Open Access Extended

von Ulf Treger, Vortragsmanuskript zur Veranstaltung 10 Jahre Archiv k23,

Der Fokus meines Vortrags ist die Verf´┐Żgbarkeit von ´┐ŻWissen´┐Ż (und Informationen) in elektronischen Medien. Im vorgehenden Beitrag von Ulrike Mahlmann wurde die M´┐Żglichkeiten f´┐Żr Autorinnen und Autoren vorgestellt, ihre Werke relativ freiz´┐Żgig zu ver´┐Żffentlichen. Ich m´┐Żchte hiermit die Perspektive der Einrichtungen und Projekte, die Inhalte anbieten hinzuf´┐Żgen.

Mit dem Internet wurde in den vergangenen zehn Jahren eine Vielzahl von Versprechen und ´┐Żberh´┐Żhungen verkn´┐Żpft. Auch wenn l´┐Żngst nicht alle davon eingel´┐Żst wurden (wie das Versprechen eines Goldrausch-artigen ´┐Żwirtschaftlichen Erfolgs´┐Ż, wie er rund um den DotCom-Hype 1999/2000 imaginiert wurde), so stellen heute internetbasierte Hypermedien einen wichtigen, und dabei sehr dynamischen Bereich medialer Kommunikation dar -- lediglich die Zuschreibungen haben sich deutlich relativiert. Die Entwicklung und Verbreitung des Internets geht trotz gedrosselter Erwartungshaltungen unvermindert weiter. Zu beobachten sind zum einen Verbesserungen und Verfeinerungen hinsichtlich der spezifischen Eigenschaften von Hypertext sowie der bi- und multi-direktionalen Kommunikation. Die Anwendung von Netzmedien entwickelt sich zunehmend von einem Imitat/Nachbau herk´┐Żmmlicher Medien (also auf der Ebene der Websites von Katalog, Zeitung oder Visitenkarte, Imagebrosch´┐Żre) zu einem eigenst´┐Żndigen Medium weiter (wie vielleicht Blogs, Filesharing, Wikis), auch auf der Ebene von vermittelnden Metaphern. Zum anderen hat bereits eine sich schon fr´┐Żher abzeichnende Verschmelzung mit anderen Medien wie (Mobil-)Telefonie oder Fernsehen begonnen. Insbesondere durch eine zunehmende Mobilisierung und Miniaturisierung wird k´┐Żnftig die internetbasierte Kommunikation immer weitere Teile des physikalischen Raumes durchdringen oder beeinflussen und k´┐Żnftig noch weitergehende Effekte und Ver´┐Żnderung in Kommunikation, Wahrnehmung und Mediengebrauch hervorrufen.

Heutzutage sind vor allem drei Aspekte bei der Internet-basierten Kommunikation von Bedeutung: Das Netz als Plattform f´┐Żr die synchrone und asynchrone Kommunikation, mit eMail, Chat- und Messengersystemen, Foren und den Schwarzen Brettern des Usenet, bis hin zu neueren Entwicklung wie VoIP (oder auch Internettelefonie genannt); das Netz als Basis f´┐Żr soziale Prozesse, also Ph´┐Żnomene wie Selbstorganisation, Kollaboration, soziale Netzwerke, die auch f´┐Żr die gemeinschaftliche Produktion von Software, Musik und anderen Kulturproduktionen genutzt werden; sowie das Netz als Ver´┐Żffentlichungsmedium und Wissenspeicher, in dem mit einfachen Mitteln und geringen Kosten (also ohne Ausgaben f´┐Żr Reproduktion und Weiterverteilung), dezentral verf´┐Żgbare Informationen publiziert werden k´┐Żnnen.


