Department for Public Appearances

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Department for Public Appearances


1. EINFÜHRUNG / Allgemeines

Das Department für öffentliche Erscheinungen hat sich 1995 in München konstituiert. Es besteht aus den vier Mitgliedern Peter Boerboom, Carola Vogt, Silke Witzsch und Gabriele Obermaier.

Unsere Arbeiten entstehen in einem intensiven Diskussionsprozess und nach einem basisdemokratischen Prinzip. In diesem Sinne ist Mediation für uns nicht nur ein Thema für die Wirkung und das Funktionieren unserer Arbeiten nach Außen sondern auch eine innere Angelegenheit.

Wir praktizieren ein partizipatorisches und politisch- gesellschaftlich angelegtes Kunstverfahren, das sich auch jenseits der Kunstinstitutionen bewegt.

Dabei ist der öffentliche Raum für uns sowohl das Thema als auch der Ort unserer Arbeiten.

Das Department für öffentliche Erscheinungen sucht und untersucht Erscheinungsformen des urbanen Lebens und Formen heutiger Kommunikation.

Es bedient sich dabei der jeweiligen Sprache und Funktionsweise und macht sie zum integralen Bestandteil seiner künstlerischen Konzepte.

Wir benutzen dafür im Alltag gebräuchliche Medien z.B. Flugblätter und Flyer, Plakate, oder Infobroschüren.

Diese Medien gestalten wir in Anlehnung an bekannte Werbestrategien, wir entwickeln Logos, Slogans und griffige Texte.

Bei unseren Aktionen im öffentlichen Raum erscheinen wir oft persönlich als Promoter oder Einweiser. Idealerweise beteiligen sich sich die Passanten aktiv an unserem Angebot. Während dieser Aktionen fotografieren und filmen wir das Geschehen und generieren Material für die Dokumentation.


2. MOBILINE

upload:Graphic_1.jpg Die Einführung und massenhafte Verbreitung des Mobiltelefons hat den öffentlichen Raum entscheidend verändert. Früher trennte der begrenzte architektonische Raum der Telefonzelle Privates von Öffentlichem. Im Gegensatz dazu findet jedes Handytelefonat unverortet – obwohl jederzeit ortbar – in der Öffentlichkeit statt. Diskretion zu leisten wird plötzlich der Umgebung abverlangt. Und bewusstes Weghören wird zum Inbegriff eines neuen Höflichkeitsverhaltens.

HandybenutzerInnen werden beim Mobiltelefonieren von ihren durch Anruf anwesenden, unsichtbaren Gesprächspartnern begleitet. Diese via Gespräch virtuell anwesenden Personen bevölkern den öffentlichen Raum und brauchen Platz.

Vor diesem Hintergrund hat das Department die MOBILINE entwickelt. Die MOBILINE ist eine Hilfslinie für die Sicherheit auf Gehwegen. Sie unterteilt den Gehweg im Verhältnis 2:1, wobei die breitere Spur für mobil telefonierende Passanten reserviert ist und die schmälere Spur - bei der Fassade - allen anderen Passanten ein ungestörtes Flanieren ermöglicht. Damit garantiert die MOBILINE die Intimsphäre aller Mobiltelefonierenden und ihrer unsichtbaren GesprächspartnerInnen.

upload:Graphic_2.jpg Die Idee der MOBILINE wird erstmals in der vierten Ausgabe der Pariser Kunstzeitschrift »9/9, revue d'art pratique« vorgestellt. Zum Erprobung und zum Erlernen der Regeln zur MOBILINE gibt es einen Multiple-Choice-Fragebogen. Gestaltet in Anlehnung an bekannte Übungsbögen aus der Fahrschule, dient er zur Überprüfung des eigenen Wissens.

upload:Graphic_3.jpg Zeitgleich zur Manifesta 2000 kuratiert die Grazer Galerie ‚rotor’ die Ausstellung »psychedelic« in den Räumen der Galeria »Skuc« in Ljubljana. Für die Dauer der Ausstellung vom 20. Juli bis 13. August 2000 wird die MOBILINE als weiße, reflektierende Hilfslinie auf dem Gehweg vor der Galerie appliziert. Zusätzlich befinden sich an der Fassade der Galerie vier Lautsprecher. In regelmäßigen Abständen ertönt aus ihnen typisches Handyläuten und die folgenden Slogans in englischer und slowenischer Sprache: »ring, ring – Sie sind nicht allein"«, »ring, ring – Sprechen braucht Platz!«, »ring, ring – Unsichtbare Gesprächspartner bevölkern den öffentlichen Raum!« und »ring, ring – wir begrüßen die durch Anruf anwesenden, unsichtbaren Personen!«. Im Innenraum der Galerie liegen Übungsbögen aus und Infoblätter informieren über die Regeln der MOBILINE.

