Kultur für Alle!

Die Rolle und der Wert von Partizipation spielt auch bei Stadterneuerungsprozessen eine wichtige Rolle. Yvonne Fietz fasst die prägnantesten Beiträge der Live-Diskussion vom 23. Juli im fsk-Studio mit Dr. Christina Weiss, Prof. Michael Lingner, Michael Wendt und Dörte Inselmann und Sabine Stövesand (Moderation) zusammen.

Lingner: Im Zusammenhang unserer Diskussion ist daran zu erinnern, dass die Kultur von Menschen keinesfalls auf die Teilnahme am sogenannten Kulturangebot beschränkt gesehen werden sollte. Menschen können ohne Kultur nicht leben, so dass jeder irgendwie bereits Kultur hat - welche auch immer. Die Forderung der Soziokultur "Kultur für alle", verstehe ich insofern als Absicht, die Angebote der Hoch- bzw. Spezialkulturen so zu transformieren, dass diese für die Lebenswelt fruchtbar werden können. Partizipation ist dabei so wichtig, weil sie die Chance bietet, sich kulturelle Handlungs- und Haltungsmuster der Spezialkulturen tatsächlich anzueignen und zu praktizieren, statt sie nur zu bewundern, zu belächeln oder zu bekämpfen, oder bloß mehr oder minder besinnungslos zu konsumieren.

Weiss: Kunst kann man nicht einfach konsumieren, Kunst ist immer ein Appell ans Weiterdenken. Und wer selber kreativ ist, der lernt auch als Rezipient, Kultur anders wahrzunehmen.

Lingner: Insofern lässt sich zwischen einer aktiven und passiven Art der Teilhabe unterscheiden: Bei der aktiven Teilhabe widmet man sein eigenes Leben der kulturellen Produktion, während die passive Teilhabe eher eine persönliche Form der kulturellen Reproduktion ist, die sich aber über die reine Rezeption hinaus handelnd vollzieht. Etwas ernsthaft zu studieren bedeutet, sich im Grenzbereich zwischen aktiver und passiver Teilhabe zu bewegen.

Inselmann: Die Grenzen zwischen aktiver und passiver Teilhabe sind Übergänge: Theaterbesucher/innen werden zu Theaterkursteilnehmer/innen werden zu Theatergruppenmitgliedern.

Stövesand: Ist die Stadtteilkultur zu pflegeleicht geworden?

Wendt: Vor dem Hintergrund der 70er und 80er Jahre wurden Aspekte des Widerstandes in die Stadtteilkulturarbeit aufgenommen. Allgemein gesprochen wurden auch einfach Räume für Dialoge geschaffen. In den 80er und 90er Jahren wurden diese Räume aktiv gesucht - das ist heute anders.

Lingner: Kulturelle Arbeit ist dann pflegeleicht im Sinne von zahm, wenn es ihr ausreicht, nur Orte der freien Meinungsäusserung zu schaffen - so wichtig diese auch sind -, statt auch zu versuchen, dass bestimmte Auseinandersetzungen im Bereich des politischen Handelns zum Zuge kommen. Auch hier ist es eine Frage der Transformation: Wie können Meinungsbildungen unter den Betroffenen in das politische Handeln eingehen? Die ausschließlich mit ihrem Machtgewinn oder -erhalt beschäftigten politischen Parteien nehmen diese ihnen eigentlich originär zukommende Aufgabe nicht mehr wahr.

Inselmann: Die Arbeit des Billstedter Kulturpalast hat sich dahingehend geändert, dass wir keine politischen Bewegungen mehr initiieren, sondern Forderungen aus dem Stadtteil unterstützen und uns für mehr Lebensqualität einsetzen, aber nicht ohne die Leute selbst! Darüber hinaus positionieren wir uns eindeutig gegen Rassismus und für Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensstilen und Gruppierungen.

Stövesand: Stadtteilkultur ist nicht mehr zu trennen von Stadterneuerung, dreht die Motte mit an der Aufwertungsspirale?

Wendt: Wir betrachten uns als intermediär, d. h. als eine Einrichtung, die zwischen den strukturellen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen steht und in Dialoge tritt. Über die Dialoge, z. B. auch mit Wirtschaftsunternehmen und Politik / Verwaltung, nehmen wir Einfluss auf Perspektiventwicklungen und Stadtteilentwicklung. Ganz anders gestaltet sich unsere Arbeit vor: Da gehen wir auf die Leute zu, die hier wohnen - Integration ist ein wichtiges Stichwort.

