Michael Lingner, Pierangelo Maset

Zwischen Reiz und Regel liegt die Lust.

Dialog zur ästhetischen Bildung

PM:

Anfang der neunziger Jahre boomt das Thema Ästhetische Bildung auf Kongressen und in Publikationen. Im Zuge der Auseinandersetzung um die Postmoderne erscheint die perspektivische Verschränkung von Ästhetik und Bildung als dringend notwendig. Die Diskussion hat sich aber erst einmal auf den deutschen argumentativen Zusammenhang beschränkt, da die Tradition des hiesigen Bildungsbegriffs in allen seinen Verästelungen international nur schwerlich zu vermitteln ist. Was mich dabei immer wieder erstaunt hat, ist die Tatsache, dass Gadamers Grund-Vorbehalt gegen die Ästhetische Bildung, sie sei grundsätzlich historistisch angelegt, kaum ernsthaft Berücksichtigung gefunden hat, obwohl "Wahrheit und Methode" bereits 1960 erschienen ist. Inzwischen ist unübersehbar geworden, dass die Diskussion um Ästhetische Bildung bodenlos war. Insbesondere wird dies bei vielen kunstpädagogischen Schriften deutlich, die nicht produktiv in der Lage sind, Positionen zu rekonstruieren und zu kritisieren, sondern stattdessen alles mit allem verbinden und völlig inkompatible Ansätze miteinander vermengen, was ein deutliches Kennzeichen für die Auflösung der Disziplin "Kunstpädagogik" ist. Auch das Hamburger Graduierten-Kolleg "Ästhetische Bildung" litt - wie ich glaube - konstitutiv daran, dass kein systematischer Zusammenhang im eigenen Forschungsfeld gestiftet werden konnte. Nicht zuletzt diese Erfahrungen sollten zu dem Versuch führen, genauer zu bestimmen, was Ästhetische Bildung eigentlich heißt und für wen und was sie überhaupt notwendig ist.

ML:

Leichter gesagt als getan. Denn am Ende der Epoche der Aufklärung ist zu konstatieren, dass das sogenannte postmoderne Bewusstsein den Glauben an die rationale Begründbarkeit von absoluten Wahrheiten und Werten als normative Selektionskriterien verloren hat. Infolgedessen können die beiden großen, Bildung begründenden Selektionsinstanzen der Vergangenheit: theoretische und praktische Vernunft nicht mehr genug greifen. In der allgemeinen Orientierungslosigkeit übernehmen stattdessen die sinnlichen Bedürfnisse in ihren kommerziell verwertbaren und oft destruktiven Ausprägungen die Herrschaft. Dies ist ein wesentlicher Aspekt der Realität des Umfeldes, in dem sich ästhetische Bildung heute zu behaupten hat.

Aufgrund dieser Diagnose drängt sich als Grundlage für eine Möglichkeit ästhetischer Bildung der Kantische Begriff des ästhetischen Urteils respektive des Geschmacks geradezu auf. Denn das ästhetische Urteil hatte Kant so bestimmt, dass es weder ein rein rationales Erkenntnisurteil, noch ein sinnliches Urteil über das Angenehme, noch ein moralisches Urteil über das Gute sei, sondern es unabhängig von diesen drei inzwischen fragwürdig gewordenen Urteilsformen als eine vierte, ganz eigene und andere Selektionsweise anzusehen ist. Worum es sich bei diesem theoretischen Konstrukt des ästhetischen Urteils praktisch handelt, ist interessanterweise auch mit Kant nicht positiv zu definieren. Das ästhetische Urteil lässt sich nur negativ von den drei anderen Urteilsformen abgrenzen: Je mehr es tatsächlich gelingt, von allen rationalen Erwägungen und begrifflichen Bestimmungen möglichst weitgehend abzusehen, ebenso wie von moralischen Regeln und sinnlichen Reizen, aber trotzdem ein Urteil nach dem Differenzschema Lust / Unlust zu fällen, desto wahrscheinlicher handelt es sich um ein ästhetisches Urteil. Insofern kann es allein in der Theorie ein reines ästhetisches Geschmacksurteil geben, das aber als eine Art regulativer Idee für das konkrete Urteilen unverzichtbar ist.

