Michael Lingner, Hubert Sowa, Friedolin Kleuderlein, Walter Gramming, Institut für Untersuchungen von Grenzzuständen ästhetischer Systeme (INFuG)

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Vortragsperformance

am 2. August 1997 auf dem Haussee in Petzow bei Potsdam,

am 9. Juli 2000 auf dem Stadtparksee in Hamburg

und am 26. Juli 2002 auf dem Maschteich in Hannover

1 Michael Lingner

2 Hubert Sowa

3 Friedolin Kleuderlein [in Hannover: Walter Gramming]

In der Abenddämmerung stoßen drei Boote vom Seeufer ab und fahren hinaus. Sie gleiten im schwindenden Licht auf verschiedenen Bahnen über das Wasser. Durch die sich bewegenden Boote entstehen inmitten des Sternenhimmels, der über und im See aufzublinken beginnt, wechselnde Bilder. Was ihr Anblick zu sehen und zu denken gibt, kommt zwischen den Fährmännern zur Sprache.

1 Es wird dunkel über Mitteleuropa. Aber je weniger dieser Erdteil noch im Licht liegt, um so sichtbarer wird am Himmel das abendliche Naturschauspiel. Was da sternengleich und unendlich als Ewigkeitsversprechen erscheint, erweckt eine Sehnsucht, die wir manchmal auch bei der Betrachtung von Bildern der Kunst empfinden: Der Wunsch wird wach, man selbst möge sein, wie das, was man sieht.

2 Ich sehe mich jetzt als Fährmann. Stehend im schmalen Boot stoße ich mich mit einer langen Stange vom Grunde des Sees ab. Langsam schiebt sich das Boot über den Wasserspiegel. Je beherrschter und konzentrierter ich mich bewege und bedachtsam das Boot ausbalanciere, desto schöner ist das Bild für die Betrachter. Nicht nur Fährmann, auch ein gutes Bild möchte ich sein.

3 Der Anfang ist gemacht, nun gilt es zu beginnen. Ob es uns Fährmännern gelingt, mehr als den Eindruck eines künstlichen Bildes zu erwecken? Werden Sie dort am Ufer sich über die Beschaulichkeit hinaus zur handelnden Teilnahme verführen lassen?

1 Dem Umgang mit Bildern der Kunst fehlt gewöhnlich ein tätiges und existentielles Moment. Für das Leben der meisten Menschen bleiben Bilder letztlich äußerlich und ohne Folgen. Bisher ist das nur bei künstlerischen Menschen anders. Sie hat die Betrachtung von Bildern nie teilnahmslos gelassen, sondern war Anlass, als Künstler leben und selbst Bilder malen zu wollen.

2 Den Betrachtern bietet sich das Bild, wie ich langsam die Stange aus dem Wasser ziehe und sie waagerecht über der Wasseroberfläche nach vorne seitlich an der Bootsspitze vorbei in den leeren Raum schiebe. Dabei beuge ich mich mit dem Oberkörper weit vor, um meine Arme bis zum äußersten Punkt strecken zu können, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Dann senke ich die Spitze des Stabes langsam ab, bis sie die Wasseroberfläche durchstößt und den schlammigen Grund schräg vor dem Boot berührt. Mit beiden Armen verstärke ich nun den Druck auf die Stange und ziehe sie langsam auf mich zu, während das Boot an der Stange vorbeigleitet. Dabei dreht sich die Stange langsam aus der Schräglage, bis sie schließlich senkrecht im Wasser steckt und mit dem anderen Ende hinauf zum Sternenhimmel deutet. Dann die Stange tief und kräftig nach hinten wegstoßend, gebe ich dem Boot den stärksten Schub. Doch schon ist es über diesen Punkt hinweg und das obere Stabende kippt nun langsam nach vorne, so dass ich die Stange leicht aus dem Wasser ziehen kann. Mit dieser Bewegung fängt das Bild an, sich zu wiederholen.

3 Was die Betrachter dort am Ufer erblicken und was die Fährmänner in ihren schaukelnden Bootsschalen erleben, ist sehr unterschiedlich. Zwar können beide sich selbst nicht im Bild sehen. Aber den Betrachtern fehlt zudem die Erfahrung wie es ist, ein Bild zu sein.

1 An den Wunsch, zu sein was man sieht, knüpft sich die Frage: Wie können Bilder eine über den Akt der bloßen Betrachtung hinausgehende Bedeutung erlangen? Lassen sich die Kunst und ihre Bilder zum Leben erwecken, so dass nicht länger nur sie schön oder erhaben sind, sondern auch unser eigenes Dasein glückt und stimmig wird? Kann so das Leben eine ästhetische Qualität bekommen?

2 Als sei es lebendig, gleitet gerade ein blinkendes Licht schräg rechts von mir vorbei. Im linken Augenwinkel sehe ich ein anderes Licht vorüberziehen. Unter mir der schwankende Boden des Kahns und die schwarze Tiefe des Sees. Um mich herum die spiegelnde Fläche. Vor mir liegt in der Dämmerung das Ufer, auf dem sich Menschen bewegen. Sie blicken in meine Richtung.