Ged´┐Żchtnisprozesse

Besonders die beiden letzten Aspekte haben zu einer ver´┐Żnderten ´┐ŻVerf´┐Żgbarkeit von Kulturwissen´┐Ż beitragen. Im Gegensatz zu herk´┐Żmmlichen Methoden des Speicherns, in ´┐ŻArchiven´┐Ż, werden im Internet riesige Ansammlung von Informationen, nicht mehr nur statische ´┐ŻGed´┐Żchtnisobjekte´┐Ż gespeichert, vielmehr entstehen hier ´┐ŻGed´┐Żchtnisprozesse´┐Ż in deren Verlauf Inhalt, Zusammensetzung und Kontext einer steten Ver´┐Żnderung unterliegen. Wolfgang Ernst beschreibt dies in seinem Buch ´┐ŻDas Rumoren der Archive´┐Ż: ´┐ŻJenseits der traditionellen Vorstellungen des Archivs als Container oder black box zeichnet sich die dynamische Konzeption komplexer Systeme aus Speichern, Menschen und Organisationen ab, im st´┐Żndigen Spiel von De- und Rekontextualisierung´┐Ż. (Wolfgang Ernst: Das Rumoren der Archive, 2002, ISBN 3-88396-176-0 ) Mit der Eigenschaft als dynamischer oder auch ´┐Żfl´┐Żssiger´┐Ż Wissenspeicher m´┐Żchte ich mich in diesem Vortrag eingehender besch´┐Żftigen: Denn angesichts der Ver´┐Żnderungen durch internetbasierte Kommunikation auf Medien und Mediengebrauch, sind eine Reihe von Problemstellungen entstanden, so die Frage nach Verf´┐Żgbarkeit, Zugang, Bewertung und Gebrauch von Informationen, die ´┐Żber dieses Medium verf´┐Żgbar gemacht werden.

Ein Stichwort, das in diesem Kontext angef´┐Żhrt wird, ist ´┐ŻDigital Divide´┐Ż oder auch ´┐ŻContent Divide´┐Ż, also die Kluft zwischen allen, die ungehinderten Zugang zu Internettechnologien und die dar´┐Żber verf´┐Żgbaren Inhalte haben und denen, die diesen Zugang nicht haben. Der Anspruch auf eine allgemeine Chancengleichheit f´┐Żhrt zu der Frage, wer unter welchen gesellschaftlichen, ´┐Żkonomischen wie technischen Bedingungen Zugang zu Informationen hat, und wer nicht, und im Weiteren auch, mit welchen Intentionen Informationen ver´┐Żffentlicht werden und welche demnach nicht. Diese Fragen sind so basal wie brisant, w´┐Żre doch nach den prinzipiellen technischen Eigenschaften digitaler Kommunikation der Zugang zum Wissen einfacher und allgemeiner, als in allen Epochen der Mediengeschichte zuvor.

Im Bereich von Wissenschaft und Forschung wird versucht, eine Antwort auf diese Frage nach der Zug´┐Żnglichkeit von Wissen zu finden. Dieser Ansatz l´┐Żsst sich bei der Idee des ´┐ŻOpen Access´┐Ż, des ´┐Żoffenen Zugangs´┐Ż finden, den ich hier kurz umrei´┐Żen m´┐Żchte.


Open Access

Die Idee des offenen Zugangs wird in verschiedenen Erkl´┐Żrungen und Initiativen propagiert, so in der Budapest Open Access Initiative, der ´┐ŻBerliner Erkl´┐Żrung ´┐Żber offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen´┐Ż oder der ´┐ŻWiener Erkl´┐Żrung: 10 Thesen zur Informationsfreiheit´┐Ż Die Berliner Open Access Erkl´┐Żrung wurde 2003 von den gro´┐Żen bundesdeutschen Wissenschaftsorganisationen verfasst (so von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Plank-Gesellschaft, dem Wissenschaftsrat und der Hochschulrektorenkonferenz) und definiert als eine dem Open Access Gedanken folgende Praxis, die freie Verf´┐Żgbarkeit von Werken in elektronischen Publikations- und Archivsystemen, sowie die Erlaubnis zur freien Weitergabe und Ver´┐Żnderung der ver´┐Żffentlichten Werke. So soll eine m´┐Żglichst gro´┐Że Basis frei verf´┐Żgbaren Wissens entstehen: ´┐ŻZur Verwirklichung der Vision einer umfassenden und zug´┐Żnglichen Wissensrepr´┐Żsentation muss das k´┐Żnftige Web nachhaltig, interaktiv und transparent sein. Inhalte und Software m´┐Żssen dazu frei verf´┐Żgbar und kompatibel sein.´┐Ż Berliner Erkl´┐Żrung

