Wolfgang Kasprzik

Kunst für alle?

Strategien ästhetischen Handelns VI: Gilbert & George.

George Passmore ( 1942 in England) und Gilbert Proesch (1943 in Südtirol) traten ab 1969 gemeinsam als «Living Sculpture» auf. Bei der berühmtesten dieser Vorführungen, «Underneath the Arches» (Abb. 2), vollführten sie, in altmodische Anzüge gekleidet, Gesicht und Hände mit Bronze bemalt, viele Stunden lang steife Tanzschritte zu den Klängen eines sentimentalen Liedes. Nachdem sie dann zwischenzeitlich in Videos, Filmen, Arrangements von Photos, Broschüren und Postkarten ihr Leben als - teilweise der Trunksucht verfallene - Skulptur darstellten, fanden sie zur Form der «Photo-Werke». Das sind hochartifizielle, aus Photos und piktogrammartigen Zeichnungen zusammengesetzte monumentale Phototafeln, auf denen sie die existentielle Seite des großstädtischen Londoner Lebens: Tod, Gewalt, Sexualität, Furcht und Hoffnung, in oft grell kolorierten Bildern thematisieren. Welche Position sie einnehmen zwischen der äußersten «Expansion der Kunst und der künstlerischen Medien» in den 60er Jahren, zu der ihre frühen Auftritte gerechnet wurden, und der das Bewußtsein der Krise dieser Bewegung reflektierenden postmodernen Bilderwelt der 80er Jahre, in die ihre Photo-Werke eingereiht werden, bleibt angesichts der vielfältigen Erscheinungsformen ihrer Kunst eine verwirrende Frage.

Gilbert & George haben sich in sentenzartigen Sprüchen und stilisierten Interview-Texten, die einen wesentlichen Teil ihrer Arbeit ausmachen, stets gegen die «Moderne Kunst» gewendet: «Auf dem 20. Jahrhundert liegt der Fluch, daß seine Kunst nicht verstanden wird ... Wir behaupten, daß verwirrende, unverständliche und formalistische Kunst dekadent ist und das Leben der Menschen auf sträfliche Weise ignoriert.1 Mit dem Formalismus und seinen stilistischen Ausdrucksformen, wie etwa der Dokumentation des Herstellungsprozesses im Werk oder dem negativen Bezug auf die Tradition, wollen sie nichts gemein haben. Ihre Kunst soll verständlich sein - «Art for All» steht wie ein Markenzeichen auf vielen ihrer Werke - und sie soll zum Fortschritt der allgemeinen moralischen Kultur beitragen.

Im Gegensatz zu anderen durch Arbeitsteilung spezialisierten Arbeiten, bei denen man es ohne weiteres akzeptiert, daß sie für die nicht damit Befaßten nicht nachvollziehbar sind, wird aber die Unverständlichkeit der modernen Kunst als skandalös empfunden, da sowohl Künstler wie Publikum ihr Bedürfnis nach der Gewährung materialbestimmten ästhetischen Sinns weiterhin auf das medial verstandene Kunstwerk projizieren. So sehr auch die Tätigkeit des Künstlers mit Verweis auf die innere Logik seiner Arbeit minimiert wurde, wurde er doch weiterhin als gesellschaftliches Individuum angesehen, das mittels der Werke mit anderen Individuen kommuniziert, und auch die formalsten Werke erschienen als Resultat seiner mehr oder weniger verständlichen stilistischen Entscheidung.

Gegen diese Inkonsequenz in der Entwicklung der modernen Kunst richten Gilbert & George deren eigentlichen Anspruch, Kunst für alle sein zu wollen. Dabei heben sie das mediale Verständnis der Arbeit des Künstlers nicht auf. Mit auf den ersten Blick naiver Direktheit beanspruchen sie, durch ihre Arbeit mit anderen Menschen über das Leben zu kommunizieren und ästhetisch codierte Botschaften auszutauschen. Dabei fassen sie diesen ganzen Zusammenhang ästhetischer Kommunikation als lebende Skulptur auf- wohlgemerkt: den ganzen Zusammenhang. Schon die Darbietungen der «Living Sculpture» wurden mißverstanden, weil man glaubte, sie würden sich selbst zur Skulptur erklären. Doch das wäre nur die Anwendung der Idee des Ready mades auf den Spezialfall der Person des Künstlers, der aber zusätzlich, in einer zweiten Rolle, als Autor dieser Darbietung fungiert. Für Gilbert & George gehörten die Beziehungen zwischen ihnen und ihrer Umwelt und die dadurch in ihnen und den Betrachtern erregten Gefühle zur lebenden Skulptur. Auch ihre Photo-Werke begreifen sie wie alle ihre Kommunikationen als skulptural.