PM:

Bei dem Kantischen Geschmacksurteil geht es aber doch nicht bloß um die Empfindung von Lust / Unlust angesichts der Vorstellung eines Gegenstandes, sondern, wie Kant es ausdrückt, um "[...] die Allgemeingültigkeit dieser Lust, die mit der bloßen Beurteilung eines Gegenstandes im Gemüte als verbunden wahrgenommen wird, welche a priori als allgemeine Regel für die Urteilskraft, für jedermann gültig, in einem Geschmacksurteile vorgestellt wird. Es ist ein empirisches Urteil, dass ich einen Gegenstand mit Lust wahrnehme und beurteile. Es ist aber ein Urteil a priori, dass ich ihn schön finde, d.i. jenes Wohlgefallen jedermann als notwendig ansinnen darf", wie es in der "Kritik der Urteilskraft" (§37) heißt. Mit der Definition des ästhetischen Geschmacks, die die Bedingung der Möglichkeit der Kodierung Lust / Unlust in der Beurteilung eines Gegenstandes herausstellt, trennt Kant das reflexive Geschmacksurteil von der bloßen Sinnesbeurteilung.

Diese Bestimmung hat weitreichende normative Implikationen, sie beschreibt eine Bildungsbewegung, denn die subjektive "Lust" verbleibt nicht nur beim Subjekt, das sich in ihr verzehrt, sondern sie ermöglicht es, allgemeine Urteile "anzusinnen" und wendet sich damit an eine Kommunikationsgemeinschaft. Ich denke, auch du argumentierst deutlich im Sinne von Ästhetischer Bildung als Geschmacksbildung. Dabei sehe ich zunächst folgendes Problem: Wenn man an der Relevanz des Bildungsbegriffs in seiner historischen Konstitution festhält, dann kann man das "Ende der Aufklärung" nicht so einfach hinnehmen. Das ist eine 80er-Jahre-Position, die ungebrochen postmodern argumentiert. In den 90er Jahren, insbesondere seit Mitte der 90er, ist das Aufklärungsbegehren im Kunstdiskurs durch den Einfluss der Cultural Studies und der Institutionenkritik deutlich wiederbelebt worden, man nehme nur Zeitschriften wie "October" oder im deutschsprachigen Raum "Texte zur Kunst" und "Springerin". Aber mich interessiert insbesondere die Frage, welche aktuell qualitativen Dimensionen du im Kantischen Geschmacksurteil siehst.

ML:

Jenseits (pseudo-)intellektueller Moden begreife ich die Einsicht, dass die Begründung eines Reiches der reinen Vernunft weder möglich noch wünschenswert ist, als konstitutiv für das Ende der Aufklärung und das sogenannte postmoderne Bewusstsein. Da aber wesentliche Ideale der Aufklärung wie etwa das der Selbstbestimmung keineswegs eingelöst, sondern überaus bedroht sind, geht es für mich um die Frage der Fortsetzbarkeit der Aufklärung unter den Bedingungen einer gleichsam säkularisierten, relativierten Vernunft. In einem programmatischen Text zur 200-jährigen Wiederkehr der Französischen Revolution habe ich deshalb ästhetische Bildung und Kunst als ein "Projekt der Aufklärung jenseits reiner Vernunft" zu bestimmen versucht. Diese Bemühung kann ich mit einem selbstkritischen und methodisch reflektierten Begriff von "Cultural Studies" durchaus in Übereinstimmung bringen. Aber in den von dir genannten, deutschsprachigen Zeitschriften wird vor allem der Form nach kein aufklärerischer Diskurs geführt, sondern es handelt sich leider weitgehend um Clubzeitschriften jüngerer, vor allem auf die eigene Karriere bedachter Intelligenzler, die Grundsatz- und Selbstkritik peinlich vermeiden und insofern eher den letzten Nagel (!) in den Sarg der Aufklärung schlagen.

Was nun die besondere Qualität des ästhetischen Urteils betrifft, so ist mir wichtig, daran zu erinnern, dass es nicht auf Gegenstände der Natur (wie bei Kant) oder der Kunst (wie gemeinhin angenommen) beschränkt ist, sondern von seiner Struktur her eine universale Anwendbarkeit hat. Die Eigenart des ästhetischen als eines "reflektierenden" Urteils, bei dem, ausgehend vom Besonderen, eine Suchbewegung auf das Allgemeine, also auf den Begriff, die Regel oder das Gesetz hin erfolgt, statt das Besondere unter ein gegebenes Allgemeines nur zu subsumieren, hat nach der Relativierung aller normsetzenden Absolutheitsvorstellungen einen umso größeren Wert. Denn als Antwort auf diese Problematik hat bereits Simmel die Notwendigkeit eines "individuellen Gesetzes" beschworen, das eigentlich nur als jeweiliges Ergebnis eines ästhetischen Urteilsprozesses denkbar ist und gleichwohl zu Recht als Gesetz gelten kann, weil ihm der von dir erwähnte spezifische Allgemeingültigkeitsanspruch zukommt, wie ihn Kant für ästhetische Urteile generell begründet hat.