Ein Ausl´┐Żser f´┐Żr diese Initiativen ist die sogenannte ´┐ŻZeitschriftenkrise (WikiPedia)´┐Ż. Diese Krise betrifft das Ver´┐Żffentlichungswesen insbesondere in den Naturwissenschaften, das traditionell auf kommerziellen Zeitschriftenverlagen basiert und zunehmend als nicht finanzierbarer Kostenfaktor und Hemmnis f´┐Żr den freien Zugriff auf Fachver´┐Żffentlichung begriffen wird. Durch zwei Methoden, n´┐Żmlich der Selbstver´┐Żffentlichung (des Self-Archiving) durch Wissenschaftler in Publikationsservern sowie der Gr´┐Żndung von Open-Access-Journals, sollen freie und kosteng´┐Żnstige Infrastrukturen entstehen und nebenbei der Kostenfaktor der teueren Fachzeitschriften reduziert werden. Dementsprechend sind die Naturwissenschaften bereits seit Jahren federf´┐Żhrend in Entwicklung und Betrieb von Ver´┐Żffentlichungsystemen im Netz.

Ein zentraler Aspekt des Open Access ist also die Frage nach der langfristigen und freien Verf´┐Żgbarkeit von nicht nur wissenschaftlichen sondern ´┐Ż je nach Lesart ´┐Ż auch aller anderen Arten kultureller Produktion im elektronischen Zeitalter. Dies betrifft insbesondere solches Wissen, dessen Produktion ´┐Ż wie es von F´┐Żrsprechern der Open Access Idee gerne angef´┐Żhrt wird ´┐Ż zum gr´┐Ż´┐Żten Teil von ´┐Żffentlichen Steuermitteln bezahlt wurde (Harold Varmus zit. nach Mruck, Mey: ´┐ŻOpen Access´┐Ż, Forum Wissenschaft, 2005). Es w´┐Żre deshalb absurd, ja verwerflich, diese gar nicht, oder ausschlie´┐Żlich gegen Geb´┐Żhren oder ´┐Żber andere Hemmschwellen zug´┐Żnglich zu machen. Damit einher gehend sind die nationalen Urheberrechtsgesetze ´┐Ż den Wiener Thesen zur Informationsfreiheit zufolge ´┐Ż ´┐Ż´┐Żberarbeitungsbed´┐Żrftig´┐Ż, um einen verloren gegangenen Ausgleich der Interessen von ´┐ŻUrheberInnen, VerwerterInnen und der Allgemeinheit´┐Ż wieder herzustellen. Hier zeigt sich ein Verh´┐Żltnis, welches nicht durch die ver´┐Żnderten Bedingungen durch elektronische Kommunikation beeinflusst wird, sondern sich auch verst´┐Żrkt zum Vorteil der Verwertertenden vorschoben hat. In der Praxis soll eine Open Access Ver´┐Żffentlichung nicht im Widerspruch zur einer honorierten Ver´┐Żffentlichung stehen, sondern immer dann Anwendung finden, wenn AutorIn entweder kein Honorar erh´┐Żlt, oder vor der Ver´┐Żffentlichung als so genanntes ´┐ŻPreprint´┐Ż oder aber, wenn nach der Erstver´┐Żffentlichung eine gewisse, nicht zu gro´┐Żz´┐Żgig bemessene Zeit vergangen ist.

In Folge der Erkl´┐Żrung vor 2 1⁄2 Jahren ist hier zu Lande nur eine bescheidene Anzahl von Unternehmungen ´┐Żffentlich wahrnehmbar, um die Open Access Idee mit Leben zu f´┐Żllen. Ein Ansatz geht von DINI (der Deutschen Initiative f´┐Żr Netzwerkinformation, ein Zusammenschluss von Bibliotheken und Medienzentren von Hochschulen) aus, die mit Hilfe einer ´┐ŻZertifizierung´┐Ż von Publikationsservern, institutionelle Inhalte-Anbieter wie Hochschulbibliotheken und akademische Medieneinrichtungen f´┐Żr die Einhaltung konzeptioneller und technischer Grundlagen des ´┐ŻOpen Access´┐Ż gewinnen will. (Das Archiv- und Publikationssystem ask23 hat sich k´┐Żrzlich erfolgreich um ein solches Zertifikat bem´┐Żht, was ein Anlass f´┐Żr die heutige Veranstaltung ist). Das Problem ist auch, dass au´┐Żerhalb der Gruppe der Naturwissenschaftler die Idee wenig bekannt ist oder gar in die Praxis umgesetzt wird. So wird in den Geisteswissenschaften nur jede 20. Ver´┐Żffentlichung im Internet ver´┐Żffentlicht (vgl. heise news ), ganz zu schweigen von dem praktisch nicht messbaren Anteil von Ver´┐Żffentlichungen nach den Prinzipien des Open Access.

