Login: Name: Paßwort:  

Content-Type: text/html; charset=ISO-8859-1

Die Ressource ist nur für registrierte NutzerInnen zugänglich.

Günter Seubold

Kunstautonomie: Krise und Kritik

BDK-Mitteilungen 1/2001

Die Autonomiekonzeption der Kunst steckt in der Krise - und das seit Jahrzehnten. Von den Reaktionen auf diesen Zustand, der alte säkular-moderne Kunst bis auf den Tod bedroht, ist bei weitem die gefährlichste: so weiterzumachen - weiterzuwursteln, als wüßte man von nichts. Die Beitragenden des Bandes "Ästhetisches Dasein" wollen die Krise nicht verschweigen. Und sie wollen nicht nur diagnostizieren, sondern die sieche Kunst auch therapieren. Darin konvergieren alle Beiträge. Das Zauberwort, das seine heilend-magischen Kräfte entwickeln soll, lautet „Transformation": Umwandlung. Umformung der Autonomiekonzeption moderner Werkkunst. In der Generaltendenz der Therapie sind sich also die Autoren einig, weniger freilich in den konkreten Handlungsschritten - sofern es denn dazu kommt.

Doch warum muß die traditionell-moderne Werkidee transformiert werden? Weil sie illusionär geworden ist. Betrachte man, so Michael Lingner in seinem Beitrag „Krise, Kritik und Transformation des Autonomiekonzepts moderner Kunst - Zwischen Kunstbetrachtung und ästhetischem Dasein" das gegenwärtige De-facto-Verhältnis von vorgeblich autonomer Kunst und Gesellschaft, so hätten die gesellschaftlichen Mächte die Kunst längst instrumentalisiert für ihre je eigenen Zwecke. „Autonome Kunst" hat demnach heute nur noch eine fatale Wahl: Sie wählt die Produktion nach den ihr eigenen Gesetzen - und verbleibt damit ohne jeglichen Einfluß auf die Gesellschaft; oder sie beteiligt sich am vollständig kommerziell ausgerichteten Kunstsystem - und unterwirft sich damit ihr fremden Gesetzen, der „Heteronomie". Kunst verliert im letzten Fall ihre Selbständigkeit, gewissermaßen ihr eigentypisches Wahrheitsmoment, und unterstellt sich vollständig dem, was als nützlich und angenehm gilt. Was kann man gegen diesen unerfreulichen Zustand tun? - Man solle, so Lingner, auf keinen Fall verbissen am herkömmlichen Werkbegriff, an der Zweckfreiheit und der Symbolfunktion der Kunst festhalten wollen. Gleichwohl könne man die Autonomie der Kunst nicht einfach preisgeben, denn damit schütte man das Kind mit dem Bade aus, gebe die Kunst preis und behalte allenfalls ein Animations- und Amüsierinstrument zurück. Nötig sei eine Transformation. Transformation meint: Kunst, autonome Werkkunst, muß um die Dimension der Handlung erweitert werden. Kurzum: Es geht (und nicht nur im Beitrag von Michael Lingner) um Lebens-Kunst (á la Nietzsche). Doch wie schon Nietzsche - auch nach der Abkehr von Wagner - die autonome Werkkunst nie aufgegeben hat - sie war ihm ein „Anhängsel" der Lebenskunst, möglich für die, die genügend Lebensenergien und - stimulantien in sich tragen -, so soll auch jetzt die Werkkunst nicht einfach verabschiedet werden, sondern integraler Bestandteil der Lebenskunst werden.

Das ist immer noch sehr allgemein und abstrakt formuliert. Die Konkretisierungskonzeption Michael Lingners, der als Professor für Kunsttheorie an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg unterrichtet und auch am Graduiertenkolleg „Ästhetische Bildung" der Universität Hamburg mitgewirkt hat, steht unter dem Begriff "ästhetisches Dasein": Kunst soll übergehen zum Angriff: sie soll ihre „Selbstzweckhaftigkeit", ihren l'art-pour-l'art-Standpunkt, aufgeben und „sich selbst zum Mittel" (39) machen. Kunst, so Lingner, soll sich die „fremden Zweckbestimmungen... nicht von außen oktroyieren" (38) lassen, sondern soll Zweckbestimmungen vorgängig aus „sich selbst heraus autonom" (38) setzen. Kunst hat sich nach Lingner vor allem der Aufgabe einer Sensibilisierung und Kultivierung des menschlichen Sinnes- und Lustvermögens in allen individuellen und gesellschaftlichen Bereichen zu stellen. Ziel aller Kunst wäre also die Sensibilisierung und Kultivierung des Menschen, näherhin aber das Korrigieren 'falscher', durch verschiedene Kulturindustrien erzeugter Bedürfnisse, kurzum: Kunst soll das „Leben" gestalten zu einem „ästhetischen Dasein". Abgesehen davon, daß dies immer noch sehr allgemein und abstrakt gefaßt ist, erweckt doch schon der Begriff „ästhetisches Dasein" selbst Bedenken - zumindest bei dem in der Tradition von Philosophie und Ästhetik Beheimateten. Das artikuliert u. a. der Beitrag von Roger Behrens. Ist mit „Dasein" der metaphysische Existenzbegriff gemeint, oder - naheliegender - nimmt „Dasein" den Heideggerschen Begriff aus „Sein und Zeit" auf, der ausschließlich die Seinsweise des Menschen bezeichnet? „Ästhetisches Dasein" ist aber für Heidegger ein Un-begriff, da das Ästhetische der Subjekt-Objekt-Polarisation entstammt, die mit der Daseinskonzeption von vornherein unterlaufen werden soll. Behrens schlägt daher - allein schon um Verwechslungen mit Heidegger zu vermeiden - den Begriff „ästhetisches Hiersein" vor.

