Johannes Mentzel

Submarine

Ein Tauchgang in die Tiefen der Kunst

Wie wäre es, den Museumsbesucher gegenüber dem Kunstobjekt seiner so dominanten optischen Wahrnehmung zu berauben und damit eine Konzentration auf alle anderen Sinneswahrnehmungen zu erzielen?

Könnte es während einer Führung nicht gerade interessant sein, das Gesagte zunächst auszublenden und das, was vermittelt werden soll, jeden mit seinen eigenen Augen selbst entdecken zu lassen?

1. Die Gruppe versammelt sich zur verabredeten Zeit im Foyer des Ausstellungsgebäudes. Wenn es einen kleinen Raum gibt, der sich neben dem Foyer mit direktem Zugang zu den Ausstellungsräumen befindet, so soll der Vermittler seine Gruppe dort hineinführen. Ansonsten sollte er sich mit der Gruppe in eine möglichst wenig frequentierte Ecke des Foyers, in der Nähe des Zugangs zu den Ausstellungsräumen zurückziehen.

Der Vermittler begrüßt die Teilnehmer, stellt sich vor und erklärt, sein spezielles Interesse gelte dem Tauchen - dem Abtauchen in die Tiefen und Untiefen der Kunst. Und genau dorthin wolle er die Besucher nun auch mitnehmen.

Seinem mitgebrachten Rucksack entnimmt er daraufhin ein paar Tauchutensilien, darunter mit schwarzem Papier abgeklebte Taucherbrillen. Diese verteilt er an die Besucher und fordert sie auf, sie aufzusetzen. Die übrigen Tauchutensilien dienen nur der Verdeutlichung der Aktion und werden vom „Tauchlehrer“ (= Vermittler) wieder beiseite gelegt. Eventuell könnte er auch von vorneherein eine Art Taucheranzug/Neoprenanzug anhaben.

Wenn alle (außer dem Vermittler) die Brillen aufgesetzt, und sich auf die neue Situation eingestellt haben, gibt er folgende Instruktionen:

a) Man müsse sich beim Abtauchen in die Kunstwelt sehr vorsichtig bewegen, damit man nichts berührt oder gar zerstört.

b) Alle sollten eng beieinander bleiben und immer versuchen zu spüren oder zu tasten, wo die anderen sind.

c) Jeder möge auf ihn vertrauen und seinen Anweisungen Folge leisten, denn er kenne den Weg wie seine Westentasche.

d) Man müsse überhaupt keine Angst haben, denn es könne nichts passieren!

Wenn es keine weitere Reaktionen oder Fragen gibt, setzt sich die Gruppe unter genauer Anweisung des Vermittlers in Bewegung und tritt in die Ausstellunsräume ein.

2. Der Vermittler führt die Gruppe behutsam und steuert ihre Bewegung entweder durch Zuruf oder durch direktes physisches Eingreifen. Sollte sich dies als zu schwierig erweisen, kann auch ein Helfer von Nutzen sein.

Selbstverständlich sollte sich der „Tauchlehrer“ auch kommunikativ zeigen, indem er z.B. auf Geräusche aufmerksam macht, die Leute aufmuntert, erheitert usw. Dies jedoch lässt sich von vornherein schwer planen und muss spontan geschehen.

Der Vermittler hat einen möglichst unproblematischen Weg durch die Ausstellung ausgewählt, der an vier Kunstwerken vorbei führt, auf die er näher eingehen wird, und der möglichst in einem leeren Raum endet. Wenn es keinen Raum dieser Art gibt, so sollte der End- bzw. Wendepunkt der Tour zumindest in einem wenig frequentierten Bereich eines Ausstellungsraumes liegen.

Vor den vier Kunstwerken, die natürlich in einem bestimmten, dem Vermittler interessant erscheinenden, vom Ausstellungskonzept abhängigen Zusammenhang stehen, bleibt die Gruppe jeweils stehen und der Vermittler hält einen kurzen, prägnanten Vortrag.

Dabei macht es Sinn, vor jedem Kunstwerk einen anderen wichtigen Aspekt zu behandeln, wobei auch auf konkrete Eigenschaften des Kunstwerkes in beschriebener Weise derart verwiesen werden sollte, sodass die nichtsehenden Besucher sich dennoch eine Vorstellung machen können. Beispielsweise wäre die Behandlung folgender Aspekte denkbar:

a) Das Ausstellungskonzept:

... Thematik, Auswahlkriterien usw.

b) Die Künstlerpersönlichkeit:

... Biografie, markante Ereignisse, wichtige Einflüsse usw.

c) Den Entstehenshintergrund:

... (Kunst-)Historische Einordnung usw.

d) Das Werk

... Inhaltliche Wiedergabe, formale Analyse, Darstellung des Ausstellungskontextes usw.

e) Die Bedeutung:

... kunsttheoretische Überlegungen, Kommentierungen, Interpretationen durch den Vermittler usw.