Kritisiert wird an der Berliner Erkl´┐Żrung vor allem das Fehlen einer konkreten Empfehlung f´┐Żr ein bestehendes oder gar die Entwicklung eines eigenen Lizenzmodells. (vgl. ifrOSS: ´┐ŻOpen Content und Open Access´┐Ż) Mit Bezugnahme auf diese Ans´┐Żtze w´┐Żre zu er´┐Żrtern, wie es um ihre Wirksamkeit bestellt ist, vor allem was dar´┐Żber hinaus unter einem freien Zugang verstanden werden k´┐Żnnte.


Problematiken

In diesem Kontext sind einige Problematiken augenf´┐Żllig, ´┐Żber deren Auswirkungen eine breitere Diskussion w´┐Żnschenswert w´┐Żre:

Zum einen das Urheberrecht, mit der schon erw´┐Żhnten Kritik, dass sich hier eine deutliche Verschiebung in der Intention ergeben hat, vom Focus auf die Autorenrechte hin zu den Rechten der Verwertungswirtschaft. (Ob bei der Entwicklung des Urheberrechts die Intention wirklich auf die Rechte von AutorInnen lag, oder ob hier nicht schon bereits die Verwertungstr´┐Żger die eigentlichen Bevorteilten sein sollten, sei an dieser Stelle dahingestellt). Nach Lev Manovich beruht das Urheberrecht (bzw. das Copyright im angels´┐Żchsischen Raum) grunds´┐Żtzlich auf der Mitteilung, was man nicht mit Werken anderer machen darf ´┐Ż und nicht, wie es bspw. durch Creative Commons versucht wird, durch die positivere Botschaft, was mit einem Werk gemacht werden darf (Lev Manovich: "Black Box - White Cube, 2005, ISBN 3883961973).

Damit verbunden ist eine andere, bedenkliche Entwicklung: Elementare Eigenschaften von digitalen Daten sind bekanntlich ihre verlustfreie ´┐ŻKopierbarkeit´┐Ż (oder genauer die M´┐Żglichkeit, beliebig viele Originale erzeugen zu k´┐Żnnen) sowie die einfache Verteilbarkeit dieser Daten ´┐Żber Zeit und Raum hinweg. Offensichtlich gibt es vielfache Bestrebungen diese Grundeigenschaften k´┐Żnstlich und oft m´┐Żhevoll einzuschr´┐Żnken, um so digitalen Daten ´┐Ż als theoretisch unbegrenzt verf´┐Żgbare Ressource ´┐Ż durch Verknappung und Zugangsbeschr´┐Żnkung eine bessere ´┐ŻWarenf´┐Żrmigkeit´┐Ż zu verleihen. Als Stichworte seien hier technische Ma´┐Żnahmen wie Digital Rights Management oder juridische wie Versch´┐Żrfungen des Urheberrechts auf nationalen und internationalen Ebenen (das sich dadurch immer mehr zu einem ´┐ŻHandelsrecht´┐Ż zugunsten einer industriellen Vermarktbarkeit entwickelt) genannt. Zudem werden durch technische und aufw´┐Żndige Eind´┐Żmmungsversuche digitale oder digitalisierte Werke wie Musik und Filme soweit ver´┐Żndert, dass sie f´┐Żr die KonsumentInnen nur noch unter beschr´┐Żnkten Bedingungen (mit eingeschr´┐Żnkten Funktionalit´┐Żten, durch spezielle Wiedergabe-Software oder die Beschr´┐Żnkung auf bestimmte Systemumgebungen) benutzbar sind. Das f´┐Żhrt zu drastischen Einschr´┐Żnkungen in der Freiheit der Benutzung, ungef´┐Żhr so, also ab man sein gekauftes Buch nur mit einer speziellen Brille einer bestimmten Optikerkette lesen k´┐Żnnte. Es ist zu bezweifeln ob solche Ma´┐Żnahmen das eigentliche Problem, n´┐Żmlich dass sich klassische Vermarktungswege schlecht mit den neuen elektronischen Medien vertragen, l´┐Żsen k´┐Żnnen.