Die Kultivierung des ästhetischen Urteilens als Inbegriff ästhetischer Bildung kann gegen die verbreitete Sehnsucht einer autoritären Wiederbelebung alter Werte immunisieren, da es dem Einzelnen psychisch ermöglicht, den Verlust als absolut angenommener Normen auch tatsächlich und nicht nur theoretisch zuzulassen, ohne der Barbarei der Beliebigkeit, d.h. der völligen Gesetzlosigkeit einerseits und der Freudlosigkeit andererseits zu verfallen. Wer eine Kultur des ästhetischen Urteilens pflegt, kann diesen Prozess und seine Offenheit als lustvoll erleben und den von O. Marquardt propagierten "Abschied vom Prinzipiellen" leichter wagen, da der jeweilige Einzelfall ja dennoch und zwar besonders adäquat zu entscheiden ist. Die Kunst bzw. Qualität des ästhetischen Urteilens besteht nämlich darin, sich auf die jeweiligen subjektiven und objektiven Bedingungen in ihrer prinzipiellen Unverfügbarkeit und Unentscheidbarkeit freiwillig einzulassen und das Lustgefühl eines Optimums an Angemessenheit zu suchen, welches nicht nur Ego befriedigt, sondern Alter miteinbezieht. Die Glückserfahrung einer situativ, performativ, sozial und pragmatisch gelingenden Entscheidung macht die besonderen Qualitäten des ästhetischen Urteils aus. Sie können der theoretischen und praktischen Vernunft sowie der Sinnlichkeit eine Art neuer "Nachhaltigkeit" geben und damit vor allem gegen die Rationalität gerichtete falsche Vorbehalte entkräften.

PM:

Ich finde es mittlerweile nahezu zwanghaft, wie sehr der Affekt gegen "Rationalität" verbreitet ist, so als könnte man die Bühne der Rationalität einfach verlassen, als würde man im falschen Stück auftreten. Vielmehr sollten wir uns freuen, wenn es überhaupt noch argumentative Geschäftsgrundlagen gibt und nicht alles auf den flottierenden Signifikanten ausrutscht. Da der Diskurs der Kunst ein sprachlicher ist, kann man nicht die der Sprache einwohnende Rationalität aufkündigen, ohne den Diskurs selbst aufzulösen. Die von mir angesprochenen Zeitschriften üben in dieser Hinsicht eine sehr wichtige Funktion aus. Man muss unbedingt die Vernunftkritik von der Vernunftauflösung unterscheiden.

Wichtig finde ich deshalb, den verschränkten Zusammenhang von begrifflichen Konzepten und praktischen Handlungen zu betonen, wie auch du das z.B. anhand der Besonderheit der "reflektierenden Urteilskraft" herausstellst. Die reflektierende Urteilskraft zieht immer praktische Konsequenzen nach sich, denn Geschmacksurteile sichern Teilnahme und Zugehörigkeit, stellen Sympathien oder Abgrenzungen her und sind in der Lage, Ansehen und Wertschätzung zu erwirken. Eine hinreichende Begründung des Geschmacksurteils ist Sache der Ästhetik; wenn diese Urteile aber in der Alltagskommunikation dermaßen verbreitet sind wie in der heutigen Zeit, dann liegt der Schluss nahe, dass wir sie benötigen und verwenden, um uns selbst mittels ihrer ausdrücken und darstellen zu können. Folglich dienen Geschmacksurteile der Selbstbeschreibung von Subjekten. Das bedeutet aber auch: Ihr Gebrauch in unterschiedlichen Praxen weist stets Elemente auf, die sich bestehenden oder vergangenen Diskursen verdanken und deshalb nicht außerhalb von Rationalität stehen.

In der ökonomischen Theorie beispielsweise ist es selbstverständlich, dass "rational choice" jeder Alltagshandlung - und sei sie noch so affektgeladen - zu Grunde gelegt wird. Außerdem wird das rationale Moment in der Kunst ja gerade von denen verteidigt, die sich gegen die Genieästhetik und ihre mystifizierende Verklärung des Kunstwerks wenden. Wir müssen also präzisieren.

