätig erzeugt oder bewirkt erleidet, implizit bereits beantwortet worden; ihre explizite Beantwortung ergibt sich zwingend aus der Untersuchung des Funktionsschemas der Entstehung einer Empfindung: Die Wirklichkeit einer Anzeige ist dem Wahrnehmenden auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption durch bedingte Reflexe in einer Vorstellung, in einem Empfindungskomplex gegeben, dessen einzelne Empfindungen hauptsächlich durch die Parameter "Qualität, Dauer und Intensität" der gegenständlichen Reize bestimmt werden. Diese für die Empfindung charakteristischen Größen werden von den Sinnesorganen über "spezifisch afferente Nervenbahnen" als nervöse Impulse zum Bewußtsein geleitet, (wie wir an dieser Stelle die verschiedene Funktionen erfüllenden Projektionsfelder auf der Großhirnrinde zusammenfassend bezeichnen wollen). Erst hier im "zentralen Teil", dem mittleren Abschnitt des Reflexbogens zwischen Rezeptoren ("afferenter Teil") und Effektoren ("efferenter Teil"), "werden diese Impulse in einem komplizierten Nervenprozess analysiert und schließlich zur Empfindung synthetisiert" (21) Auch die Empfindung ist also bereits in gewisser Weise das Ergebnis einer Formung, wie wir sie bei der Imagebildung auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption schon beschrieben haben. Ein entscheidender Unterschied liegt allerdings darin, daß die Synthetisierung der einzelnen nervösen Impulse zur Empfindung dem Einfluß des Wahrnehmenden stets entzogen bleiben muß, weil nicht schon die nervöse Impulsfolge, sondern erst die Empfindungen als das Ergebnis der Synthetisierung der nervösen Impulse dem Wahrnehmenden die erste reale Kunde von der Außenwelt bringen. Die Empfindung bedeutet für den Wahrnehmenden "ein nicht mehr weiter zerlegbares"(d.h. auch grundsätzlich nicht zusammensetzbares) "Elementarerlebnis". (22) Also vermag die Verknüpfung zur Empfindung nicht der Wahrnehmende zu leisten, sondern sie wird vielmehr durch den Gegenstand selber mit solchen gegenständlichen Reizen bewirkt, die jene Erfahrungen reflexhaft auslösen, die der Wahrnehmende im Verlauf seiner Individualgeschichte als dem jeweiligen Reiz entsprechende erworben hat: Nicht der Wahrnehmende formt, sondern es formt sich. Damit aber stellt sich gegenüber den Produkten der Werbeindustrie die Frage nach der Verfügbarkeit bzw. Wählbarkeit der Erfahrungen, und damit die Frage nach einer der Freiheit des Willens gehorchenden Wirklichkeitskonstitution nicht mehr. Sie ist hier im wahrsten Sinne des Wortes gegenstandslos geworden, weil der Gegenstand dem Wahrnehmenden erst durch Empfindungen in einer realen Existenzform erscheint, einer bewußten Verbindung zur Empfindung, aber ein in Empfindungen realer Gegenstand notwendige Voraussetzung wäre.

Nun fügen aber nicht nur die Produkte der Werbeindustrie dem Wahrnehmenden ihre Wirklichkeit zu, sondern auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption bewirken grundsätzlich alle Gegenstände nach dem oben beschriebenen, dem Menschen eigenen Prinzip ihre Wirklichkeit. Die Werbeindustrie mißbraucht jedoch dieses Anthropologikum, und erzwingt durch die besondere materiale Organisation ihrer Produkte einen Unterschied zwischen der perzeptiven Wirklichkeitskonstitution der Werbegegenstände und der, denen alle übrigen Gegenstände - Gebrauchsgegenstände (V) im weitesten Sinne - unterliegen. Die drei wesentlichen Unterscheidungsmerkmale wollen wir uns in diesem Zusammenhang durch eine verweisende Zusammenfassung noch einmal vergegenwärtigen:

1. Die Wirklichkeit eines von der Werbeindustrie betreuten Gegenstandes entsteht als Reflex auf die Eigenschaften seiner Anzeige, die sich mit ihren gezielten, gegenständlichen Reizen vor den materiell nicht vorhandenen Gegenstand stellt, also eine Vor-Stellung von ihm hervorruft, die durch Konditionierung stabilisiert und auf den materiellen Gegenstand übertragen wird.

- Die Wirklichkeit eines Gebrauchsgegenstandes dagegen ist dem Wahrnehmenden als Reflex auf die unvermittelten, gegenständlichen Reize des Gegenstandes selber in Empfindungen gegeben.

(Vorstellung versus Empfindung)

2. Von einem Produkt der Werbeindustrie sichern zielgruppenspezifische Reize, auf ein bestimmtes Normen- und Wertgefüge abgestimmt, die optimale Realisierung der beabsichtigten Vorstellung durch die Auslösung unbewußter, stereotyper Assoziationen beim Wahrnehmenden, der als Zielgruppenangehöriger dem Zwang zur identischen Reproduktion (W) der vorfabrizierten Anzeigenwirklichkeit ohne die Anstrengung des Begriffs kaum wird entgehen können.

- Die Gebrauchsgegenstände dagegen sind nicht als "Reizsysteme nach statistischem Durchschnittswert kalkuliert", sondern verwirklichen ihre Eigenschaften durch funktionsbestimmte, gegenständliche Reize in einem Abbild, das zwar auch das unverfügbare Ergebnis bedingt-reflektorischer Nerventätigkeit ist, aber für dessen Beschaffenheit die individuellen Ausprägungen des Wahrnehmenden wie Zustand des Organismus und Umfang und Organisation des Erfahrungsbestandes als individuelle, also nicht typisierte bestimmend sind.

(Identische Reproduktion versus Abbildung)

3. Weil die Produkte der Werbeindustrie restlos aus einer Komposition gegenständlicher Reize bestehen, reproduzieren die ihnen entsprechenden Reflexe den Gegenstand vollständig und gestalthaft anmutend in Vorstellungen, deren Totalität die Möglichkeit, und deren scheinbare Gestalthaftigkeit das Verlangen verhindert, daß allein aus der Anschauung heraus Vorstellungsinhalte zu Bewußtseinsinhalten aufsteigen können, um auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption geformt, tatsächlich gestaltet und damit angeeignet zu werden.

- Bei der nicht auf Wirkung, sondern auf Funktion und Benutzung bedachten materialen Organisation der Gebrauchsgegenstände kann sich dagegen die Ausschnitthaftigkeit und Gestaltlosigkeit der Empfindungen offenbaren und aus der Ergänzungsbedürftigkeit die Möglichkeit entstehen, daß Empfindungen, über die Schwelle des Bewußtseins gehoben, zu einer subjektiven Einheit verbunden werden, können.

(Verhinderung der Apperzeption versus Möglichkeit der Apperzeption)

Die zusammenfassende Gegenüberstellung unterschiedlicher, objektiv bedingter d.h. gegenstands- und anthropologisch-bedingter Konstitutionsweisen von Wirklichkeit, hat die auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption generell mögliche Verhaltenssteuerung durch Gegenstände noch einmal verdeutlicht. Aus dem durch die Werbeindustrie betriebenen Mißbrauch dieser Möglichkeit - das 'Wissen' um diesen Mißbrauch, vor allem aber auch das 'Wissen' um seine sozio-ökonomischen Ursachen ist durch die breite Diskussion der vergangenen fünf Jahre unter dem Reizwort 'Manipulation' notorisch (23) geworden - folgern wir, dem gewählten Gegenstandsbereich Kunst gemäß die Notwendigkeit einer Wirklichkeitskonstitution durch Apperzeption.

Wenden wir uns also der Frage nach den Bedingungen zu, die dem Wahrnehmenden auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption erlauben, die aus Sinnenstoff durch Reflexketten geknüpften vereinzelten Empfindungen in bewußter Tätigkeit zu verbinden und die ihn befähigen, 0aus dem Erleidenden in ein erzeugendes Verhältnis zur Wirklichkeit zu treten. Dabei bedarf die Untersuchung dieser Frage auf der Stufe der Apperzeption zusätzlich zu dem Kriterium 'der Verfügbarkeit der Erfahrungen', das nur für eine Beantwortung der Frage auf der Stufe der Perzeption hinreichend gewesen ist, eines weiteren Kriteriums. Denn bevor die Verbindung von Empfindungen auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption überhaupt möglich ist, müssen sie apperzipiert d.h. über die Schwelle des Bewußtseins gehoben werden, um 'verbindungsfähig' zu werden. Weil nun aber immer ungleich weniger Empfindungen apperzipiert werden können, als aus dem durch Perzeption gewonnenen Sinnenstoff auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption geknüpft worden sind- ("die Einschränkung des Informationsstromes beim Übergang von der Empfindung zur Wahrnehmung ((bewußte Empfindung)) beträgt nach neueren Forschungen schätzungsweise 10 hoch 6 : 1 " (24)) - muß eine Auswahl der bewußt zu machenden Empfindungen erfolgen. Bevor also die Verfügbarkeit oder Unverfügbarkeit der Erfahrungen ansteht, über die Verbindung der apperzipierten Empfindungen befinden zu können, entscheidet die Apperzeption, der Prozeß der Bewußtwerdung von bestimmten Empfindungen über den zur Formung gelangenden Inhalt. Folglich kann nicht mehr nur das Vermögen des Wahrnehmenden, durch die Verfügbarkeit der Erfahrungen die Form Zu wählen als Kriterium für den tätigen Charakter der Wirklichkeitskonstitution ausreichen, sondern das Vermögen, durch die Verfügbarkeit der Apperzeption, den Inhalt zu wählen, muß als ergänzendes Kriterium hinzutreten.

Eine Wahrnehmungshaltung, die durch bewußte Tätigkeit gegenüber dem Objekt die größtmögliche Freiheit des Subjekts aufrechterhalten will, hat demzufolge zur Bedingung, sowohl den Inhalt als auch seine Form durch die Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen zu erzeugen. Befragen wir nun aber die alltägliche Wirklichkeit nach Anzeichen, die das Vorhandensein einer solchen Verfügbarkeit der Innenwelt in der Außenwelt manifestieren, Anzeichen zum Beispiel als "rationales Verhalten, ...das gesteuert wird durch ein, ...nach den Kriterien eines, von einem Wertsystem ausgearbeiteten, Leitbildes der Zukunft" (25), so erfahren wir, wie 'natürlich', wie unbearbeitet der einzelne Wahrnehmende seine Wirklichkeit entstehen läßt: Die von einem Gegenstand auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption bewirkten unbewußten Empfindungen werden nicht durch die willentliche Intentionalisierung des Gegenstandes auf einen vom wahrnehmenden Bewußtsein gesetzten Bezugspunkt d.h. intendierten Inhalt ausgewählt und ins Bewußtsein gehoben und dann durch die verbindungsstiftenden, wählbaren Erfahrungen den Intentionen des Wahrnehmenden gemäß ausgeformt. (X) Vielmehr wird dadurch, daß sich z.B. "unterschwellige Perzeptionen soweit summieren, daß sie die Bewußtseinsschwelle überschreiten" (26), oder dadurch, daß "einzelne Empfindungen von unserem bewußten und gewohnten Vorstellungsinhalt so weit abweichen, daß die. Differenz von Gewohntem und Ungewohntem Aufmerksamkeit und damit Apperzeption bewirkt" (26), die Auswahl der bewußt zu machenden Empfindungen dem Gegenstand und seiner individuellen oder typisierten Wirkung überlassen, wie die Auswahl der bewußt-zu-machenden Erfahrungen, die die nun bewußten und daher verbindungsbedürftigen Empfindungen synthetisieren, der unbewußten Assoziationstätigkeit des Bewußtseins überlassen bleibt.

