Michael Lingner

Second Best.

Kunst und ihre Vermittlung heute

Auf der Suche nach einem anderen Leben begeben sich immer mehr Menschen auch in die virtuelle Welt von „Second Life“. Bei dieser inzwischen millionenfach aufgesuchten Scheinwelt handelt es sich um ein seit 2003 verfügbares Internetprodukt der kalifornischen Firma „Linden Lab“. Deren Geschäft besteht bisher vor allem im Verkauf von Land in der „Second Life“-Welt an die hiesigen Erdbewohner.

Jeder Emigrant aus der realen Welt hat beim Eintritt in den Kosmos von „Second Life“ die Möglichkeit, sich und seine Existenz völlig neu zu erfinden. Diese Chance wird allerdings zumeist nur im Hinblick auf Äußerlichkeiten genutzt: Mit ihren „Second Life“-Versionen eifern die jeweiligen Nutzer bestimmten Schönheitsidealen nach, die aber genauso wenig von den Mainstream-Vorstellungen in der realen Welt abweichen, wie das sonstige Leben, das von den Web-Wesen virtuell geführt wird.

Dem Erfolg des Unternehmens scheint es nicht zu schaden, dass „Second Life“ eine bloße „Reproduktion des realen Lebens (ist) und man hier fast die gleichen Dinge wie in der Wirklichkeit“ tut, wie sein Gründer und Vorstandsvorsitzender Philip Rosedale feststellt.* Das ist zunächst überraschend, da das verbreitete Bedürfnis, seiner Alltagswirklichkeit zu entfliehen, ebenso wie der häufige Gebrauch anderer potentiell oder tatsächlich abhängig machender Surrogate, gerade das Motiv für die Beteiligung an „Second Life“ ist.

Doch offenbar befindet sich inzwischen die Mehrzahl der globalisierten Menschen in einer ähnlich prekären Verfassung wie jener Herr in Franz Kafkas Erzählung "Der Aufbruch" (1922), der auf die Frage seines Knechts, wohin er reite, antwortet: "Ich weiß es nicht, ... nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen." Und als der Knecht weiter fragt: "Du kennst also dein Ziel", ihm nur zu erwidern weiß: "Ich sagte es doch: Weg von hier, das ist mein Ziel."

Ein solcher heute als Tourismus larvierter Drang zu ziellosen, allein um des Fliehens willen unternommener Ausbrüche, ist indes von tragischer Vergeblichkeit: Überall begegnet man -wie in „Second Life“- seinem mehr denn je immergleichen und sattsam bekannten Leben – und das zu einem hohen Preis. Der ewige Eskapismus kostet ein als Provisorium gefühltes, von der lebensfeindlichen Mentalität des: “Rette sich wer kann“ bestimmtes und uneigentliches Lebens mit allen -im schlimmsten Fall barbarischen- Konsequenzen.

Im Unterschied dazu lag eine wesentliche kulturelle Leistung neuzeitlicher Kunst gerade darin, jenem Begehren, aus der bestehenden in eine andere Welt zu entkommen, nicht nur Ausdruck zu verleihen, sondern es mehr oder weniger auch wirklich auslebbar zu machen. Solange in der Kunstwelt Autonomie als Ideal galt wurde versucht, nach ihr eigenen Gesetzen bestimmte Lebens-, Werk- und Organisationsformen zu schaffen, die total anders die übrige Welt sein sollten. Wo das gelang, war durch Kunst ein sowohl sinn- und wertvolles wie alternatives Dasein in und zu dieser Welt gegeben.

Seitdem aber auch die Kunstwelt dem Diktat der Ökonomisierung gehorcht und dem Dogma von der Unfehlbarkeit des Marktes folgt, sind die ihr eigenen ursprünglich geltenden Wertvorstellungen und Handlungsmaximen durch rein quantitative Kosten- bzw. Ertragskriterien überlagert worden. Infolge dieser ökonomischen Pervertierung prägt den Kunstbereich primär das penetrante Bemühen, durch Aufmerksamkeit, Anerkennung und breite Akzeptanz sich die Gunst des Geldes und damit die eigene Existenz zu sichern.

