Die Kunst der Soziokultur

Partizipatorische Kunstprojekte (im öffentlichen Raum) als soziokulturelle Vision

Im Hamburger Landesverband Soziokultur hat sich gerade die Projektgruppe "LebensRaumKunst" formiert, die den Zusammenhang und die Zusammenarbeit von Kunst und Soziokultur intensiver bearbeiten und fördern möchte. Bereits auf der letzten Mitgliederversammlung und auch beim letzten Ratschlag für Soziokultur im November 2000 wurden Themenfelder im Bereich Kunst und Soziokultur, partizipatorischer Kunstprojekte im Stadtteil sowie die soziokulturelle Respons auf Ökonomisierung von Kunst und Kultur thematisiert. Nun gibt es eine konkrete Umsetzungsebene in Form einer Kooperation des Landesverbandes mit der Hochschule für bildende Künste, Hamburg (HfbK). "LebensRaumKunst" lautet der programmatische Projektname. Im Folgenden stellen wir in Form eines virtuellen Gesprächs die Positionen und das Projektvorhaben dieser Gruppe vor. Daran beteiligt sind die Initiator/innen Michael Lingner (Künstler, Professor für Kunsttheorie, HfbK), Christel Langlotz (Bildhauerin, Kulturpädagogin), Sabine Stövesand (Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes Soziokultur Hamburg, Geschäftsführerin der GWA-St. Pauli-Süd) und Kerstin Hof (Autorin, Wort-Amme).

Kerstin Hof

MICHAEL LINGNER: "Für alle Felder von Bildung, Wissenschaft und Kultur verkünden staatlich eingesetzte Expert/innenkommissionen auftragsgemäß die Notwendigkeit der "Modernisierung". Dabei wird in beispiellosem, an Demagogie grenzenden Begriffsmissbrauch "Modernisierung" ausschließlich als "Übertragung betriebswirtschaftlicher Organisationsund Steuerungsmodelle auf die (entsprechenden) Einrichtungen (1)" verstanden und betrieben. Klar erkennbar ist die Brisanz der Problematik, die der total(itär?)en Verwirtschaftlichung innewohnt: Wenn das, was bis zum Untergang der sozialistischen Diktaturen auf die Regulation des kapitalistischen Wirtschaftssystems beschränkt war, nun zum beherrschenden Faktor für alle übrigen Systeme der Gesellschaft (wie Politik, Recht, Medizin, Wissenschaft ... und auch Kultur) wird, droht der Ausverkauf der ihnen eigenen Normen und Werte, d.h. letztlich ihrer "Moral". Durch den damit einhergehenden Verlust ihrer einstigen je funktionsspezifischen und kulturellen Identität ginge schließlich auch der Rest an Autonomie verloren."

SABINE STÖVESAND: "Der Druck zur Eigenfinanzierung steigt kontinuierlich und verändert Inhalte und Zielgruppen. Wenn ich mich an unserem Globalziel Nr. 1 aus den Rahmenvereinbarungen orientiere, das da lautet " ... Kulturelle und gesellschaftliche Partizipation von Stadtteilbewohnerinnen fördern" freue ich mich, dass eine Gruppe türkischer Hausfrauen regelmäßig zu unserem Sonntagscafe kommt. Wenn ich auf unsere Finanzen schaue finde ich, sie sollten mehr bezahlen für die Musikgruppe oder Tänzerin. Wenn sie dafür aber Geld ausgeben, dass sie ihren Mann zu Hause sitzen lassen und sich einen schönen Nachmittag machen, kriegen sie eventuell Ärger und kommen nicht mehr. In einem städtischen Armutsgebiet erkleckliche Eigeneinnahmen zu erwirtschaften funktioniert nur, wenn wir auf große Teile unserer Zielgruppe verzichten. "Tschüs, kulturelle Teilhabe!"

MICHAEL LINGNER: "Marktwirtschaftlich gesehen mögen einige der soziokulturellen Zentren als Abrundung des lokalen kommerziellen Kulturangebotes im Niedrigpreis-Segment auch mittelfristig überleben können, wenn sie ihre Identität, d.h. Geschichte und Programmatik weitgehend aufgeben. Materiell und ideell ist ihre Existenzmöglichkeit, -berechtigung und -notwendigkeit aber wohl nur gegeben, wenn sie ihren Schwerpunkt vom Kulturkonsum zur kulturellen Praxis und Produktion verlagern. Dabei käme es darauf an, explizit eine zu den kommerziellen Kulturangeboten komplementäre und alternative Kulturarbeit eigener Qualität zu praktizieren statt sich dem noch nicht, nie oder nicht mehr kommerziell Erfolgreichen zu bescheiden. Zu ihrer spezifischen Qualität würde es gehören, dass sich kulturelle Praktiken in Unabhängigkeit und Selbstbestimmung als soziale, gesellschaftlich kontextuierte Prozesse entwickeln und ereignen können, sodass es Orte gibt, wo Kultur primär gelebt statt gekauft wird."