Solange sich der Wahrnehmende also keine Verfügung über die Apperzeption und seine Erfahrungen verschafft, erleidet er den bei der Apperzeption entstehenden Bewußtseinsinhalt und dessen Formungsprozeß auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption in ähnlicher Weise wie den bei der Perzeption entstehenden Sinnenstoff und dessen Verknüpfungsprozeß auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption - allerdings mit einem anderen Ergebnis. Während der perzipierte Sinnenstoff und dessen Verknüpfungsergebnis - die Empfindung - wesentlich durch die Eigenschaften des Gegenstandes bestimmt ist und unbewußt bleibt, ist der apperzipierte Bewußtseinsinhalt und dessen Verbindung - also das Image - überwiegend durch den Umfang und die Organisation des individuellen Erfahrungsbestandes bestimmt und außerdem bewußt. Der Gegenstand verwirklicht sich nicht mehr direkt in Empfindungen, sondern wird, durch die Beziehung bewußter Erfahrungen auf die bewußtgewordene Empfindungsauswahl, als ein bildhafter Bewußtseinszusammenhang beim Wahrnehmenden wirklich. Wenn auch ohne Verfügung über die Bewußtseinsinhalte und ohne Einfluß auf den formenden Prozess, so ist doch dem Wahrnehmenden auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption der Gegenstand - im Gegensatz zu seiner mehr oder weniger identischen Reproduktion auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption - in einer gestalthaften Verbindung seiner selbst und einer gestalteten Verbindung mit dem Wahrnehmenden in der Einheit von Subjekt und Objekt gegeben. Aus der bloßen UmCodierung oder Umformung von Reizen in Reaktionen auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption entwickelt sich also auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption deren Ausformung, die den Gegenstand in einem höheren Grad von Aneignung darbietet. Doch solange -um das nocheinmal zu betonen- diese Ausformung (Image) nicht in bewußter Tätigkeit aus der Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen erzeugt wird, kann sie überhaupt nur durch die 'Gunst' eines Gegenstandes entstehen, dessen materiale Organisation die Apperzeption als Voraussetzung zur Imagebildung veranlaßt, und dessen Gepräge dann dieses Image trägt.

(Anm. ask23) zum "Einfluss des Gegenstandes und dem Einfluss der Wahrnehmung auf die Wirklichkeitskonstituierenden Prozesse" vgl. Schaubild S. 3 der PDF-Datei, zu finden s. o.: Teil(e) dieser Ressource: Lingner, Michael: "Formen der Wirklichkeitskonstitution ..."

Bei der bisherigen Darstellung ist deutlich geworden, daß sich aus der objektiven Wirklichkeit eines Gegenstandes, in der er 'bei sich' existiert, im Wahrnehmungsprozess eine subjektive Wirklichkeit konstituiert, indem er als Objekt der Wahrnehmung 'außer sich', in den gereizten Sinnesorganen zu existieren beginnt. Diese Wirklichkeit ist deswegen subjektiv, so hatten wir gesagt, weil erst durch den Verknüpfungs- bzw. Verbindungsprozess des wahrnehmenden Bewußtseins der zu Sinnenstoff "verzehrte" und dabei seiner objektiven Form beraubte Gegenstand in die Form gefaßt wird, in der er dem Wahrnehmenden als wirklicher erscheint.

Während ein gegenständlicher Arbeitsprozeß aus "Naturstoff" (MARX) eine materielle Existenzform (Y) den Gegenstand erzeugt, wird im Wahrnehmungsprozeß dieser Gegenstand zu Sinnenstoff "verzehrt" und in einer neuen immateriellen Existenzform gesetzt, um überhaupt wirklich zu werden; einer immateriellen Existenzform, die als Image, als subjektive Wirklichkeit über die jeweilige, verschiedene subjektive Realitätsweise einer sich selbst gleichbleibenden materiellen Existenzform entscheidet. Aus jedem im Arbeitsprozeß materiell produzierten Gegenstand muß im Wahrnehmungsprozeß sein immaterielles Bild produziert werden, damit er 'außer sich' d.h. wirklich existiert: Rezeption ist Produktion. (Z)

Mit der Perzeption und der Verknüpfung des perzeptierten Sinneninhaltes einerseits und der Apperzeption und der Verbindung des apperzipierten Bewußtseinsinhaltes andererseits haben wir die beiden grundlegenden Produktionsweisen von Wirklichkeit dargestellt und außerdem, im Rahmen dieser anthropologischen Grundschemata, auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption eine durch die materiale Organisation von Gegenständen (Werbegegenstände) bedingte Variation implizit und auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption eine durch die besondere Leistung des Wahrnehmenden Bewußtseins (Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen) ermöglichte Variation -explizit kennengelernt. Diese Variation innerhalb des apperzeptiven Schemas hatte sich aus der Frage nach dem erleidenden oder erzeugenden Charakter des Verhältnisses eines Wahrnehmenden zu seiner Wirklichkeit entwickelt und war uns fortan als noch auszuführender Entwurf ein Maßstab für die Bewertung von Wirklichkeitskonstitutionsweisen und ist uns als noch auszuführender Entwurf eine Aufgabe zur Verwirklichung einer wünschenswerten Wirklichkeitsproduktion. Wünschenswert deshalb, weil sie dem Wahrnehmenden von der Wirkung des Gegenstandes und von seiner eigenen Zufälligkeit - durch die Bearbeitung der äußeren wie inneren Natur- befreit und die immaterielle Wirklichkeit der vom Menschen materiell hervorgebrachten Umwelt als "menschliche" erzeugt.

Die lange Tradition der Begründungs- und Verwirklichungsversuche einer solchen Anschauung soll kurz belegt werden: Nach KANT entspricht es der Würde eines vernünftigen Wesens, "nur das als Gesetz (d.h. als verbindlich für die Konstitution von Wirklichkeit -Anm. d. Verf.) gelten zu lassen, was es selbst in die Dinge gelegt hat". Erkenntnis, die sich z.B. in der Formulierung von Naturgesetzen ausdrückt, ist also nicht das Ergebnis einer bloßen Beobachtung, sondern Ergebnis einer experimentellen Beobachtung nach gesetzten Regeln, die man nicht den Wahrnehmungen entnommen hat. sondern nach denen man umgekehrt erst die Wahrnehmungen anstellt. (27)

NOVALIS übersteigert diese vom deutschen Idealismus betonte Macht des formenden Subjekts über die Materie, wenn er "die Neuschöpfung der Welt aus der absoluten Macht der Einbildungskraft" (28) propagiert.

Durch GOETHE'S Werke zieht sich der Gedanke einer "angemessenen Zueignung" der Gegenstände, der "rechten Entfaltung" der im Gegenstand angelegten Eigenschaften: "Bei Betrachtung der Natur im Großen wie im Kleinen hab ich unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht?" Sich die Dinge angemessen zueignend tritt der Mensch in ein tätiges Verhältnis zur Welt und bildet sich, indem er die Welt bildet. (29)

Hierin ist MARX' Auffassung eng mit der Goethes verwandt: Marx spricht von der Möglichkeit, daß der Mensch sich in seinem Gegenstand "verliert, wenn dieser ihm nicht als menschlicher Gegenstand wird", d.h. wenn sein Verhältnis zum Gegenstand kein tätiges Verhältnis oder, wie Marx es oft nennt, keines der "Aneignung", kein wechselseitiges ist: "Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. . Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; ... jedes deiner Verhältnisse zum Menschen - und zu der Natur - muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines wirklichen individuellen Lebens sein " (30)

Vergleichen wir nun aber diese menschliche, ideale, aktive Wirklichkeitsproduktion; - die wir dann als verwirklicht ansehen wollen, wenn der Wahrnehmende in bewußter Tätigkeit seine Wirklichkeit erzeugt (Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen) -, mit der geschilderten alltäglichen Wirklichkeitskonstitution auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption wie auf der der Apperzeption, so drängt sich die Notwendigkeit auf, die generelle Aussage 'Rezeption ist Produktion' zu differenzieren, um den unterschiedlichen Produktionsweisen von Wirklichkeit gerecht werden zu können. Denn als gemeinsames Kennzeichen der drei alltäglichen Konstitutionsweisen von Wirklichkeit haben wir ja nun gerade feststellen müssen, daß der Wahrnehmende die Wirklichkeit nicht auf eine menschliche Weise bewußt und aktiv produziert, sondern, wie wir uns erinnern, die Wirklichkeit auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption wesentlich von den Eigenschaften des Gegenstandes und auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption wesentlich durch das 'Belieben' des Bewußtseins zugefügt bekommt: Bedingt auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption der Gegenstand die Wirklichkeit, so wird sie auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption durch die individualgeschichtlich erworbene Struktur des Bewußtseins bestimmt; bleibt die perzeptive Wirklichkeit eine Gefangene des Gegenstandes, so bleibt die apperzeptive Wirklichkeit eine Gefangene der Geschichte des Wahrnehmenden: Die Vergangenheit herrscht über die Gegenwart.

Zwar ist der Wahrnehmende auch bei diesen alltäglichen Konstitutionsweisen von Wirklichkeit tätig, seine Sinnesorgane, Nerven und sein Bewußtsein funktionieren, aber es ist eine passive, unbewußte Tätigkeit, der die Erfahrung von der Produzierbarkeit und damit das Bewußtsein der Produziertheit der Wirklichkeit fehlt. Der Wahrnehmende kann darum die durch ihn, wenn auch nur passiv produzierte Wirklichkeit nicht als seine Wirklichkeit erkennen. Sie erscheint ihm als eine, die der Gegenstand immer schon mitbringt, und die er als Wahrnehmender lediglich durch seinen Blickstrahl belebt. In "falschem Bewußtsein" begegnet er seinem eigenen Produkt wie ein Fremder und zerbricht so - Folge seiner passiven Praxis - die Einheit von Produkt und Produzent: Der Wahrnehmende ist seiner Wirklichkeit "entfremdet"; "das Produkt erscheint dem Produzenten "dann als fremde Faktizität und Macht, die ihm als selbständige gegenübersteht und nicht mehr als Produkt kenntlich ist. Entfremdung ist anders ausgedrückt, der Prozeß, der den Menschen vergessen läßt, daß die Welt (bei unserer Übertragung des Entfremdungsbegriffes auf die immaterielle Produktion: die Wirklichkeit), in der er lebt, von ihm selbst produziert wurde" (31).

Aber nicht nur ein Gegenstand und der ihn hervorbringende Arbeitsprozeß, in dem er mit fremden Produktionsmitteln und unter arbeitsteiligen Produktionsverhältnissen als Ware produziert wird, ist also ein entfremdeter, sondern auch die Wirklichkeit eines Gegenstandes und der sie konstituierende Wahrnehmungsprozeß sind entfremdet, wenn sie unter der Unverfügbarkeit der Apperzeption und der Erfahrungen entstehen.

Rezeption ist also zwar grundsätzlich Produktion, weil das wahrnehmende Subjekt in - wie wir es genannt haben - entweder aktiver, bewußter oder in passiver, unbewußter Tätigkeit die Wirklichkeit konstituiert, aber wir müssen zwischen einer unter entfremdeten Produktionsbedingungen entstandenen Wirklichkeit und einer in der Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen erzeugten selbstbestimmten, also nicht entfremdeten Wirklichkeitsproduktion unterscheiden. Die derart getroffene Unterscheidung führt konsequent zu der Einsicht, daß die Entfremdung der alltäglichen perzeptiven und apperzeptiven Wirklichkeitskonstitution allein auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption überwunden werden kann. Denn der Wahrnehmende hat erst hier die Möglichkeit der Selbstbestimmung der Wirklichkeit, kann ihre Produzierbarkeit erfahren, ihre Produziertheit erkennen und die Entfremdung in einer aktiven Praxis aufheben. Auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption mußte er durch die anthropologisch bedingte Unmöglichkeit der Erfahrung der Produzierbarkeit, d.h. durch die Unmöglichkeit einer 'besseren' Praxis, in einem entfremdeten Verhältnis zu seiner Wirklichkeit befangen bleiben; denn nervöse Impulse und Reflexketten sind der willentlichen Verfügung, der Verantwortung und Selbstbestimmung des Wahrnehmenden, also auch einer aktiven, bewußten Praxis entzogen. Mit den realen Empfindungen dagegen ist dem Wahrnehmenden ein virtuell zugängliches Ausgangsmaterial zur bewußten Verarbeitung, zur angemessenen Aneignung auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption gegeben. -Die verschiedenen Wirklichkeitstypen und die für sie konstituierenden Produktionsweisen lassen sich nun auf einem Kontinuum zwischen fremdbestimmter und selbstbestimmter Wirklichkeitskonstitution beschreiben, wobei von der Vorstellung über die Empfindung über die unbewußte Imagebildung zur bewußten Imageerzeugung die Selbstbestimmung zu- und der Grad der Entfremdung abnimmt. (a) Dieses Kontinuum zwischen Selbst- und Fremdbestimmung ergänzt die bei der Einführung des Imagebegriffes kennengelernten Kontinua Ich-Ferne / Ich-Nähe und subjektive Beliebigkeit / gesellschaftliche Institutionalisierung ist damit ein weiteres Kriterium für die Bestimmung unterschiedlich strukturierter Images.