Insofern künstlerischer Erfolg letztlich nur noch finanziell definiert wird, ist die Drift der Gegenwartskunst zur Publikumswirksamkeit und damit zur Anpassung an den Mainstream unaufhaltsam. Im kommerzialisierten Kunstbetrieb triumphieren gattungsübergreifend gesellschaftskonforme und medienkompatible Spielarten eines irgendwie (etwa bizarr, narzisstisch, ironisch,…) veredelten Bildjournalismus mit gewissen repräsentativen Eigenschaften. In jedem Fall aber handelt es sich bei solchen allenfalls artifiziellen Produkten um nichts anderes als um Reproduktionen illusionistischer Parallelwelten zu unserer wohlbekannten Wirklichkeit.

Überdies ernüchternd ist es, dass auch die in den Großstädten üppig wuchernden und sich subkulturell gebärdenden „off-Szenen“ von einem permanenten Wiederholungszwang beherrscht werden und keineswegs ein „Woanders“ darstellen. Ganz im Gegenteil sind sie geradezu überangepasst, da ihre Protagonisten nichts anderes im Sinn haben, als den Standards etablierter Kunst und ihrer Institutionen endlich zu genügen und um jeden Preis auch dazu zu gehören: Vermeintlich schlau werden künstlerisch kaschierte Funktionen der Imagewerbung im Dienste des Stadt- und/oder Firmenmarketings sowie der Selbstdarstellung von Kulturpolitikern zu low- oder no-budget-Konditionen übernommen. Was sich dabei noch als anarchistisch oder zumindest selbstorganisiert aufspielt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Machtspiel nach darwinistischen Prinzipien, das perfekt den neoliberalen Vorstellungen völliger Deregulierung entspricht.

Auf Kunstausstellungen im internationalen Großformat wie der Biennale in Venedig oder der Kasseler documenta wird der offenbar alternativlose künstlerische Mainstream zelebriert, legitimiert und vor allem multipliziert. Involviert in die Mechanismen der Kunstmärkte fungieren diese Veranstaltungen heute nicht mehr als Foren für ein interessiertes Fachpublikum, sondern als illustre Jahrmärkte. Wie andere Angebote für die „kleinen Fluchten“ aus dem Alltag werden sie als touristische Attraktionen angelegt und mediengerecht vermarktet. Sogar auf das Klischee von Palmenhainen als Ruheinseln inmitten des Getriebes meinen die documenta-Macher dabei nicht verzichten zu können.

Für diesen Kulturtourismus spielen die Besuchsprogramme und die mitgebuchten Führungen der obligatorischen „Kunstvermittler“ eine entscheidende Rolle. Denn ihre Mission ist es, die ausgestellten redundanten Repliken des alltäglich Realen, die sich ohne jeden künstlerischen Anspruch von selbst verstünden oder eben als Nonsens entlarvten, auf jeden Fall als und zur Kunst zu (v)erklären. Die Besucher können sich dann einbilden, Bedeutendes gesehen zu haben und den Eindruck bekommen, dass ihr tautologischer Trip einen akzeptablen, die Kosten rechtfertigenden Anlass hat. Weitere Erläuterungen werden dem Publikum in opulenten Katalogen als Andenken verkauft, welche im heimischen Regal gleichsam als Diskurs-Kitsch verstauben.

Nur ein aus tiefem Überdruss an diesem Zirkus kommender kultureller Wandel könnte den kommerziell bedingten Kreislauf von Verwertung und Entwertung sowie Erwartung und Enttäuschung durchbrechen, so dass in einer als Gegenwelt fungierenden Kunstwelt erneut Erfahrungen des Unwahrscheinlichen ermöglicht würden. Nur dann wäre die alte, aber heute wieder wahr gewordene platonische Abwertung der Kunst gegenüber der Wirklichkeit als ein bestenfalls unter second best abzubuchendes Phänomen nicht länger gerechtfertigt.

*Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.03.2007, Nr. 69, S.14


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