Die Schrankenregelung ist hierzulande im ´┐Żbrigen eine der wenigen Ausnahmen f´┐Żr eine genehmigungsfreie Nutzung von Werken, die durch das Urheberrecht gesch´┐Żtzt sind. Diese Nutzung ist nur in einem eng definierten Rahmen und im begrenzten Umfang f´┐Żr Lehre und Forschung erlaubt. Der Fortbestand dieser Ausnahmeregelung im Paragraphen ´┐Ż52a ist allerdings nicht gesichert: In der aktuellen Fassung des Urheberrechtsgesetzes ist dieser Abschnitt nach harten Auseinandersetzung nur mit einer zeitlich begrenzten G´┐Żltigkeitsdauer aufgenommen worden (bis Ende 2006). Deshalb steht die Regelung in diesem Jahr erneut zur Disposition, und es ist ungewiss ob sie erhalten bleibt. Dieser Umstand ist ein weiterer Grund ´┐Żber offene Inhalte auch im akademischen Kontext zu diskutieren, da diese Regelung bis dato eine relativ freiz´┐Żgige Benutzung gesch´┐Żtzter Werke im Kontext von Forschung und Lehre erlaubt.

Bastard Pop - RIAA: "Recording Industries Are Archaic"

Ein weiteres Feld, das es zu verhandeln gilt, ist das Autorenmodell. Hierbei ist vor allem die Frage interessant, unter welchen Bedingungen AutorInnenschaft bzw. Kulturproduktion im Allgemeinen funktionieren. Wie sie insbesondere durch ihren sozialen und kulturellen Kontext beeinflusst werden, und welche Bedeutung der Zugriff auf Wissen zukommt, um wiederum eigenes Wissen und Kulturproduktionen erzeugen zu k´┐Żnnen. Frei nach Roland Barthes ist schlie´┐Żlich jeder Text (und damit im weiteren Sinn jedes kulturelle Produkt) ´┐Żein Gewebe von Zitaten aus unz´┐Żhligen St´┐Żtten der Kultur´┐Ż. Ohne diesen wichtigen Komplex hier ausf´┐Żhrlicher behandeln zu k´┐Żnnen, so ist doch festzustellen, dass das Modell der Autorenschaft im elektronischen Zeitalter einen Bedeutungswandel erf´┐Żhrt und sich das Bild der vermeintlich autonom agierenden K´┐ŻnstlerIn oder AutorIn weiter zersetzt. Dagegen finden kollaborative Arbeitsprozesse in digitalen, vernetzten Medien eine hervorragende Grundlage. Eine interessante Rolle kommt hierbei der elektronischen Musik zu, von Hip Hop ´┐Żber Elektro, Grime bis Bastard Pop. Hier wird mit den Methoden des Remix, Sampling oder Mash-Ups gearbeitet - die Entstehung v´┐Żllig neuer Werke unter direkter Zuhilfenahme bestehender Werke ist l´┐Żngst allgemein als legitime Kulturpraxis anerkannt. Eine bewu´┐Żte ´┐Żberspitzung findet im Bootlegging oder ´┐ŻBastard Pop´┐Ż statt, wo ohne viel Umst´┐Żnde aus zwei bis drei unterschiedlichen Musikst´┐Żcken relativ brachial eine neue Version zusammengeschwei´┐Żt wird. Den Produzierenden ist dabei v´┐Żllig bewusst, dass ihre Methoden g´┐Żngigen Regeln des Copyrights oder Urheberrechts widersprechen. Lev Manovich stellt in diesem Zusammenhang fest, dass in vielen anderen Bereichen, wie Film, Design und Grafik, Remix und Sampling zur t´┐Żglichen Praxis geh´┐Żren, dies aber in der Regel verheimlicht wird und ´┐Żes keine geeigneten Begriffe gibt, die dem Remixen in der Musik entsprechen w´┐Żrden und diese Praktiken beschreiben k´┐Żnnten´┐Ż (Lev Manovich: "Black Box - White Cube, 2005, ISBN 3883961973). Hier w´┐Żre also n´┐Żtig, einen Shift der Kulturtechniken unter elektronischen Vorzeichen anzuerkennen und zu bewerten. Eine solche Neubewertung k´┐Żnnte dann auch dazu beitragen, eine Antwort auf die landl´┐Żufige These zu entwickeln, die besagt, dass nur durch Verknappung und Zugriffsbeschr´┐Żnkung die Ergebnisse sch´┐Żpferischer Arbeit gesichert werden k´┐Żnnen.