3 Von meinem Blickpunkt hier im Boot erscheinen Sie als Betrachter ruhig und gespannt. Während ich mit dem Boot durch das Wasser stake, kann ich für Sie beschreiben, was ich am Ufer sehe. Aber Sie können mir nicht Ihren Eindruck mitteilen, wie es ist, wenn ein Bild zu sprechen beginnt.

1 Es gibt wenige Bilder, die uns ansprechen. Die meisten Bilder werden nur produziert, um uns zu überreden. Sie wirken beschränkend, weil sie unsere Gefühle fixieren. Dagegen sind in der Kunst immer wieder Bilder geschaffen worden, die unsere Vorstellungskraft anregen und unsere Phantasie erweitern. Solche Bilder täuschen Wirklichkeit nicht vor. Vielmehr sind sie so etwas wie Medien, mit denen wir die Welt und unsere eigene Wahrnehmung besser beobachten können.

2 Schaue ich auf die schwarz spiegelnde Oberfläche des Sees und in den dunklen Bauch des Bootes, sehe ich fast nichts. Erst recht entzieht sich der Grund des Sees völlig meinen Blicken. Auch der himmelwärts gerichtete Blick verliert sich im Unendlichen. So verfalle ich darauf, meine Beobachtung zu beobachten, dass ich zwar wenig beobachten, mir aber vieles vorstellen kann.

3 Spüren Sie jetzt, während Sie meine Stimme am Ufer hören, Ihre Füße auf dem schrägen Uferboden und die Beine, die den Leib tragen? Dagegen ist der Stand von uns Fährmännern ziemlich labil. Während Sie an Land fast reglos und starr stehen, sind wir ohne Grund zu haben, beweglich und lebendig.

1 Statt bloß zu beobachten, bedarf es guter Gründe in die Wirklichkeit handelnd einzugreifen. Aber nur dann lässt sich die Erfahrung machen, dass Bilder über ihren fiktiven Charakter hinaus eine faktische, existentielle Bedeutung erlangen können. Der Wunsch, man selbst möge sein, wie das, was man sieht, wird nur erfüllbar, wenn er nicht grundlos ist.

2 Manchmal kann ich den Grund spüren, manchmal findet die biegsam federnde Ruderstange nur im Wasser Halt. Auch ist manchmal der Grund sumpfig. Aber besser ein weicher Grund als überhaupt kein Grund.

3 Ohne Ziel, aber nicht absichtslos ziehen hier zwischen leuchtenden Bojen drei Fährmänner ihre Bahnen. Sie steuern durch ein flackerndes Bild, während andere schauen.

1 Lässt sich das, was den Reiz dieses Sternenfeldes und die Eigenartigkeit der Fahrt dieser Fährmänner ausmacht, eigentlich durch Schauen allein erfassen? Warum wird in der Kunst der gewichtige Unterschied zwischen der bloßen Betrachtung eines ästhetischen Phänomens und der tatsächlichen Teilhabe durch leibhaftiges ästhetisches Handeln meistens ignoriert?

2 Ins Grübeln geraten, unterbreche ich jetzt meine Fahrt. Die nasse Ruderstange lege ich neben mich, um auf das am Bootsboden liegende Textblatt zu schauen. - Ob das jemand sieht? Im schwachen Licht entziffere ich diesen Text bei leicht schaukelndem Boot. Ich beginne laut zu lesen und bin nun ein tönendes Bild. - Ob mich jemand hört? Wer das Bild sieht und den Text hört, begreift beides jedenfalls besser.

3 Aber wie immer Sie auch unsere Aktion zu verstehen suchen, ein eindeutiger und gradliniger Blick auf das Geschehen ist nicht möglich. Ihr Blick vom Ufer aus auf das belebte Bild bleibt stets schräg und fragmentarisch.

1 Bei der Betrachtung von Bildern vollzieht sich im Idealfall ein sich selbst belebendes Wechselspiel zwischen der Einbildungskraft und dem Verstand. Es macht die Offenheit dieses kontemplativen Prozesses aus, dass dabei die Phantasie zwanglos schweift und die verschiedensten Vorstellungen des Betrachters gleichwertig nebeneinander bestehen können. Aber dass all diese Phantasien letztlich unverbindlich und beliebig bleiben, zeigt die Grenzen dieser Gedankenfreiheit. Wenn dagegen statt nur geschaut, auch gehandelt wird, gewinnt die Vorstellungskraft an Intensität und Bestimmtheit. Denn verwirklichen lässt sich jeweils nur eine einzige der als möglich phantasierten Vorstellungen. Wie anders als durch eine ästhetische Entscheidung könnte die Qual der richtigen Wahl gelindert werden? Welches andere als ein ästhetisch inspiriertes Handeln wäre für einen selbst und andere erträglich?

2 Während sich das Boot auch von selbst fortbewegt, muss ich mich jedes Mal neu entscheiden, im Text fortzufahren. Suchend gleitet dann der Blick über die Seite dem Ende einer Passage entgegen. Jeder Satz ist wie eine Ruderbewegung, jedes Wort wie eine Welle, jeder Atemzug wie ein Windhauch über dem See.

