Michael Lingner

Vorwort zum Symposion "querdurch"

Für die Durchführung einer Vortragsreihe im Umkreis der Thematik Kunst und Wissenschaft gibt es viele auf der Hand liegende gute Gründe. Freilich sind zumeist nicht irgendwelche Sachargumente das eigentliche Motiv für ein im gesamten Hochschulbereich zu beobachtendes fast inflationäres Vortrags- und Tagungswesen. Vielmehr werden damit inzwischen vor allem hochschul-, d.h. letztlich finanzpolitische Zwecke verfolgt. So gehören derartige über das normale Lehrprogramm hinausgehende Aktivitäten heute zu den von den Hochschulen erwarteten Anstrengungen, sich durch das Werben um Aufmerksamkeit und Anerkennung die Gunst der Geldgeber/Machthaber und damit die eigene Existenzberechtigung zu sichern. Als völlig kunst- und wissenschaftsfremd oder sogar –feindlich drohen indes diese Zwecke mit ihren Zwängen die fachlich förderlichen und sachlich gebotenen Modalitäten der Veranstaltungen selbst und des Verhaltens aller Beteiligter in vielfältiger Weise zu überformen.

Aus dem Blick geraten infolgedessen leicht eigentlicher Sinn und mögliche neue Funktionen des gern für antiquiert gehaltenen akademischen Symposions: Nämlich die Kartelle verkehrter Konsense zu dekonstruieren und durch intensive und kontroverse theoretische Diskurse eine Kultur der Eskalation und Explikation von Differenzen zu etablieren – auch und gerade im Zeitalter des Internet. Dies stellt eine besondere Herausforderung dar, weil „wer surft, …den anderen Medien…nicht nur viel von der Zeit, die überhaupt an >Information< gewendet wird, entzieht. Er tut es auch auf vergleichsweise individualistische Art. Denn anders als Fernsehen, Zeitung und Radio macht es das Internet ganz unwahrscheinlich, dass die Lektüre des einen kongruent mit der des anderen ist.“(1) Um auf dieses immer gravierender werdende Faktum angemessen reagieren und den damit verbundenen neuen Notwendigkeiten wie Möglichkeiten gerecht werden zu können, sollten sich künftige Symposien auch einmal alternativen Formen und Funktionen akademischer Vermittlungsformen widmen und zu reflektieren und vor allem auch zu praktizieren versuchen.

Die vom Verfasser betreute 6. „querdurch“-Veranstaltung am 24.6.2004 sollte sich nach dem ursprünglichen Konzept jedenfalls mit dem Versuch einer Revision der Moderne aus heutiger Sicht beschäftigen. Als ein wichtiger Anknüpfungspunkt war vorgesehen, die These von Werner Hofmann aufzugreifen, dass die moderne Kunst stets aus „der Reflexion über die Möglichkeit von Kunst überhaupt“ formuliert worden ist und in dieser skeptischen Haltung die Gemeinsamkeit liegt, die „den Künstler mit dem Kunsthistoriker verbindet“.(2) Die Annahme dieser prinzipiellen Übereinstimmung hat dann zwar für die Veranstaltung selbst inhaltlich kaum mehr eine Rolle gespielt, doch als hoffnungsvolle Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft zu der Entscheidung beigetragen, KunstpraktikerInnen und –theoretikerInnen zusammen einzuladen.

Dabei war zunächst geplant, einen kleinen paritätisch besetzten und sehr speziell zusammengesetzten Expertenkreis zu gewinnen und ihn auf der Grundlage eines von einem Künstler und eines von einem Wissenschaftler vorab vorgelegten und dann vorgetragenen Hauptbeitrages in ein transdisziplinäres Gespräch untereinander und mit dem Publikum zu verwickeln. Trotz einiger bei der organisatorischen Vorbereitung sich einstellender temporaler und personaler Bedingtheiten ist es zu dieser Wunschformation zumindest insoweit gekommen, als die vier Vorträge der Veranstaltung von zwei Künstlern (Hans Haacke und Wolfgang Zinggl) sowie zwei Theoretikern (Karl-Josef Pazzini und Christoph Schenker) gehalten wurden. Als gemeinsamer inhaltlicher Schwerpunkt hatte sich im Vorfeld aus den verschiedenen, im ursprünglichen Konzept formulierten Fragestellungen die Untersuchung des komplexen Problems der „künstlerischen Forschung“ herauskristallisiert.