WIRKLICHKEITSPRODUKTION ALS ARBEIT

"Stets hielt sich Nixon an die wichtigste Regieanweisung, die ihm sein Berater Raymond Price schon während des Wahlkampfes 1968 gegeben hatte: Wir müssen uns über ein völlig im Klaren sein, eine Reaktion ruft nur das Image hervor, nicht der Mann. Nicht das, was tatsächlich vorhanden ist, zählt, sondern das, was projiziert wird". (32)

"Nach US—Vorbild sollen nunmehr vorwiegend ledige Damen zwischen 18 und 35 daran glauben, denn, so der künftige 'Jasmin'-Chef Adolf Theobald, Keim aller Schwierigkeiten sei bei der 'Zeitschrift für das Leben zu zweit1 die doppelte Zielgruppe männlich—weiblich gewesen, die zum Dilemma für die Werbung geworden sei, denn die wünsche sich exaktere Zielgruppen".(33)

In einer Bar raunt ein Junggeselle seinem Freund beim Erscheinen der erwarteten Schönen zu: "Die hat den 'Tiger im Tank' " (ESSO). - In einem Betrieb gibt ein Arbeiter seinem schwitzenden Kollegen den Rat: " 'Mach mal Pause', geh 'frischwärts' ", und zeigt in Richtung Kantine (COKE). - In einem Café antwortet eine Sekretärin auf die Frage ihrer Freundin, wie ihr denn die neue Stelle als Chefsekretärin bei einem so großen Unternehmen gefalle: "Das kannst du dir doch denken, Karin, 'der Duft der großen weiten Welt' "(Stuyvesant).

Diese Zitate verdeutlichen beispielhaft den Systematischen Zusammenhang zwischen der Erkenntnis der Produzierbarkeit der Wirklichkeit mittels subjektexterner vergegenständlichter Vorstellungen, der konsequenten, mißbräuchlichen Ausnutzung dieser Erkenntnis durch die Medien zur Durchsetzung bestimmter politischer bzw. ökonomischer Interessen (die redaktionellen Beiträge werden ähnlich zielgruppen-spezifisch und redundant aufbereitet wie die Werbung) und dem Verhalten der Adressaten, das als Erfolg gewertet (ein Werbeslogan gilt als umso erfolgreicher, je mehr er in die Umgangssprache integriert wird), die Fortsetzung des Mißbrauchs fordert und legitimiert; (b) und sie betonen eigentlich erst recht, welche Bedeutung dem Problem der Entfremdung des Wirklichkeitserlebens zukommt, indem sie das Ausmaß der Verbreitung der gesellschaftlichen, materiellen, folglich auch individuellen, immateriellen Produktion entfremdeter Wirklichkeit anzeigen.

Nicht nur die Werbeindustrie organisiert ihre Gegenstände als "Reizsysteme", durch die Apperzeption und damit die Bedingung für eine selbstbestimmte, nicht-entfremdete Erzeugung der Wirklichkeit verhindert wird, sondern auch die "Kulturindustrie" (34) und ihre Massenmedien organisieren ihre Gegenstände in einer Weise, die die Wirklichkeitskonstitution des Wahrnehmenden auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption gefangen hält, so daß sich die Gegenstände ungeformt d.h. unangeeignet ('unzerkaut' s.S.13) (siehe (Q) Anm. ask23) beim Wahrnehmenden verwirklichen. Sie bleiben daher auch außer sich, als wirklich gewordene in einem 'natürlichen', vom Bewußtsein des wahrnehmenden Subjektes unbearbeiteten, 'rohen' Zustand, also in ihrer Objektivität bestehen. In einem Zustand der Objektivität freilich, der nicht die unendlichen Möglichkeiten ihrer Wirklichkeit beinhalten kann, weil die Gegenstände sonst nämlich unwirklich, - einem endlichen Bewußtsein nicht realisierbar - bleiben müßten, sondern in einem Zustand, der deswegen als ein objektiver zu bezeichnen ist, weil jeder dieser Gegenstände außer sich als immateriell wirklicher genau so erscheint, wie er bei sich als materiell möglicher existiert. (c) Das ist aber nur dann denkbar, wenn sich seine Möglichkeiten als objektiver mit seiner Wirklichkeit als subjektiver Gegenstand auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption decken, d.h. wenn der Gegenstand vollständig verwirklicht wird und nicht, der Wahrnehmungsstufe der Perzeption eigentlich entsprechend, als ergänzungsbedürftiger nach Apperzeption und Ausformung verlangt. Um diesem Verlangen zuvorzukommen darf nicht erst das wahrnehmende Bewußtsein die Möglichkeiten des Gegenstandes reduzieren d.h. seine Wirklichkeit konstituieren, sondern der Gegenstand muß als ein auf ein realisierbares Möglichkeitsquantum bereits reduzierter zur Wahrnehmung gelangen; Möglichkeit und Wirklichkeit müssen vor jedem subjektiven Erleben identifiziert worden sein. Diese Identität von Wirklichkeit und Möglichkeit erzwingen die Gegenstände der Kultur- und Werbeindustrie durch ihre - bereits beschriebene -spezifische materiale Organisation. Dadurch sind die Gegenstände so vorgeformt, , oder im Bild des Eß-Beispiels zu bleiben: so 'vorgekaut', daß der Wahrnehmende nur noch schlucken muß.

Das "Verzehren", die Aufhebung der objektiven Form der Gegenstände als Voraussetzung einer subjektiven Formung wird verhindert, weil die objektive Form dieser Gegenstände nicht mehr nur objektiv ist, also als eine Möglichkeiten eröffnende gegenständlich vorliegt, sondern zugleich auch Subjektives enthält, das möglichkeitsreduzierend, ja-vernichtend wirkt und das objektiv Mögliche immer schon in die Form subjektiver Wirklichkeit faßt. Eben darum aber ist eine solche keine subjektive, vielmehr in einer objektiven Aneingnungsform (d) nur subjektiv scheinende Wirklichkeitsform, Objektiv ist diese Aneignung von Form darum, weil sie nicht aus der Subjektivität des jeweiligen Wahrnehmenden geformt ist, sondern lediglich empirisch (35) ermittelte Subjektivität objektiviert. Damit ist die Aneignungsform und die in ihr gefaßte Wirklichkeit zwar auch von der Subjektivität der potentiellen Adressaten geprägt, mehr aber noch prägend für ihre Subjektivität, weil die objektivierte Subjektivität als eine, einen statistisch erhobenen Mittelwert repräsentierende, die bei den Mitgliedern einer Zielgruppe tatsächlich vorhandene Subjektivität nicht repräsentieren kann. Denn eine einem errechneten Mittelwert entsprechende Subjektivität existiert ebenso wenig tatsächlich, wie es den Bundesbürger wirklich gibt? der sich nach dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch aller Bundesbürger ernährt. Keinesfalls kann also diese empirisch gewonnene Subjektivität objektivierende und industriell produzierte Aneignungsform, - bildlich gesprochen die Bissen-Größe, die noch unzerkaut geschluckt werden kann - als Antizipation der Form ausgegeben werden, in der, wie oft behauptet wird, der Mehrheit der Mitglieder der jeweiligen Zielgruppe die Wirklichkeit auch in einer subjektiv erzeugten Aneignungsform gegeben wäre. Vielmehr ersetzen die Gegenstände der Kultur- und Werbeindustrie, nicht zuletzt kraft Materialität, die auch unter den Mitgliedern einer Zielgruppe von einem Gegenstand vorhandenen verschiedenen immateriellen Wirklichkeitsbilder, durch eine Wirklichkeit in ihrer Form, die nun allein gilt, "Das subjektive Wirkungsmoment wird von der Kulturindustrie kalkuliert, nach statistischen Durchschnittswert zum allgemeinen Gesetz. Es ist objektiver Geist geworden" (36)

Dieses Zitat verdichtet nicht nur das bisher Gesagte, sondern führt uns durch den Begriff "objektiver Geist" auch weiter. Denn dieser Begriff bringt unter anderem zum Ausdruck, daß die das "subjektive Wirkungsmoment" bedingenden, von objektivierter Subjektivität bestimmten Aneignungsformen nicht nur materiell, also an als "Reizsysteme" organisierte Gegenstände gebunden, sondern auch immateriell existieren. Solch eine immaterielle, gegenstandsüberdauernde Existenz dieser objektiven Aneignungsformen aber ist nur vorstellbar, als von den Wahrnehmenden praktizierte Wahrnehmungs haltungen, Wahrnehmungsgewohnheiten, die im Umgang mit den 'vorangeeigneten' Gegenständen erworben worden sind. Als gegenstandsunabhängige, individuelle Wahrnehmungshaltungen aber werden diese gesellschaftlich produzierten Aneignungsformen nicht länger mehr nur von "Reizsystemen" erzwungen, sondern sie nehmen die Form eines "relativen Apriori" (36) an, wodurch nun auch die Wahrnehmenden selber diese objektiven Aneingnungsformen erzwingen. Auch nicht 'vorangeeignete', nicht auf Wirkung hin angelegte Gegenstände werden nun einer Form der Wirklichkeitskonstitution unterworfen, die nicht den Gegenstand an das Subjekt aber umgekehrt das Subjekt an den Gegenstand anpaßt. Nun können, ebenso wie bei den von Werbe— und Kulturindustrie produzierten Gegenständen, auch bei anderen Gegenständen - Gebrauchsgegenständen im weitesten Sinn -ausschließlich gegenständliche, reflexbedingende und überwiegend solche gegenständlichen Reize am Gegenstand als wirklich erlebt werden, die in Stärke und/oder Qualität denen gleichen, die die Eigenschaften der Gegenstände der Werbe- und Kulturindustrie ausmachen; oder anders gesagt, die von den Wahrnehmenden geprägten und sie prägenden 'vorangeeigneten' gegenständlichen Reize werden bevorzugt verwirklicht. Eine solche, überwiegend aus reflexbedingenden Reizen konstituierte Wirklichkeit kann nur für die einzig mögliche und nicht für eine mögliche gehalten werden und beansprucht in ihrer Beschränktheit Wahrheit, d.h. auch Vollständigkeit für sich.

Jedoch vollständig, also auch relativ gestalthaft, kann die in eine Aneignungsform gefaßte Wirklichkeit immer nur dann sein, wenn der Gegenstand aus einer ihn restlos erschöpfenden Komposition reflexbedingender Reize besteht. Andere, nicht in dieser Weise 'vorangeeignete' Gegenstände können dagegen nur als bruchstückhafte wirklich werden, weil unter der Herrschaft jener zu Wahrnehmungshaltungen gewordenen objektiven Aneignungsformen lediglich ein Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Reize auch Reizcharakter besitzt. Dieser Empfindungstorso bleibt einer Wahrnehmungshaltung, die bereits auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption Gestalthaftes präsentiert zu bekommen gewohnt ist und sogar die bloß bewirkte, empfundene Gestalthaftigkeit zum allgemeinen Maßstab für Gestalt überhaupt zu erheben beansprucht, notwendigerweise ewig gestalt- und zusammenhanglos. Denn Gestalt, Zusammenhang, Verbindung, also Sinn können nicht vom Gegenstand perzeptiv bewirkt werden, sondern nur vom Wahrnehmenden apperzeptiv erzeugt werden; sie sind nichts Gegenständliches, aber Gegenständliches kann zusammenhängend, einheitlich und sinnvoll . Eine Wahrnehmungshaltung also, für die nur Gegenständliches, nur Dinghaftes Wirklichkeitscharakter annehmen kann, - für die die Möglichkeit zur belebenden Erholung in Wirklichkeit immer schon die in einer Flasche Coca-Cola enthaltene aufputschende 'Pause' ist, für die Gegenständliches nicht über sich selbst hinausweisend auf Ungegenständliches verweist-, eine solche Wahrnehmungspraxis muß zwangsläufig eine sinnlose Wirklichkeit erleiden, die da sinnvoll scheint, wo sie sinnlos ist, und da sinnlos scheint, wo sie sinnvoll sein könnte. Der Begriff der "Verdinglichung" beschreibt eine solche Wahrnehmungshaltung zutreffend: "Unter Verdinglichung verstehen wir das Moment im Prozeß der Entfremdung, mit dem das Merkmal des Ding-Seins zum Maßstab der objektiven Realität wird. Als wirklich kann dann nur noch begriffen werden, was den Charakter des Dings hat." (38) Diese "Verdinglichung" der Wirklichkeit können wir als 'Vollendung' ihrer Entfremdung auffassen: Kann der Wahrnehmende die entfremdete Wirklichkeit schon nicht mehr als subjektive erkennen, so ist die verdinglichte,' Wirklichkeit tatsächlich keine subjektive mehr sondern eine objektive, nämlich eine von der Subjektivität des Einzelnen unabhängig gewordene. Folgende Unterscheidungen lassen sich nun treffen: 1. Die Wirklichkeit der als "Reizsysteme" organisierten Gegenstände ist grundsätzlich eine verdinglichte. 2. Ohne Verfügung über Apperzeption und Erfahrungen ist die Wirklichkeit der Gebrauchsgegenstände zwar vom Wahrnehmenden entfremdet', wird aber erst dann auch zu einer verdinglichten, wenn die von den "Reizsystemen" erzwungenen objektiven Aneigungsformen zu Wahrnehmungshaltungen geworden sind und damit die subjektiven Aneignungsformen gegenüber jedem Gegenstand aufgehoben haben.

