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Rezension zu Michael Lingners Genese des Immateriellen Werkes

Mit Michael Lingner stellen wir unseren Mitgliedern einen jungen Künstler vor, der besondere Beachtung verdient. Er ist für sein Alter erfolgreich genug, um Anerkennung erwarten zu können (u.a.: Documenta 6), jedoch auch wieder nicht so erfolgreich, daß man ihm diese sogleich wieder aberkennen müßte, aufgrund allzu großer Gefälligkeit (von: "gut gefallen"). Seine Grafiken verdienen über diese schuldige allgemeine Wertschätzung hinaus in doppelter Hinsicht unser Interesse. Erstens thematisieren sie Theorie. Diese Erscheinung ist aufgrund der allgemeinen künstlerischen Entwicklung der Gegenwart eine anstehende. Denn so, wie früher etwa die Malerei sich ihre Motive suchte: Landschaft, Stilleben, Genreszenen, so kann heute praktisch alles zum Gegenstand der Kunst werden, in einem grundsätzlichen Sinne, nicht bloß als Thema der bildnerischen Darstellung. Auf dem Papier finden sich derart zum Beispiel nicht eigentliche "Gestaltungen", sondern fixierte Materialprozesse (bei uns die Siebdrucke von Oskar Holweck), Plastiken sind primär quasi "eingefrorene" Arbeitsvorgänge und erstsekundärer Volumenbildungen, Hanne Darboven macht strikt systematische Aufzeichnungen (meist numerischer Natur), unsere Siebdrucke von Joseph Beuys geben die visuellen Erläuterungen wieder, die er zu mündlicher - verlorengegangener - Rede an der Wandtafel aufzeichnete, Franz Erhard Walther (bei dem Lingner studierte) macht sogar Körperchemie und Sprache zum künstlerischen Material. Lingner selbst gehört zu den wenigen Künstlern, die Theorie - hier: Kunsttheorie - also sozusagen Wissenschaft thematisieren. (Vielleicht am bekanntesten, allerdings völlig anders: die englische Gruppe Art & Language). Auf unsere Bitte hin hat Michael Lingner selbst eine Erläuterung seiner Arbeit für die Griffelkunstmitglieder verfaßt. Wir lassen sie in genau der Form folgen, in der er sie eingeliefert hat. Sie verdient ganz besondere Aufmerksamkeit. Sollten jedoch etliche Mitglieder feststellen, daß sie nicht folgen können (respektive den Zusammenhang mit den Blättern nicht herzustellen vermögen), so sollte das sie nicht abhalten, sich dennoch den Blättern selbst zuzuwenden und diese, dessen ungeachtet, auch zu erwerben. Man muß nämlich künstlerische Arbeiten keineswegs genau so verstehen, wie der Künstler selbst (zumeist gelingt dies sowieso kaum, und viel häufiger, als man denkt, bei klassischer Kunst genau so wenig) und man kann gewöhnlich durchaus die subjektiven Motive eines künstlerischen Handelns übersehen. (Oft sind diese ja bei historischer Kunst auch gar nicht mehr überliefert. Das fängt bei den Höhlenzeichnungen an, deren Absicht wir zum Beispiel gar nicht kennen.) Selbst dann, wenn der Künstler, sofern er dies lesen sollte, enttäuscht wäre, oder böse werden sollte: Es ist durchaus erlaubt, auch diese Blätter einfach anzugucken, unter der zunächst einmal stillschweigend übernommenen und geglaubten Voraussetzung, daß es sich um Kunst handele. Unsere gesamte europäische Kunstgeschichte hat gelehrt, daß nicht nur der Künstler frei ist, sondern ebensowohl auch der Betrachter, allerdings nur so lange, wie er sich nicht selbst frei spricht von dem Erfordernis der Bemühung um Verständnis, und vor allem nicht von der Unabdingbarkeit des genauen - und immer wieder genauen - Hinsehens.

Zum Zweiten hat Michael Lingner speziell für die durch die Griffelkunst bedingten Erfordernisse (und entsprechend den durch sie gebotenen Möglichkeiten), eine sich aus seiner Arbeit ergebende Form originalgrafischer Blätter entwickelt. Er hat Aufzeichnungen gemacht und sie für diesen Begleit-Text als Material beigebracht, damit wir diese neue Form der Originalgrafik für unsere Mitglieder korrekt beschreiben können. Wir haben es jedoch für besser gehalten, auch diese Informationen im "Original-Ton" weiterzugeben, obwohl sie vom Autor nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren (was man demgemäß bei der Lektüre bitte bedenken wolle).



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