(Die genaue Ausarbeitung der Statements zu den einzelnen Aspekten, sowie deren Abfolge und Inhalt, kann erst anhand des jeweiligen konkreten Ausstellungsobjekts/-projekts geleistet werden.)

3. Am Ende des („Tauch-“)Ganges mit verbundenen Augen versammelt sich die Gruppe in dem entsprechenden Raum (siehe 2.). Der „Tauchlehrer“ fordert die Teilnehmer auf, durch Abnehmen der Taucherbrillen wieder „aufzutauchen“ und ihm diese wieder auszuhändigen. Er gibt den Teilnehmern Zeit, sich wieder an das Licht zu gewöhnen und erkundigt sich, wie es den „Tauchschülern“ in den „Tiefen der Kunst“ gefallen hat. Dies soll jedoch nicht unbedingt in eine Diskussion ausarten, sondern eher eine lockere, freundliche, kurze Unterhaltung sein - ganz in „Tauchlehrer-Manier“ [z.B. könnte er etwa ein Stück Schokolade oder ähnliches anbieten].

Danach weist er darauf hin, dass man nun allmählich den Rückweg antreten müsse. Allerdings werde man nicht mehr „tauchen“. Aber, um den langsamen Druckausgleich in den Ohren nicht zu stören, müsse man nun Ohrenschützer tragen [dies muss natürlich sehr ernst klingen, damit die Leute die Ohrenschützer leichter akzeptieren]. Er verteilt gut abdichtende Ohrenschützer, fordert alle auf, diese aufzusetzen und zu prüfen, ob sie sicher sitzen.

Nach einer gestischen Verständigung darüber, ob alles OK sei, fordert er die Teilnehmer auf, ihm zu folgen. Ab jetzt wird natürlich alles nur noch gestisch, tonlos und/oder mimisch „gesprochen“.

4. Die Gruppe tritt nun vom Wendepunkt aus wiederum in den Ausstellungsraum ein und bewegt sich auf demselben Weg über die bekannten Stationen zurück in Richtung Foyer. Der Vermittler kommuniziert mit seinen Teilnehmern, indem er gestisch und mimisch auf bestimmte Besonderheiten, z.B. hinsichtlich des Raumes oder einzelner Kunstwerke hinweist. Selbstverständlich bezieht er auch spontan, z.B. situationsbedingte Auffälligkeiten, wie etwa andere Besucher, andere Führungen, Aufpasser o.ä. dabei mit ein.

Bei den vier bereits behandelten Kunstwerken (nun in umgekehrter Reihenfolge) bleibt die Gruppe stehen und der Vermittler beginnt erneut, auf bestimmte Aspekte einzugehen. Dabei sollte er die verschiedenen Möglichkeiten der non-akustischen Kommunikation ausnutzen; wie z.B. eine Art Zeichensprache [selbst entwickelt oder echt - evtl. mit Hilfe einer Person, die die Gebärdenspräche beherrscht und die Rolle des Vortragenden übernimmt].

Das Kunstwerk etwa, welches zuvor kunsttheoretisch eingeordnet und kommentiert wurde, wird nun - durch diese andere Sprache bedingt - auf einer eher gefühlsmäßigen Ebene erfahrbar [zumindest wird es von den Teilnehmern eher gefühlsmäßig als verstandesmäßig aufgefasst werden können]. Oder durch Zeigen mit einem Zeigestock und pädagogischer Miene, sowie anhand von Schildern und Tafeln mit Begriffen und Bildern, kann die Einordnung des Kunstwerks/ Künstlers in eine bestimmte Zeit/ Kunstrichtung nochmals verdeutlicht werden [d.h. z.B. auch durch Vergleiche des Kunstobjekts mit Abbildungen derjenigen Kunstwerke, die den Künstler ggf. beeinfl usst haben und evtl. auch Zitate, kleine Schaubilder usw.].

Auch wären durch kurzes szenisches Spiel gewisse Entwicklungen des Künstlers nachzuvollziehen oder durch entsprechende Gestik sowie geeignete Utensilien die Art des Kuratierens, das Konzept der Ausstellung, die Raumaufteilung, die Hängung zu thematisieren.

5. Am Ende des Rückwegs kehrt die Gruppe in den Raum oder an den Ort zurück, wo der „Tauchgang“ begonnen hatte. Der Vermittler nimmt seine Ohrenschützer ab und fordert alle auf, dies auch zu tun und sie ihm zurückzugeben. Dann beglückwünscht er alle zu ihrem ersten „Kunst-Tauchgang“ und zu dessen erfolgreichem Ausgang [evtl. könnte er ihnen auch als kleine Erinnerung eine Art Zertifi kat überreichen]. Er erkundigt sich noch einmal, ob bei allen alles OK ist und stellt sich für weitere Fragen zur Verfügung. Danach werden die Teilnehmer verabschiedet und in die „Oberwelt“ entlassen.


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