Mit ihrer Aufhebung durch objektive Aneignungsformen verändert sich - nicht Mutationsergebnis sondern Kulturprodukt und nicht genetisch, sondern durch Sozialisation 'vererbbar' - die anthropologische Struktur der Wahrnehmung, insofern die Naturdeterminiertheit der Wahrnehmung in einer Gesellschaftsdeterminiertheit aufgehoben wird. Bestimmend für die Wirklichkeitskonstitution sind die natürlichen Bedingungen des menschlichen Wahrnehmungsapparates - Ergebnisse eines gattungsgeschichtlichen Entwicklungsprozesses - nur noch in der Form jener von "Reizsystemen" erzwungenen Aneignungsformen - Ergebnisse eines bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstandes -, die sich als Wahrnehmungsformen verselbständigt haben und als naturgegeben erscheinen, tatsächlich aber gesellschaftlich erarbeitet sind, nicht also Natur, -sondern "Naturbeherrschung" repräsentieren. "Naturbeherrschung", ermöglicht durch eine Wissenschaft, die "aufgrund ihrer eigenen Methode, -ein Universum entworfen und befördert hat, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden bleibt" (39), ja die, wie an anderer Stelle präzisiert wird, "zur stets wirksamer werdenden Herrschaft des Menschen über den Menschen vermittels der Naturbeherrschung" (40) geführt hat.

Diese "Herrschaft des Menschen über den Menschen" haben wir hier als seine Fähigkeit kennengelernt, von den tatsächlichen Eigenschaften der Gegenstände 'ungetrübte', erwünschte Wirklichkeitsabbilder und damit ein sich an diesen Images orientierendes beabsichtigtes Verhalten dadurch zu bewirken, daß bestimmte gegenständliche Reize die Gegenstände verstellen, gleichgültig ob am Gegenstand vorhandene, oder dem verdinglichten Bewußtsein fehlende: als vorhandene indem sie nicht den Stoff für eine auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption zu vollziehende Formung bereitstellen, sondern sich auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption als bereits geformte in einer Aneignungsschablone darbieten können, weil sie selber die zur Formung notwendige Subjektivität als empirisch ermittelte objektivieren, wohingegen sie als fehlende dem verdinglichten Bewußtsein den Gegenstand dadurch verstellen, daß dem Wahrnehmenden jeglicher Sinnenstoff vorenthalten bleibt. Das verdinglichte Bewußtsein wird von solchen gegenständlichen Reizen sogar von dem Zwang zur unbewußten Möglichkeitsreduktion enthoben. Als Subjekt 'darf' der Wahrnehmende Wirklichkeit nicht einmal mehr erleiden, weil diese Reize als vorhandene gar nicht erst in die Sphäre der Möglichkeiten eintauchen können und als fehlende) Möglichkeiten gar nicht erst auftauchen lassen; Die Gegenstände erbringen mit Hilfe objektivierter Subjektivität eine Leistung, nämlich Möglichkeitsreduktion, die bisher der Subjektivität des Einzelnen (und der Zeit) vorbehalten war. Entgegen der Annahme GEHLEN'S, daß, nachdem "die Funktionen des Bewegungsapparates" (durch entsprechende Gegenstände) "verstärkt und ersetzt worden sind, dann die Energieerzeugung, dann die Funktionen des Sinnenapparates und schließlich die Funktionen des steuernden Zentrums" (41) (Informationsspeicherung) ..."keine weiteren Leistungsbereiche angebbar sind, die man objektivieren könnte" (42), ergibt sich aus unseren Überlegungen die Subjektivität als ein weiterer "Leistungsbereich" der, objektiviert, vom Organismus weg auf die Gegenstandsebene projiziert und dadurch ersetzt worden ist, wodurch Natur zwar beherrschbarer für die Gattung aber vor allem auch - wie wir gesehen haben - beherrschend für das Individuum Mensch geworden ist.

Den Grund dafür, daß mit den bisherigen wissenschaftlichen Methoden "Naturbeherrschung" mit einer "stets wachsenden Herrschaft des Menschen über den Menschen" einhergeht, sieht MARCUSE darin, daß diese wissenschaftlichen Methoden einer Einstellung entspringen, die Natur immer nur "als Gegenstand möglicher technischer Verfügung" betrachtet. Alternativ wird vorgeschlagen, "statt Natur als Gegen stand möglicher technischer Verfügung zu behandeln, können wir ihr als Gegenspieler einer möglichen Interaktion begegnen. Statt der ausgebeuteten Natur können wir die brüderliche suchen... und mit Natur kommunizieren, statt sie unter Abbruch der Kommunikation bloß zu bearbeiten. (e) ...Anstelle des Gesichtspunktes möglicher technischer Verfügung träte (dann) der einer, Potentiale der Natur freisetzenden, Hege und Pflege" (44).

Diesen schönen Gedanken wollen wir aufgreifen, und an die Kunst die Forderung stellen, Methoden zu entwickeln und mit ihnen Gegenstände hervorzubringen, die die Naturdeterminiertheit der menschlichen Wahrnehmung zwar auch aufheben - aufheben müssen, wie zu zeigen sein wird -, aber in einer Form aufheben, mit der keine Beherrschung des Menschen durch den Menschen verbunden ist; nicht wird die Fremdbestimmung durch, die Natur von einer Fremdbestimmung durch den Menschen abgelöst, -denn gerade Selbst-Beherrschung, Selbstbestimmung der Wahrnehmung d.h. eine von der Subjektivität des Einzelnen bestimmte Wirklichkeitsproduktion wäre das wünschenswerte Ergebnis dieser "Naturbeherrschung". Geboren nicht aus einer "zweckrationalen" ( technische Regeln, beruhend auf empirischem Wissen ), auf "technische Verfügung" zielenden Einstellung zur Natur - hier zur menschlichen Natur -, sondern aus dem Sinn zur "Hege und Pflege" "Naturbeherrschung" um der Verwirklichung ihrer selbst willen durch Selbstbestimmung,, Selbstbestimmung aber schließt per se ihren Mißbrauch als "Beherrschung des Menschen durch den Menschen" aus: "Naturbeherrschung" in der Form von Selbstbestimmung ist nur in dem Maße möglich, wie sie durch eine individuelle, naturbeherrschende und nicht mehr von Naturbeherrschung beherrschte Praxis wirklich wird.

Auf "Naturbeherrschung" überhaupt - auf Aufhebung der Naturdeterminiertheit -, ja sogar darauf, den erreichten Grad der "Naturbeherrschung" zu überwinden - allerdings den 'herrschenden Zwecken entgegen -, muß eine aus einer 'hegenden' Haltung zur Natur entwickelte Kunstpraxis gerichtet sein. Selbst das Vorhaben - im Sinne einer falsch verstandenen "Hege und Pflege"-, gesellschaftlich erarbeitete Determiniertheit wieder in naturgegebene zurückzuverwandeln, also das Vorhaben, "Naturbeherrschung" wieder abzuarbeiten, ist eben nur als menschliche Arbeit ausführbar, deren Ergebnis nie Natur sein, sehr wohl aber ebenso unverfügbar, wie Natur war, werden kann; ein Tatbestand, der überhaupt erst erlaubt, von gesellschaftlicher Determination bzw. von der gesellschaftlich erarbeiteten Wirklichkeit als einer Natur zweiten Grades zu sprechen.

Weil die durch den einmal erlangten Grad der "Naturbeherrschung" verlorengegangene Naturdeterminiertheit also nicht wiedergewonnen werden kann, ist heutige Kunstpraxis - als Folge der Aufhebung der naturdeterminierten Wahrnehmung in Wahrnehmungshaltungen, in Aneignungsformen, die durch "Reizsysteme" bedingt sind -der Naturdeterminiertheit der sinnlichen Wahrnehmung als eines verbindlichen Hintergrundes - sowohl als einer beständigen Grundlage als auch eines erhofften Zieles-, beraubt. Nicht länger kann Chr. WOLFF'S Definition, "daß schön sei, was gefällt (quod placet dicitur pulchrum)" (47), und die Präzisierung durch KANT, daß schön sei, was "ohne alles Interesse gefalle" (47), daß die "Zweckmäßigkeit der Dinge ohne Zweck", schön sei, wobei diese "Zweckmäßigkeit" als "Angemessenheit an das Subjekt zur Erscheinung kommt" (48) , unter der Bedingung der Aufgehobenheit der Naturdeterminiertheit der sinnlichen Wahrnehmung als eine zur Verwirklichlichung des Schönen führende Idee hilfreich sein, weil ihre Gültigkeit eine unaufgehobene Naturdeterminiertheit zur Bedingung hat. Denn nur in der Naturdeterminiertheit der Wahrnehmung, d.h. nur in etwas allgemein und allgemein-gleich Existierendem, das durch den Kunstgegenstand angerührt wird und Gefallen hervorruft, kann die allgemeine Übereinstimmung in der ästhetischen Beurteilung begründet liegen, die das "Definiens" (49) der Aussagen von WOLFF und KANT ausmacht. Dieses allgemein Existierende, allgemeine Übereinstimmung Erzeugende aber im Kunstwerk vergegenständlichen, durch das Kunstwerk erwecken zu können, Braucht der Künstler Einblick in die Natur der Wahrnehmung: "Die schöne Kunst ist insofern Nachahmung (der Natur). als ihr die Natur durch ein Genie die Regeln gab" (50). Diesen natürlichen Regeln folgend, ist es dem Künstler erlaubt, Gegenstände durch ihre Darstellung an das Subjekt 'anzumessen1, in ihrer Abbildung "ihre Angemessenheit an das Subjekt zur Erscheinung zu bringen", um so schon auf der Ebene sinnlicher Wahrnehmung, auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption also, eine angemessene d.h. geformte Wirklichkeitsproduktion zu ermöglichen: " Die Freunde gelangen bald zum Großen See, Wilhelm trachtet die angedeuteten Stellen nach und nach aufzufinden. Ländliche Prachthäuser, weitläufige Klöster, Überfahrten und Buchten, Erdzungen und Landungsplätze wurden gesucht und die Wohnungen kühner Fischer so wenig als die heiter gebauten Städtchen am Ufer und Schlößchen auf benachbarten Höhen vergessen. Dies alles weiß der Künstler zu ergreifen, durch Beleuchten und Färben der jedesmal geschichtlich erregten Stimmung anzueignen (Hervorheb. d. Verf.), so daß Wilhelm seine Tage und Stunden (die er mit einem Maler teilte - Ergzg. d. Verf.) in durchgreifender Rührung zubrachte" (51). Durch die Verbundenheit des Künstlers mit der Natur der Wahrnehmung, ja mit der Natur überhaupt, kann er seiner Weltaneignung gegenständlichen Ausdruck verleihen und durch seine Kunstgegenstände einen Eindruck von der Welt als angeeigneter vermitteln: "Durch den frischen Gesellen entstand jedoch für Wilhelm ein neuer Genuß. Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben. Empfänglich für sichtbare Schönheit nur an menschlicher Gestalt, ward er auf einmal gewahr: ihm sei, durch einen gleichgestimmten, aber zu ganz anderen Genüssen und Tätigkeiten gebildeten Freund, die Umwelt aufgeschlossen. In gesprächiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend, mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung (Hervorhbg. d. Verf.) wurden ihm die Augen aufgetan...und er lernte, empfänglich wie er war, mit dessen Augen die Welt sehen, und indem die Natur das offenbarte Geheimnis ihrer Schönheit entfaltete, mußt man nach Kunst als der ehrwürdigsten Auslegerin unbezwingliche Sehnsucht empfinden" (52)

Unter der Herrschaft naturdeterminierter Wahrnehmung kann die Kunst (Produktion + Rezeption), so wollen wir zusammenfassend behaupten, indem sie durch ihre Gegenstände "Angemessenheit an das Subjekt zur Erscheinung" bringt und damit auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption also bereits Ausformung, Aneignung für den Rezipienten ermöglicht, auf eine Wirklichkeitsproduktion auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption verzichten.

Weil nun jedoch durch das Vermögen des Menschen, Gegenstände als "Reizsysteme" zu organisieren, die Naturbeherrschung auf die menschliche Wahrnehmung ausgedehnt und damit die aus der Natur begründete Konstitutionsweise von Wirklichkeit aufgehoben worden ist, in einer hier unter dem Begriff der "Verdinglichung" beschriebenen Produktionsweise von Wirklichkeit, bei der - wir erinnern uns — auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption die aneignende Subjektivität des einzelnen Wahrnehmenden gleichermaßen durch die an Gegenständen vorhandene oder fehlende empirisch ermittelte Subjektivität ersetzt worden ist, -Aneignung, welchen Grades auch immer, also verwehrt bleiben muß, -bedarf Kunstpraxis heute, will sie ihre historische Funktion Aneignung zu ermöglichen erfüllen, des DENKENS, d.h. einer Wirklichkeitsproduktion auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption. Nur hier noch kann bzw. muß sich Subjektivität verwirklichen, weil für die Wahrnehmungsstufe der Apperzeption die Subjektivität das bedeutet, was für die Aneignung die Subjektivität bedeutet: eine Notwendigkeit.