upload:Graphic_4.jpg In der Ausstellung »Multiple Räume (II): Park - Zucht und Wildwuchs in der Kunst« in der Kunsthalle Baden-Baden (23.4. - 10.7.2005) zeigen wir das Schulungsvideo zur MOBILINE. Sitzmöglichkeit laden die Besucher auch hier ein zum Ausfüllen der Übungsbögen.

upload:Graphic_5.jpg Während der Ausstellung installieren wir für 6 Stunden eine MOBILINE-Teststrecke in der Innenstadt von Baden-Baden. Kundenstopper informieren am Anfang und am Ende der ca. 30 Meter langen Strecke über das Konzept und die Regeln zur MOBILINE.

upload:Graphic_6.jpg Als Ansprechpartner sind wir die ganze Zeit vor Ort, weisen die Leute ein und führen Gespräche. Ein Fragebogen über die persönliche Einschätzung der MOBILINE und zur Benutzung der Teststrecke sowie zum mobilen Telefonieren allgemein dient zur Gesprächsanknüpfung und zur späteren Auswertung.

Die Reaktionen der Leute ist sehr unterschiedlich ausgefallen. Manche sind erleichtert, dass es sich um eine Kunstaktion handelt und nicht um das ernsthafte Einführen einer neuen Gehwegmarkierung. Vornehmlich ältere Leute finden den Sicherheitsaspekt wichtig. Baden-Baden ist eine sehr ruhige Stadt mit wenig mobil Telefonierenden.

Film ca. 8 Minuten


3. DIE PERSÖNLICHE MEINUNG ALS ÖFFENTLICHE ERSCHEINUNG - DIE MESSESTADT RIEM BEKENNT FARBE

upload:Graphic_8.jpg Die Messestadt Riem ist ein großes Neubaugebiet auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens in München.

Dort entsteht seit 1998 eine Mischung aus Miet- Eigentums- und Sozialwohnungen, speziell für Familien mit Kindern. Es solle ein möglichst autofreies, alternatives Stadtviertel werden, bei dem sich die Neubürger maximal in die Entscheidungsprozesse einbringen können.

Die Messestadt Riem ist ein ambitioniertes Projekt der Landeshauptstadt München, die außerdem die Möglichkeit schuf, von Anfang an Kunst und Kunstvermittlung in die Entstehung des Viertels zu integrieren.

Auf Einladung der Kuratorin von »kunstprojekte_riem«, Dr. Claudia Büttner, die das Projekt von 2000 bis 2003 leitete, hat das Department für öffentliche Erscheinungen die Arbeit: »Die persönliche Meinung als öffentliche Erscheinung - Die Messestadt Riem bekennt Farbe« entwickelt.

Ausgangspunkte für uns waren dabei zwei Fragen, funktioniert die Mitbestimmung in der Messestadt wirklich? Und in wieweit identifizieren sich die Neubürger nach fünf Jahren bereits mit ihrem Viertel.

Die Messestadt Riem bietet auf Grund ihrer Besonderheit die idealen Voraussetzungen für einen Test.

Das Department hat dafür eine neue Testform entwickelt und in einem Zeitraum von sechs Wochen in fünf Phasen eine repräsentative Antwort auf die Frage: »Wie ist die Stimmung in der Messestadt?« gefunden.

upload:Graphic_9.jpg Für den neuartigen Test hat das Department fünf spezielle Meinungsträger entwickelt, die mit den Slogans: »I love Messestadt Riem« (rot), »Alles wird gut« (orange), »Ja, aber…« (grün), »Heute hier, morgen fort« (blau) und »Messestadt Riem, nein danke« (lila) bedruckt sind.

Um die BewohnerInnen über das Projekt und den Stimmungstest zu informieren, wird an den Fenstern einer zentral gelegenen Wohnung für alle sichtbar eine Musterkollektion der Meinungsträger / Fenstertücher präsentiert.