ML:

Es ist ganz in meinem Sinn, wenn du die pragmatische Dimension ästhetischer Urteile hervorhebst, die oft ausgeblendet bleibt. Denn abgesehen davon, dass die meisten alltäglichen ästhetischen Urteile zu fragmentarisch und fragil sind, um überhaupt handlungsmotivierend sein zu können, sind sie bei Kant rein kontemplativ konzipiert. Ästhetisches Urteilen erschöpft sich in einem Akt einsamer Betrachtung und wird nur in Abgrenzung gegen den Handlungsdruck der Lebenswirklichkeit für möglich gehalten. Darum erklärt Kant "Interesselosigkeit" und "Zweckfreiheit" zu Grundvoraussetzungen des ästhetischen Urteils. Im Sinne des offenen Kunstwerkes, wie es bei Kant bereits angedacht ist, befreit der ästhetische Urteilsprozess zuallererst die Einbildungskraft von der Fessel des Verstandes und der Sinne und hat eben darin seine große historische Bedeutung.

Unter den heutigen Bedingungen des postmodernen Bewusstseins und angesichts der Sterilität zeitgenössischer Museumskunst stellt sich dagegen die Frage, ob es nicht nur möglich, sondern vor allem auch notwendig ist, das ästhetische Urteil um die Handlungsdimension zu erweitern. Denn wenn die Urteile rein rationalen, moralischen oder sinnlichen Ursprungs ihre Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Gewissheit, d. h. ihre Verbindlichkeit eingebüßt haben, sehe ich keine bessere Möglichkeit, als auf das ästhetische Urteil als Basis für individuelle Handlungsentscheidungen zurückzugreifen. In diesen Zusammenhang gehören die Überlegungen von Hannah Ahrendt zu der Frage, wie das ästhetische Urteil eine politische Bedeutung bekommen kann.

PM:

Wir kommen jetzt zu einem ganz entscheidenden Punkt, an dem sich nämlich Kunst- und Bildungstheorie verschränken könnten. Wenn es nämlich um Handlungen geht, die mittels Kunst stattfinden bzw. ausgelöst werden. Damit ist sicherlich nicht gemeint, dass Künstlerinnen in einer Ausstellung auf einem Tisch Knete ausbreiten, die das Publikum dann je nach Laune formen kann, wie man das leider immer noch erleben muss. Vielmehr ginge es um Handlungen im Sinne der Vita Activa, um die politische Dimension der Kunst bzw. um Eingriffe der Kunst ins Politische. Wir befinden uns heute in einer Situation, in der angesichts der Agonie des Politischen im System der Politik und der weitestgehenden Kolonisierung des Öffentlichen durch ökonomische Imperative die Kunst eine der wenigen Institutionen darstellt, mittels derer eine nicht-determinierte Kreativität noch möglich ist. Das Hauptproblem ist die Frage, wo man ansetzen soll, denn der Alltag ist umstellt von bildmächtigen Semantiken und wortgewaltigen Leerbrennern im Dienste der Kapitalverwertung. Welches sind angesichts dieser Bedingungen die Basisoperationen?

ML:

Vive la difference! Das Hauptvermögen ist, Unterscheidungen treffen zu können. Unterscheiden vollzieht sich im Wechselspiel zwischen einer Intensivierung der Wahrnehmung und einer Präzisierung des begrifflichen Zugriffs auf sie, ohne dass dieser aber als wirklich stimmig empfunden wird. Eine Kultivierung der ästhetischen Urteilskraft, so wie sie mir vorschwebt, muss vor allem die Fähigkeit entwickeln, Unterscheidungen zu treffen. Ich habe allerdings große Bedenken, ob es nicht zu kurz greift, wenn die Traditionalisten ästhetischer Bildung sagen, das machen wir doch schon immer und etwa am Beispiel eines Bildes von Yves Klein demonstrieren, dass dort in Abhängigkeit vom Lichteinfall auf wundersame Weise ein Kontinuum differenziertester Blautöne sichtbar ist. Ich bezweifele stark, dass die Erkenntnis oder Erfahrung solcher Unterscheidungsmöglichkeiten relevant für die Fundierung einer Handlungsperspektive sein kann, die sich nicht nur wieder auf das Malen von Bildern beschränkt. Ich befürchte, dass die Transferleistungen, die nötig sind, um Unterscheidungen an einem Yves Klein (oder anderer Museumskunst) auf Phänomene der Lebenswirklichkeit zu übertragen und entsprechend zu agieren, zu groß sind und genauso eine generelle Überforderung der Rezipienten bedeuten, wie sie zu einer Unterforderung bzw. Verkennung solcher Kunst führen.