Anders wiederum Hubert Sowa in der „Einleitung" (13-22) und in seinem Beitrag „Praktisches Situationsverständnis und ästhetische Einstellung" (49-67): Er gibt den Begriffskontext des Ästhetischen für die in Rede stehende Sache gänzlich auf und möchte für diese Sache den - griechisch zu lesenden - Begriff der „Praxis" gebrauchen, der ein Tun bezeichnet, dessen Ziel und Sinn das Tun selbst ist - im Gegensatz zur „Poiesis", dem Paradigma bisheriger Werkkunst, wo das Ziel am Ende des Prozesses liegt und von diesem Prozeß dann auch losgelöst rezipiert, verhandelt und gehandelt werden kann. Sowa fragt sich - und uns -, ob der Begriff des „Ästhetischen" „noch sinnvoll" (13) sei. Jedenfalls sei heute notwendig, daß sich die Sphäre des Ästhetischen zur ethischen Praxis hin öffne - auch wenn dann die Gefahr eines „ästhetischen und poietischen Universalismus/Totalitarismus" (14) drohe. Die ganze Welt wird in dieser Einstellung als Aktionsfeld des ästhetisch-poietischen Tuns verstanden - das Autonomie-Paradigma wird also nur scheinbar transformiert, denn in Wahrheit wird es universalisiert und schlägt dann nur allzu schnell in den Totalitarismus um, wie Sowa mit einem Lenin-Zitat dokumentieren kann, und wie man es auch an dem gescheiterten Werkkünstler Adolf Hitler studieren könnte. Hier also werde, so Sowa, die „Lebenskunst" nach dem Poiesis-Schema der autonomen Werkkunst begriffen: Das Poiesis-Modell generiere eine „Lebenstechnik", wo es doch darum gehe, die Lebenspraxis vom technizistischen Poiesis-Modell zu befreien. Es könne, so Sowa, also nicht darum gehen, das „Kunsthandeln" (Poiesis) zu universalisieren, sondern es gelte, überzugehen ins „nichtmimetische wirkliche Handeln (Praxis)" (17). Transformation heißt dann für Sowa: Das gelebte Leben soll nicht nach der poietisch-ästhetischen Vorstellungsart, sondern nach ihm eigenen Wesenszügen modelliert werden; und die ästhetische Vorstellungsart, d.h. das traditionelle Rezipieren eines vorgegebenen Etwas (Werk), ist im Horizont der Praxis zu verorten. Sie tritt dann auf den Plan, wenn „der ursprünglich praktische Lebenszusammenhang gestört und unterbrochen ist" (61) Sowa legt dies anhand seiner „hermeneutischen Phänomenologie" des Seminarraums k 23 der Kunsthochschule in Hamburg dar. Der Raum fungiert in der Kunsthochschule als Seminarraum, Lagerraum und Arbeitsraum. „Adäquate Anwesenheit in diesem Raum ist nicht betrachtender Aufenthalt bei ihm, sondern teilnehmender Aufenthalt inmitten der durch die Raumgestalt präformierten Vollzüge. " (59, Kursivierung geändert) In dieser Konzeption Sowas wird die traditionelle Werkkunst und mit ihr alles Ästhetische traditioneller Provenienz abgewertet und in den Hintergrund gedrängt. „Ästhetische Vorstellungsart" und auch „ästhetisches Dasein" werden zu einem defizienten Modus. Unglücklich war es daher in jedem Falle, „ästhetisches Dasein" zum titelgebenden Begriff des Sammelbandes zu machen.

Der Beitrag Sowas ist mit allen anderen Beiträgen noch sehr allgemein gehalten - was niemand verwundern muß. Denn es kann ja davon nicht die Rede sein, daß man einen ausgefeilten Heil-Plan für die sieche Kunst entwickelt, nach dem sich die praktizierenden Künstler, die geneigten Rezipienten und die willigen Kunstvermittler gefälligst zu richten hätten. Solche Art von Heilung wäre wieder nur poietisch-technizistisch gedacht. Es bestünde freilich zu vorsichtigem Optimismus Anlaß, wenn die im vorliegenden Band traktierten philosophischen Fragestellungen immer öfter auch inmitten der institutionalisierten Ausbildungsstätten selbst erörtert würden.

Michael Lingner, Pierangelo Maset, Hubert Sowa (Hrsg. ): Ästhetisches Dasein. Perspektiven einer performativen und pragmatischen Kultur im öffentlichen Raum (k 23), Hamburg 1999, 112 Seiten/3 Leporellos; ISBN 3-932395



URL dieser Ressource: http://www.ask23.de/draft/archiv/misc/rezension_aesthetisches_dasein-2.html   |  URN: urn:nbn:de:0015-2005060848