Weiss: Die Stadtteilkulturzentren spielen eine wichtige Rolle für die Menschen, die im jeweiligen Stadtteil wohnen, denn sie tragen dazu bei, eine Beziehung und eine Liebe zur Stadt, in der man wohnt, zu entwickeln.

Stövesand: Welche Rolle nehmen Künstler/innen bei Stadtentwicklungsprozessen ein, wenn sie z. B. in Schaufenstern oder Räumen neuer Gebäude arbeiten, ist das nicht ein "Trockenwohnen"?

Weiss: Ich finde gerade die Nutzung von Schaufenstern besonders raffiniert. In der Stadt sind Schaufenster etwas, was zum Hingucken auffordert. Jeder kennt die große Frustration, wenn man in ein Schaufenster sieht - und es ist leer. Ich finde Schaufenster sind besonders pfiffige und witzige Orte für Künstler/innen, bei denen es sich lohnt, sie sich zwischenzeitlich einmal anzueignen. Sie eröffnen den Menschen die Möglichkeit, ihren Stadtteil anders wahrzunehmen, Geschichte zu erfahren. Dafür wird auch in den Stadtteilkulturzentren eine wichtige Arbeit geleistet.

Lingner: Es macht einen großen Unterschied, ob sich eine Kultureinrichtung zu Gunsten größerer Partizipationsmöglichkeiten in die Stadt hinein öffnet, oder aus überwiegend kommerziellen Zwängen, wie es nun etwa bei den Hamburger Museen der Fall ist. Die vermeintlich betriebswirtschaftlich effizientere Ökonomisierung der Kunst ist keinesfalls gleichzusetzen mit einer Demokratisierung der Kultur, sondern bedeutet eher deren ganzes Gegenteil. Die Ökonomisierung beabsichtigt nur eine Ausweitung des Marktes und führt zur Entwertung kultureller Hervorbringungen, während Demokratisierung auf die Intensivierung der Teilhabe zielt. Kultur zu (ver)kaufen ist allerdings ein primitiver und letztlich wertloser Versuch der Teilhabe: Der geistige Gehalt von Kultur ist prinzipiell nicht käuflich.

Stövesand: In den Diskussionen um die Aufwertung des Hafenrandes und die Funktion der Riverkasematten geht es auch immer wieder um die Beteiligung von Künstler/innen. In einer Erklärung dazu heißt es: "Es ist Fakt, dass junge Undergroundkünstler/innen und Musiker/innen die Quartiere herrichten, in denen sich später so genannte Dotcoms breit machen. Die nichtetablierte Kulturszene muss ständig den Ort wechseln, weil sie dort mit der Macht des Geldes vertrieben wird, wo sie die Grundkultivierung geleistet hat.

Weiss: Das ist jetzt eine negative Darstellung. Im positiven Sinne ist es im Stadtteil deutlich zu spüren, wenn Künstler/innen sich ansiedeln, sie beeinflussen den Stadtteil positiv. Künstler/innen sind ja auch in extremer Weise kompatibel mit allen Problemzonen der Gesellschaft, weil sie sich ständig in Auseinandersetzung mit derselben befinden.

Lingner: Es hat in Hamburg einige Projekte gegeben, wo eine Kooperation und Integration von soziokultureller Arbeit und "Kunst im öffentlichen Raum" sehr nahe liegen. Beispielsweise bedürfen solche Projekte wie jüngst Volker Langs am Feenteich plazierte Arbeit "Indien liegt ausserhalb" oder frühere Arbeiten wie Maria Nordmans Haus "Für die Ankommenden" oder Clegg & Guttmanns "Offene Bibliothek" dringend der Kultur im Sinne einer umfassenden Pflege dieser Installationen. Da es an der entsprechenden Pflege fehlte, sind sie nach kurzer Zeit wieder abgerissen worden, obwohl die Bevölkerung im Unterschied zu den meisten anderen Kunstobjekten im öffentlichen Raum überaus positiv darauf reagiert hat. Könnte es nicht zur soziokulturellen Arbeit gehören, Konzepte für den kulturellen Umgang mit solchen partizipatorischen Kunstprojekten zu entwickeln und umzusetzen ?

Weiss: Viele Kunstprojekte sind nicht auf Dauer angelegt und setzen sich nur temporär mit einem Ort auseinander. Für dauerhafte Projekte wurden schon viele Patenschaften übernommen, aber es könnten noch viel mehr werden.

Inselmann: Projekte außerhalb der Kulturzentren sind kaum noch finanzierbar. Am teuersten sind langfristige Beteiligungsprojekte.


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