Aus meiner eigenen Praxis, der Entwicklung von k´┐Żnstlerischen Projekten und Kulturproduktionen, kann ich feststellen, dass diese Projekte ohne die M´┐Żglichkeit breit und niedrig schwellig, zielstrebig oder assoziativ auf Informationen zuzugreifen um damit den Hintergrund der eigenen Auseinandersetzung f´┐Żllen zu k´┐Żnnen, nicht zu realisieren w´┐Żren, bzw. ihre Produktion mit deutlich gr´┐Ż´┐Żerem Aufwand verbunden w´┐Żre. Der Zugriff auf verf´┐Żgbare digitale Informationen, beispielsweise mit Hilfe des gr´┐Ż´┐Żten bestehenden ´┐ŻOpen Access Systems´┐Ż, der Suchmaschine ´┐ŻGoogle´┐Ż, entspricht auch der heute g´┐Żngigen Praxis vieler Studierender.

Schlie´┐Żlich der Hinweis auf das Problem der ´┐ŻWalled Gardens´┐Ż, der umz´┐Żunten G´┐Żrten: Darunter sind Softwareprojekte zu verstehen, die aufgrund fehlender Kompatibilit´┐Żt, aufgrund von Datenstrukturen, die im schlechtesten Falle nur mit ganz bestimmten Programmen einzelner Firmen lesbar sind, nach au´┐Żen hermetische Systeme darstellen. Projekte, die sich als solche geschlossene Systeme aufstellen, erschweren oder verhindern nicht nur den Zugang zu ihnen. Sie geben sich auch in ´┐Żu´┐Żere Abh´┐Żngigkeiten, indem sie sich auf intransparente Datenformate oder individuelle Normierungen beziehen. Nach dem Verschwinden einer Firma (Liquidation, ´┐Żbernahme oder Insolvenz), und damit ihrer Produkte, k´┐Żnnen solche Projekte mittelfristig nicht mehr genutzt werden oder m´┐Żssen mit gro´┐Żen Aufwand auf andere Plattformen ´┐Żbertragen werden. So wird im e-Learning Bereich h´┐Żufig mit propriet´┐Żren, hermetischen Systemen gearbeitet: Die f´┐Żr e-Learning Kurse erstellten Inhalte sind darin geradezu eingeschlossen - r´┐Żumlich und zeitlich begrenzt. Der Aufwand f´┐Żr ihre Erstellung oder Aufbereitung steht dazu in keinem vern´┐Żnftigen Verh´┐Żltnis. F´┐Żr digitale Wissensammlungen, die langfristig und frei verf´┐Żgbar gemacht werden sollen, gilt es aber, genau diese Probleme und Abh´┐Żngigkeiten zu vermeiden.

Opus Creative Commons


Open Source, Free Software und die Idee des Open Content

Die Idee eines Freien Zugangs und der Freien Inhalte ist besonders durch Erfolg und Bedeutung der Freien Software Bewegung inspiriert worden. Dabei wurde anfangs bezweifelt, dass sich das Open-Source-Konzept der kollaborativen Produktion von Programmiercode auf Textproduktionen, multimediale und andere visuelle Werke ´┐Żbertragen lassen. Sicherlich ist die AutorInnenschaft (und vielleicht auch die so genannte ´┐ŻSch´┐Żpfungsh´┐Żhe´┐Ż) bei Codezeilen eines Programms anders einzuordnen, als bei Essays, Fotografien oder Zeichnungen. Aber Beispiele wie Wikipedia und andere auf Wiki-Software basierende Wissensysteme zeigen, dass es durchaus m´┐Żglich ist, so genanntes ´┐Żgeistiges Eigentum´┐Ż kollaborativ zu erstellen. Auch experimentelle und k´┐Żnstlerische Projekte wie die OPUS-Plattform der indischen K´┐Żnstlergruppe Raqs Media Collective oder die Social Software ´┐ŻNine´┐Ż der Gruppe Mongrel sind entsprechende Beispiele f´┐Żr eine exemplarische Ann´┐Żhrung an diese Produktionspraxen.