Im Unterschied zur naturbegründeten "Angemessenheit" kann nun aber unter der Bedingung der gesellschaftlichen Determiniertheit der Wahrnehmung die von der Subjektivität des Wahrnehmenden bestimmte Form oder Verbindung, durch die allein ein Gegenstand angeeignet werden kann, als das Ergebnis eines an die Subjektivität des jeweilige Wahrnehmenden gebundenen immateriellen Prozesses, nicht selber am Kunstgegenstand erscheinen; oder anders, das "Denken als solches kann nie in die Sinne fallen" (53). Vermag aber das Denken oder "die Vernunft, als das Vermögen der Verbindung" (54) nicht perzeptiv wahrnehmbar am Kunstgegenstand selber zu erscheinen, so fällt dem Kunstgegenstand nun die Aufgabe zu, die Voraussetzung für die Aneignung auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption, d. i. die Apperzeption, die Bewußtwerdung bestimmter Empfindungsinhalte, durch seine materiale Organisation zu 'erzwingen'. Die vom Kunstgegenstand erzwungenen Empfindungsinhalte sind als zu Bewußtseinsinhalten gewordene dann zwar die 'Wirkung' des Kunstgegenstandes, aber keinesfalls seine Verwirklichung. Denn als Voraussetzung zur Aneignung können die Bewußtseinsinhalte auch nur Voraussetzung des KunstWERKES sein, wie sich die durch die Subjektivität des jeweiligen Wahrnehmenden erzeugte Ausformung der Bewußtseinsinhalte, also das Ergebnis einer selbstbestimmten Wirklichkeitsproduktion, zu nennen anbietet. Das heißt aber, der KunstGEGENSTAND ist nur eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für das KunstWERK (f) - oder anders gesagt -, es kann keine Gegenstände mehr geben, die Kunstwerke sind, sondern nur noch Kunstgegenstände, die Voraussetzungen für Kunstwerke sein können.

Können jedoch Kunstgegenstände nicht mehr, wie unter der Bedingung der Naturdeterminiertheit der Wahrnehmung, "Angemessenheit an das Subjekt zur Erscheinung" bringen, d.h. Aneignung unmittelbar auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption ermöglichen, sondern können 'nur noch' die notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Aneignung zur Erscheinung bringen, dann bekommt der Rezipient eine konstituierende Bedeutung für die Verwirklichung des Kunstgegenstandes im Kunstwerk: Das WERK existiert nur durch die Subjektivität des Rezipienten d.h. aber auch, es existiert nur für denjenigen Rezipienten, der die geforderte Rezeptionsleistung erbringt nämlich die apperziperten Bewußtseinsinhalte durch seine Subjektivität zu verbinden. War gegenüber den Kunstgegenständen, die bereits auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption 'WERK' sein konnten, - daher der Kunstgegenstand Kunstwerk sein mußte, die Betrachtung als eine erleidende Rezeptionshaltung durchaus angebracht, so verlangen die Kunstgegenstände, die erst noch Kunstwerke werden wollen, weil sie keine Kunstwerke sein dürfen, damit sie überhaupt KunstWERKE werden können, nach einer - ein neues Wort -Bedenkung als einer tätigen Rezeptionshaltung.

Spätestens hier ist man vielleicht versucht, besonders wenn die Anschauung fehlt, die Frage zu stellen, ob eine unter der gesellschaftlich determinierten Wahrnehmung - wenn sie ihre historische Funktion erfüllen will, Aneignung zu ermöglichen -so gebotene Kunstpraxis nicht möglicherweise zu etwas ganz anderem als Kunst geworden ist. Bestehen denn die von uns geforderten 'Kunstgegenstände', nachdem sie ihren gegenständlichen WERKcharakter verloren haben, noch vor dem Kriterium der Schönheit? - Wir wollen versuchen - ob allerdings so ganz im SCHILLER'schen Sinn muß fraglich bleiben, weil die Untersuchung der 'Sinntreue' einer eigenen Arbeit bedürfte - mit Hilfe seiner Definition "Schönheit ... ist nichts anderes als Freiheit in der Erscheinung" (55), eine Antwort anzudeuten:

Ein Gegenstand, der sich wie ein Kunstgegenstand erst durch seine subjektive Formung vollendet sehen will, muß noch für möglichst viele Möglichkeiten seiner Wirklichkeit offen d.h. frei sein. Da nun aber nicht der Gegenstand diese Freiheit besitzen kann, denn "nichts kann frei sein als das Übersinnliche"(56), sondern diese Freiheit nur durch das Subjekt auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption erzeugt werden kann, muß die Vernunft (g)("das Vermögen der Verbindung") dem Gegenstand diese - wie wir sagen - aus Möglichkeiten bestehende Freiheit "leihen", d.h. der Gegenstand muß die Form der Vernunft annehmen. "Die Form der praktischen Vernunft annehmen (aber)...heißt...: nicht von außen, sondern durch sich selbst bestimmt sein" (57). Als durch die Form der Vernunft dem Gegenstand nur geliehene Freiheit aber, kann diese Freiheit "nicht Freiheit in der Tat, sondern bloß Freiheit in der Erscheinung" (58) sein. Der Gegenstand ist also schön, dem die Vernunft ihre Form, d.h. Freiheit zu leihen gewillt ist, damit er frei erscheinen kann. Kriterium für den Gegenstand, der in diesem Sinne schön sein will, ist es demnach, ob er die Vernunft dazu bewegen kann, ihm ihre Form also Freiheit zu leihen. "Wenn aber die Dinge...Freiheit weder besitzen noch zeigen, wie kann man einen objektiven Grund dieser Vorstellung in den Dingen suchen? Dieser objektive Grund müßte eine solche Beschaffenheit derselben sein, deren Vorstellung uns schlechterdings nötigt,... Freiheit in uns hervorzubringen und auf das Objekt zu beziehen" (59).

Ein Kunstgegenstand, so können wir folgern, ist dann schön, wenn er uns "nötigt Freiheit hervorzubringen" und sie "auf (ihn) zu beziehen", weil er dann die Vernunft nötigt, ihm ihre Form d.h. Freiheit zu leihen, damit er frei erscheinen kann. Weil nun aber die dem Gegenstand Freiheit verleihende Vernunftform nur auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption erzeugt werden kann, so bedeutet die Nötigung, durch den Gegenstand "Freiheit hervorzubringen und auf (ihn) zu beziehen", für uns eine Nötigung zu seiner Formung auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption. Dazu kann uns der Gegenstand aber nur dadurch nötigen, daß er uns zur Apperzeption bestimmter Empfindungsinhalte, als der zur Aneignung notwendigen Voraussetzung nötigt. Und da die Apperzeption nicht nur Voraussetzung zur Formung ist, sondern sogar deren Bedingung - denn die apperzipierten Inhalte verlangen nach einer Form (s.S.12) - sind die Kunstgegenstände, denen wir die unter der Bedingung der gesellschaftlich determinierten Wahrnehmung notwendige Aufgabe gestellt haben, 'Apperzeption zu erzwingen' , im SCHILLERschen Sinne schön und KUNSTgegenstände. Denn vorausgesetzt, die Aufgabe kann von ihnen erfüllt werden, erzwingen sie mit der Apperzeption auch die Produktion ihrer Vernunftform, d.h. aber ihre "freie Erscheinung". Das KUNSTWERK - so ist es uns nun erlaubt zu sagen - ist der in der Form der Vernunft frei erscheinende d.h. angeeignete Kunstgegenstand, oder anders ausgedrückt: das KUNSTWERK ist die selbstbestimmte, weil vernunftgeformte Wirklichkeit des Kunstgegenstandes.

Daß das Kunstwerk die in der Form der Vernunft erscheinende selbstbestimmte Form des Kunstgegenstandes ist, ist gleichzusetzen mit der Aussage, daß die Wirklichkeit der Empfindungsinhalte, die wir von der materialen Organisation des Kunstgegenstandes veranlaßt worden sind zu apperzipieren, in der Form der Vernunft als selbstbestimmte verwirklicht worden sind. Nun kann uns ja aber der Kunstgegenstand veranlassen, auch solche Empfindungsinhalte zu apperzipieren, die material am Kunstgegenstand gar nicht vorhanden sind, jedoch in einer Apperzeption erzwingenden Weise für den Wahrnehmenden durch ihn erfahrbar werden. (h) Ein solcher Kunstgegenstand, der nicht die Apperzeption jener Empfindungsinhalte erzwingt, die an ihm erscheinen, sondern durch ihn erscheinen, demnach an anderen Gegenständen material erscheinen müssen, veranlaßt die Vernunft nicht ihn, sondern durch ihn erscheinenden Empfindungsinhalten Freiheit zu "leihen". Dann nötigt dieser Kunstgegenstand den Wahrnehmenden, nicht ihn sondern die durch ihn erscheinenden Empfindungsinhalte anzueignen, so daß nicht der Kunstgegenstand, sondern die Empfindungen von den Gegenständen, deren Apperzeption er veranlaßt hat, auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption ausgeformt werden und als ausgeformte in der Form der Vernunft frei erscheinen, das aber heißt zu Kunstwerken geworden sind. Während DUCHAMP'S Flaschentrockner immer noch des Kunstkontextes bedurfte, um zum Kunstwerk werden zu können, kann nun, ohne am Kunstgegenstand oder im Kunstkontext materiell vorhanden sein zu müssen, alles, was für den Menschen Objekt sein kann, zum Kunstwerk werden. Vorausgesetzt ein Kunstgegenstand erzwingt die Apperzeption des jeweiligen Objektes - d.h., wie wir uns erinnern, eine Auswahl der von ihm bewirkten Empfindungen werden über die Schwelle des Bewußtseins gehoben - , und der Wahrnehmende erbringt die notwendige Rezeptionsleistung, nämlich die Ausformung der apperzipierten Inhalte: Kunstgegenstände sind zu Instrumenten geworden, mit denen der Rezipient virtuell jedem Objekt die Form eines WERKES verleihen kann, das im weitesten Sinne sein Werk ist.

Versuchen wir uns also nun der entscheidenden Frage zu nähern, welche Beschaffenheit einem Kunstgegenstand notwendigerweise zukommen muß, damit er - als Bedingung einer solchen Wirklichkeitsproduktion als WERKproduktion - die Apperzeption von Empfindungen erzwingen kann, die von an ihm oder durch ihn erscheinenden gegenständlichen Reizen bewirkt worden sind. Wir erinnern uns, daß die als "Reizsystem" von der Werbe- und Kulturindustrie produzierten Gegenstände Apperzeption wesentlich dadurch verhindern, daß sie aus nichts anderem als aus einer Komposition reflexbedingender Reize bestehen, die das Wirklichkeitserleben des Wahrnehmenden ausschließlich an gegenständlich vor ihm Liegendes fesseln, so daß seine subjektiven Bedingungen als über das Gegenständliche hinausweisende Möglichkeiten nicht in relevanter Weise für sein Wirklichkeitserleben tatsächlich bestimmend sein können. Sie erscheinen ihm aber trotzdem verwirklicht, weil die gegenständlichen Reize jener "Reizsysteme" auf die für die jeweilige Zielgruppe repräsentativen, nicht aber den einzelnen Wahrnehmenden repräsentierenden subjektiven Bedingungen ausgerichtet sind. Die objektive Wirklichkeit - so sagten wir - ist mit ihren zielgruppenspezifisch kalkulierbaren subjektiven Möglichkeiten identifiziert worden, so daß sich äußere materielle und innere immaterielle Wirklichkeit weitgehend entsprechen müssen. Aus der Tatsache, daß Apperzeption dadurch verhindert, daß die subjektiven Erlebnismöglichkeiten vor jedem subjektiven Erleben auf ihre Erlebnis reduziert worden sind, folgern wir, daß umgekehrt dadurch, daß "das unmittelbar gegebene evidente Erleben durchsetzt (wird) mit Verweisungen auf andere Möglichkeiten" (60) also durch Steigerung von Komplexität die Apperzeption von Empfindungen befördert wird: Durch die Einbeziehung anderer Möglichkeiten erscheint die durch gegenständliche Reize bewirkte Erlebnis- oder Empfindungswirklichkeit nicht mehr als einzig mögliche, sondern als eine mögliche, - d.h. aber: nicht mehr als Wirklichkeit, sondern nunmehr auch. als Möglichkeit, als Bestandteil eines wirklichkeitslosen Empfindungschaos'.