3 Aber hat es nicht auch eine gehörige Komik, wie da drei Gestalten den launischen Elementen der Natur und den Irrlichtern der Kunst trotzend zur See fahren und dabei über Bilder philosophieren.

1 Diese überraschende Bemerkung zum Beispiel ist eine ästhetisch intervenierende Handlung, die verdeutlicht, wie dadurch die Empfindung der gesamten Situation anders wird. Durch die reine Betrachtung dagegen ändert sich am Bild nichts und alles bleibt gleich. Deswegen wird sich, wie anregend ein Bild auch sein mag, die Phantasietätigkeit beim bloßen Betrachten schließlich erschöpfen oder verselbständigen. Die Phantasie erhält nur dann immer neue Impulse, wenn die jeweiligen Gegebenheiten durch ästhetisches Handeln faktisch verändert werden.

2 In meiner Vorstellung bin ich ein dunkler Fleck zwischen vielen blinkenden Lichtpunkten. Auch für die Betrachter verschwinde ich häufig in der Dunkelheit. Aber manchmal macht mich der Lichtschein kurz sichtbar. Für mich selbst jedoch bin und bleibe ich stets ein unsichtbarer, blinder Fleck inmitten des aufscheinenden Bildgeschehens.

3 Uns allen hier ist auf immer verborgen, wie sich das, was jetzt gerade geschieht, vom Grund des Sees aus gesehen, wohl darstellen mag.

1 Das kontemplative Wechselspiel zwischen Einbildungskraft und Verstand ist introvertiert und bleibt privat. Es schafft zu den Werken wie zu anderen Menschen Distanz. Dagegen ist ästhetisches Handeln ein kommunikativer Prozess und hat öffentlichen Charakter. Über die individuelle Bewusstseinsveränderung hinaus ist jeder Handelnde an der Ausformung einer gemeinsamen Wirklichkeit beteiligt.

2 Was tatsächlich wirklich ist, lernt zu fragen, wer keinen Grund sieht. Wenn ich senkrecht ins Wasser blicke, sehe ich den sich darin spiegelnden Himmel. Tauch ich die Ruderstange in die Wasseroberfläche, tauche ich sie in das Bild des Sternenhimmels. Wenn ich die Stange bewege, verschwindet das Bild. Doch ziehe ich die Stange dann heraus, erscheint wieder das Bild des Sternenhimmels - leicht zitternd. In welchem Licht erscheint hier die Wirklichkeit?

3 Entspricht denn das Bild, was wir uns von Ihnen am Ufer machen, der Wirklichkeit? Gehört das hinter Ihnen aus der Stadt in die Seezone dringende Rauschen des Verkehrs zum wirklichen Leben? Oder fällt uns dadurch gerade auf, dass die Geräusche die Eigenheit dieses Augenblicks hier und jetzt übertönen?

1 Welche Bedeutsamkeit das Bildgeschehen, das von uns gerade aufgeführt wird, für das eigene Leben bekommt, ist von der Intensivierung der Teilhabe aller Anwesenden abhängig. Insofern fehlen die Betrachter am Ufer noch zur Belebung dieses Bildes. Bisher kommen sie als Handelnde nicht selbst darin vor. Sie stehen dort und sehen lediglich die Romantik unserer See-Reise von außen. Vielleicht mit der Sehnsucht in sich, man selbst möge sein wie das, was man sieht.

2 Langsam wird der Wunsch wach, auch dabei zu sein. Langsam gleitet das Boot dem Ufer entgegen. Langsam gleitet der Blick ans Ende des Textes. Langsam zieht das gesamte Bild an mir vorbei und umfasst mich. Langsam erfasst mich die Gewissheit: Ich bin nicht nur im Bild, ich selbst bin das Bild.

Wir drei hier auf dem See sind an der Aufführung des Bildes leibhaftig durch unser Handeln beteiligt. Indem wir das Bild sind, stellt es für uns gegenwärtig eine Form unseres Daseins dar. Wir können wirklich so sein wie das, was Sie hier sehen.

3 Alle äußeren Bilder versinken schließlich in der Dunkelheit. Nur aus dem Klang der Stimmen kann man sich dann noch ein Bild machen. Aber auch sie werden nach und nach in der Finsternis verklingen, die den See umgibt. Sind das die Glücksmomente ästhetischen Daseins?

1 Den Unterschied zwischen Sehen und Sein, zwischen einem kontemplativen und handelnden Umgang mit den Dingen verdeutlich ein Zitat von Schopenhauer: Einem Optimisten, der ihn heißt »hineinzusehen in die Welt, wie sie so schön sei im Sonnenschein mit ihren Bergen, Tälern und sofort«, begegnet er mit der Frage: »Ist denn die Welt ein Guckkasten? Zu sehen sind diese Dinge freilich schön; aber sie zu sein sein, ist ganz etwas anderes.«

2 »Zu sehen sind diese Dinge freilich schön; aber sie zu sein sein, ist ganz etwas anderes.«

3 »Aber sie zu sein sein, ist ganz etwas anderes.«


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