Der erweiterte offene Zugang

TouchGraph GoogleBrowser? (Java)

Wie lie´┐Że sich mit Blick auf die Konzepte der Freien Software-Bewegung die Idee eines offenen, freien Zugangs zu Wissen und Informationen mit Leben f´┐Żllen und ausbauen? Folgende Elemente k´┐Żnnen dabei eine Rolle spielen:

1) Auf der Ebene der technischen Grundlagen bietet sich die stringente Verwendung von Offenen Standards, Datenformaten und Metadaten an, wie sie insbesondere durch das World Wide Web Konsortium vorgeschlagen werden, sowie die Errichtung von offenen Schnittstellen, um die Daten ´┐Żber System- und Softwaregrenzen hinweg austauschen und kombinieren zu k´┐Żnnen. Ein anderes, triviales Beispiel, aber keineswegs eine Selbstverst´┐Żndlichkeit, ist die M´┐Żglichkeit der Durchsuchbarkeit von Publikationsystemen mit Suchmaschinen.

del.icio.us

2) F´┐Żr die Erprobung und Weiterentwicklung von Netztechnologien sind zwei Ans´┐Żtze beispielhaft: Die Verkn´┐Żpfung und Rekombination von Informationen, also die Kombination von verschiedenen Informationsquellen und Datendiensten und somit die Anreicherung des eigenen Informationsangebots; die Informationsstrukturierung und -anreicherung durch Anwenderfeedback. Eine interessante Entwicklung in diesem Zusammenhang sind Tags oder ´┐ŻFolksonomies´┐Ż (also Taxonomien oder Kategorisierungen, die durch die AnwenderInnen definiert werden, w´┐Żrtlich ´┐ŻKlassifizierung durch Leute´┐Ż). Diese Klassifizierungen ergeben bei ausreichender Breite der Benutzung eine erstaunlich gute Qualit´┐Żt und erlaubt den AnwenderInnen die Zuordnung und das Auffinden von Informationen.

Citebase Search, Bsp. Alan Turing

Ein anderes Beispiel aus dem wissenschaftlichen Bereiche sind automatische, sich selbst erzeugende Referenzsysteme, welche Quellennachweise einer wissenschaftlichen Arbeit automatisch auswerten, und so R´┐Żckverweise sichtbar machen, also die Frage beantworten, wer sich in welchem Kontext auf ein anderes Werk bezieht.

3) Open Content ´┐Ż offene Nutzungslizenzen mit dem Ziel der freien Verf´┐Żgbarkeit meint nicht nur die Ver´┐Żffentlichung auf einer Website, sondern die Kombination mit einer offenen Nutzungslizenz (Creative Commons, Free Documentation Licence) sowie damit einhergehend die Selbstverpflichtung von Inhalteanbietern, besonders den Archiv- und Publikationsystemen, die von ihnen ver´┐Żffentlichten Inhalte offen und langfristig verf´┐Żgbar zu halten. Daneben gibt es neue Konzepte f´┐Żr das Urheberrecht, wie beispielsweise der Vorschlag den urheberrechtlichen Schutz eines Werkes nach einem gewissen, ´┐Żberschaubaren Zeitraum, zur allgemeinen Benutzung freizugeben.

4) Ein zentrales Element w´┐Żre die Offenheit in der Intention, also das Prinzip der Offenheit bei der die Ausrichtung der Anlage/Konzeption beim Aufbau von Wissensystemen, Archiven und Publikationsplattformen zu ber´┐Żcksichtigen ´┐Ż ich habe vorhin mit den ´┐Żwalled gardens´┐Ż ein Negativbeispiel erl´┐Żutert. Anstatt also hermetische ´┐ŻKurse´┐Ż zu ´┐Żdesignen´┐Ż, ist vielmehr die Erstellung einer kombinierbaren und kontextualisierbaren Matrix erstrebenswert, deren Inhalte auch ´┐Żber den unmittelbaren Kontext, ´┐Żber Raum und Zeit zur Verf´┐Żgung stehen und die sich mit anderen Wissensystemen rekombinieren lassen. Eine solche grundlegende Intention betrifft nat´┐Żrlich auch das Ver´┐Żffentlichen von Werken selbst und, siehe oben, deren Verkn´┐Żpfung mit entsprechenden Lizenzen.