Dieser Wirklichkeitsverlust aber will überwunden werden. Überwinden läßt er sich aber nur dadurch, daß bestimmte, z.B. sich einander ausschließende Wirklichkeitsmöglichkeiten negiert werden, so daß die nicht negierten Möglichkeiten zu einer 'neuen' Wirklichkeit verbunden werden können, welche insofern frei ist, als auch die negierten Möglichkeiten als nur nicht verwirklichte integrierter Bestandteil dieser Wirklichkeit sind. Die reflexive, sich selbst negieren könnende Negation im Sinne LUHMANN'S, die "das jeweils nicht Gewählte... nicht vernichtet, sondern...erhält und zugänglich bleiben läßt" (61), kann aber nur eine bewußte Negation auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption sein, weil die Sinne nicht negieren können. Möglichkeiten berauben die Empfindungswirklichkeit ihres Wirklichkeitscharakters, der nur mittels Apperzeption einer Empfindungsauswahl - als Bedingung der Wirklichkeitskonstituierenden Negation auf der Wahrnehmungsstufe der Apperzeption - wiedergewonnen wenden kann.

Das Problem ist nun aber, wie die Möglichkeiten überhaupt ihren relativierenden Einfluß auf die in Empfindungen gegebene Wirklichkeit zu erlangen vermögen. Denn sobald Möglichkeiten, in der Absicht, die Wirklichkeit in Frage zu stellen, am Gegenstand sinnlich wahrnehmbar erscheinen - denkbar etwa als sich widerstrebende Empfindungen auslösende Kontraste (visuell und/oder verbal) -, dann können sie nicht mehr Möglichkeiten sein, weil sie selber in Empfindungen wirklich sind. Solange der Wahrnehmende ausschließlich in den unmittelbaren Reaktionen auf die gegenständlichen Reize befangen bleibt, ist er nicht imstande, Möglichkeiten als Möglichkeiten der in Empfindungen gegebenen Wirklichkeit zu realisieren: "Im Grenzfall völlig konkreten Verhaftetseins ( wie wir es als "Verdinglichung" kennengelernt haben) kennt das Erleben keine Möglichkeit der Negation und wird daher von Psychologen als pathologisch verbucht. (Dagegen) gewinnt es mit zunehmender Abstraktion bessere Chancen der Erfassung anderer Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, und zugleich differenziertere Möglichkeiten der Negation" (62). Voraussetzung für die Realisierung von Wirklichkeitsmöglichkeiten ist also eine möglichst weitgehende Abstraktion, ein möglichst ungegenständliches, von der direkten, unmittelbaren Reaktion auf die gegenständlichen Reize befreites Wirklichkeitserleben. Diese Abstraktionsleistung - das Wort sagt es selber - kann nun aber nicht der Gegenstand bewirken, sondern muß der Wahrnehmende selber erbringen und zwar durch Arbeit.

So wie erst dadurch, daß sich der Stoffwechselprozeß zwischen Mensch und Natur als gesellschaftliche Arbeit vollzieht, die "das Diktat der unmittelbaren Begierde bricht, und den Prozeß der Triebbefriedigung gleichsam anhält" (63), aus den "Naturgegenständen" menschliche d.h. für den Menschen in einer "brauchbaren Form" angeeignete Gegenstände werden, so muß auch Arbeit das Diktat der unmittelbaren Empfindungsreaktion brechen, um die in einem materiellen, gesellschaftlichen Produktionsprozeß aus "Naturstoff" den Menschen angeeigneten Gegenstände in einem immateriellen, individuellen Wahrnehmungsprozeß dem Einzelnen Menschen anzueignen. Aneignung des "Naturstoffes" durch gegenstandserzeugende Arbeit und Aneignung des angeeigneten "Naturstoffes" durch wirklichkeitserzeugende Arbeit sind notwendig; denn "weder sind ... die menschlichen Gegenstände die Naturgegenstände, wie sie sich unmittelbar bieten, noch ist der menschliche Sinn, wie er unmittelbar ist, gegenständlich ist, menschliche Sinnlichkeit. Weder die Natur objektiv noch die Natur subjektiv ist unmittelbar dem menschlichen Wesen adäqut vorhanden" (64) Erst in einem individuellen, immateriellen Arbeitsprozeß - sich von der unmittelbaren Gegenständlichkeit befreiend - vermag der Wahrnehmende apperzeptions-erzwingende Wirklichkeitsmöglichkeiten zu realisieren, aus deren Negation sich das WERK formt. Ebenso wie die gegenstandserzeugende braucht aber auch die wirklichkeitserzeugende Arbeit zwischen Objekt und Subjekt etwas Mittleres, in dem die Arbeit ihr Bleiben hat. Diese "existierende Mitte" der Arbeit (Habermas) sind Instrumente die die Regeln festhalten, nach denen prinzipiell jedermann die Aneignungsarbeit beliebig wiederholen kann.

Mit diesem Gedanken aber kehren wir wieder ausdrücklich zu den Kunstgegenständen und zu der an sie gestellten Forderung 'Apperzeption zu erzwingen' zurück. Die Möglichkeit der Erfüllung dieser Forderung stellt sich nun so dar: zwar erzwingt das Vorhandensein von Wirklichkeitsmöglichkeiten vermöge der wirklichkeitskonstituierenden Negation, die "die Aktualität des Erlebens mit der Transzendent seiner anderen Möglichkeiten integriert" (65) die Apperzeption einer Empfindungsauswahl, -die relativierte Wirklichkeit wird von den Möglichkeiten gleichsam als eine der ihren mit ins Bewußtsein 'hinaufgezogen', -aber die Möglichkeiten selber vermag der Kunstgegenstand mit seiner materialen Beschaffenheit nicht zu erzwingen, auch bzw. gerade dann nicht, wenn er begriffliche Widersprüche und anschauliche Kontraste ausstellt. Denn Wirklichkeitsmöglichkeiten können nicht am Gegenstand erscheinen, sondern sich nur aus einer Distanz heraus offenbaren, die der Wahrnehmende gegen die von gegenständlichen Reizen bewirkte Empfindungswirklichkeit er arbeiten muß.

Ist Arbeit aber der Grund für die Apperzeption von Empfindungsinhalten, die direkt oder indirekt durch den Kunstgegenstand bewirkt werden, und begreifen wir den gesamten Prozeß von der 'ersten Empfindung' bis zum ausgeformten WERK als Arbeitsprozeß, dann können wir Kunstgegenstände nun präziser als Arbeitsinstrumente bestimmen. Arbeitsinstrumente aber können ein bestimmtes Verhalten durch wie immer auch geartete Beschaffenheit nicht erzwingen. Ebensowenig wie durch den Anblick eines Hammers jemand generell zum Arbeiten und speziell zum Nägel einschlagen gezwungen werden kann, ebensowenig vermag auch ein Kunstgegenstand den Wahrnehmenden generell zur Aneignungsarbeit und speziell zur Realisierung von Wirklichkeitsmöglichkeiten zu zwingen. Aber auch ebensosehr wie ein Hammer notwendig ist zum Arbeiten und geeignet zum Nägel einschlagen, ebensosehr kann und muß auch ein Kunstgegenstand notwendig zur Aneignungsarbeit und geeignet zur Realisierung von Wirklichkeitsmöglichkeiten sein, will er seiner Funktion als Arbeitsinstrument zur Produktion selbstbestimmter Wirklichkeit, zur Produktion von KunstWERKEN genügen. Entgegen unserer ursprünglichen Forderung vermag der Kunstgegenstand also nicht durch eine wie immer auch beschaffene materiale Organisation Apperzeption zu erzwingen, aber er vermag die Apperzeption von an ihm oder durch ihn erscheinenden Empfindungen dadurch zu ermöglichen , daß er die Notwendigkeit zur Arbeit und die Geeignetheit zur Realisierung von Wirklichkeitsmöglichkeiten materialisiert und als "existierende Mitte" der Arbeit die Regeln aufhebt (bewahrt), nach denen Wirklichkeitsproduktion als WERKproduktion praktiziert werden kann.

Solche Kunstgegenstände zu erzeugen, die Notwendigkeit zur Arbeit und Geeignetheit zur Realisation von Wirklichkeitsmöglichkeiten materialisieren, ist das Ziel meiner praktischen Arbeit gewesen. Wie diese Eigenschaften materialisiert werden können, war aber nicht theoretisch ergründbar sondern nur praktisch erfahrbar. Über die Erfahrungen, die konstituierend für die Vergegenständlichung der geforderten Eigenschaften waren, soll zum Abschluß dieser Arbeit, die nicht als ein Bericht über Kunstpraxis sondern als eine Begründung für Kunstpraxis verstanden werden will,- eine theoretische Begründung allerdings, die sich als notwendiger Bestandteil der Praxis ansieht -, noch kurz berichtet werden:

Schema meines Informationssystems

(Anm. ask23) vgl. Schaubild S. 4 der PDF-Datei, zu finden s. o.: Teil(e) dieser Ressource: Lingner, Michael: "Formen der Wirklichkeitskonstitution ..."

Zu (1): Eine Information befindet sich in einer bestimmten Quelle (i) und wird dort in einem Prozess (a) als erinnerungswürdig gekennzeichnet. Die einzelnen gekennzeichneten Informationen in den verschiedensten Informationsquellen (2) werden in einem Prozess (b) aus den Informationsquellen entfernt und nach im Verlauf meiner Studienzeit erarbeiteten Gesichtspunkten klischiert oder kategorisiert und abgelegt (3).Diese vorsortierten Informationen werden in einem Selektionsprozess (c) auf ihren Informationsgehalt und auf die Klischierung nocheinmal überprüft, mit einem Reizwort versehen und endgültig alphabetisch abgeheftet (4). Sie können nun in einem Prozess (d) auf ein beliebiges Problem intentionalisiert werden, erfahren dabei eine sog. Entstabilisierung und werden schließlich zu einer problemorientierten 'neuen' Information verbunden (Affirmation), wie es z.B. diese theoretische Arbeit als Ergebnis einer solchen Synthese demonstriert.

Diesem gesamten informationsverarbeitenden Prozess werden aber nicht nur Text -sondern auch Bildinformationen unterworfen.

Zu (2): Der gesamte informationsverarbeitende Prozess eines Bildes z.B. dauert ca. 3 Monate, weil das Text- und Bildmaterial nicht jeweils einzeln, sondern immer nur in einer sich löhnenden Anzahl verarbeitet wird. Wichtig ist nun, daß jedes Bild den Informationsstufen 1-4 entsprechend, zu 4 verschiedenen Zeitpunkten in einen jeweils anderen Kontext wahrgenommen wird. Diese Kontextveränderung läßt dasselbe Bild immer wieder anders erscheinen; das Bild erhält durch den wechselnden Zusammenhang eine jeweils andere Akzentuierung, Möglichkeiten seiner Wirklichkeit werden erfahrbar. Aber nicht nur die 'Befindlichkeit1 des Bildes ändert sich in einem Zeitverlauf, sondern auch die Befindlichkeit des Wahrnehmenden. Auch er befindet sich in einem jeweils anderen Zusammenhang. Reflektiert der Wahrnehmende auf seine jeweilige Befindlichkeit und erinnert sich an sie und an die jeweilige subjektive Wirklichkeit des Bildes auf den verschiedenen Informationsstufen, dann verliert dieses Bild seine unmittelbare Empfindungswirklichkeit und Wirklichkeitsmöglichkeiten, Möglichkeiten meiner Lebenswirklichkeit, und Möglichkeiten der Bildwirklichkeit werden realisierbar: ZEIT wurde als konstituierendes Moment für die Realisation von Wirklichkeitsmöglichkeiten erfahren (vgl. Thema meiner prakt. Hausarbeit). Die gegenständliche Form, in der Zeit in dieser Weise erfahren wurde und erfahrbar gemacht werden kann, ist die BUCHform. Das BUCH ist aber nicht nur geeignet zur Strukturierung von ZEIT-Prozessen, sondern materialisiert, indem es jede direkte Anschaulichkeit verweigert, gleichzeitig die Notwendigkeit zur Arbeit: Die ZEIT als inhaltliches und das BUCH als formales Problem meiner Praxis auf dem Weg zur Wirklichkeitsproduktion als WERKproduktion.

Zeitmodelle (2) die das hier Gemeinte verdeutlichen

(Anm. ask23) vgl. Schaubild S. 5 der PDF-Datei, zu finden s. o.: Teil(e) dieser Ressource: Lingner, Michael: "Formen der Wirklichkeitskonstitution ..."