Für geeignet zur Ausbildung eines handlungsrelevanten ästhetischen Unterscheidungsvermögens halte ich solche, wohl noch am ehesten im Kunstsystem zu findenden Attraktoren, die eine extreme, ausschließlich durch Handeln zu reduzierende Komplexität aufweisen und zugleich erfahrbar machen, dass es keine Kenntnisse oder Konventionen gibt, die eine nicht beliebig erscheinende Entscheidung ermöglichen. Wenn diese Erfahrung nicht nur als Scheitern, sondern vor allem als der an sich unwahrscheinliche Fall einer wirklichen Freiheit der Wahl bewusst wird, kann ästhetisch unter- und durch Lust bzw. Unlust entschieden werden, wie zu handeln ist.

Um den konservativen Befürchtungen zuvorzukommen, sei betont, dass damit nicht eine hedonistische Entscheidung nach dem Differenzschema Lust / Unlust im Sinne von "Bock-Haben" bzw. "Null-Bock" gemeint ist, um es einmal lax zu formulieren. Im Unterschied zur Lust aus einem ästhetisch reflektierten Urteilsprozess ist die reine "Bock"-Lust rein egozentrisch. Sie ignoriert, ja negiert den Anderen, sie negiert die Situation, sie negiert mögliche Folgen und zielt allein auf möglichst unmittelbar sinnliche Bedürfnisbefriedigung. Solange es um das bloße persönliche Belieben geht, also um die Bevorzugung bestimmter Kuchensorten, Kleiderfarben, Kunststile oder anderer sogenannter Geschmackssachen, mag diese Haltung, die wohlfeil zu bedienen und damit zu verstärken äußerst profitabel ist, noch tolerierbar sein. Aber sie kann überaus problematisch sein, wenn sie handlungsrelevant wird und andere von den Handlungsfolgen unfreiwillig negativ betroffen sind.

Darum bedarf in jedem Fall das nach Lust frei gewählte Handeln einer ästhetischen Kultivierung, wenn es eine politische Dimension im weitesten Sinne hat. Ob diese nicht heute möglicherweise selbst den allermeisten Entscheidungen zukommt, die dem persönlichen Belieben überlassen werden, sei dahingestellt.

Das ästhetische Urteilen und Handeln im Kantischen Sinn unterliegt jedenfalls nicht den Reizen der Dinge, sondern den Regeln der Allgemeingültigkeit: Es muss - so in etwa der Wortlaut bei Kant - auf die Vorstellung jedes anderen in Gedanken Rücksicht nehmen und auf dessen mögliche Urteile reflektieren. Allgemeingültigkeit besteht dann in dem Sinne, dass diese zwar nicht objektiv beansprucht, aber doch jedermann angesonnen werden darf. Es passt zu unseren vorangegangenen Überlegungen, wenn Kant "die Wahl nach dem ästhetischen Wohlgefallen sogar unter das Prinzip der Pflicht" stellt. Diese zunächst merkwürdig anmutende und weitgehend unbeachtet gebliebene Stelle stammt aus seiner "Anthropologie in pragmatischer Absicht" Im Hinblick auf das Handeln von jedermann fordert Kant also die Pflicht zur Angemessenheit, wie ich sie oben als Inbegriff ästhetischen Urteilens und Handelns beschrieben habe, geradezu ein. Das klingt fast juristisch und erinnert daran, dass unangemessenes Handeln in manchen Bereichen ja sogar mit Strafe bedroht ist.

PM:

Schaffen wir mit solchen Konzepten die Möglichkeit, dass jemand durch bestimmte ästhetische Handlungen seinen Geschmack verändert? Die enorme Festigkeit eines durch Sozialisation und Habitualisierung geprägten Geschmacksmusters lässt sich nicht bereits durch das Kennenlernen anderer Muster verflüssigen. Doch es wird dem eingespielten Muster die Möglichkeit zur Erweiterung oder Veränderung nur durch andere Konzepte bzw. Objekte, in denen diese Konzepte eingehüllt sind, gegeben. Dabei spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle, denn kein Geschmack ist konservierbar. Die Zeit wird stets für seine Überwindung sorgen. Geschmack ist etwas außerordentlich Festes, ja Opakes, er unterliegt aber - in historischen Dimensionen betrachtet - der absoluten Veränderbarkeit. Unter den Bedingungen der Moderne haben sich die Funktionen der Geschmacksbildung heute zugespitzt: So wird ja beispielsweise Pierre Bourdieus "Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft", in unserer Zeit von autonomen Subjekten eben nicht nur als Kritik, sondern auch als Handlungsanweisung gelesen: Wie errichtet man eine ästhetische Barriere? Wie setze ich mich mit meiner Bildung durch? Wie können wir unser Museum von den Barbaren freihalten? Wie muss mein Geschmack designt sein, damit ich mich mittels eines ästhetischen Urteils von den Anderen absetzen kann? Mit einem Satz: Handle so, als ob dein ästhetisches Urteil Maxime einer allgemeinen Grenzziehung sein könnte. Gerade hier besteht aber die Relevanz gesellschaftlich institutionalisierter Ästhetischer Bildung. Bourdieu hat das in "Die feinen Unterschiede" eindringlich untermauert: "Vor allem aber - und darin liegt die Wurzel alles heiligen Grauens der Ästheten vor der Pädagogik und den Pädagogen - verschafft der rationale Kunstunterricht Ersatz für die unmittelbare Erfahrung: Statt des langwierigen Weges fortschreitender Vertrautheit bietet er Ab- und Verkürzungen, und indem er Praktiken ins Leben ruft, die das Produkt von Begriff und Regel sind, statt aus der vorgeblichen Spontaneität des Geschmacks hervorzugehen, gibt er denen ein Hilfsmittel zur Hand, die die verlorene Zeit noch aufzuholen hoffen." In diesem Sinne Begriffe und Regeln zu vermitteln, die den Lernenden die Möglichkeit eröffnen, Zeit zu gewinnen, beschreibt die Aufgabe von Geschmacksbildung. Doch an welchem Punkt beginnt man? Bei Null kann man schwerlich damit anfangen.

ML:

Wer jedes Mal bei Null anfangen muss, hat schon verloren. Ästhetisches Urteilen und Handeln kann sich natürlich nur gleichsam selbst organisierend entwickeln und potenzieren, wenn es einen Anfang gibt. Allein aus einer zumindest rudimentären Kultur von als Attraktoren funktionierenden Beispielen können Momente ästhetischen Urteilens und Handelns auch in die ritualhaften Verrichtungen des Alltags einfließen und entsprechende Haltungen entstehen lassen. Im herrschenden Kunstbetrieb sehe ich allerdings kaum Beispiele, die eine Drift zur ästhetischen Kultivierung der Lust einleiten könnten.

PM:

Um zum Schluss noch einmal direkt auf die Kunst zurückzukommen: Welchen Sinn hat die heutige handlungsorientierte Kunst? Sollen Subjekte dadurch handlungsfähiger werden, dass der Kunstbegriff in dieser Art und Weise erweitert wird? Oder soll das Kunstverständnis insgesamt transformiert werden, indem man von einer Kontemplationsästhetik zu einer performativ-pragmatischen Ästhetik übergeht? Was passiert dann eigentlich mit den ästhetischen "Objekten"?

ML:

Solange es beim Schauen bleibt, waren und sind noch heute manchmal Kunstwerke des traditionellen Typus in gewisser Weise stärker. Als Ausdruck hoher Egozentrik können sie expressiv, provokant, radikal, frappierend und hinreißend sein. Insofern sind sie allen als Handlungsinstrumenten konzipierten Kunstobjekten oder -kontexten, in die gleichsam ihre Verallgemeinerbarkeit eingebaut sein muss, leicht an Reizen überlegen. Andererseits haben die traditionellen Werkqualitäten aber immer auch die Kehrseite des Abstoßenden, Ausschließenden, Lebensfeindlichen, Destruktiven ... Ihre Stärke ist eben auch eine der Übermächtigung, sonst kann man von ihnen nicht ergriffen werden. Wenn es aber nicht nur für die Künstler, sondern für alle um die Möglichkeit der freien Wahl nach Lust gehen soll, dann ist jede magische Macht der Werke, die heute ohnehin nur noch als Dekor erscheint, kontraproduktiv. Jenseits jeder Fetischfunktion verlieren Objekte für die Kunst gleichwohl nicht ihre Bedeutung, wenn sie der Generierung eines kulturellen Feldes dienen, das die Ausbildung ästhetischer Urteils- und Handlungsfähigkeit für alle Beteiligten dort wahrscheinlicher macht.


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt00-2.html
Bearbeitete und undokumentierte Version der Ressource!! | berechneter wert: b981d9b6b768137c0d70809c517656edcbf4d160
gespeicherter wert: a5ab5db09dc6b67ee668bd9209434ad04a60ab5b