Mit einer Informationstafel werden die Bewohnerinnen und Bewohner zur Teilnahme aufgerufen und über den Ablauf des Projekts informiert.

upload:Graphic_10.jpg Eine Woche später wird mit einer Postwurfsendung erneut alle Haushalte dazu ermuntert, kostenlos an der Aktion »Die Messestadt Reim bekennt Farbe« teilzunehmen und aus den fünf Meinungsträgern seinen persönlichen Favoriten auszuwählen.

upload:Graphic_11.jpg Während zwei Verteilaktionen können die Meinungsträger in einem zentralen Bewohnertreff abgeholt werden.

Dabei sollen Fragebögen ausgefüllt und Interviews mit den BewohnerInnen über ihre Sicht des Viertels aufgezeichnet. Jeder Haushalt bekommt nur einen Meinungsträger und muß sich in der Familie auf einen Favoriten einigen.

upload:Graphic_12.jpg Für die Teilnahme an der darauf folgenden Aktionswochen wird nochmal intensiv in der örtlichen Presse geworben.

upload:Graphic_13.jpg Das Fenster ist eine Schnittstelle, an der sich der öffentliche Raum und der private Raum überlagern. Die Meinungsträger werden von den Bewohnern aus den Fenstern gehängt und machen so die private Meinung zu einer öffentlichen Erscheinung.

upload:Graphic_14.jpg Ein Bauträger versucht aus Angst vor einem schlechten Ergebnis in einer größeren Anzahl ”I love Messestadt” Transparente zu ergattern, um das Ergebnis zu beeinflussen.

Die Beteiligung übertrifft alle Erwartungen, ein Drittel der Bewohnerschaft, macht mit, es müssen Meinungsträger nachproduziert werden.

upload:Graphic_15.jpg Unter den Teilnehmern hat es heiße Diskussionen gegeben zum Beispiel: ob die Preise fallen könnten wenn zu viele Leute mit »Messestadt Riem, nein danke« abstimmen? Es erweist sich aber, dass die Stimmung viel besser ist, als die Stadtbaurätin und mehrere Bauträger befürchten. Das orangefarbene Fenstertransparent »Alles wird gut« ist mit 42% der am meisten ausgegebene Meinungsträger.

upload:Graphic_16.jpg Während der abschließenden Ergebniswoche wird die Auswertung des Stimmungstests als textile Installation an einem stark frequentierten Ort präsentiert.

Bei der Vernissage wird ein Dokumentationsfilm gezeigt und die booklets werden verteilt.

In beiden Medien werden die Informationen und Interviews, die wir über den ganzen Projektzeitraum gesammelt hatten, dargestellt und den Bewohnern der Siedlung übergeben.


4. EASYVOTE

upload:Graphic_7.jpg Freie Meinungsäußerung und das Wahlrecht sind Grundrechte in demokratischen Gesellschaften. Das Bedürfnis mitzubestimmen nimmt immer mehr zu. Auf der anderen Seite sinken die Wahlbeteiligungen und die Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse. Die Grundidee demokratischer Mitbestimmungsprozesse wird durch den inflationären Einsatz in den Massenmedien aufgeweicht und dadurch fragwürdig.

easyVote ist ein Instrumentarium für die Stimmabgabe im öffentlichen Raum. easyVote besteht aus einem dreispurigen Durchgang, der oben die zur Abstimmung gestellte Frage zeigt, und der Bezeichnung der drei Spuren mit den möglichen Antworten "JA", "EGAL" und "NEIN". Eine digitale Zählautomatik zählt jedes Durchgehen an jeder Spur. Damit liefert easyVote Abstimmungsergebnisse zu allgemeinen und speziellen Fragen des Öffentlichen jenseits von Ausschlußmechanismen.

upload:Graphic_8a.jpg Das Department für öffentliche Erscheinungen hat easyVote Stationen für Fußgänger entwickelt. Die Station ist von beiden Seiten aus zu benutzen.

upload:Graphic_9a.jpg Die Station für Fahrradfahrer besteht aus sechs Spuren. Um die Kollisionsgefahr zu minimieren, gibt es für jede Fahrtrichtung drei Spuren.

upload:Graphic_10a.jpg Und hier die Station für Autofahrer.

upload:Graphic_11a.jpg Das Prinzip von easyVote lässt sich leicht an architektonische Gegebenheiten anpassen.