"Die Intentionalitäten,die mich in meiner Umgebung verankern, nennt HUSSERL Protentionen und Retentionen. Sie gehen nicht von einem zentralen Ich, sondern in gewisser Weise von meinem Wahrnehmungsfelde selber aus, das seinen Horizont von Retentionen nach sich zieht und in seinen Protentionen auf die Zukunft ausgreift. ... In jedem Augenblick der kommt, erfährt der vorangegangene eine Modifikation: ich habe ihn noch im Griff, er ist noch da, und doch vergeht er bereits und sinkt unter die Linie der Gegenwarten herab."(66)

Waagerechte: Reihe der Jetztpunkte Schräge Linien: Abschattungen derselben Jetztpunkte von einem neuen Jetztpunkt aus gesehen

Senkrechte: Sukzessive Abschattungen eines selben Jetztpunktes

"In einer durchschnittlichen Entwicklung lassen sich in gröbster Unterscheidung die Phasen 'Anfang', 'Mitte' und 'Ende' unterscheiden... .Die Konstellation aller Phasen erscheint in jeder Phase anders: im 'Anfang' gibt es überhaupt keine Unterscheidungen der 'Mitte' ist der Anfang das Überwundene und das Ende noch nicht in Sicht -so bleibt nur Mitte, am 'Ende' ist der Anfang sehr wichtig und ebenso das Ende -die Mitte sinkt zum Berührungspunkt von Anfang und Ende zusammen. "Entwicklung" ist struktural nicht das Durchlaufen einer Zeitstrecke, sondern die Verwandlung des Zeithorizonts, wodurch 'Durchlaufen', 'Zeit' und 'Strecke' jeweils etwas anderes bedeuten." (67)

Anmerkungen I

(Anm. ask23) im Original mit * gekennzeichnet, aufgeführt links neben dem Text, vgl. Beispiel S. 2 der PDF-Datei, zu finden s. o.: Teil(e) dieser Ressource: Lingner, Michael: "Formen der Wirklichkeitskonstitution ..."

die Zahlen in Klammern, die bold markiert sind, sind Anmerkungen II zu den Anmerkungen I

(A) Lange starrte er auf die noch am Boden liegende Brille, die letzte Spur des schrecklichen Unfalls. Was mochte ihn jetzt bewegen? -Hilflos und verlegen standen die Helfer um ihn herum. Endlich bückte er sich, nahm die Brille und setzte sie sich einfach auf. Erleichtert fuhr jedermann in seiner begonnenen Tätigkeit fort.

(B) "Aus Tierliebe Ehemann getötet. Er verbot ihr, eine kranke Taube zu pflegen". BILD 22.6.71

(C) Auch Zukünftiges (Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen usw.), das ebenso wie Vergangenes projiziert werden kann, ist hier durch den Begriff 'Erfahrungen' erfaßt, weil das was überhaupt gewünscht, erwartet und gehofft werden kann Ergebnis der bereits erworbenen Erfahrungen ist. Ein projizierter Wunsch ist also in diesem Sinn ein erinnerter Wunsch.

(D) Nicht nur durch Subjekte können Gegenstände außer sich existieren, sondern auch durch Objekte. Z.B. Holz und Wasser -das Holz schwimmt, das Holz quillt; Holz und Feuer- das Holz brennt. Gegenstände existieren außer sich in verschiedenen wirklichen Zuständen, also nicht nur durch das Hinzutreten von Bewußtsein, sondern auch durch das Aufeinandertreffen mit ihresgleichen. -Bewußtseinsunabhängige Bewegung und Entwicklung in der Natur entsteht durch ein solches Aufeinandertreffen verschiedener oder gleicher Gegenstände, das die allgemeinen Möglichkeiten jeden Gegenstandes zu einer bestimmten Wirklichkeit zwingt. Vgl. die Bestrebungen des Bauhauses, die Form eines Gegenstandes durch eine dem Material optimal entsprechende Bearbeitung zu entwickeln. Das Bearbeitungswerkzeug sollte wie auf natürliche Weise auf das zu bearbeitende Material treffen,

um so eine dem Wesen, der Natur dieses Stoffes angemessene Form nicht nach dem Willen des Bearbeitenden, sondern nach dem vermeintlichen Willen des Materials entstehen zu lassen: Künstlerische Praxis als Imitation der Natur.

(E) "Ein Verbraucher, der sich ein Auto gekauft hat, das er sich immer schon gewünscht hat, durchsucht den ganzen Wagen nach den Sonnenuntergängen mit denen die Anzeigen ihm dieses Auto verkauft haben."(A. Behrens: "Gesellschaftsausweis")

(F) Vergleiche den Wandel von der "product-oriented" zur "consumer-oriented"-Werbung. Werbung widmet sich nicht mehr den gegenständlichen Eigenschaften des Produktes, sondern nur noch den Vorstellungen über diese Eigenschaften beim Konsumenten. Geworben wird nicht mehr mit den schönsten Marzipanverzierungen auf der Torte, sondern mit den sehnsuchtsvollsten Erinnerungen an Großmutters Backtag.

(G) "4.31 Die Voraussetzungen der Nachrichtenwirksamkeit

4.312 Die Konditionierung der Nachrichtenempfänger

4.312 Die Überprüfung der Relevanz der Konditionierung"(8)

(H) Auch die Umstände beim Auspacken können die Vorstellung

(I) von einem Produkt noch wesentlich beeinflussen. Vgl. das Knacken beim Öffnen von Vacuum-Verschlüssen. (Werbung: "Die knackige Frische")

(J) Vgl. die Versuche der Werbung, der eigenschaftsarmen Zigarette durch "Extra-Länge" eine am Gegenstand erscheinende Vorstellungsverstärkung zu verleihen. ("Kim-die Schlanke")

(K) "Ihr werdet die Früchte nicht mehr am Geschmack erkennen." (Brecht, Der Dreigroschenprozeß)

(L) Auch wenn ein Gegenstd. durch d. Wahrnehmg. außer sich zu existieren beginnt, befindet er sich objektiv weiterhin bei sich, weil er sonst nur für jeweils einen Wahrnehmd. als wirkl. vorhanden sein könnte. Eine solche jeweils einmalige Existenz e. Gegenstd. in der Wahrnehmg. könnte man sich z.B. so vorstellen, daß d. jeweil. Sinnesorg., durch das d. Gegnstd. d. Whrnehmd. gegeben ist, vom Gegenstd. d. affizierenden Stoff abzieht, der erst dann in d. Gegenstd. wieder zurückkehrt,wenn dies. Gegenstd. die Sinne ein. Wahrnehm, nicht länger affiziert, wodurch d. Gegnstd. für einen anderen Wahrnehmd. nun wirklich werden kann. -Ähnl. hat jeder schon in best. Situationen mit best. Gegenstd. erfahren. Nur im Bewußtsein, daß ausschl. ihm d. Gegenstd. gegenwärtig sei, hatte dieser seine volle Wirkung entfalten können, die immer dann jäh endete, wenn der Blickstrahl eines Anderen den Gegenstd. auch traf. Darum schützt ein Kind die Lebendigkeit sein. Holzpuppen vor fremden Blicken.

(M) Das Wasser weiß noch nichts vom Eis, das Eis weiß nichts mehr vom Wasser.

(N) Die Unschärfe des Begriffes 'Bewußtsein' kann hier nicht vermieden werden. Vgl. die verschiedensten Klärungsversuche z.B. bei: G.Meinecke: "Das Problem des Bewußtseins"; Berlin 69, S. 30-33

(O) Der Imagebegriff wird sonst für die Wirklichkeitsabbildungen auf der Wahrnehmungsstufe der Perzeption verwendet. (Hier: Vorstellung bzw. Empfindung)

(P) Man verdeutliche sich dieses Zitat, indem man es am Vorgang des Essens, der ursprünglichst. Form der Aneignung entlang denke. ein - ver - leiben Aufhebg.-Aufheb. d. Aufh.-Setzung

(Q) Um z.B. eine Pflaume in brauchbarer Form 'abzubilden' d.h. anzueignen, muß ihre Form aufgehoben, also der Kern entfernt, die Pflaume zerkaut und hinuntergeschluckt werden. Eine unbrauchbare Form der Aneignung entdeckt sich sofort: Der Esser erstickt, verschluckt sich oder verspürt sie an der Reaktion seines Magens, der dann eine erhöhte Aneignungsleistung zu vollbringen hat. Die Brauchbarkeit des einzelnen Inhaltes dagegen bleibt wesentlich verborgen. Sie hängt vom -Grad der Brauchbarkeit der Aneignungsform ab und kann sich erst -wenn überhaupt - nach der durch eine brauchbare Form bewältigten Aneignung erweisen: Ob die Pflaume einen hohen oder niedrigen Vitamingehalt besitzt bleibt ungeklärt und unbedeutend, wenn der Esser an ihr erstickt. Aber sein Körper wird ihre wertvollen Stoffe umso ergiebiger ausbeuten können, je sorgfältiger er sie verzehrt hat.

(R) Üblicherweise beklagt die Rede von der 'Manipulation' die Nichtentsprechung von objektiver und subjektiver, von tatsächlicher materieller und abgebildeter immaterieller Realität. Hier dagegen stellt sich 'Manipulation' dar als die Unmöglichkeit, die durch das Reiz-Reflex-Schema bedingte Entsprechung der beiden Realitätsebenen aufzubrechen.

(S) "4.31 Die Voraussetzung der Nachrichtenwirksamkeit

4.313 Die optimale Redundanz der Informationen". (8)

(T) Sollen die Intentionen der Chancengleichheit sinnvoll aufrechterhalten werden, so kann Chancengleichheit nur bedeuten, möglichst Vielen die Chance zu geben, ihr Leben als ein von anderen verschiedenes zu organisieren und zwar in einer solch weitgehenden Weise, wie es heute immer noch nur Wenigen vorbehalten sein kann. Chancengleichheit also nicht um der Gleichheit der Menschen, sondern um der Gleichheit der Möglichkeit ihrer Verschiedenheit willen. Vgl. LUHMANN: "Sinn als Grundbegriff der Soziologie, S.51: "Für den Prozess der intersubjektiven Konstitution einer sinnhaft gegenständlichen Welt ist die Nichtidentität der erlebenden Subjekte wesentliche Voraussetzung".

(U) Das Marketing besorgt u. a. die Übereinstimmung von Werbekonzeption und Produktgestaltung. Das Produkt wird im Hinblick auf eine wirksame Werbekampagne, nicht aber im Hinblick auf einen befriedigenden Gebrauchswert konzipiert d.h. es wird als Ware produziert. Seinen Warencharakter erhält das Produkt also nicht zuallererst durch sein Erscheinen auf dem Markt sondern durch die gezielte Produktion für den Markt. KUNST ist ihren mögl. Funktionen also nicht dadurch schon automatisch entkleidet, daß sie verkauft werden kann, sondern erst dadurch, daß sie auf ein am Markt vorhandenes Interesse hin produziert wird; z.B. wenn ein 'land-art-artist' ohne jede künstlerische Intention, ja sogar dieser möglicherweise entgegen, der Aufforderung seiner Galerie bereitwillig nachkommt und eine Graphikmappe produziert.

(V) "Dinge" und "Zeug" (s. Heidegger; "Der Ursprung des Kunstwerks")

(W) Auffassung von Ursache und notwendiger Folge, also auch von Reiz und ihn bedingenden Reflex, als Identität.

(X) Vgl. die Versuche, Kunstausstellungen nach thematischen Gesichtspunkten zu organisieren (z.B. documenta 5): Weil nur wenige Leute im Hinblick auf künstlerische Hervorbringungen mit eigenen Intentionen ausgestattet sind, wird dem Publikum durch die Vorgabe eines Themas eine fremde Intention angeboten, die zur Ausrichtung der einzelnen künstl. Hervorbringungen auf diese Intention mit dem Versprechen auffordert, eine sinnvollere Anschauungsweise zu er möglichen- eine Anschauungsweise freilich, die in ihrer thematischen Beschränkung denjenigen Kunstwerken nicht gerecht werden kann, die einen umfassenden Entwurf behaupten. - Außerdem beeinträchtigen auch noch andere Faktoren auf der Publikumsseite das Gelingen solcher Vorhaben: 1.Das Thema wird nicht als Fluchtpunkt einer auszubildenden Perspektive verstanden, sondern als Interpretationsmuster, das schematisch über die Kunstgegenstände gelegt wird. 2. Die Intentionalisierung der einzelnen Arbeiten auf das Thema verlangt Arbeit. Bei Ausstellungsbesuchen, die allgemein als Freizeit'gestaltung' angesehen werden, das Publikum zu einer Lern- und Arbeitshaltung zu motivieren wird umso unwahrscheinlicher sein,je weniger 3. das Thema selber und damit das zu erwartende Ergebnis der Intentionalisierungsleistung dem Publikum als sinnvoll, als für den Einzelnen gewinnbringend nahegebracht werden, kann. - Nicht zuletzt verstehen aber auch die meisten Künstler Rezeption nicht als Arbeit und bringen deshalb Gegenstände hervor, die sich einer Aneignung durch Arbeit entziehen oder verhindern durch nicht gemäße Präsentation die angebrachte Rezeptionsform. So etwa, wenn Arbeiten der concept-art, die eine dem Lesen entspr. Rezeptionsform verlangen, wie Bilder aufgehängt werden.