SABINE STÖVESAND: "Auch in den Städten hinterläßt die Ökonomisierung Spuren: Kultur wird für das städtische Wirtschaftwachstum instrumentalisiert, wird zu einem wichtigen Marketingelement. Die Stadt soll attraktiv sein im Standortwettbewerb mit anderen. Sie soll den gutverdienenden mobilen Führungskräften etwas zu bieten haben. Die citynahen Gebiete stehen unter Aufwertungsdruck, kein Platz mehr für billige Ateliers, experimentelle Musikclubs. Eventitis, Festivalitis und die Verdrängung der Habenichtse aus dem öffentlichen Raum. Bedeutete Urbanität bisher kulturelle Vielfalt, Toleranz, Emanzipation, ist damit heute zunehmend Warenvielfalt, Konsumierbarkeit städtischer Räume und soziale Zonierung verbunden. Lokale Identitäten lösen sich auf, der Stadtteil als Bezugspunkt in einer mobiler und virtueller werdenden Welt, ist auch nicht mehr das, was er mal war."

CHRISTEL LANGLOTZ: "Die Frage nach der eigenen Ver-Ortung in der Gesellschaft bzw. im Stadtteil führt uns mitten in das Wirkungsfeld der Soziokultur. Bezogen für Kunstprojekte im öffentlichen Raum lassen sich folgende Fragen formulieren: Was bedeutet öffentlicher Raum heute? Wie wird er definiert? Und wie läßt er sich gestalten? Multifunktionalen Inszenierungen von passivem Konsumverhalten, wie es die postmoderne Passagen- und Erlebniskultur hervorbringt, gilt es etwas entgegenzusetzen: die kontinuierliche Rückeroberung des öffentlichen Raumes sowohl durch die Künstler/innen als auch durch die Bevölkerung selbst. In einem Konzept soziokultureller Partizipationsprojekte sehe ich die Chance, eine besonders effektive Wiederaneignung des öffentlichen Raumes. Dieser Ansatz läßt sich als Form ästhetischer Bildung begreifen, die den öffentlichen Raum zum Ort sozialen Handelns und kreativer Mitgestaltung der Umwelt werden läßt.

Durch Kunstprojekte im öffentlichen Raum können ein notwendiges Instrumentarium vermittelt und Bewußtseinsprozesse gefördert werden, welche die Mitglieder einer Gesellschaft überhaupt erst dazu in die Lage versetzen, Lösungsstrategien und Visionen zu entwickeln. Kunst enthält Potentiale zur Intervention in der Gesellschaft: Durch Kunst besteht gleichsam die Möglichkeit, Wirklichkeit aufzuzeigen, darzustellen, Widersprüche erkennbar sowie erfahrbar zu machen und Realität zu gestalten, wie beispielsweise den öffentlichen Lebensraum. Der Umgang mit Kunst stellt damit für die an der Kunstproduktion beteiligten Künstler/innen und Bürger/innen und für die Rezipient/innen eine Methode dar, die Welt zu analysieren und zu erkunden. Voraussetzung, dieses Potential des Mediums Kunst fruchtbar werden zu lassen, ist die (kultur-)pädagogische Begleitung interaktiver Projekte."

"Zum Beispiel Teams, die selbst (und miteinander) in gestalterische Prozesse gehen und daraus Projekte z. B. im Stadtteil entwickeln. Und sie nicht an künstlerische und/oder kulturpädagogische Expert/innen beauftragen / delegieren."

MICHAEL LINGNER: "Um in diesem Sinne eine prozessorientierte statt objekt- und veranstaltungsfixierte Kulturarbeit zu verwirklichen, wäre es zur Selbstverständigung und zur Steigerung des Selbstbewußtseins hilfreich, sich mit Begriff und Strategie von "Teilhabe" anhand theoretischer Texte und praktischer Projekte zu befassen. Zu diesem Zweck ist eine Kooperation zwischen Künstler/innen und sozio-kulturellen Akteur/innen sinnvoll. Ein erster Schritt, eine Kooperation zwischen dem Landesver-band Soziokultur Hamburg und der HfbK, entsteht gerade in einem gemeinsamen Theorie-/Praxis-Projekt. Die Theorieebene sucht und vertieft kunsthistorische, philosophische und kulturwissenschaftliche Verbindungslinien zur heutigen Autonomie- und Teilhabeproblematik, die im Mainstream der herrschenden Markt- und Museumskunst zu verschwinden drohen. Als wichtige exemplarische Anknüpfungspunkte dieses "Seminars" sind die westdeutsche "Kunst-im-öffentlichen-Raum"-Debatte sowie die Kontrastierung mit dem Phänomen der ostdeutschen "Staatsparteikunst" vorgesehen. Die theoretische Diskussion soll in ein zusätzlich zu schaffendes "Forum" münden, das sowohl der Entwicklung als auch Beratung und praktischen Umsetzung konkreter soziokultureller Kunstprojekte dient."

CHRISTEL LANGLOTZ: "Ein Forum für künstlerische Lebensraumgestaltung, in dem Soziokultur / soziokulturelle Orte als potentielle Spiel-Räume erkannt und genutzt werden, in dem künstlerisches Know-how und soziales Engagement synergetisch wechselwirkend Form annehmen."

(1) siehe: Wissenschaftsrat (Hg): Thesen zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland. Köln 2000, Seite 45.


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