Cora Waschke

Olia Lialina, MBCBFTW. Strukturanalyse

Einleitung: Vom Framegitter zum Baummodell

Die Idee, die Arbeit My Boyfriend Came Back From The War (1996) der russischen Netzkünstlerin Olia Lialina in einem Baummodell darzustellen, entstand vor dem Hintergrund, dieses Netzkunstwerk einer wissenschaftlichen Analyse im kunsthistorischen Rahmen zugänglich machen zu wollen.

Das Kunstwerk erscheint zunächst als ein schwarzes Rechteck mit weißem Text. Angeklickt taucht an Stelle des alten ein neues schwarzes Rechteck mit weißen Bildinhalten auf, das durch Anklicken wiederum von zwei Rechtecken ersetzt wird, die zusammen die Größe des vorherigen bilden. Das Linke bleibt ohne Verknüpfung als Permanentbild erhalten, das Rechte teilt sich bei weiteren Klicks zunehmend in kleiner werdende Flächen auf. Es entsteht ein Framegitter aus zusammen gesetzten Vierecken. Sie sind schwarz mit weißem Rand oder umgekehrt und enthalten meist ebenfalls in schwarz/weiß gehaltene Bild- oder Textinhalte.

Je nach Klickverhalten des Users variiert das Gitterbild in dem Zusammenspiel seiner Frames, bis schlussendlich komplett schwarze Rechtecke auftauchen, die keine weitere Verknüpfung enthalten. Mit Ausnahme des einen, das Verlinkungen zu Olia Lialinas E-Mail-Adresse und dem MBCBFTW-Museum enthält.

Für die wissenschaftliche Analyse und ihrer Rezeption ist es hilfreich, das auf mehreren Ebenen agierende Kunstwerk auf eine visuelle Ebene zu bringen und damit die Entschlüsselung seiner internen Struktur zu veranschaulichen. Die Verknüpfungsstruktur der Frames entspricht der eines Baummodells. Das erstellte Baummodell enthält Abbildungen der Frames in ihrer verhältnisgetreuen Größe sowie ihre Titel. Mit dieser Art der Darstellung werden Abhängigkeit und Unabhängigkeit der Frames untereinander verständlich und damit mögliche Wege, durch die sich der User klicken kann, d.h. die Variationen der Narration (durch Text und Bild) offen gelegt. Das Baummodell in dieser Gestaltung ermöglicht eine große Anzahl an Informationen auf einem Blick.

Erläuterung: Das MBCBFTW-Baummodell

Das Baummodell veranschaulicht die Verknüpfungsstruktur der einzelnen Frames von MBCBFTW, aus der sich eine variable, aber nicht uneingeschränkte Leserichtung des Users ergibt. Es bringt die in der Originalversion nacheinander sichtbaren Frames auf eine Ebene, wodurch ein Überblick des Gesamtkunstwerks entsteht. Die von der Künstlerin formulierten Titel sind jeweils über den Frames platziert. Sie geben vage Auskunft über die Reihenfolge der Frames (alphabetisch und chronologisch) und die Anzahl ihrer weiteren Verknüpfungen (ab „warb.htm“: war + Buchstabe.htm > 1 Link; Zahl.htm= 1 Link). Bei herkömmlichem Klickverhalten tritt der Titel eines Frames nicht in Erscheinung, kann aber bei unten angegebener Hard- und Software über Apfel-Klick als Überschrift des geöffneten Frames im Rahmen eines neuen Tabs aufgerufen werden. Der User bewegt sich aus gegebenen Umständen nicht ‚klickend‘, sondern ‚scrollend‘ durch das Kunstwerk. Er kann dabei der von der Originalversion vorgegebenen Reihenfolge nachgehen oder mit dem Blick durch das Baummodell ‚springen‘, wodurch eine neue, in der Version von Olia Lialina ungeplante Verknüpfung von Text und Bildern möglich wird.

Die Umsetzung der Netzarbeit in ein Baummodell lässt allerdings ein paar Eigenheiten unberührt. Unter anderem wurde folgende Besonderheit der Arbeit Olia Lialinas in dem Baummodell nicht aufgenommen: Ein bestimmter Frame nimmt im Moment des Mausklicks eine veränderte Erscheinung an. Da es sich um den temporären Zustand eines Frames handelt, nicht aber um einen eigenständigen Frame mit eigenem Titel, der aufgerufen werden könnte, fällt er im Baummodell weg. Dieses Phänomen macht die Probleme der Übersetzung eines vielschichtigen Mediums in herkömmliche Systeme deutlich. Es kann zur Erstellung neuer Darstellungsweisen anregen, oder aber verschiedene bekannte Modelle können angewendet werden, um sich dem digitalen Werk zu nähern. Aus dem Versuch, diese Arbeiten in ihrer Ganzheit zu fassen, würden vielfältige Ergebnisse hervorgehen.

Das digitale MBCBFTW-Baummodell

(http://www.uni-hamburg.de/Kunstgeschichte/2008ShortguideNetart-mbcbftw.pdf )

Die digitale Version des Baummodells soll die Qualität der Rezeption im Vergleich zu der Rezeption der Arbeit von Olia Lialina möglichst wenig verändern. Damit auch die kleinsten Frames noch lesbar sind, muss ein bestimmtes Mindestmaß eingehalten werden. Unter Berücksichtigung dieses Aspektes ergeben die gemäß ihrer Verknüpfung angeordneten Frames auf einer Ebene im Baummodell eine Gesamtmaße von 200 x 80 cm. Das Kunstwerk von Olia Lialina braucht hingegen nie mehr als die ungefähre Größe jedweden Computerbildschirms. Das Kunstwerk passt sich der Hardware an. Der Betrachter des Baummodells sieht, zoomt er sich bis zur lesbaren Größe heran, entsprechend dem Rahmen seines Bildschirmes nur einen Ausschnitt, den er durch Scrollen verschieben kann.

Das analoge MBCBFTW-Baummodell

Bei der Erstellung des analogen Baummodells muss je nach finanziellen und präsentationsspezifischen Umständen auf die Lesbarkeit der Frames verzichtet werden, denn sowohl die Druckkosten als auch die Verwendbarkeit des Formats sind zu berücksichtigen. Kann das definierte Mindestmaß nicht eingehalten werden, bietet eine angefügte Legende die Möglichkeit die Texte der Frames unter ihren Titeln aufzuführen. Beim Druck muss dann auf die Lesbarkeit der Legende und der Titel über den Frames im Baummodell geachtet werden. Die Struktur ist auch im kleinen Format nachvollziehbar. Die Qualität der Abbildungen nimmt allerdings kongruent zur Verkleinerung der Frames ab.

Quelle

My Boyfriend Came Back From the War, Html, frames, 1996, Olia Lialina http://www.teleportacia.org/war/war.html

Verwendete Hard- und Software: Mac OS X (Version 10.3.9), Prozessor 1.33 GHz PowerPC G4, Speicher 768 MB, DDR SDRAM, Safari 1.3.2 (v312.6), Mac OS X Freemind 080, Adobe Photoshop CS


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