(Y) vgl. S.12 (vgl. Anmerkung 14, Anm. ask23) (14)

(Z) Auch Menschen werden erst eigentlich existent dadurch, daß sie im Bewußtsein Anderer verwirklicht werden; vgl. "die von z.B. Mitgliedern gesellschaftlicher Randgruppen oft als wohltuende Zuwendung empfundene öffentliche Beschäftigung mit ihrer Person (Medien, Ämter, Gerichte usw.). Das Selbstbewußtsein mit dem der Mensch- im Gegensatz zum Gegenstand -sich selber als wirklich beweisen kann, fehlt ihnen. Da positiv sanktionierte Möglichkeiten, zum Gegenstand anderer Menschen zu werden, eben aufgrund des fehlenden Selbstbewußtseins versperrt sind kann die als nichtexistent empfundene eigene Person nur durch negativ sanktionierte Handlungen "wiederbelebt" werden Verbrechen als Auferstehungsversuch von einem sozialen Tod. Vgl.: Künstler als 'Kulturverbrecher'.

(a) vgl. Schema S.22 (vgl. PDF-Datei S. 2, Anm. ask23): von links nach rechts nimmt die Selbstbestimmung zu und der Grad der Entfremdung ab.

(b) Nicht nur die einzelnen Beiträge, sondern die ganze Konzeption einer Zeitschrift muß sich den Wünschen der Werbeindustrie anpassen: vgl. z.B. das "Zeit-Magazin" und das "Stern-Journal" ,durch die innerhalb der Zeitschriften durch die Wahl des jeweiligen Themas die Zielgruppen noch weitgehender spezifiziert werden können, als es für die gesamte Zeitschrift möglich ist. Das "Zeit-Magazin" ist allerdings als Werbeträger zu einem Mißerfolg geworden, weil es seine Themen, der Zusammensetzung der "Zeit"-Leserschaft folgend, nicht auf den engen Rahmen der für die Werbung interessanten Themen begrenzen kann. Vgl. dagegen die Themen des "Stern-Journals": 'Essen und Trinken', 'Auto', 'Mode', 'Geschenke', usw. - Aber auch formal muß die Aufmachung einer Zeitschrift der sie tragenden Funktion als Werbeträger gerecht werden: Einstel. d. Ersch. von "Twen" wegen der Ununterscheidbarkeit von redaktionellen Beiträgen und Anzeigen

(c) Setzt man voraus, daß ein Gegenstand nur durch das Hinzutreten von Bewußtsein wirklich werden kann, man Wirklichkeit also als Relation begreift, d.h. den bei sich existierenden Gegenstand nicht als wirklich existierenden weil nicht in einem Verhältnis existierenden ansieht, so sind die Möglichkeiten der Wirklichkeit eines Gegenstandes immer endlich. Sie umfassen nämlich die Summe aller Möglichkeiten, die die endliche Zahl von nur eine endliche Anzahl von Möglichkeiten beinhaltenden Bewußtseinen denken kann. Also sind die Möglichkelten der Wirklichkeit eines Gegenstandes nicht unendlich, sie übersteigen nur das Realisationsvermögen eines einzelnen Bewußtseins. - Andererseits verändern sich aber die in den Bewußtseinen vorhandenen Möglichkeiten in einem zeitlichen Prozess, so daß die Möglichkeiten 'der Wirklichkeit eines Gegenstandes in jedem Augenblick zwar endlich sind, aber die Frage einer generellen Endlich- bzw. Unendlichkeit der Wirklichkeitsmöglichkeiten nur durch den Glauben an eine ewige oder vergängliche Existenz von Bewußtsein -wenn man so will: durch den Glauben an die Existenz oder Nichtexistenz eines göttlichen Wesens beantwortet werden kann. — Die Gegenstände sind ja nun aber nicht nur durch Bewußtsein ausser sich, d.h. in einer Relation und damit wirklich, sondern sie sind den Naturgesetzen folgend, auch durch andere Gegenstände (Materie, s. S.6).Erkennt man diese Wirklichkeit als der durch Bewußtsein gleichwertige an, -andernfalls gilt obiges-, so folgt die Endlich- oder Unendlichkeit der Wirklichkeitsmöglichkeiten aus der Endlich- oder Unendlichkeit der Anzahl der durch Naturgesetze beschriebenen Kombinationen, in denen sich Gegenstände, in eine Beziehung tretend, durcheinander verwirklichen können.

(d)

(e) "Wird nicht der Fels ein eigentümliches Du, eben wenn ich ihn ansehe? Und was bin ich anderes als der Strom, wenn ich wehmütig in seine Wellen hinabschaue, und die Gedanken in seinem Gleiten verliere "? s.a. Anmerkung (45)

(f) Vgl. den WERKbegriff bei F.-E. Walther: Walther versucht, diese immateriellen Kunstwerke, entstanden bei der Benutzung seiner "Objekte", in den sog. "Diagrammen" zu vergegenständlichen. Das heißt aber nicht, daß nun die "Diagramme" im traditionellen Sinne Kunstwerke sind, sondern vielmehr können die "Diagramme" betrachtet werden als: 1. Versuche, das umfassende 'Werkgefühl' an einen adäquaten Gegenstand zu binden, um es besser erinnern d.h. bewahren zu können; 2. Indikatoren für die immaterielle Existenz des Kunstwerkes, also Indikatoren für eine geleistete Aneignung; 3. Hilfen, vielleicht sogar Entwürfe für künftige Werkbildungen.

(g) Gemeint ist hier die "praktische Vernunft", die, im Gegensatz zur "theoretischen Vernunft", die "Vorstellung mit Vorstellung zur Erkenntnis verbindet", die "Vorstellung mit dem Willen zur Handlung verbindet", "Eine Willenshandlung (aber) kann (anders "als eine mechanische Wirkung -jede Wirkung durchs Naturgesetz-") der Freiheit nicht bloß analog, sie muß -oder soll wenigstens- wirklich frei sein". (55) S. 163, 164

(h) Durch WALTHERS "Objekte" werden z.B. menschliche Beziehungen, biologische Prozesse, die Natur, Zeitverläufe, Raumbeziehungen, in einer Apperzeption erzwingenden Weise erfahrbar.


Anmerkungen II

Literaturverzeichnis nebst Anmerkungen

(Anm. ask23) die Zahlen in Klammern, die bold markiert sind, sind Anmerkungen II zu den Anmerkungen I

(1) Der Alltagsbegriff richtet sich hier im folgenden nach:

P. Berger, T. Luckmann: "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit - Eine Theorie der Wissenssoziologie "; Frankf./M. 69, S. 21-34

(2) H. P. Dreitzel: "Selbstbild und Gesellschaftsbild - Wissenssoziologische Überlegungen zum Imagebegriff"; in: Europäisches Archiv der Soziologie, Jahrgang 3, 62, S.181

(3) ders.a.a.O.,S.187

(4) ders.a.a.O.,S.187

(5) ders.a.a.O.,S.184

(6) G. Thalau: "Verbale Kybernetik - Die Bedeutung der Information und Modell eines Wandlers für assoziative Informationsverarbeitung"; in: Kommunikation 6/1, 70, S.19

(7) zit. nach V. Packard: "Die geheimen Verführer11; Düsseldorf 1962, S.63

(8) "Wirtschaftswerbung und der analytische Weg zu ihrer Gestaltung"; internes Papier der 'Lintas-Werbeagentur, S.4

(9) G.H. Bover/E. R. Hilgard: "Theorie des Lernens I"; Stuttgart 70, S.96

(10) ders.a.a.O., S.95

(11) ders. a.a.O., S.121

(12) B. Spiegel: "Die Struktur der Meinungsverteilung im sozialen Feld"; Bern/Stuttgart 61, S.40

(13) "Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie", Hrsg. G. Klaus/M. Buhr; Hamburg 72, S.272

(14) dass. S.208

(15) Th. W. Adorno: "Ästhetische Theorie"; Frankf./M. 70, S.395

(16) siehe (8)

(17) Th. W. Adorno: "Dialektik der Aufklärung", Frankf./M. 69, S.113

(18) siehe (2), S, 185

(19) W. Wieser: "Das Gedächtnis - Eine physiologische und kybernetische Beschreibung "; NDR III, 1.5.66 Manuskript S.17

(20) siehe (15), S. 395

(21) siehe (13), S.274, 926, 986

(22) "Wörterbuch der Kybernetik", Hrsg. D. Klaus; Frankf/M./Hamburg 69, S.704

(23) vgl. B. Brock: "Von Machern, Unternehmern, Bewegern - Notorietät, ein Maß für die Wirkung "; FAZ v.17.2.72

(24) siehe 22, S.705

(25) K. Boulding: "The Image - die neuen Leitbilder "; Düsseldorf 58, S.26

(26) siehe (13), S.94

(27) Zusfssg. nach H. Plessner: "Die Einheit der Sinne11; Berlin 1923, S. 106 bis 117

(28) "Der Spiegel" 9/72

(29) J. W. Goethe: "Wilhelm Meisters Wanderjahre", München 62, S.59; außerdem Zusfssg. v. Gedanken aus: "Betrachtungen im Sinne der Wanderer", ebda. S. 40-63

(30) E. Fromm? Marx' Beitrag zur Wissenschaft vom Menschen"; in : "Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie"; Frankf./M, 70, S. 151, 153

(31) Berger/Pullberg: "Verdinglichung und die soziologische Kritik des Bewußtseins"; in : "Soziale Welt" 16/65, Heft 1, S.101

(32) "Der Spiegel" 47/72

(33) "Der Spiegel" 11/73

(34) siehe (17) "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug", S. 108-158

(35) "Einf. i. d. Methoden der empirischen Soziologie"; Opladen 71, S.47-64 (Polaritätsprofile)

oben

(36) siehe (15), S.395

unten

(36) siehe (13), S.1 050

(38) siehe (31), S. 102

(39) J. Habermas: "Technik und Wissenschaft als Ideologie" ; Frankf./M.68, S.54

(40) ders.a.a.O. S. 52

(41) ders.a.a.O., S. 56

(42) zit.nach (39), S. 56

(43) siehe (39), S. 57

(44) siehe (39), S.55

(45) zit.nach H. Rombach : "Strukturontologie"; Freiburg/München 71, S. 133

(46) "Historisches Wörterbuch der Philosophie"; Darmstadt 71, S.558

(47) siehe (13), S.119

(48) siehe (46), S.566

(49) H. Seiffert : "Einf. i. d. Wissenschaftstheorie I", München 69, S.35

(50) siehe (46), S. 567

(51) J. W. Goethe: "Wilhelm Meisters Wanderjahre I", München 62, S.206

(52) ders.a.a.O., S.208

(53) F. Schiller: "Theoretische Schriften I, München 66, S. 166

(54) ders.a.a.O., S. 163

(55) ders.a.a.O., S. 167

(56) ders.a.a.O., S.166 (57) ders.a.a.O., S.165

(58) ders.a.a.O., S.166

(59) ders.a.a.O., S.175

(60) Lumann/Habermas: "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie11, Frankf./M. 71, S. 37

(61) dies.a.a.O., S,34

(62) dies.a.a.O., S.50

(63) siehe (39), S.24

(64) zit.nach J. Habermas: "Erkenntnis und Interesse", Frankf./M. 69, S.40

(65) siehe (.63); S. 31

(66) M. Merleau-Ponty: "Phänomenologie der Wahrnehmung", Berlin 66, S.473

(67) H. Rombach: "Strukturontologie", München 71, S.263

Nicht zitiert werden konnten vielfältige Anregungen aus:

1. Seminaren und Vorlesungen von B. Brock, SS 69 - SS 72

2. Seminare und Gespräche mit F. E. Walther, SS 70 - SS 73

(Anmerkung ask23) Die im Originaltext mit * gekennzeichneten Anmerkungen, die sich im Original links neben dem Text befinden, sind im digitalisierten Text unten bei Anmerkungen I A-Z bzw. a-h zu finden. Ein Beispiel für die Anordnung der Anmerkungen im Originaltext zeigt das Faksimile auf Seite 5 der PDF-Datei, zu finden s. o.: Teil(e) dieser Ressource: Lingner, Michael: "Formen der Wirklichkeitskonstitution ..."


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