Die Skulptur als Versammlung des Lebens der dargestellten Person in der ruhenden Raumform stand im Mittelpunkt der Gattungstheorie der klassizistischen Ästhetik. Durch Idealisierung sollte der Mensch allgemeingültig repräsentiert werden. Der Bezug auf dasmenschliche Leben wird in der «Living Sculpture» aufrechterhalten, aber sein Sinn wird umgedeutet. An die Stelle der Allgemeinheit durch Idealisierung tritt die Allgemeinheit durchschnittlicher Normalität. Gilbert & George stilisieren sich als Normalbürger. An die Stelle der Repräsentation potentiell jedes Menschen in einer Gestalt tritt die Darstellung vieler Gestalten, deren jeweilige Haltung der Betrachter als eine - mit anderen unter Umständen nicht vermittelbare - Möglichkeit einnehmen kann. Die Welt dieser Bilder ist die einer multikulturellen Gesellschaft, deren Integration noch aussteht. Die Moral, die sie stimulieren wollen, ist kein Prinzip, sondern der «Wechsel von Gut und Böse - das, was man heute akzeptiert und am nächsten Tag schon nicht mehr».2 Das Leben der lebenden Skulptur ist kein ruhendes inneres Leben, sondern von wechselnden Gefühlen durchzogen, die ihr von außen aufgezwungen werden, ein Leben, das Sterblichkeit einschließt.

Gilbert & George lokalisieren ihre Arbeit im Kunstkontext3, was nicht selbstverständlich ist, da durchaus auch auf anderen Wegen nach einer neuen Allgemeingültigkeit ästhetischer Praxis gesucht wurde: Gilbert & George betreiben keine Expansion, sondern eher eine Kontraktion der Kunst, sie machen Kunst für alle als Kunst. Erst diese Reflexivierung unterläuft die naheliegende Rückfrage, ob denn die Kunst von Gibert & George wirklich eine Kunst für alle ist, ob sie aller Leben darstellt, in aller Leben eingreift. Denn damit fragt man nach einer Kunst für alle als unmittelbarem Teil des gesell-schaftichen Lebens in dem Künstler und Rezipienten miteinander kommunizieren. Eben diese Relation gehört aber zur lebenden Skulptur, deren Struktur man nicht unterlaufen kann, indem man darauf insistiert, daß es doch eine Stragegie von Gilbert & George sei, diesen Zusammenhang zu etablieren. So richtig dieser Hinweis formal ist. so kann man ihn doch in Bezug auf die lebende Skulptur nicht material verankern. Der Versuch, jenseits dieser Kunst ein Subjekt als deren Autor zu identifizieren, dessen innere Inspiration in diesen Werken nach außen tritt, scheitert daran, daß man sich den Entschluß zum Versenden dieser Botschaften immer nur als Resultat eines äußeren Dialoges zweier Personen vorstellen kann. Die in ihren Arbeiten veröffentlichte spannungsvolle Doppelexistenz von Gilbert & George ist aber immer schon Teil der Skulptur. Die so etablierte reflexive Geschlossenheit der Kommunikation von Gilbert & George macht es möglich, daß die Betrachter die in ihnen dargestellten Haltungen als Perspektiven auf das Leben ansehen, die sie selbst einnehmen oder einnehmen könnten. Dies ist aber nicht ein Resultat formaler Entscheidungen, sondern kennzeichnet eine Gesellschaft, die ihr Bedürfnis nach einer ästhetischen Integration von den in ihr möglichen vielfältigen existentiellen Haltungen befriedigt finden will in den Botschaften dieser Bilderwelt. Ein früher Spruch bringt diese Neutralisierung der Qualität künstlerischer Arbeit auf den Punkt: «They weren't good artists They weren't bad artists But, my God, they were artists. (G & G)»

Anmerkungen

1 Was unsere Kunst bedeutet. (1986), In: Gilbert & George. The Complete Pictures 1971-1985, München 1986 (= Pictures), VII.

2 Interview, zitiert nach Pictures, XXIV

3 Das hat Carter Ratcliff (Die Welt von Gilbert und George, Pictures, IX-XL) nicht berücksichtigt, der Gilbert & George als Künstler feiert, denen eine unmittelbare, d. h. die Differenz nicht noch einmal als künstlerisches Problem reflektierende, Vereinigung von Kunst und Leben gelungen sei.


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