Markus Binner, Michael Lingner, Dodo Schielein, Sven Temper

Kunst als kulturelles Potential

K23

Einer materialistisch beschränkten und objektfixierten Betrachtungsweise entgegen ist Kultur keinesfalls gleichzusetzen mit den Produkten der spezialisierten Teilgebiete der verschiedenen Künste.

Dass überhaupt ästhetische Objekte produziert, präsentiert und rezipiert werden, verbürgt noch lange nicht Kultur, sondern kann diese allenfalls symbolisieren oder gar nur simulieren. Denn Kultur entsteht erst im Wie der Werkproduktion, -Präsentation und -rezeption und ist stets mehr und anders als einzelne Kunstobjekte verkörpern können.

Wie nicht schon im bloßen Vorhandensein von Messer und Gabel, sondern erst in deren adäquater Anwendung es zur Esskultur kommt, so können auch ästhetische Objekte erst durch die gelingende Anwendung in kulturelle Prozesse überführt werden.

Diese Überführung um jeden Preis zu verhindern versucht der Kunstbetrieb. Denn Überführung bedeutet immer auch Demaskierung: Erst in der kulturellen Praktizierung im wirklichen Leben zeigen Werke ihr wahres Gesicht, wenn durch sie über die kontemplative Objekt-Betrachtung hinausgehende Kommunikations- und Handlungsprozesse geschehen.

Wie ernüchternd es auch sein mag: Was letztlich und wirklich das Leben ermöglicht, ist nicht Kunst, sondern die Kultur.

Denn viele Menschen müssen und alle Menschen können ohne Kunst leben. Möglicherweise sterben sie, ohne je eigene Erfahrungen mit Werken der Kunst gemacht zu haben. Aber kein Mensch kann - so lange er existiert - ohne kulturelle Praktiken leben. Ja selbst noch das Sterben wird nur durch Kultur überlebbar - jedenfalls für die Nachgebliebenen und vielleicht auch für die Dahingegangenen.

Die unterschiedlichen, aber allseits verbreiteten Vorstellungen vom ewigen Leben erinnern daran, dass eine der wesentlichen Wurzeln von Kultur im Umgang mit dem Tod liegt. Angesichts des Todes ist es Kultur, die überhaupt ein Weiterleben, aber auch die Fortsetzbarkeit von Kunst ermöglicht.

»Was letztlich und wirklich das Leben ermöglicht, ist nicht Kunst, sondern die Kultur«


Raum

Am Anfang war K23 nichts anderes als die Bezeichnung für den Raum, der Michael Lingner Ende 1993 nach seiner Berufung an die HfbK von der Hochschulleitung zur persönlichen Nutzung zugewiesen wurde.

Bereits während des SS 94 gab es im Rahmen des Seminares "Zwischen der Freiheit »angewandter« und der Anwendung »freier« Kunst" erste Überlegungen zur (Um-)Nutzung und anderen Einrichtung des Raumes.

Vom Juni 1994 bis Dezember 1995 wurde dann K23 in einem Kooperationsprojekt zusammen mit Michael Lingner und den Studierenden der Freien Kunst, Markus Binner, Dodo Schielein und Sven Temper, als Modell einer neuen Kultur des Lehrens und Lernens an der Kunsthochschule entworfen und ausgebaut.

Christian von Ahn, Michaela Müller und Jan Timme haben sich mit künstlerischen Beiträgen an der weiteren Ausstattung des Raumes beteiligt.

Außerdem ist K23 die Keimzelle des »Archiv-Systems Kunst« (ask23) http://draft.ask23.de


Programm

Abgesehen von der Einigkeit über die Funktionsbestimmungen des Raumes gab es für das Projekt noch einige andere gemeinsame »Vor-Sätze« wie etwa:

dass jenes aus den Akademien des 19. Jahrhunderts überkommene Privileg der Professoren auf eigene Ateliers sich inzwischen überlebt hat, weil dort längst keine künstlerische Lehre mehr stattfindet...

dass Studium und Lehre der Kunst nicht nur ungewöhnlicher Menschen, sondern auch einer besonderen atmosphärischen Umgebung von Transparenz und Teilhabe bedürfen, damit das Künstlerische als etwas höchst Unwahrscheinliches wahrscheinlicher wird...

dass die Theorie der Kunst eine eigene ästhetische Praxisform ist und infolgedessen auch künstlerisch inspiriert sein muss, weil sie sonst ihrem Gegenstandsbereich nicht gerecht zu werden vermag...

dass die Mitte des Raumes, der Arbeit, ja der Existenz nicht mehr vorgegeben, sondern zur Selbstbestimmung aufgegeben ist, weit alte Absolutheitsvorstellungen unglaubwürdig geworden sind.

Im Zwischenraum solcher gemeinsamer und anderer sich unterscheidender oder gar gegensätzlicher Überzeugungen, Erfahrungen und Empfindungen ist K23 entstanden in der Balance:

zwischen offener Leere und leerer Ordnung, Freiraum und Raumstruktur,

zwischen allgemeinen Ansprüchen und subjektiven Bedürfnissen, Notwendigkeit und Neigung,

zwischen multifunktionaler Perfektion und provisorischer Einfachheit, Wandel und Gewohnheit,

zwischen Originalität und Normalität, Dominanz und Demut,

zwischen Armajani, Artschwager, Judd, Knoebel, Ikea und Montessori, Aneignung und Anpassung,

zwischen Bild-und Realraum, zwischen Kunst und Kultur.


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URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt02-1.html
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von ask23 am 2004-01-26, Hashwert ed6ca1e8fba1e8cf02f63e7cbc0aecf92a7ff6e1