Bei der nachträglichen Lektüre der vier Vorträge ist es umso mehr aufgefallen, dass sie sich in konstruktiver Weise inhaltlich ergänzen und trotz - oder gerade wegen - ihrer Verschiedenheit ganz wesentliche Aspekte zu der Frage darlegen, was Forschung in der Kunst sein kann. Einen ersten, der Vororientierung dienenden und hoffentlich anregenden Eindruck des breiten Spektrums der Überlegungen möchte die folgende Skizzierung der speziellen Thematik der einzelnen Beiträge vermitteln. Dabei entspricht die Reihenfolge dem Veranstaltungsablauf:

Der an der Universität Hamburg lehrende Kunstdidaktiker und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini zeigt im Zwiegespräch mit einem auf der Biennale in Venedig 2001 gezeigten Film der Finnin Salla Tykkä, dass die Rezeption und Produktion bildender Kunst in sich Momente des Forschens bergen können, welche der Wissenschaftsbetrieb zu vergessen neigt.

Der an die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich berufene Kunsttheoretiker Christoph Schenker analysiert die Regeln, die für die Pragmatik der künstlerischen Forschung in der Gegenwart gelten, und untersucht die verschiedenen im Kunstsystem vorkommenden Forschungs- formen.

Der Wiener Künstler und Kulturpolitiker Wolfgang Zinggl beleuchtet ausgehend von textlichen Interpretationen der Oper „cosi fan tutte“ das problematische, zur gegenseitigen Instrumentalisierung neigende Verhältnis von Kunst und Wissenschaft, welches ihm aber durch bestimmte handlungs-bezogene Ansätze in der zeitgenössischen Kunst („Wochenklausur“) produktiv überwindbar scheint.

Der in New York lebende und seit Jahrzehnten international tätige und als „politisch“ klassifizierte Künstler Hans Haacke gibt einen Einblick in die Praxis künstlerischer (Nach-)Forschung anhand eines daraus resultierenden exemplarischen Ergebnisses, welches auch zu verstehen gibt, warum die Risiken experimenteller und kritischer Kunst vom herrschenden Kunstbetrieb möglichst gemieden werden.

Wie zuvor dem aufmerksamen Zuhörer, so ist es nun dem interessierten Leser überlassen, zwischen den Texten Bezüge herzustellen, Konvergenzen wie Divergenzen unter den Autoren und mit der eigenen Meinung auszumachen, um daraus eigene Vorstellungen über das Phänomen künstlerischer Forschung zu entwickeln. Dabei wird dem in den Vorträgen nicht explizierten Begriff von Forschung und dem Konzept von Kunst, die jeweils individuell zu Grunde gelegt werden, eine große Bedeutung zukommen. Speziell für die Diskussion an Kunsthochschulen ist immer wieder die auch für die Entscheidung über deren Promotionsrecht entscheidende Frage brisant, ob der die künstlerische Forschung ausmachende Diskurs eigentlich schon in der Kunstpraxis selbst besteht, oder aber auch oder ausschließlich theoretisch zu führen wäre und wer dies dann eigentlich zu leisten hätte – Angehörige des Kunst- oder des Wissenschaftssystems ?

Gerade für die Diskussion dieser Problematik erlaubt sich der Verfasser auf einen eigenen Beitrag hinzuweisen (3), in dem auch heute noch für unverzichtbar gehaltene Ansprüche an den forschenden Charakter künstlerischer Praxis formuliert werden, welche zugleich als Qualitätskriterien für die Beurteilung von deren Ergebnissen fungieren können.

(1)Jürgen Kaube: Überangebot. Die Sozialwissenschaft sucht ihr Publikum – anstatt Ideen. FAZ 1.6.04, S.51

(2)Werner Hofmann: Hamburger Erfahrungen. Hamburg 1990, S.14

(3)Michael Lingner/Rainer Walther: Paradoxien künstlerischer Praxis. Entwurf zu einer Theorie der künstlerischen Arbeit aus dem Spannungsverhältnis von schöpferischer Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Fremdbestimmung. Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 32/1987, S.121-142

http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt87-2.html

http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kt84-1.html

Mein Dank gilt den Referenten sowie der organisatorischen, redaktionellen und technischen Betreuung der Veranstaltung insbesondere durch Elke Sohn und Rainer Korsen.


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