5) Das Experimentieren mit und Erfinden von Schnittstellen, Navigationsmodellen und alternativen Datendarstellungen stellt Fragen nach der Repr´┐Żsentation von Daten und ihren Relationen und reflektiert Aussagen und Setzungen die durch Repr´┐Żsentationen, Metaphern und Schnittstellen getroffen werden. Ein Beispiel ist das u.a. von Ulf Freyhoff entwickelte System Imagespace.

6) Schlie´┐Żlich existieren flankierende Ma´┐Żnahmen zur Unterst´┐Żtzung und zum Ausbau offener Datendienste: Um eine gewisse Unabh´┐Żngigkeit von Ver´┐Żnderungen in der Unternehmenspolitik einiger weniger Firmen (Google, Yahoo, ...) zu erreichen, w´┐Żre der Aufbau von freien Suchmaschinen sinnvoll.

Dieser Set aus Ma´┐Żnahmen lie´┐Że sich sicherlich weiter verfeinern oder erweitern, stellt aber eine Grundlage f´┐Żr eine erweiterte Praxis des offenen Zugangs dar.

Abschlie´┐Żend ein praktisches, vereinfachtes Beispiel aus dem Hochschul-Alltag f´┐Żr die Anwendung der Open Access Idee: Ein Projekt, Seminar oder Workshop k´┐Żnnte also unter Anwendung vorhandener Methoden wie folgt verfahren: Zu Beginn st´┐Żnde unter Nutzung geeigneter und einfacher Werkzeuge und Plattformen eine Recherche dar´┐Żber an, welche Informationen zum Thema eines Seminars zur freien Verf´┐Żgung stehen. Diese w´┐Żrden ´┐Żber eine Projektwebseite referenziert und f´┐Żr die Seminararbeit eingesetzt. Informationen, die noch fehlen, m´┐Żssten f´┐Żr diese Sammlung erg´┐Żnzt werden - bei Copyright gesch´┐Żtzten Werken unter Beachtung der Schrankenregelung. Schlie´┐Żlich w´┐Żrden alle Informationen (Daten, Definitionen, Texte, etc.), die im Rahmen des Seminarverlaufs selbst entstehen, unter einer geeigneten offenen Lizenz in einen Pool freier Informationen eingespeist. Jede Nutzung der ´┐Żffentlichen Wissensbasen w´┐Żrde durch solche Vorgehensweisen nicht nur die eigene Praxis bereichern, sondern im Gegenzug auch eine Erweiterung dieser Basen bewirken. Die so gesammelten bzw. ver´┐Żffentlichten Informationen sind k´┐Żnftig f´┐Żr andere Kontexte verf´┐Żgbar (von nachfolgenden Seminaren bis zu v´┐Żllig anderen Kontexten, mit gewissen ´┐Żberschneidungen inhaltlicher Interessen).

Nun w´┐Żre die Frage legitim, ob es wirklich sinnvoll ist, ´┐Żalles m´┐Żgliche´┐Ż zu ver´┐Żffentlichen. Selbstverst´┐Żndlich ist ´┐ŻMasse´┐Ż an sich kein besonders gutes Konzept. Wir sind weit davon entfernt, diesem Problem gegen´┐Żber zu stehen. Wenn es dann mal soweit sein sollte ´┐Ż ´┐Żber Hypertextmedien wird auch gerne in einer Gehirn-Metapher gesprochen ´┐Ż wird das Vergessen eine interessante Funktion werden. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch synergetische Ans´┐Żtze, die vermeiden helfen, dass gleichf´┐Żrmige/redundante Informationen an vielen verschiedenen Stellen angeh´┐Żuft werden. Mit diesen Bedingungen k´┐Żnnte eine langfristige Perspektive, oder wie es heute so sch´┐Żn genannt wird, eine ´┐Żnachhaltige´┐Ż Kultur des freien Zugangs zu Wissen und Informationen entwickelt und gef´┐Żrdert werden, von der nicht nur alle beteiligten Akteure sondern auch die ´┐Żffentlichkeit als Ganzes profitieren w´┐Żrde.


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