Michael Lingner

DAS WERK ALS WERK-ZEUG?

Mehr als im Museum stellt sich für Kunst im öffentlichen Raum die Frage, welchen Status die Kunstobjekte dort eigentlich haben sollen. Diese Problematik ist immer wieder ein wichtiger Gegenstand der Auseinandersetzung in VorOrt. Dabei hat der folgende Text oft zur Eskalation und Explikation differenter Positionen gedient.

Zumeist werden die in Kunstausstellungen gezeigten Werke angeschaut, um diese und die KünstlerInnen zu bewundern oder zu kritisieren. Aber was hat man eigentlich davon? Würde es nicht mehr bringen, mit den Werken wie mit Werkzeugen umzugehen und sie daraufhin zu betrachten, ob und wie sie sich für die eigenen Interessen nutzbar machen lassen?

Um deutlicher zu machen, was es heißen kann, Kunstobjekte nicht mehr als Werke, sondern als Werk-Zeuge zu rezipieren, sei ein Beispiel bemüht: Da von Kunstwerken gern erwartet wird, dass sie dazu verhelfen, die Welt und sich selbst anders und differenzierter zu beobachten, um dementsprechend handeln zu können, sei der Vergleich mit einer Brille gezogen. Wer besser sehen und leben will, würde es allerdings kaum dabei belassen, die verschiedenen Modelle in der Auslage eines Brillengeschäftes nur anzuschauen, ganz abgesehen davon, dass dies aufgrund einer möglichen Sehschwäche gerade erschwert sein könnte. Vielmehr würde der an einer Brille Interessierte sicher danach schauen und auswählen, welche Brille zu ihm und seinem Aussehen passt und welche seinem Sehvermögen förderlich ist.

Neben der Betrachtung dieser ästhetischen und funktionalen Aspekte wird es für ihn aber vor allem darauf ankommen, die Brille zu tragen und entsprechend ihrer Beschaffenheit zu verwenden. Es käme niemandem in den Sinn, dass ihm der Blick auf (statt durch) eine Brille bereits dazu verhülfe, besser sehen zu können.

Im Umgang mit Kunstobjekten ist die Absurdität allerdings gang und gäbe und es wird geglaubt, von deren möglichen Qualitäten schon bei der bloßen Betrachtung profitieren zu können. Dieser Glaube wird mit mannigfaltigen Vorstellungen über die wundersame Wirkkraft von Werken immer wieder rationalisiert und aufrechterhalten. Aber jenseits von Mystik und Geniekult bleibt es eine Tatsache, dass sich Kunst, wie jede andere komplexe Wertvorstellung auch, niemals von Objekt zu Mensch lediglich durch Betrachtung übertragen lässt, sondern (v)erhandelt werden muss. Zwar ist den Kunstobjekten dann kein Eigenwert als Kulturträger mehr zuzuschreiben; aber sie verlieren nicht, sondern gewinnen durch ihre instrumentale Interpretation sogar eher an Bedeutung für den Prozess, in dem Kunst sich ereignen soll. Denn wie eine Brille muss auch jedes als Werk-Zeug fungierende Kunstobjekt über bestimmte ästhetische, funktionale und pragmatische Qualitäten verfügen. Erst durch deren An- und Verwendung kann Kunst zur Wahrnehmung der eigenen Interessen beitragen.

Am Anspruch von Werk-Zeugen gemessen, erweisen sich allerdings viele zeitgenössische »Werke« gleichsam als Brillengestelle ohne Gläser, welche niemand trägt und die sich deswegen zu nichts anderem eignen, als bestenfalls in Kuriositätenkabinetten musealisiert zu werden. Andererseits kann das beste Werk-Zeug nichts dafür, wenn es falsch oder gar nicht gebraucht wird. Wo beginnt und wo endet die Verantwortung künstlerischer Arbeit?


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