upload:Graphic_12a.jpg In der Realität wurde easyVote zum ersten Mal eingesetzt in der Veranstaltungsreihe "montags bei Petula" kuratiert von Stafan Huberund dem Lenbachhaus München. Diese Veranstaltung zeichnet sich durch die Mischung von Kunstpublikum und Cafebesuchern aus. Wir nutzen die drei Aus-bzw. Eingänge des Cafes für die Abstimmung über die Frage: Rechtfertigt ein angekündigtes soziales Engagement die Aufstellung von 1000 Löwenskulpturen im öffentlichen Raum?"

upload:Graphic_13a.jpg Über diese Frage des Abends stimmten die Cafebesucher beim Nachhausegehen durch die Wahl ihres Ausgangs ab.

upload:Graphic_14a.jpg Im Ausstellungskontext konnten wir im Projektraum des deutschen Künstlerbunds in Berlin easyVote präsentieren. Ein bereits vorhandenen Ausstellungsfragments wurde hier als Projektionsfläche für den easVote-Video und für die drei Durchgänge genutzt. Die Fragen, die wir mit easyVote stellen, sind bisher immer Orts- und Publikumsspezifische Fragen. In diesem Fall fragten wir mit easyVote: »Können Sie von Ihrer Kunst leben?«.

upload:Graphic_15a.jpg Im Rahmen des Ausstellungsprojekts PUBLIC DREAMS in Usti nad Labem (Tschechien) konnten wir easyVote einsetzen. PUBLIC DREAMS ist ein Teil des Programms against/within, organisiert von der Galerie für zeitgenössische Kunst Leizip, Forum Stadtpark Graz und der Universität in Usti. Es zeigt mehrere Interventionen im öffentlichen Raum von Usti nad Labem über den Zeitraum von einem halben Jahr.

Wir haben easyVote hier an die architektonische und urbane Situation angepasst. Für zwei Tage ist die Station am zentralen Platz von Usti in unmittelbarer Nähe zum Eingang des Magistrats installiert.

upload:Graphic_16a.jpg Die eher kleine und beschauliche tschechische Industriestadt Usti hat es nicht leicht mit den Folgen seiner kommunistischen und industriellen Vergangenheit den Anschluss an westliche Standards zu finden und sich als touristisches Ziel in böhmischer Landschaft anzupreisen. Umweltprobleme durch zentral gelegene und veraltete Produktionsanlagen der Chemieindustrie, großflächige Landschaftszerstörungen durch Braunkohletagebau und Konflikte mit der Sinti und Roma Minderheit kennzeichnen das Bild der Stadt.

Vor diesem Hintergrund stellten wir mit easyVote die Frage: »Rechtfertigt die Erhaltung von Arbeitsplätzen in einer Chemiefabrik die Gefährdung der ganzen Stadt?«. Präzisiert wurde die Frage: »Denken Sie, dass die Erhaltung von Arbeitsplätzen in einer Chemiefabrik die eventuelle Gefährdung der Stadt durch die zentral gelegenen Werksanlagen genügend kompensiert?«

upload:Graphic_17.jpg Während die easyVote Station »geöffnet« war und die Passanten beim Hindurchgehen gezählt wurden, waren wir und auch unsere tschechischen Gastgeber immer vor Ort. Ein Infozettel in tschechischer Sprache konnte an interessierte Passanten verteilt werden und hing auch in der Nähe des Durchgangs aus. Darin wird easyVote allgemein erläutert und speziell die Umfrage in Usti erklärt. Viele Gespräche mit Passanten und Vertretern der Medien fanden an der Station statt.

easyVote konnte unter großer Beteilung der BürgerInnen von Usti nad Labem ein Stimmungsbild vor Ort liefern. Viele Beteiligte haben sich Zeit genommen ihre Meinung zu überdenken und miteinander zu diskutieren. Es gab bewusste Entscheidungen für eine Spur ebenso wie bewusstes Vorbeigehen an der Station, ignorierendes Durchgehen und spielerisches Durchkreuzen der Spuren.

easyVote zählte während der beiden Tage über 2500 Durchgänge, wobei Ja und Nein fast gleichauf lagen.

easyVote erhielt in Usti ein großes Echo in der Presse. Selbst in den Abendnachrichten des staatlichen Fernsehens wurde über die Station berichtet. Auch der Direktor der Chemiefabrik kam darin zu Wort.

Film easyVote ca. 8 Min.