Michael Lingner

Kunstvermittlung als künstlerische Aufgabe?

Formate partizipatorischer „Führungen“ für das Kunstfestival subvision. Ein Projektbericht.

Seit dem Sommersemester 2008 findet das o.g. Theorie-Praxis-Projekt zur Kunstvermittlung statt. Am Beginn stand eine Phase der Beschäftigung mit verschiedenen Theorieansätzen zur Kunstvermittlung und die Auseinandersetzung mit einigen Beispielführungen konventioneller aber auch künstlerischer Art (etwa im Bucerius Kunstforum oder von Andrea Fraser). Durch die Diskussion der positiven sowie problematischen Aspekte dieser Vermittlungspraktiken kamen die Studierenden bald auf erste Ideen, worin sich die Kunstvermittlung beim off.kunst.festival.subvision davon unterscheiden könnte.

Aus der weiteren Reflexion und Spekulation über die spezifischen Merkmale von Off-Kunst und unter Berücksichtigung des für subvision vorgesehenen Festivalcharakters kristallisierte sich dann als konkrete Aufgabe die Entwicklung geeigneter Vermittlungsformate heraus. Veranlasst war das einerseits durch pragmatische Gründe, da die an subvision teilnehmenden Off-Gruppen ihre Arbeitsergebnisse erst kurz vor Beginn oder sogar erst während des Festivals präsentieren werden. Zum anderen sprachen aber auch grundsätzliche Überlegungen dafür, insofern die klassischen belehrenden Frontalführungen kaum zur Off-Kunst passen und weder deren Eigenheiten noch den damit einhergehenden Erwartungen des Publikums gerecht würden.

Diese Überlegungen führten bei den Studierenden zu der Absicht, sich auf die Konzeption von solchen Vermittlungsformaten zu konzentrieren, bei denen das Publikum eine aktive Beteiligung am Vermittlungsprozess übernehmen könnte und ebenso die bei subvision ja anwesenden KünstlerInnen einbezogen würden. Zudem sollten die Formate aus einzelnen Modulen bestehen, um flexibel auf wechselnde Gegebenheiten reagieren zu können und allen Beteiligten die wünschenswerte Intensität und Freude im Vermittlungsprozess zu erhalten. Letztlich kam es darauf an, dem Publikum ein Spektrum unterschiedlicher Zugangsweisen zur Kunst im Spannungsfeld zwischen Verstehen, Erfahren und Geschehen sowie eine produktive Auseinandersetzung zu ermöglichen.

Im Wintersemester 08/09 entwickelten die Studierenden schließlich konkrete Vorschläge für das Vermittlungsprogramm. Einige davon wurden so weit ausgearbeitet, dass sie am Ende des Semesters im Kunsthaus bei einer StipendiatInnen-Ausstellung praktisch erprobt werden konnten. Die dabei gewonnenen Erfahrungen wurden auch unter Einbeziehung externer Experten (u.a. Goesta Diercks (Kunsthaus), Nora Klumpp (freiberufliche Vermittlerin)) eingehend besprochen. Was die Studierenden davon an Einwänden und Anregungen annehmen konnten, haben sie in ihre Konzepte eingearbeitet. In diesem Semester sind nun die Endfassungen der Vermittlungsformate erarbeitet worden, die die Studierenden während des subvision-Festivals anbieten und durchführen wollen. Dabei kann es sich für das Publikum durchaus lohnen, an verschiedenen Touren (ggf. auch zu denselben Exponaten) teilzunehmen.

Folgende Vermittlungsformate sind verfügbar:

* FAQ – Frequently asked questions on art

Der individuelle Kunstbegriff und seine Fragwürdigkeit stehen im Mittelpunkt dieser tabulosen Tour. (Idee: Anja Bischof)

* Cross-over

Der Begriff der künstlerischen Arbeit und die Kriterien ihrer Qualität werden durch die Konfrontation zweier gegensätzlicher Kulturen thematisiert. (Idee: Kirstin Burckhardt)

* Blind Date

wird ein Setting geschaffen, in dem eine offene und differenzierte Befragung der KünstlerInnen und ihrer Arbeiten

angestrebt wird. (Idee: Inke Schlör)

* Multiple Choice

werden die verschiedenen für die Kunst und ihre kulturelle Konstruktion relevanten Kontexte in einem abwechslungsreichen Rollenspiel erfahrbar. (Idee: Julia Ziegenbein)

* First Aid

Durch eine Art Sanitätszelt wird eine zentrale Anlaufstelle geschaffen, wo das Publikum geeignete Unterstützung bei Irritationen, Fragen, Unklarheiten, Unzufriedenheiten,…findet. (Idee: Dorothea Brettschneider)

* Fast Food

Spannende Kurzführungen von 15-20 Min. ,auch in englischer Sprache, die besondere Einblicke in subvision gewähren. (Idee: Nora Klumpp)

* Submarine

Bei dieser Tour werden die Sinne Auge und Ohr wechselseitig ausgeschaltet, so dass Kunst und ihre Vermittlung neu erfahrbar werden. (Idee: Johannes Mentzel)

Als typisches Beispiel wird im Folgenden das Vermittlungsformat Multiple Choice vorgestellt. Als Gedankenstütze für die Vermittlung und um das Konzept als Text lesbar zu machen, ist es hier wie ein Drehbuch formuliert. Selbstverständlich wird es bei subvision mündlich präsentiert und auf bestimmte dort gezeigte Arbeiten wie auf spezifische Publikumsinteressen (etwa auch die von SchülerInnen) zugeschnitten werden können. Die auf den Ideen einzelner Studierender basierenden Vermittlungsformate sind in Gemeinschaftsarbeit des team*partake entstanden, das sich im Projektverlauf gebildet hat.

* Anja Bischoff, Kirstin Burkhardt, Michael Lingner, Inke Schlör, Julia Ziegenbein (zeitweilig: u.a. Dorotha Brettschneider, Nora Klumpp, Johannes Mentzel)


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